Wie die „Dicke Berta" den Engländern verraten wurde.
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Die Bedeutung des militärischen Nachrichtendienstes im Krieg und im Frieden ist im allgemeinen nicht so bekannt, wie dies im eigenen Interesse notwendig wäre. Er spielt sich naturgemäß im Geheimen ab, kann aber in seiner Auswirkung ausschlaggebend für die Entschlüsse der betreffenden Heeresleitung werden.
Erst der Weltkrieg hat den Nachrichtendienst, namentlich in Verbindung mit der Propagandatätigkeit, d. h. mit der zersetzenden Beeinflussung der Front und der Heimat durch die Feinde, zu einer bis dahin ungeahnten Bedeutung gebracht. Der deutsche Nachrichtendienst nach dem Kriege 1870/71 war vollkommen bedeutungslos. Wir hatten die sran- zofische Armee, ihre Ausbildung und Einrichtungen während dieses Krieges so genau kennengelernt, daß wir nach der Seite Frankreichs keinen Nachrichtendienst benötigten. Das Verhältnis zu England nötigte uns auch nicht zum Ausbau eines Nachrichtendienstes, und unser Verhältnis zu Rußland war so freundlich, daß auch nach dieser Seite ein Nachrichtendienst nicht nötig war.
Erst die veränderte politische Lage von 1904 ab zwang uns dazu, diesem wichtigen Dienst unsere erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Schon damals begannen sich langsam die Fronten abzuzeichnen, mit denen wir in einem Zukunftskrieg zu rechnen haben würden. Eine immer mehr zunehmende Tätigkeit des russischen und französischen Nachrichtendienstes machte sich bemerkbar, immer deutlicher trat die gemeinsame Tätigkeit des russischen und französischen Generalstabs zutage. Während der englische Nachrichtendienst sich anfänglich mehr auf wirtschaftliche Fragen erstreckte, konnte man auch von dieser Seite ein zunehmendes Interesse für unsere Marine seststellen.
Sowohl unseren Militärattaches, wie unseren Auslandsvertretungen war eine Tätigkeit auf dem Gebiete der Spionage verboten, unsere Gegner kannten diese Hemmungen nicht. Ihnen standen auch ganz andere Mittel zur Verfügung, denn mit 500 000 Mark, die bei uns ausgeworfen waren, ließ sich nicht allzu viel anfangen. Neben der größeren Skrupellosigkeit unserer Feinde und den ungeheuren Geldsummen standen ihnen aber andere Momente zur Verfügung, die den Nachrichtendienst erleichterten. Geographisch betrachtet hatten Frankreich, Rußland und England den Rücken frei, während wir auf allen Seiten offene Grenzen hatten, die ein konzentrisches Vorgehen ermöglichten, eine eiserne, rücksichtslose Energie, gestützt auf eine zielbewußte Staatsleitung, eine in vaterländischen Dingen gutdisziplinierte Tagespresse, zahlreiche Pressestützpunkte im Ausland, ein großes eigenes Kabelnetz und — namentlich in England und Frankreich — ein in politischen Fragen besser erzogenes Volk standen unseren Gegnern zur Verfügung.
Trotz der geringen Mittel, trotz des mangelhaften Ausbaues unseres Nachrichtendienstes und trotz der Mängel, die uns in solchen Dingen anhasteten, hat unser Nachrichtendienst Ausgezeichnetes geleistet. Es mag hier nur erwähnt sein, daß uns sowohl der französische als auch der russische Aufmarsch und die Operationspläne dieser beiden Staaten bei Krfegsbeginn genau bekannt waren, während dies umgekehrt in dem gleichen Maße nicht der Fall war.
In den letzten Jahren ist nun über Nachrichtendienst und Spionage eine. Fülle von Material an die Oeffentlichkeit gedrungen. In Büchern, Zeitschriften und im Film sind dem staunenden Publikum Dinge enthüllt worden, von denen es bis dahin keine Ahnung hatte. Daß diese Darstellungen oft romanhaft aufgezogen, übertrieben und unwahr waren, liegt in der Natur der Materie, denn auf keinem Gebiet sind Abenteurerlust, Verschlagenheit, Gerissenheit, Gemeinheit, aber auch Mut, Heldentum, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis und technisches Verständnis so vereinigt, wie aus dem Gebiet des Nachrichtendienstes und der Spionage.
