Ausgabe 
11.8.1933
 
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ergänzen müssen.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».

des Gewinnbüros sein Los vor, und morgen werde er die Karre abholen lassen.Nun Hache ich sogar ein Lieferauto für meine Fabrik", versäumte er nicht hinzuzufügen.

Das Lieferauto ist ein übertrieben eleganter Sportzweisitzer, es wurde der Kommerzienrätin Wehrhahn für ihre Ausstellung gestiftet, und zwar von ihrem Schwiegersohn, dem Direktor jener Autofabrik, die den Wagen herstellte. Von diesem Prachtstück hoffte man, daß es möglichst spät und hoffentlich gar nicht aus der Tombola ausschied, damit es solange wie möglich den Loskäufern ihre von der Vereinskaffe dringend benötigten Nickel aus der Tasche zog.

Die Damen stecken ihre Köpfe zusammen.Dafür kann man natürlich Herrn Schönlein nicht gut verantwortlich machen, aber fein Eintreten für diese junge Dame war ein ganz unerhörter Mißgriff, Die Kommerzien­rätin wird toben."

Es tut mir wirklich leit), Herr Schönlein, daß ich Sie in Schwierig­keiten bringe", entschuldigte sich Rosemarie oben im Büro.

Was, ,Herr Schönlein', seit wann reden wir uns mit den Familien­namen an? Und Sie können doch gar nichts dafür. Ich habe mich wohl ein wenig von den Ereignissen überrumpeln lassen, wie? Aber der Kerl hat Ihnen ohne Zweifel und rechtsgültig das Los geschenkt, das weiß er auch ganz genau, und jedes Gericht wird sich auf diesen Standpunkt stellen. Das wäre ja noch schöner, wenn man ein Los nur dann Der-, schenkt, wenn es eine Niete ist."

Es tut mir leid, lieber Peter", wiederholte sie lächelnd,daß ich Ihnen Ungelegenheiten bringe."

Ich werde selbstverständlich einen Prozeß für Sie führen, liebes Kind. Das ist klar." Und er berichtigt sich:Das ist leider durchaus nicht klar. Erstens bin ich hier der Ausstellungsleiter, zweitens bin ich mit Ihnen seit langem befreundet, das stimmt doch?"

Sie zeigt zwei schneeweiße Zahnreihen.Das stimmt."

Etwas Lieberes hätte er ihr im Augenblick nicht sagen können.

Drittens", Schönlein fährt sich durch bie- dünnen Haare,soll ich Ihr Zeuge vor Gericht sein, und viertens Ihr Anwalt? Ein bißchen viel auf einmal, finden Sie nicht auch?"

Das Mädchen kreuzt die schönen Füße, das Prinzessinnengesicht blickt erhoben, Rosemarie wünscht sich einstweilen nichts anderes als hier- bleiben zu dürfen und sich von Peter Schönlein beraten zu lassen, das gibt so ein angenehmes Schutzgefühl.Ich werde mich doch nicht mit diesem Grobian streiten? Ja, wenn ein Konzertflügel zu gewinnen wäre, aber den hätte er mir niemals streitig gemacht, er hätte gesagt: äh, was soll ich mit dem Krempel anfangen, wollen Sie die Quietschkommode haben?"

Das gibt es nicht", wehrt Schönlein ab,es ist zwar für mich eine gewisse Peinlichkeit entstanden, da ich als Ausstellungsleiter immerhin zur strengsten Objektivität verpflichtet bin und anderseits für eine mir befreun­dete junge Dame" Seine energischen Bewegungen unterstreichen jedes einzelne Wort:Wir werden uns hier also vollkommen auf den Rechts­standpunkt stellen."

Ihre Lippen zucken belustigt.Und der wäre?"

Sie prozessieren. Natürlich auf Armenrecht. Hm. Also gegen Verpfän­dung auch Ihres künftigen Besitzes. Mithin des Autos. Der Prozeß dauert drei Jahre."

Dann ist das Auto ein Häufchen Rost. Und bann?"

Ja. Dann endet der Prozeß vermutlich mit einem Vergleich, daß das Auto Ihnen und diesem Herrn Wagenschanz gehört. Kostenpunkt Neben­sache, wahrscheinlich müssen Sie noch was draufzahlen. Ah so, ja, Armen­recht. Armes, schönes Mädchen, so ist die Rechtslage. Dieser schlaue Bursche muß das instinktiv gefühlt haben. Warum sind Sie so vernagelt gewesen und haben ihm das Los überhaupt ausgehändigt? Und wie konnten Sie überhaupt mit diesem Mann ausgehen, Rosemarie?"

