Ausgabe 
10.11.1933
 
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D« gerichtet war tm päpstlichen Spruch, stand richtend vor , seinen Richtern,- nicht ihren Irrtum allein verwarf er, er verwarf ihren Grund im Gesetz: mit der Bulle verbrannten die Bucher der kirchlichen Herkunft, verbrannte im Holzstoß des eifernden Dok­tors des kanonische Recht der römischen Kirche.

Nie hatte einer so Kühnes gewagt, seitdem es römisches Kirchen- tum gab: die Flammen fraßen sich fröhlich hinein in die Schrift des tausendjährigen Reichs; eine tapfere Schar stand dem Toll­kühnen bei auf dem Rand der brennenden Welt.

Luther der Deutsche.

Von Professor Dr. Erich Jenisch, Königsberg.

Als ein Sinnbild eigenen Wesens ist die Gestalt Luthers den Deutschen seit langem erschienen. Der Jubel der Zeitgenossen begrüßte freilich Luther als den Reformator, der in der lutherischen Freiheit des Christenmenschen eine neue Lebenshaltung möglich machte. Neue Lebenslust regt sich in Ulrich von Hutten, und Hans Sachs begrübt in Luther ebenfalls den Anbruch einer neuen Zeit. _.

Die rotbrünstige Morgenröt

Her durch die trüben Wolken geht", heißt es in seinem Gedicht von der Wittenbergischen Nachtigall.

Bald jedoch ist sich der Deutsche der wesentlich deutschen Züge im Bilde Luthers bewußt geworden. Herder schon vermag Luther in folgendem Hymnus zu preisen:

Mächtiger Eichbaum!

Deutschen Stamms! Gottes Kraft!

Droben im Wipfel braust der Sturm, Du stehst mit hundertbogigen Armen Dem Sturm entgegen und grünst! Der Sturm braust fort! es liegen da Der dürren armen Aeste

Zehn darntedergesaust. Du Eichbaum stehst, Bist Luther!

In der Tat wirkt das Werk Luthers wie die Erfüllung einer deutschen Sehnsucht, die durch Jahrhunderte der Verwirklichung i entgegengreist, bis sie in Luther ihre Erfüllung findet. Trotz man­cher völkisch bedingten Sondergestaltung war die Kultur des deut­schen Mittelalters doch wesentlich charakterisiert durch die alle europäischen Völker in ihrer Gesamtheit bestimmenden, einheit­lichen Kultur der christlichen Kirche. Seit den Kreuzzügen begann diese festgefügte Kultur gelockert zu werden durch das Erstarken des nationalen Gedankens, der die Sonderart jedes Volkstums in Staat und Kirche, Dichtung und Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft stärker zur Geltung zu bringen versucht. Das nationale Bewußt­sein Deutschlands steigert sich in Kämpfen mit Rom erheblich. Aber wenn auch das Verlangen nach einer Reform des Reiches und nach einer Reform der Kirche immer drängender wurde, erst Luther vollbrachte, was die Jahrhunderte erstrebt hatten. Es ist bezeich­nend, daß Luther seine Tat aus den letzten Tiefen des religiösen Bewußtseins und nur aus diesem, heraus vollbrachte. Die spanische Kirche hatte sich auf den geistigem Grundlagen des dreizehnten Jahrhunderts erneuert, indem sie die alten Ideale romanisch­katholischer Frömmigkeit zu neuer Glut entfachte. In Italien be­gann im Humanismus sich das Leben von der durch die christlich­kirchliche Tradition bestimmten Ordnung zu lösen und eine welt­liche Kultur zu schaffen, die, ohne die höhere Wirklichkeit der Glaubenswelt zu leugnen, dochhumanitas" als höchsten Wert der Schöpfung wenn auch nicht als letztes Maß der Welterleben lehrte.

