GiehenerZamilieMätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (935

Freitag, den ((.August

Nummer 6(

Einkehr.

Von Ludwig Uhland. Bei einem Wirte wundermild, Da war ich jüngst zu Gaste; Ein goldner Apfel war sein Schild An einem langen Aste.

Cs war der gute Apfelbaum, Bei dem ich eingekehret, Mit süßer Kost und frischem Schaum Hat er mich wohl genähret.

Es kamen in sein grünes Haus Viel leichtbeschwingte Gäste;

Sie sprangen frei und hielten Schmaus Und sangen auf dos Beste.

Ich fand ein Bett zu süßer Ruh Auf weichen, grünen Matten;

Der Wirt, er deckte selbst mich zu Mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt ich nach der Schuldigkeit, Da schüttelt er den Wipsel.

Gesegnet sei er allezeit

Von der Wurzel bis zum Gipfell

Sinn und Heiligkeit des Volkstums.

Von Josef Magnus Wehner.

In unseren Tagen, in denen so viel die Rede ist von Blut und Boden und den Kräften des Volkstums, ist es nötig, einmal in die Tiefe hin­unterzusteigen, dorthin, wo die ersten, feinsten und untersten Wurzeln der «Erscheinung sich zum Wachstum zusammenslechten.

Wenn wir von Volkstum reden, dann denken wir gewöhnlich nur on die äußeren Erscheinungsformen, die diesem Worte entquellen. Wir denken vielleicht an farbige Trachten, Volksmoden längst vergangener Zeiten, an alte Reigen und Tänze, an derbe Schwänke in der Art des Hans Sachs oder des Till Eulenspiegel, an Sagen und Märchen, an einfache, der Landschaft angeschmiegte Bauformen, an scherzhafte, urkräf­tige Redewendungen kurz an alles, was man mit dem Eigenschafts­wortvolkstümlich" umschreiben könnte.

Die Pflege des Volkstums müßte sich dann notwendigerweise auf die Pflege aller dieser Dinge erstrecken, und so sehen wir denn auch in der Hauptsache eine Flut von Vereinen in ganz Deutschland damit beschäf- .tigt, Trachten und alte Spiele, Bräuche und Sitten zu erhalten und zu Pflegen.

Wir brauchen uns aber nur zu fragen, welchem Zwecke solche Pflege Dient, um sofort tiefer in den Sinn des Wortes Volkstum einzudringen.

Solche Bestrebungen dienen nämlich nicht nur der Zerstreuung oder *er Ausfüllung der Langeweile, sie entspringen einem sehr tiefen und Alen Völkern gemeinsamen Triebe' dem innersten Willen, sich immer ®ieber mit den Urkräften des Volkes zu vermählen, aus denen jede Ge- toltung und insbesondere die Gestalten der hohen Kultur schöpferisch »eigen.

Volkstum das ist das Schöpfungsland, das find die ersten Tage ines jeden Volkes, Volkstum, das ist der ewig gegenwärtige mythische Buftonb, der, obwohl scheinbar seit Jahrtausenden und vor aller Geschichte Ergangen, sich dennoch immer wieder in veränderter Gestalt durch die Erscheinung des Tages hindurchdrängt und uns mit neuer Kraft begabt. Wenn wir etwa recht innig die Gestalten der Bauernschauspiele in den custchen Dörfern betrachten, ist es dann nicht, als grüßten uns aus den i endigen, geformten und ausdrucksvollen Gesichtern dieser unverdorbe- j en Spiele die Antlitze längst vergangener Landsknechte, Könige und Filter? Diese Gesichter könnten wahrhaft ebenso zur Römerzeit gelebt I 'Oben wie im neunten ober dreizehnten ober siebzehnten Jahrhundert. 3as sind die Gesichter derer, die unsere Geschichte gemacht haben, aus solch | 'peelten Formen könnte jeden Tag eine neue deutsche Geschichte geformt »erben, falls der Weltgeist sich ihrer bedienen wollte. Aus solchen Gesich- ssirn blickt uns eben der unzerstörbare und ewige Charakter, das Wesens- uld unseres Volkes, an.

Das eben ist der tiefe Sinn des Volkstums, daß es der Aufbewah- j 'ungsort für die Urformen unserer Entwicklung ist. Im Volkstum schlum­

mern die Keime der deutschen Geschlechter, der deutschen Einrichtungen wie Recht, Sitte, Brauchtum, Sprache, Gebärde, ja alle Möglichkeiten der Kunst, alle staatlichen und gesellschaftlichen Bildungen bis an den unter» gehenden Horizont unserer fernsten Zukunft.

Das Kennzeichen jedes Volkstums ist eine tiefe, geheimnisvolle, farbige Lebendigkeit. Alle Gebilde, in denen noch die ursprüngliche Kraft des Volkstums wohnt, find dem ganzen Volk verständlich und zugänglich wie etwa bas Volkslied und jene Gebilde der Kunst, die noch nicht durch die Uebermächtigkeit des Intellekts verdorben oder versteinert sind. Auch in den höchsten Gebilden des menschlichen Geistes rollt noch jenes rätsel­haft mütterliche Blut, das der Tiefe des Volkstums entquillt, das allein Unsterblichkeit verleiht, die weder durch die höchstausgebildete Form noch durch Ueberladenheit mit Geist verbürgt werden kann. Das Volkstum, recht verstanden, ist das Allerheiligste unseres Volkes. In ihm wohnt das Eigene. Eigen und heilig aber waren dem Germanen dieselben Begriffe.