Es war ein Fehler", gibt sie zu, aber der Mann benahm sich den ganzen Nachmittag entzückend nett. Und wenn es in dieser Stadt etwa sonst noch jemand geben sollte, der sich mit mir befreundet fühlt, so hat der mich wochenlang schrecklich allein gelassen, und als ich ihn vor einiger Zeit besuchen wollte und stundenlang auf ihn wartete und derweilen auf seinem Flügel spielte, froh des Instruments, da kam er und nahm es mir übel, daß ich da war, und ging ungesehen wieder fort. Darum."

Oh, was hat Peter Schönlein für Hände, nie fühlte sie einen so prickelnden Strom von ihnen ausgehen, und jetzt küßt er ihre Finger­spitzen, eine nach der andern.Das werden wir schleunigst wettmachen müssen, ja? Und diesen Abend festlich zusammen sein, ja? Und das be­trübliche Ereignis immerhin begießen, ja?"

Ja, Peter." Aber sie entzieht ihm doch ein wenig ihre Finger.

Schön, ich labe Sie zu Harzforellen und zu Hummern ein."

Die Harzforellen haben jetzt Schonzeit, lieber Herr, aber ob es Hummer in dieser Jahreszeit gib, daran kann ich mich wahrhaftig nicht mehr erinnern, beides zusammen paßt sowieso nicht."

Peter zieht seine Brieftasche.Das ist ein Glück, ich glaube nämlich, ich bin nämlich momentan wahrhaftig, nur noch zehn Mark. Aber es ist heute schick, kein Geld zu haben, ich schlage demnach vor, wir richten uns bei mir eine Kleinigkeit."

Sie denkt flüchtig an den schönen Flügel im Musikzimmer und denkt an Lisa, bie ihre Freunbin war unb von der sie keinen Bries und kein Sterbenswörtchen erhielt, unb sie benkt an künftige Verwicklungen, die möglich sind.

Wenn die Leute in unserer kleinen Stadt ausgemerkt haben, sie mer­ken allerdings immer auf, bie Frau Apothekerin sitzt bei Tag unb anichei- nenb auch bei Nacht hinter ihrem Spiönchen, dann müssen sie entdeckt haben, daß Rechtsanwalt Schönlein mit einer Dame im Haus der Ein­hornapotheke verschwand, es war nicht seine Frau. Und wer es noch nicht wußte, hörte Stunden später Bachs Jubilate hinter den Scheiben des oberen Stockwerks erbrausen. Man wird die Chronik um Schönlein mor­gen durch ein ganz neues und diesmal sehr aussichtsreiches Histörchen

hamit er lernt, diese Arbeit nicht so zu mißachten, wie wir es meistens tun." _ ,

Rosemarie sieht ihn verblüfft an.Wissen Sie eigentlich, daß ich Ihnen einen solchen Gedanken gar nicht zugetraut hätte?"

Doch. Das weih ich genau. Aber wie soll ich mich darüber beschweren? Ich "habe mir ja selber nichts zugetraut."

Sie denkt betroffen darüber nach. Im Hause Wagenschanz beherrscht die alte verbitterte Frau mit ihrem Zank und Geiz und mit ihrer am Rest des Ledens festgekrallten Heftigkeit alle Gemüter, das ihres Sohnes so gut wie die Seelen ihrer beiden Mieterinnen, sie besitzt über diese jungen Leute eine ganz unberechtigte Gewalt, der sich rätselhafterweise niemand entziehen kann. Es ist wohl uralter Haß auf jene, deren Ge­sichter noch nicht von Runzeln entstellt sind, deren Hände sich noch nicht endgültig vergriffen haben in der Wahl des Liebesgefährten, deren Herzen noch nicht im einsamen Alter dürre geworden sind.

Aus dem weiteren Wege durch die unheimlich große Ausstellung schießen Verkäuferinnen auf Anton und die .gnädige Fron' los und preisen die Vorzüge von Brauns trocknem Putztuch, und sie rühmen Friedemanns praktische Fensterreiniger und Gaugigls Schrubber von selt­samster Konstruktion. Anerkannt beste Holzgestelle mit Gumminäpschen gibt es hundertfach zu kaufen, welche den Topf für die Hausfrau fest- halten, und diese steht nunmehr, kokett und blitzsauber und mit einer Hand lose in der Hüfte da und rührt einen Kochlöffel mit der andern, so spielend leicht geht es demnach hinfort in der Küche zu. Schwindler unb echte Erfinder drängen sich in dieser riesigen Glashalle^usammen, um sparen zu helfen. .Und wo bist du?' sagt Anton sich wütend, ,wo sind hier die geheimnisvollen Putzmittel, die du an den Möbeln deiner Mutter ausprobiertest? Wo? Du hast anderthalb Jahre geschlafen, mein Lieber, und in deinen helleren Augenblicken auf diese Sauzeit geschimpft. Das hier, das hättest du alles mindestens genau so gut gekonnt, du hast es sogar gelernt.' Dann kauft er zu Rosemaries Vergnügen für feine Mutter eine kleine Gemüsebrause, die an jede Wasserleitung angeschlossen werden kann.

