Ausgabe 
10.7.1933
 
Einzelbild herunterladen

Blick.

Grau

unterschied ... Casus hatte sein Ziel erreicht!" ...

Eine Pause trat ein. Kling stützte versonnen das Kinn in die Hand. Ein wirrer Gedankenknäuel wälzte sich in seinem Gehirn. Endlich gelang es ihm, den verlorenen Faden wiederaufzunehmen.Und Grau hat dann die Kopie, wie es ihm in der Wachsuggestion befohlen war, an Ihre Adresse geschickt, und Sie haben sie in der Inoalidenstraße in Empfang genommen? Das stimmt also. Und was geschah weiter damit?"

Ich habe dann die Kopie nach unserer bewährten Methode antikisiert und mit dem Originalrahmen versehen. Auch das geübteste Auge hätte

Abklatsch. . .,

Mein Bruder wurde immer nervöser. Er war förmlich verbissen in diese Sache und wollte seine Absicht unter allen Umständen durchführen. Zuletzt entschloß er sich gegen Ende Oktober zu einer Reise nach Kopenhagen, um vielleicht dort noch einen Maler aufzutreiben, der im­stande war, dqs Bild zu kopieren.

Aber schon am gleichen Abend kehrte er zu meinem Erstaunen von dieser Reise zurück und suchte mich noch spät in der Nacht auf. Er war wie ausgewechselt. Wie elektrisiert. Seine Augen funkelten triumphie­rend. Er packte mich bei den Schultern.

Du Spatz, heute habe ich ein Experiment gemacht ... Ein fabelhaftes Experiment! Wenn das glückt dann gehört uns die Welt, mein Söhnchen! Dann kann uns nichts mehr passieren!"

Und er erzählte in überstürzten Worten, daß er aus der Fahrt im Kupee einen jungen Maler kennengelernt habe:Einen seltenen Kauz sage ich dir! Ganz primitiv noch beinahe kindlich. Und dabei von einer Sensibilität ...! Man brauchte bloß anzutippen prompt reagierte er.

Zuerst interessierte er mich nur als pathologischer Typ. Aber dann aus einmal kam mir ein Einfall. Ein grandioser Einfall! Dieser Bursche da sagte ich mir müßte ein famoses Objekt fein für ein hypnotisches Experiment. Und warum sollte ein Mensch, wenn er aus hypnotischen Befehl eine rohe Kartoffel für den besten Apfel ißt, nicht auch ein Bild für eine lebende Person ansehen .

Der Richter und Kommissar Kling wechselten einen überraschten Eine ganz vage Erkenntnis schien in Kling aufzudämmern.

Dann war also diese Gräfin nichts anderes als ..."

Ein Bild. Ja, meine Herren nichts anderes, als das! a war nur in dem Glauben, daß er ein lebendiges Modell vor sich hatte. Mein Bruder hate ihm das suggeriert. Er brachte das Originalgemälde zu einer ,einmaligen Sitzung' nach Stralsund und stellte es ihm als feineNichte" vor. Und Grau verliebte sich unter der Einwirkung feiner Hypnose derartig in das Modell, daß er eine Kopie zustande brachte, die ein Kunstwerk für sich darstellte und sich in nichts vom Original

Dann wäre Ihnen also fein Tod eigentlich fefyr gelegen ge- tommen ? **

Caspar Fuchs starrte ihn eine Sekunde sprachlos an. Dann ant­wortete er ohne Erregung, mit einem fast traurigen Lächeln.Jcem Herr Kommissar, - ich habe ihn nicht getötet! Ich weiß, daß Sie diese Möglichkeit im Augenblick erwogen haben. Aber das ist ein Absurdum. Wenn Sie mein inneres Verhältnis zu Casus begriffen hatten, wurde Ihnen dieser Gedanke nie gekommen fein. Niemals wäre ich imstande gewesen, ihn zu morden. Auch nicht aus Siebe zu Olly ...

Auch nicht in Notwehr?"

Vermutlich nein! Aber ich versichere Ihnen Caius ist eines durchaus natürlichen Todes gestorben." Er lächelte ironisch.

Und außerdem haben Sie ja was für Sie mehr ins Gewicht fallen dürfte als alle meine Beteuerungen mein Alibi! Ich war an jenem Samstag als Cajus "sich die Verletzung zuzog, wirklich bei Pastor Lenck in Potsdam. Das ist ja bereits einwandfrei festgestellt.

