Ausgabe 
10.11.1933
 
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Landesherr, bestimmt das Bekenntnis seiner Landeskinder. Bis zum Jahre 1803 waren die Bekenntnisse nach den Gebieten der Landesregierungen verteilt. Das war das Ergebnis einer Eutwick- lung, die seit dem Ende des 12. Jahrhunderts an die Stelle der Neichsgewalt die Landesherren gesetzt hat.

Der Kaiser konnte dem Wormser Edikt, das die Lehre Luthers verbot, keine Geltung verschaffen. Sein Verständnis für die gewor­benen Tatsachen verkannte die Notwendigkeit einer Neuordnung nicht. Er konnte sich nur auf die Landesregierungen im Kampfe gegen Franz I. von Frankreich stützen. Die Ordnung:cuius, regio, eins religio" erscheint uns Menschen einer neueren Zeit völlig unverständlich, erklärt sich aber mit Notwendigkeit aus den Zeitverhältnissen.

Jahrhunderte hindurch haben auf dem deutschen Volke religiöse Spaltung und staatliche Zerrissenheit gelastet. Wir wissen, daß die staatliche Zersplitterung noch tiefer und unheilvoller in die Ent­wicklung zur völkischen Einheit eingegriffen hat als die religiöse. Religiöse Anlässe bedingten zwar den Ausbruch des Dreißig­jährigen Krieges, aber sehr bald zeigten sich die politischen Ziele. Derallerchristltchste" König von Frankreich kämpfte mit protestan­tischen Fürsten gegen den Kaiser, der lutherische Christian IV. von Dänemark wendete sich gegen Schweden. Er und Gustav Adolf sind nicht aus rein religiösen Gründen in den Kampf eingetreten, sondern dachten auch an den politischen Vorteil ihrer Länder.

Zwei wichtige geschichtliche Ergebnisse hat der Friede von 1648 gebracht: die bestehende Kaisergewalt kann nicht mehr die Geltung haben, die ein einheitlicher Staat verlangt, und Wafsengcwalt kann eine religiöse Einheit nicht wiederherstellen. Das Jahr 1803 und der Wiener Kongreß haben die Bekenntnisse völlig ineinander ge­mischt. Diese sind mehr noch als früher auf gegenseitige Duldung angewiesen. Es sollte ihr Grundsatz sein, durch geistige und sittliche Leistungen den Wert des gemeinsamen christlichen Glaubens zu er­weisen. Beide Ueberzeugungen sind fest verankert, können nicht verschmolzen werden, aber sie können sich gegenseitig achten und ehren auf dem Boden des gemeinsamen Christentums.

Bis zum November 1918 war beiden Bekenntnissen gleiche Be­wegungsfreiheit gewährt,' niemand sollte es wagen, auf rein reli­giösem Gebiete einen Keil in die Einheit unseres deutschen Volkes zu treiben. Das wäre ein frevelhaftes Beginnen. Wehe dem Volke, dem die Kräfte wahrer Glaubensüberzeugung verloren gehen! Mit deutscher Sitte und deutschem Recht bräche auch die gewaltige, die Tiefen des Menschenherzens erschütternde Macht zusammen, die ihm in den Stürmen des Lebens Halt gibt, die es die trost­lose Zeit der Gottlosenbewegung und sittlichen Verwilderung sieg­reich überstehen ließ, sein Gott und sein Glaube!

Der neue Staat unserer Nation hat klar und bestimmt die tiefste Bedeutung christlichen Glaubens und den unersetzbaren Wert dieser geistig-seelischen Lebensbejahung als Richtlinie staat­lichen Handelns bewiesen. Mit der Führung unseres deutschen Staates sind alle guten, vaterländisch gesinnten Deutschen von dem kräftigen Bekenntnis des großen Reformators erfüllt:

Und wenn die Welt voll Teufel wär', es muß uns doch gelingen!"

Luthers Tafelrunde.

Von Dr. Kurt Haack.

Als der Bischof Dantiscus von Ermland, ein treuer Sohn der alten Kirche, 1523 durch Wittenberg reiste, konnte er der Neugier nicht widerstehen, denberüchtigten Ketzer" Luther aufzusuchcn, und saß mit ihm, Melanchthon und einigen früheren Ordens­brüdern Luthers beim Abendbrot zusammen, wobei sie sich fast vier Stunden unterhielten. Der Bischof erwähnt die unheimlich fun­kelnden Augen, die fast elegante Kleidung Luthers, die sich von der eines Hofmannes nicht unterscheide, und schreibt dann:Seine Redeweise ist heftig, voll von Anspielungen und Spöttereien. Als wir mit ihm beisammen saßen, haben wir uns nicht bloß unter­halten, sondern auch in heitrer Laune Wein und Bier getrunken. Er scheint in jeder Hinsichtein guter Geselle" zu sein, wie man im Deutschen sagt." Als solchguter Geselle" hielt Luther seine Tafelrunde imSchwarzen Kloster" zu Wittenberg, und die Leucht­funken des Geistes, die aus setuem beredten Mund hervorsprtthten, sind das glänzendste Feuerwerk des Gesprächs, das je ein Ein­zelner in deutscher Sprache entzündet.