Neuerdings ist nun im Verlag von Wilhelm Goldmann in Leipzig das Buch eines Engländers Bywater, „Englische Marinespionage", erschienen, das uns einen tiefen Blick in die Tätigkeit des englischen Nachrichtendienstes tun läßt, und, wenn auch manches vom englischen Standpunkt falsch gezeichnet und übertrieben ist, so ist für uns das Buch doch außerordentlich lehrreich um deswillen, weil wir erkennen, wie unverantwortlich leichtsinnig viele unserer Volksgenossen im Frieden und im Kriege gehandelt haben, wie sie aus Dummheit, mangelnder lieber« legung, Renommisterei, sinnlos und ohne jedes Derantwortlichkeits- gefiih! und, ohne es zu wissen, Verräter am Vaterland geworden sind.
Man könnte hier aus eigener Kriegserfahrung manche Dinge berichten, die den Beweis für diese Behauptung erbringen würden. Aus der Fülle dessen, was Bywater in seinem Buche bringt, soll nur ein Ausschnitt wiedergegeben werden, weil er als typisch angesehen werden kann, nämlich wie unser 42-Zentimeter-Geschlltz, die „Dicke Berta", an die Engländer verraten wurde.
Bekannlich hielt man die Forts von Lüttich und Namur mit ihren massiven Eistnbetonwällen und -Decken für uneinnehmbar, da nach fachmännischem Urteil die damals bekannten schwersten Geschütze außerstande waren, sie zu durchschlagen. Wie staunte aber damals die Welt, als unsere 42 Zentimeter-Geschütze diese gewaltigen Verteidigungsanlagen in Trümmer legten! Außer dem Kriegsministerium, dem Generalstab und den wenigen Ossizieren und Technikern hatte bisher niemand Kenntnis von diesen gewaltigen Geschützen. So meinte man damals. Daß aber das Vorhandensein dieser Geschütze den Engländern und sicher auch den Franzosen und Belgiern schon 12 Monate vor deren Tätigkeit bekannt war, ahnte damals niemand. Man mar nur wegen der Kürze der Zeit nicht mehr in der Lage, die Forts in Lüttich und Namur zeitgemäß umzubauen. „Es blieb deshalb nichts übrig", so schreibt Bywater, „als auf die Katastrophe zu wartey, die ja auch bald genug hereinbrach." Bywater schildert nun aussübrlich, wie nach dem Bekanntwerden der neuerbauten Forts in Lüttich, Namur, Verdun, Toul und Belfort der deutsche Generalstab den Auftrag erhielt, ein Geschütz zu bauen, das in
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Wenn man diese Schilderung lieft, steigt einem heute noch die Schamröte ins Gesicht, daß es möglich war, einen solchen Verrat zu begehen.
Man könnte aus dem Buche dieses Engländers, der natürlich viele Dinge durch die englische Brille betrachtet, der aber nichtsdestoweniger den Leistungen unserer deutschen Flotte im Kriege volle Anerkennung zuteil werden läßt, noch eine Fülle ähnlicher Beispiele anführen. Das eine möge genügen und uns zur Lehre dienen, nämlich, daß wir Ausländern gegenüber, und wenn sie uns noch so gut empfohlen sind, m unseren Aeußerungen größte Vorsicht walten lassen. Wir sollten endlich lernen, Fremden keine Einblicke mehr aus technischem, militärischem und wirtschaftlichem Gebiet zu gestatten. Der Krieg und die Nachkriegszeit haben durch Beispiele in Hülle und Fülle gezeigt, welchen Schaden wir durch sinnlose Schwatzhaftigkeit und verbrecherische Einstellung anrichten können.
Man sollte dieses Buch von Bywater jedem Deutschen in die Hand geben, daß er daraus lerne, seine Zunge im Zaum zu hallen, und man sollte jedem Schwätzer, der Dinge auspiaudert, über die m 'n im pater ländischen Interesse schweigen sollte, wie der Artillerieoberst hier in Hannover getan hat, zurusen: „Achtung!"
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der Lage sei, auch die stärksten Gifenfreton« und Panzerplatten dieser Forts zu zertrümmern und wie Krupp auf Grund von Zeichnungen und Berechnungen von Professor Rauschenberger (des Sohnes eines Frankfurters) bis zum Jahre 1912 vier neue 42-Zentimeter-Geschutze ertigfteUte, die in einem besonderen Bau in Essen untergebracht waren und Tag und Nacht auf das schärfste bewacht wurden. Die Granaten dieser Geschütze wogen 900 Kilogramm, also 18 Zentner, sie wurden in ungeheure Höhen geschleudert, und ihre Wirkung stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten. Von ihrer moralischen Wirkung sott hier gar nicht geredet werden. Jedes Geschütz mußte durch vier Traktoren fortberoegt werden, wobei der Mörser auseinandergenommen werden mußte. „Das eine Fahrzeug hatte das Geschützrohr geladen, das zweite die Lafette, das dritte einen Kran, mit dem die Munition beim Laden zum Geschütz gehoben wurde, und das vierte beförderte die Mannschaft." i Es ist wohl kaum bekannt geworden, daß im Jahre 1908 die ersten Transportversuche zwischen Northeim und Eatlenburg am Südharz vor- ; genommen wurden. Man wollte durch praktische Versuche feststellen, ob und wie ein so schweres Geschütz mit Munition auch in schwierigem Ge- ti länbe befördert und in kurzer Zeit verwendungsfähig aufgebaut werden | könnte. Die Versuche, die damals unter Leitung eines Majors aus Metz standen, sind zur vollen Zufriedenheit ausgefallen. Daß diese schweren । Geschütze nur eine geringe Zeit an der Front Verwendung sanden, soll hier nicht weiter erörtert werden.