Und an jeder Ecke findet ein anderes Kochtheater statt, die fanatischen Hausfrauen stehen mit sachkundigen Gesichtern im Kreise und können es doch nicht kaufen, meist sind es diese viel zu früh gealterten Gesichter der ärmeren Kreise, aber zur Einweihung saß wohl auch die Frau Regie­rungspräsidentin auf einem dieser Holzstühle und machte genau dasselbe Gesicht, kritisch, gläubig und sorgenvoll. .Ich werde euch meine Schön­heitssalbe auf die Wangen und Schläfen streichen', überlegt Anton und glaubt es selber schon unbedingt, daß sie die Falten vertreibt aber wie ist es mit den Sorgenfalten?

Endlich spürt Anton den roten Hut Rosemaries wieder in einem Kasperletheater auf, doch diesmal werden Einmachgläser vorgeführt, deren Leistung alles Bisherige in den Schatten stellt.Weih Gott", flüsterte er,ich habe jetzt genug praktische Hauswirtschaftstheorie ge­schluckt. Wir wollen mal nachsehen, ob wir auf unser Los etwas gewonnen haben."

Ich komme gleich", wehrt sie seine Störung ab und gibt ihm aus ihrem Täschchen den grünen Losbrief.Sie können ja schon mal die Nummern vergleichen, aber es ist ja doch eine Niete. Hier wird in ein paar Minuten Schluß sein, es interessiert mich."

Endlich ist auch ihr Bedarf an den Erfahrungen des Hausfrauen- beruis reichlich gedeckt. Erschöpft erhebt sie sich. Sie hat noch ein paar Start} vom Zahltag bei sich und überlegt vergnügt, daß sie nun ihrer­seits den Doktor Wagenschanz zum Kaffee einlaben wird, nach diesen Strapazen hat man eine Erholung wahrhaftig verdient. Um die Dom» bolg herum sieht sie eine ziemliche Menge Menschen stehen. Plötzlich hört sie in ihrer Nähe eine ihr sehr wohlbekannte Stimme:Nun ist auch der andre Hauptgewinn schon weg!" Und eine weibliche erwidert in dem­selben kummervollen Ton:Nun wird überhaupt kein Mensch mehr Lose kaufen wollen." Rosemarie steht dicht hinter dem Rechtsanwalt Peter Schönlein, der mit einer Vorstandsdame (offenbar, denn sie trägt keinen Hut) diese mißvergnügten Erwägungen tauscht. Im Augenblick, als sie sich ungesehen entfernen will, bemerkt sie den Doktor Wagenschanz, er hat merkwürdigerweise inmitten der Menge in einem Auto von tauben­grauer Farbe Platz genommen, das dort steht, er probiert ohne die mindeste Sachkenntnis an den Hebeln herum und benimmt sich sehr ver­gnügt, als ob er der Besitzer sei.

Rosemaries Herz fängt wie wahnsinnig an zu schlagen, sie gelangt ohne Mühe in 'Antons Nähe und fragt ins Fenster hinein:Hat mein Los etwa dies Auto gewonnen?"

Ihr Los?"

Es wird dem Rechtsanwalt Peter Schönlein von den ohnehin ver­ärgerten Vorstandsdamen des Hausfrauenvereins noch höchst übel genom­men werden, daß er sich der peinlichen Situation in keiner Weise ge­wachsen zeigte. Er nahm jedenfalls im Angesicht einer von allen Seiten herbeiströmenden Menge Partei für eine ihm befreundete junge Dame, ein Fräulein Reubold, indem er erklärte, jawohl, er erinnere sich ganz genau, er habe von feinem Fenster aus beobachtet, wie Doktor Wagen­schanz dies Los dem Fräulein geschenkt habe. Statt also der Verwirrung mit der kühlen Ruhe seines Amtes entgegenzutreten und den Rechtsfall, der sich unversehens zu entwickeln drohte, oben in seinem Büro sach­kundig zu Protokoll zu nehmen, versuchte er diesen Rechtssall auf der Stelle durchzusühren, indem er den Doktor Wagenschanz aussorderte, sofort das Auto zu verlassen und daswiderrechtlich angeeignete Los" umgehend der Gewinnerin auszuhändigen, widrigenfalls

Erst als der offenbar rabiate Herr im Auto ihn auslachte widrigen­falls, na, was denn nu?", fand Herr Schönlein die Ueberlegung zurück, eine halbe Minute zu spät, und er verschwand mit den beiden Beteiligten im Büro der Ausstellungsleitung. Aus diesem kehrte Doktor Wagen­schanz nach einiger Zeit verbissen und zufrieden zurück, mit dem Kopf eines wütenden Puters zeigte er den aufgeregten und empörten Damen