Der Schöpfer einer neuen Glaubenslehre, der deutsche Schrck- salSmann, der gegen eine Welt aufstand, war ein großer Künstler, inwendig voller Musik", und die Fülle des Wohllauts, die Man­nigfaltigkeit der Klänge und Rhythmen ist die Grundlage für die zauberhafte Macht seiner rednerischen Wirkung. Wie jede voll­endete Kunst der Sprache und Unterhaltung beruht die seine aus der Musik. Luther war einMetstersänger",der kunstreichste und beste", wie ihn Cyriacus Spangenberg nennt,Frau Musika seine Gefährtin in frohen und schlimmen Stunden, das Dkusika- lische ein Element seiner Persönlichkeit, ein notwendiges Mittel zum Ausgleich furchtbarer Spannungen" undein wesentliches Stück seiner Frömmigkeit". Nur aus diesem Urgrund des Schaf­fens kann man das Wunder seiner Wortkunst begreifen, den un­vergleichlichen Töne-Ncichtum seines Stils, der das Leidenschaft­liche und Erhabene, das Wilde und Heftige ebenso zu treffen weiß wie das Zierliche und Zarte. Dramatische Wucht und lyrische Innigkeit wechseln mit dem breiten Behagen anschaulicher Er­zählung. Die Sprache Luthers, frühlingshaft und blühend, wie alles Junge und Erste, ist nie für das Auge, stets für das Ohr be­rechnet. Seine Worte wollen laut gelesen werden: dann offenbaren sie die ganze Biegsamkeit dieser hxllen Stimme, die Feinheit der Rhythmik, die Melodik der Wortfolgen, die glückliche Anmut, die

den brausenden Sturzbach der vorwärtsdrängenden ®e6<ntfett so harmonisch zu gliedern weiß und im Takt hält. In dieser Schön­heit seines sprachlichen Ausdrucks witterten seine Gegner ivohl gar eine gefährliche Magie und klagten, ertrachte mehr auf wohl­klingend gemein Deutsch, denn auf der heiligen Sprache Not" warnten vorder glatten Honigwaben von einer goldenen Zunge".

Die Sprachgewalt Luthers, die sich in seinen Schriften ebenso ausprägt, wie sie seinen Predigten und Gesprächen eigen war, veranlaßte seine Tischgenossen, das, was er sagte Wichtiges und Gleichgültiges sofort während der Unterhaltung nachzuschreiben, und so entstanden die verschiedenen Sammlungen von Tisch­reden, die im ganzen mit ihrer Zahl von vielen tausenden Aeußerungen ein einzigartiges Dokument darstellen. Es ist ein Feld unerschöpflichen Studiums, das diese hingeplauderten Sätze zur Erkenntnis des größten deutschen Sprechers gewähren.

Wie war die Gesellschaft eines Alltags beschaffen? Außer der Familie, deren Gemeinschaft er mit der Wärme seines Gemüts zu üurchsonnen wußte, war es ein buntes Gemisch. Frau Käthes Burse", der Luthersche Eßtisch, der den Mittelpunkt der Gesellig­keit bildete, vereint nicht nur die Seinen, die Freunde und Amts­genossen, Famuli und Hauslehrer, sondern auch Kostgänger, die zum Haushalt beitrugen, und arme Schlucker, denen die unend­liche Mildtätigkeit des Hausherrn ein warmes Essen gönnte. M a t h e s i u s hat erzählt, wie in diesem Umkreis die berühmten Tischreden entstanden sind:Obwohl unser Doktor oftmals schwere und tiefe Gedanken mit sich an den Tisch nahm, auch bisweilen die ganze Mahlzeit sein altklösterlich Stillschweigen hielt, daß kein Wort am Tisch fiel, doch ließ er sich zu gelegener Zeit sehr lustig hören, wie wir denn seine RedenTischwürze" pflegten zu nennen, die uns lieber waren denn alle Würze und köstliche Speisen. Wenn er uns wollte Rede abgewinnen, pflegte er einen Anrus zu tun: Was höret man Neues?" Die erste Vermahnung ließen wir vor- übergehen: wenn er wieder anhub:Ihr Prälaten, was Neues im Lande?" da fingen die Alten am Tisch an zu reden. Wenn's Geööber (eifrige Gespräch), doch mit gebührlicher Furcht und Ehr­erbietigkeit, anging, schossen andere bisweilen ihren Teil auch zu: oftmals legte man gute Fragen ein aus der Schrift, die löset' er fein, rund und kurz auf, und da einer einmal Part hielt, könnt' er's auch leiden und mit geschickter Antwort widerlegen. Oftmals kamen ehrliche Leute von der Universität, auch von fremden Orten, an den Tisch: da fielen sehr schöne Reden und Historien."Natür­lich lieferte die Heilige Schrift einen Haupt-Gesprächsstoff, und die religiösen Dinge, die ja Luthers ganzes Sein erfüllten, stehen im Vordergrund. Daneben ist von All und Jedem die Rede, und ein Bild des ganzen deutschen Lebens, Denkens und Fühlens, Meinens und Hoffens, Kämpfens und Sorgens in einer erstaunlichen Breite und Fülle ersteht aus den Tischreden vor uns.