In dieser Situation steht Luther. Er bringt eine Erneue­rung des Lebens und seiner Ordnungen durch eine unerhörte In­tensivierung der christlichen Gläubigkeit. Sie führt zur Bildung einer neuen Kirche, die, wie Luther lehrt, allein auf dem Funda­ment des in der Bibel geoffenbarten Gotteswortes sich erhebt und die dennoch eine eigentümlich deutsche Formung des Christentums darstellt. Denn Luther ist der Protest der zum Selbstbewutztsein erwachten deutschen Seele gegen den Geist der römischen Kirche. In Luther erlebt sie die Eiqentttmlichkeit ihres religiösen Bedürf­nisses, in ihm vollzieht sich der revolutionäre Durchbruch deutscher Frömmigkeit durch den Zauberbann einer ehrwürdigen Tradition, die durch eine mehr als tausendjährige Geschichte gerechtfertigt ^^Auch damit gelang eine Jahrhunderte alte Entwicklung zur letzten Klarheit. In den deutschen Klöstern der Bettelorden, diesen Stätten äußerst gesteigerter Devotion und gelehrter Kontempla­tion, hatte sich früh schon die Bewegung des deutschen religiösen Empfindens gegen den Geist des römischen Dogmas geregt. Von Meister Ekkehart, dem Dominikaner, bis zu Luther, dem Augustinereremiten, prägen sich in einer Reihe von Theologen- gestalten charakteristische Züge deutscher Frömmigkeit aus. Nicht nur im Kreise der Mystiker, auch bei humanistisch bestimmten Gei­stern, wie N i c o l a u s v o n C u e s, zeigt sich diese neue Haltung. Aber erst bei Luther, dem aus deutschen Baucrnblut emporgewach­senen Reformator, gewinnen diese Kräfte die Macht entscheidender Wirksamkeit. In Luther erst prägt sich die religiöse Seele Deutsch­lands zu eigener Gestalt und löst damit Deutschland in deutlich erkennbarer Eigenart aus der allgemeinen europäischen Situation heraus. Denn in Luther tritt ein Zug deutscher Art in Erschei­nung, der nie mehr in dem Bilde des deutschen Menschen ver­blassen soll: die Macht des Gewissens. Sie ist es eigentlich, die den Stnfenbau deS mittelalterlich-hierarchischen Weltbildes, das uns DantesGöttliche Komödie" künstlerisch widerspiegelt, umstößt. Das Gewissen, das nur an die Autorität der Bibel gebunden ist noch ist nicht durch die persönliche Ueberzeugthcit allein ge­

rechtfertigt bildet den christlichen Glauben neu, hebt die Mtni^. stellung des Priesters zwischen Gott und Menschensecle auf und be­steht allein aus dem einen, was not tut: auf dem unmittelbaren Ergreifen Gottes im Herzen der Gläubigen.

In diesem einen seelischen Bedürfnis, Religion als unmittel­bare, persönliche Erfahrung von Gott zu erleben, und in der ver­pflichtenden Bindung an dieses Erlebnis liegt die letzte Quelle lutherischer Kraft und deutscher Kraft. Rücksichtslos lebt Luther aus dieser Forderung seines religiösen Gewissens heraus, und die Neuordnung der staatlichen, sozialen, politischen und kulturellen Verhältnisse Deutschlands, die er vollzieht, ergibt sich erst als durch dieses Motiv bedingt.

So steht Luther auch heute noch vor uns da: der deutsche Held, die Bibel in der bäuerisch-derben Faust und in den klaren Augen den Glanz jenes Mutes, der der Ausdruck tiefster Sicherheit ist jener Sicherheit, die sich aus der Bezogenhett alles Denkens und Wollens aus dem religiösen Kern der Persönlichkeit ergibt und die alles Handeln bestimmt weiß durch seine Fundierung in diesen tiefsten Gründen des menschlichen Bewußtseins überhaupt. So nur wird jede Haltung Luthers aus dem Wormser Reichstag möglich, in der er als symbolische Gestalt des Deutschen in die Geschichte eingegangen ist, jene Unbedingtheit desIch kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!"

sah die

Auch das Wort heiligsten Güter!"

Oer deutsche Staat und die Reformation.

Von Oberstudtenrat Professor V ö l z i n g, Gießen.

Wenn ein Volk in verhängnisvollen Tagen seiner Entwicklung, da Neues ans Licht drängt, mit einem anderen staatlich verbunden ist, so wird die freie Entfaltung seiner angeborenen Art gehindert, wenn nicht vielleicht erstickt. In solchen Zeiten ist es unerläßlich, daß das Volk sich entwickeln kann, wie es geschaffen ist, daß es sein Schicksal selbst bestimmt und f r e i ist.

