Ausgabe 
10.11.1933
 
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GiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <955 ____________________Zreltag, -en 10. November

Nummer 87

Ein feste Burg.

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Von Martin Luther.

Ein feste Burg tst unser Gott, Ein gute Wehr und Waffen,' Er hilft uns frei aus aller Not, Die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind Mit Ernst er's jetzt meint! Groh Macht und viel List Sein grausam Rüstung ist. Auf Erd ist nicht seins gleichen.

Mit unser Macht ist nichts getan, Wir sind gar bald verloren.

Es streit für uns der rechte Mann, Den Gott hat selbst erkoren.

Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, Der Herr Zebaoth, Und ist kein andrer (Sott; Das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär Und wollt uns gar verschlingen. So fürchten wir uns nicht so sehr, Es soll uns doch gelingen Der Fürst dieser Welt, Wie saur er sich stellt, Tut er uns doch nicht;

Das macht: er ist gericht, Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lasten stahn Und kein Dank dazu haben;

Er ist bei uns wohl auf dem Plan Mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: Latz fahren dahin!

Sie habens kein Gewinn, Das Reich mutz uns doch bleiben.

Oer Mönch von Wittenberg.

Z« Luthers 450. Geburtstage am 10. November.

Von Wilhelm Schäfer.

Das Lob der Torheit lachte in den Späßen des Erasmus, der Humanismus zahlte den Scholasten den letzten Schimpf, Leo der Medicäer war Papst, und Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, starb als die unruhevolle Spindel verblaßter Herrlichkeit: da schlug zu Wittenberg in Sachsen die Stunde der neuen Zeit.

Ein Mönch hob seinen Hammer, das Mauerwerk zu prüfen, darauf im Namen Christi das Freudenhaus der Kirche gebaut war; ein Augustiner rief im Gottesstaat der Priester die Losung der deutschen Seele aus; ein Bergmannssohn aus Sachsen trat in den Rat der Fürsten, das Reich von Rom zu lösen.

Er hatte Welt und Würde abgetan nach harten Jünglings­jahren und schmerzensreich in seiner Zelle um Gott gerungen, bis sein Gewissen den Trost der Schrift, sein Glaube den Gnabenquell der Liebe fand.

Von seinem Orden als Lehrer nach Wittenberg gesandt, fand seine Predigt das Ohr des Volkes, und die Inbrunst seiner Lehre zog viel Schüler an, als ihm der Ablaßhandel Predigt und Lehre störte.

Sie schlugen ihre Buben auf gleich Kirmesleuten, mit Höllen­pein und Fegfeuer das Christenvolk zu schrecken, mit gottesläster­lichem Witz die Gläubigen zu betrügen, daß sie für einen Groschen den Ablaß ihrer Schuld und die Vergebung ihrer Sünden kauften.

Als aber T e tz e l sein Marktgeschrei in Jüterbog anhob, so daß dem Doktor Martin Luther seine Beichtkinder in Wittenberg die Ablaßzettel brachten: da schwoll dem Doktor der gottbemühte Geist im Zorn um diesen Seelenhandel.

Er schlug seine Thesen an die Schloßkirchentür, mit jedem in der Welt zu streiten: daß die iamt ihren Meistern zum Teufel führen, die durch den Groschen für einen Ablaßbrief vermeinten, der Seligkeit versichert zu werden.

Es sollte nur eine Streitschrift sein, dem Ablaßhandel zu be­gegnen, aber es wurde eine Botschaft Gottes daraus; denn wie Ge­wässer von den Bergen, so fing die Hoffnung an zu rinnen, daß hier ein Herold des Heilands die Wiederkunft verkünde.

Noch schien dem Medicäer der Handel nur Mönchsgezänk; Rom drobte mit dem Finger, die Dreistigkeit zu dämpfen: es fandie C a j e t a n . den Kardinal, und danach Miltitz, den Kammer­herrn; und was der eine hochmütig in die Grube warf, das scharrte der andere mit Taubenklughett wieder aus.

Schon schien der Trotz des Mönchs in Milde eingepackt, da sprang der Schwabe Johann E ck dazwischen mit feiner Feuer­zange.

Der hielt sich für den Kirchenvater der neuen Zeit, und er ge­dachte, mit Gelehrsamkeit den Mönch zu packen, als er den Kühnen nach Leipzig rief, Antwort zu geben auf seine frechen Thesen.

Da focht die fauchende Scholastik den letzten Hahnenkampf; durch zwanzig Tage sprangen die Kämpfer an und lieben Federn, bis der Schwabe zerrupft absuhr nach Rom, sich einen neuen Dorn zu schärfen.

Der Bannstrahl, der den Salier barfüßig nach Canossa brachte und der dem Hohenstaufen das Henkerbeil zückte, der die Stedinger ausbrannte und den Scheiterhaufen in Konstanz flammen ließ: mit dem traf nun der Medicäer den Mönch in Wittenberg.

Seines Sieges sicher brachte der Schwabe selbst die Bannbulle mit; doch war indessen der Doktor Luther hoch in der Gunst ge- stieaen, und seine Sendschreiben hatten den deutschen Zorn gezückt.

Nicht mehr dem Tetzel galt der Zorn und nicht mehr dem Ab­laßhandel, den Kutten nicht und nicht mehr den Ketzerrichtern, dem Wohlleben der Bischöfe und der Priesterverderbnis: er galt der dreifachen Krone der römischen Kirchengewalt

So konnte der Mönch in Wittenberg wagen, was Jesus von Nazareth tat. da er im Temvel die Tische der Wechsler umwarf und seinen Wehruf über Jerusalem sprach. t

Ein Wintertag klang in den Schritten der Männer und Schuler, die si'm vor das Elstertor zum verwegenen Hochgericht folgten; ein Wintertaa füllt den Himmel mit froftfattem Licht, als sie den Holzstoß ansteckten, daß die zuckenden Flämmchen sich einten zur Flamme, die steil und stolz auf dem Opferaltar stand.

Da trat er vor in den Kreis. Magister und Mönch in der Kutte und Machthaber der ewigen Gleichung; da warf er die päpst­liche Bulle hinein in das Feuer, das uralte Sinnbild der Ent­sühnung, und sprach das Wort aus Joina: Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, so betrübe und verzehre dich das ewige Feuer!