Man fühlt, daß dieser Gewaltige ganz Deutschland in sich trug, es mit seiner Liebe und seiner Strenge umgab. Wie schöne Worte hat er zum Preise seines Vaterlandes gesprochen, wie ost aber auch über die Fehler seiner Landsleute geklagt, besonders dar­über, daß sie so plump und roh seien und das Saufen nicht lasten könnten! Doch fand er selbst gelegentlich am Trink-Komment Ge­fallen und veranstaltete sogar Trinkspiele zur Belebung der Stimmung, bei denen er tapfer seinen Mann stand. So ließ er sich ein gemaltes Glas mit drei Reifen bringen und trank mit Wein den Gästen zu: bis an den ersten Reif die zehn Gebote, bis an den zweiten den Glauben, bis an den dritten das Vaterunser. Die anderen konnten ihm manchmal nicht Bescheid tun, und es gab viel Spaß, wenn einer nurdie zehn Gebote saufen" konnte. Am an­mutigsten werden die Reden unterbrochen, wenn nach dem Esten der Hausherr selbst die Stimmbücher aus der Studierstube holt und nun ein rechtschaffenes Singen anhebt. Luther mit feiner kleinen hellen Stimme führt den Tenor, und zwar mit aller Hin­gabe, denn die Musik galt ihm als ein besonderes Wunder der Weisheit Gottes und als solches hat er einmal bezeichnet,baß einer eine schlechte Weise oder Tenor hersinge, neben welcher drei, vier oder fünf andere Stimmen auch gesungen werden, wie um solche einfältige Weise gleich mit Jauchzen rings umher spielen und springen und mit mancherlei Art und Klang dieselbige Weise wunderbarlich zieren und schmücken und gleich wie einen himm­lischen Tanzreigen aufführen ..." Wie bescheiden er von diesen geselligen Konzerten dachte, sagt er in einem Brief an den Orga­nisten Mathias Weller:Wir fingen so gut wir können über Tisch und geben's dann weiter. Machen wir etliche Säue darunter, so ist's freilich Eure Schuld nicht, sondern unsere Kunst, die noch sehr gering ist, ob wtr's schon zwei-, dreimal übersingen". Luthers Hauskapelle, die den mittelalterlichen Sangesbrüderschaften eine freiere, mehr gesellschaftliche Vereinigung gegenüberstellte, ist von großer Bedeutung für die Ausbildung derKantoreien" geworden, die aus lange hin das deutsche Musikleben beherrschen sollten und deren Kunstpflege schließlich in der Meisterschaft Bachs gipfelte.

So ist Luthers Tafelrunde weit mehr als ein geselliger Kreis, dessen Mittelpunkt der einzige Mann war: sie weitet sich zu einer deutschen Welt im Kleinen, sie wird zu einer der fruchtbarsten Keimzellen deutscher Kultur, und aus den Räumen desSchwarzen Klosters" ist nicht nur die deutsche Umgangssprache in ihrer reichen Mannigfaltigkeit, nicht nur die deutsche Hausmusik in ihrer wei­teren Entfaltung, sondern auch der innige Glanz deutschen Fami­lienlebens hervorgegangen. An Luthers Tafelrunde herrscht die reichste Geselligkeit, die in der deutschen Renaissance erblühte: er schuf die Poesie des deutschen Hauses und rief den Genius antiker Heiterkeit an seinen Herd. Alle guten Geister der deutschen Art, des deutschen Humors, der deutschen Gemütfichkeit schwebten segnend um diese Runde und zogen von hier aus beglückend durch die Laude.