Wenden wir uns nun, um unsere Einsicht zu erweitern, der Ent­stehungszeit des Wortes Volkstum zu. Es wurde geprägt gegen das Ende des napoleonischen Zeitalters. Damals versuchte der gewaltig« Kaiser der Franzosen mit der von ihm geschaffenen Zivilisation, die seit­dem die westliche heißt, Europa und die Welt zu überfluten. Diese Zivi­lisation, auf der französischen Ausklärung aufgebaut, war nicht nur der Feind jeder Religion, sie bedrohte auch durch Rationalisierung und Mechanisierung bas Leben selber an seiner Wurzel. Die napoleonische Zivilisation hat der Industrialisierung und der ganzen technischen Zivi­lisation unseres Zeitalters vorgearbeitet, die schließlich in den Material­schlachten des Weltkrieges ihren Höhepunkt fanden. Durch diese Zivili­sation wurde, um ein Wort von Novalis zu gebrauchen, der heilige Sinn der Welt zerstört.

Es waren damals wie heute die Deutschen, die Europa vor der napoleonischen Entseelung und Technisierung gerettet haben. Gerade aus den Tiefen des Volkstums heraus empörten sich die Kräfte aller noch ursprünglichen Volker gegen den Westen. Turnvater Jahn mar es, der das Wort Volkstum zum ersten Male prägte. Von ihm hat es feinen unverlierbaren Sinn erhalten. Es bedeutet seitdem den heiligen Wider­spruch der organischen gegen die mechanischen Kräfte, der Kultur gegen die Zivilisation.

Auch heute, in den Tagen des Ringens um den organischen Staat, bewährt das Bolkstum wieder feine Sendung. Cs ist in den Gestalten unserer großen volkstümlichen Führer Fleisch geworden. Es offenbart sich in hundert Einzelzügen, aus denen uns das Urantlitz unseres Volkes grüßt. Ueberall werden volkstümliche, lebendige Stücke gespielt; in fast allen deutschen Wäldern wachsen Freilichtbühnen aus dem Boden; Reigen, Tänze, Lieder werden erneuert; die Dichter des Volkes bringen langsam in bie Schulen unb in bie Stuben wieder ein, alle festgefahrenen und scheintoten Kräfte des Volkstums sind in Bewegung gekommen und es entsteht der Anblick einer großen Vermählung von oben und unten.

In aller Freude aber dürfen wir eines nicht Übersehen. Das Volkstum bleibt ewig an den Boden, an die lebendig atmende und wachsende Erde gebunden. Es stirbt, sobald sich über diese Erde eine Steinschicht (egt. Das ist in den Städten der Fall.

Sa muß das oberste Ziel einer bewußten Volkstumspsleg« sein: der lebendige Austausch der Kräfte von Stadt und Land. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, die Jugend der Städte so oft und so eindringlich wie nur möglich auf das Land hinaus zu führen, damit sie sich dort mit den Urkräften unseres Volkes berühre. Erfreu­licherweise denkt das preußische Kultusministerium daran, sämtliche Jung­lehrer auf das Land zu schicken, damit sie sich dort mit den unverdorbenen Erscheinungen unseres Volkstums vollsaugen und sie der Stadt vermit­teln können. Auch bie großen Aufzüge der Arbeitermassen, die Aufmärsche unserer nationalen Verbände sollen, soweit es möglich ist, in volkstüm­lichen Formen vor sich gehen und sei es nur, baß sie sinnfällige Abzeichen mit sich führen. Versammlungen politischen und beratenden Charakters sollten die bisherige bürokratische Fornozerbrechen und sich in den freien phantasievollen Formen des Volkstums bewegen.

Die höchste und heiligste Forderung aber ist die Pflege der K u n st. Wie erst die Kunst, sei es nun die dichtende, bildende oder staats­formende Kunst, erst die Kräfte des Volkstums gestaltet und damit in das Leben hineinführt, so bedeutet Pflege der Kunst die höchste Steigerung des Volkstums. Durch bie Kunst wirb bas Volkstum weltgültig, bamit aber wird die Pflege des Volkstums sowohl wie die Pflege der Kunst zu einem politischen Mittel und zu einer politischen Pflicht ersten Ranges. Das Volkstum ist die Vorform der Kultur. Was der durch bie napoleo­nische Zivilisation morsch, brüchig und alt geworbenen Welt vor allem not tut, ist ein« neue, blutvolle Lebensgemeinschaft.

Die Lebensgemeinschaft wirb es verhinbern, baß bie Welt enbgültig in den leisten Zustand ihres Daseins, den Zustand der technischen Zivilisation, eintritt.

Die deutsche Revolution wird diese Lebensgemeinschaft schaffen. Das ist, wie Millionen glauben, ihre tiefste, ihre völkische Sendung.