So mar die Lage, als Karl V. 1521 den Reichstag in Worms eröffnete. Religion und Volkstum, Staatsentwicklung und Bildung der Kirche gehören geschichtlich eng zueinander. Diese unlösliche Verbindung bleibt, wenn das Volkstum staatlich ausgebildet wird. Christus sagt zwar:Gehet hin und lehret alle Völker!", aber seine Lehre vom Verhältnis der Religion zum Volkstum hat sich im Lause der Geschichte in ihr Gegenteil verkehrt Konstantins Uebertritt ist entscheidend geworden für die weltgeschichtliche Be­deutung des Christentums. Ohne Verbundenheit mit dem Staate ist sie nicht denkbar. Was bedeuten tm geschichtlichen Leben die Idee und die weltliche Macht?

Jede Idee, die Bedeutung für die Menschheit haben soll, bedarf der weltlichen Macht. Beide hängen aufs engste zusammen, wie Körper und Geist. Im tiefsten Grunde des Menschenherzens hat die Religion ihre Heimstätte, aber kirchliche Lehren müssen ihre Stützen am Staate finden; sonst enden sie im Sektenwescn. Nie hat es die Kirche vermocht, Staaten zum gemeinsamen Eintreten für ihre Machtbestrebungen zu gewinnen. Frankreich und Spanien ließen sich im Interesse des Glaubens nicht vor einen Wagen spannen. Immer tritt der Staatsgedanke in den Vordergrund, wenn man das Verhältnis von Staat und Kirche im eigenen Volke verstehen will. Diese stehen im engsten Zusammenhänge. Im Mittelalter und weit darüber hinaus lassen sic sich getrennt von­

einander überhaupt nicht vorstellen.

Aber auch die politische Idee hat versagt. In der großen Politik kommt es nicht auf den Gegensatz der Regierungsweise an. Das hat uns der Weltkrieg zur Genüge gelehrt und Männer wie Beth- mann-Hollwca gründlich widerlegt.

Wilhelms II.:Völker Europas! Wahret eure Weltlage im falschen Lichte.

Es ist bekannt, welchen Anhang Luther im deutschen Volke ge­funden hat. Keine andere geistige Bewegung hat unser Volk mit der gleichen Wucht ergriffen. Tiefer als alle äußerlichen Fragen erfaßt die germanische Auffassung der Religion das Mcnschenherz. Der einzelne Mensch hat das Bedürfnis, Stellung zu nehmen zum Ewigen. Er will im tiefsten Innern ohne Vermittlung eins sein mit seinem Gotte.Es gibt nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, welcher ist Christus."

Das ist der Kern der Lehre Luthers. Sie geht auf Stillung eines seelischen Verlangens:Wie werde ich gerecht vor Gott?

Immer mehr entfaltet sich dieser Wesenszug deutschen Geistes, nationale Bildung macht sich frei von lateinischer lun- hüllung, Luthers Lehre hat nur bei germanischen Völkern durch­schlagenden Erfolg gehabt. Luther will die Lehre Christi aus den Banden des Staates erlösen. In diesem Streben sehen nur den tiefsten Unterschied zwischen Luthertum und Calvinismus.

Aber Luther verschließt sich im Laufe der Entwicklung nicht der deutlich erkennbaren Notwendigkeit, daß die religiöse Neuord­nung sich an den Staat anlehnen müsse. So ist es auch nur erklär­bar,daß die Ausgaben der neuen Lehre in einer eigenartigen deut­schen Weise gelöst wurden.

Die Verbindung mit den staatlichen Verhältnissen war unver­

meidlich. , r ,

Karl V. dachte anders als sein Volk; er war in seinem Wesen ein Spanier und konnte in Deutschland nur spanilche Pou treiben. Er hatte auch kein Verständnis für die Unabhangigker

persönlicher Gcwisiensüberzeugung. o ... _

In den letzten drei Jahrhunderten des Mittelalters ist Deutsch­land in eine Lage geraten, in der es se»ne staatliche oder lei kirchlich-religiöse Einheit oder gar beide verlieren mußte. Karis Negierung endete mit der Bestimmung des Augsburger Religion friedens:euius regio, eius religio". Der dominus terrae,