Er hatte die letzten Sätze mit so ruhigem und überzeugenden Ernst gesprochen, daß Kling sich gezwungen sah, den plötzlich in ihm aufge- ftiegenen Verdacht wieder fallen zu lassen. Er ging schnell zu einem anderen Punkt über: ..., r

Dann wollen Sie uns also, bitte, die Sache mit Grau erzählen, Herr Fuchs! Ist Ihnen bekannt, wann und wie Ihr Bruder den Maler kennen 9eler@eroi6, fogär mit allen Einzelheiten ist mir dies bekannt! Aber wenn Sie'erlauben, möchte ich der Reihe nach erzählen, damit Sie em voll­ständiges Bild bekommen ... Also eines Tages es ist schon über ein Jahr her, zeigte mein Bruder mir das OelgemäldeDie Dame mit dem Otterpelz" von Guarnado, das er von Graf Werdenburg in Pfand ge­nommen hatte. Er machte wohl öfter derartige Geschäfte und meist ver­fielen die Pfänder und blieben in feiner Hand. Auch diesmal hatte er es wohl auf die e Spekulation abgesehen. Er war ganz verrückt nach dem Bild. Und einmal sagte er, er hätte bereits einen Interessenten dafür gefunden. Und es sei mindestens eine Million daran zu verdienen.Die Million ist mir schon so gut wie sicher, mein Lieber", lachte er.Denn der alte Pleitegeier wird die sechzigtaufend Mark nie mehr aufbringen können." Aber diesmal hatte er sich verrechnet. Vor etwa anderthalb Monaten kam er eines Tages, weiß vor Aufregung, zu mir und zeigte mir einen Bries, worin der Gras ihm mitteilte, daß er die Schuldsumme bis zu einem bestimmten Termin bei seiner Bank hinterlegen werde und die Rücksendung des Bildes erwarte ..."

Mein Bruder war außer sich. Er tobte vor Wut und Enttäuschung. Dann plötzlich sagte er mit wildem Entschluß:

Wir müssen es .restaurieren', Spatz! Dieses Geschäft darf uns nicht durch die Lappen gehen so wahr ich lebe!" Anfang Dejember kommt mein Interessent aus Amerika. Und wenn unsere schöne Grasm erst mal jenseits der großen Pfütze ist, dann können sie uns nichts mehr wollen ..." ... , , .

, Aber je näher der Ablieferungstermin ruckte, um so mehr schwand feine Zuversicht. Die Kopisten, die er für derartige Zwecke an der Hand hatte, verfugten vor diesem Bild. Keiner war imstande, auch nur an­nähernd den subtilen Reiz des Gemäldes wiederzugeben. Alle Kopien erwiesen sich im Vergleich mit dem Original als roher und stümperhaster

keinen Unterschied gefunden. Und ich war so grotesk es klingt so stolz aus diese Fälschung, daß ich sie am liebsten behalten hätte ... Alles übrige hat Cajus dann selbst besorgt. Er hat an jenem Samstag wahrend meiner Abwesenheit bas Bild in meiner Wohnung verpackt und zur Post chafsen lassen. Und bei dieser Gelegenheit hat er sich auch die Ver­letzung beigebracht, an der er später gestorben ist ..."

' Der Kommissar grübelte in sich hinein.

Merkwürdig ... Wissen Sie über den Unfall etwas Näheres?

,^a, soviel mein Bruder mir davon erzählt hat. Ich ries ihn am Sonntagmorgen, nachdem Ihre Beamten bei mir gewesen waren, sofort an um ihn zu warnen. Denn ich merkte natürlich, daß irgendwas gegen uns im Gange mar. Nur was es war, konnte ich nicht erraten. Einen Augenblick fürchtete ich schon, daß es sich um eine Verwechslung handelte, und daß Cajus währens meiner Abwesenheit in meiner Wohnung um­gebracht worden war. Erst, als ich am Telephon feine Stimme hörte, war ich beruhigt. Ich kleidete mich sofort an und fuhr zu ihm. Er sah da schon sehr schlecht aus und ich merkte, daß er Schmerzen hatte. Seme linke Hand war dick umwickelt mit Taschentüchern und allerhand un­sauberem Zeug. Wie das so in seiner nachlässigen und gleichgültigen Art lag. Und er erzählte mir auf Befragen, daß er sich beim Verpacken der Kiste ein Brecheisen durch die Hand gerannt habe.Wie hast du denn das angestellt?" fragte ich noch halb im Scherz, denn mir war eine solche Ungeschicklichkeit ganz unverständlich. Und auch seine eigene Schilderung des Unfalls klang völlig rätselhaft. .