Nun schildert Brown, wie sich der englische Agent des Nachrichten- 1 bienftes nennt, wie er in Hannover von Freunden, darunter einem Re- t serveoffizier, den er Schulz nennt, zu einem „Bierabend" emgelnben | wirb, wie er biefe Einlabung mit Freuben annimmt, wie er freundschaft- ; llch unb kameradschaftlich ausgenommen wird und sich nach dem ein- . fachen Essen an dem gemütlichen Teil durch Vortrag deutscher Volkslieder beteiligte. Er findet begeisterten Beifall, man fordert ihn zu Zugaben auf: „Die Begeisterung seines Vortrags ist echt, denn Musik und Dichtkunst sollten keine Grenzen kennen, und die deutschen Kriegslleber gehören zu den besten, die existieren." Die Freundschaftskundgebungen waren echt unb herzlich.
Im Gespräch kam man auch aus ben kommenden Krieg, „denn 1913 hingen schon schwere Gewitterwolken am Himmel Europas." Man beteiligte sich allgemein an diesem Gespräch, besprach die Aussichten eines Krieges nach zwei Fronten, erörterte die Frage, daß man erst Frankreich niederringen müsse, um dann den Russen entgegenzutreten unb rotes barauf hin, daß man erst die großen Grenzfestungen in der Hand haben müsse um in Frankreich einmarschieren zu können. Man war der Auffassung, baß unsere 30-Zentimeter-Haubitzen den Widerstanb dieser Festungen nicht zu brechen vermöchten. „Ach, auf die verlassen wir uns doch auch nicht", sagte der Major, „mein Bruder, der im Kriegsm,niste- rium ist, hat mir neulich etwas erzählt, was unseren Nachbarn jenseits der Grenze einen heillosen Schrecken einjagen würde, wenn sie davon horten. Wir haben nämlich viel schwerere Kaliber als 30-Zenti- meter-Geschütze. Ich sage Ihnen, so schwer, daß man es kaum glauben kann. Natürlich ganz im Vertrauen, sie stehen in Essen bereit. Die Geschosse sind kolossal, sie wiegen —"
„Der Major beendete den Satz nicht, denn der Artillerieoberst, der sich mit seinem Freunde unterhalten hatte, horte gerade, was unten am Tische gesprochen wurde, schlug plötzlich auf die Tischplatte und rief „Achtung!"
„Ein peinliches Schweigen folgte, und der Major wurde rot bis über die Ohren. Der Oberst erhob sich, winkte dem Major, unb ich hörte noch, wie biefer sagte: ,Zu Befehl, Herr Oberst.' Dann zogen sich die beiden in eine Ecke des Zimmers zurück. Es war ganz klar, daß der Infanterist eine Lektion erhielt, weil er zu offen und frei über Berufsgeheimnisse gesprochen hatte." ...
„Zwei Tage später führten die Geschäfte Mr. Brown nach Wiesbaden. Wenigstens erzählte er das seinen hannoverschen Freunden. Offenbar geriet er aber in den falschen Zug, fcenn am selben Abend befand er sich in Düsseldorf. Diese hübsche Stadt liegt in nicht allzu großer Entfernung von Essen."
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Was Mr. Brown dort unternahm, berichtet er allerdings nicht, er erwähnt nur, daß er die meiste Zeit in Essen zubrachie. Dann schildert er eingehend, wie er am fünften Tage in Roermond mit einem Deutfckien „Friedrich Mütter" aus Essen, der zwanzig Jahre als Monteur in Essen tätig geroefen sei unb mit seinem richtigen Namen Otto Behnke geheißen habe, zusammengekommen fei, ber ihm gegen eine nahmhaste Vergütung die vollkommene Beschreibung der deutschen 42-Zentimeter- ss Mörser einschließlich der Lafetten und Munition und der Transport mäglichkeiten ausgeliefert habe.