, Ja denke dir" erzählte er mit einer gequälten Grun-che wie ich am Boden knie und den Deckel aufnagele wird mir plötzlich fürchterlich schlecht. Weiß Gott, was es war vielleicht eine plötzliche Herzschwäche, oder das Bücken ist mir nicht bekommen jedenfalls wurde mir mit einem Mal ganz grün vor den Augen. Das ganze Zimmer drehte sich um mich. Ich will aufstehen und ich weiß nicht mehr habe ich das Eisen schon in der Hand gehabt oder habe ich erst in meiner Verwirrung blindlings danach gegriffen ... Aber wie ich schon halbaufgerichtet war, verlor ich auf einmal das Bewußtsein ... Nur aus ein paar Sekunden. Aber das hat genügt. Ich merkte noch, daß ich vornüberfiel, aber ich konnte mich nicht mehr halten ... Die Bilderkiste stand mir im Weg. Und ganz dunkel spürte ich einen rasenden Schmerz in meiner linken Hand ... Als ich kurze Zeit darauf wieder zu mir kam, lag ich mit dem Oberkörper am Boden und mit den Seinen aus der Kiste. Ein Wunder, daß ich nicht den Hals gebrochen habe! Mein Gesicht war voller Blut und ich dachte zuerst, ich hätte eine Kopfverletzung. Aber da war alles intakt. Nur an der linken Hand hatte ich eine Wunde, die stark blutete. Ich muß mir im Fallen das Stemmeisen hineingerannt haben. Es ging durch und durch ... Na, bloß keine Ausregung es hätte schlimmer ausfallen können! ... Er war nicht zu bewegen, nur die Wunde zu zeigen. Er ließ ja nie etwas an sich tun und vernachlässigte jedes Leiden. Wir waren alle schon so daran gewöhnt, daß wir uns gar nicht viel Gedanken machten. Aber schon am Montag rief Olly mich aus dem Krankenhaus an, daß fein Zustand bereits hoffnungslos fei. Ich habe ihn nicht mehr lebend wiedergesehen ..."

Und was für eine Absicht hatten Sie weiterhin mit dem Bild?" ergriff nach einer kurzen Stille der Untersuchungsrichter das Wort.Ich meine natürlich den echten Guarnado. Was gedachten Die damit anzu- fangen?"

Der Angeklagte zuckte die Achseln:

Ich weiß nicht. Ich habe in all dem Trubel der letzten Tage über­haupt noch keine Zeit gesunden, darüber nachzudenken"

Aber Sie haben es doch sorgfältig versteckt!"

Das habe ich bereits getan, als ich das erstemal durch den Besuch der Polizei alarmiert war. Das Bild hatte bisher in meinem großen Kleiber» schrank gestanden. Aber dieses Versteck schien mir nicht mehr sicher genug. Ich mußte ja jeden Augenblick eine Haussuchung erwarten. Und da ver­steckte ich es auf Casus' Rat noch an jenem Sonntag zwischen zwei Ma- tratzen hinter der Tür ..."

Ich danke Ihnen ..." Der Richter warf Kling einen fragenden Blick zu. Dieser nickte schweigend.

Wir wollen Sie für heute in Ruhe lassen, Fuchs. Das Verhör scheint Sie ziemlich mitgenommen zu haben ..."

Der Angeklagte erhob sich schwerfällig. Im Abgehen streifte er die beiden Herren mit einem unsicheren Blick. Endlich nach einem verstockten Zögern rang er sich die Frage ab:

Wird es mir jetzt vielleicht gestattet sein ein paar Zeilen an Olly Hohmann zu schreiben? Ich möchte nicht, daß sie allzu schlecht von mir denkt."

Und Kommissar Kling antwortete mit einem Blick auf den Richter: Ich glaube dem steht jetzt nichts mehr im Wege!"

20.

An einem der nächsten Abende suchte Kommissar Kling Dr. Morris in feiner Privatwohnung aus. Er fühlte das unbezwingliche Bedürfnis, sich mit diesem klugen und feinfühligen Arzt über einige Fragen auszufprechen, die ihn feit Tagen beschäftigten und fein seelischs Gleichgewicht in nicht unbedenklicher Weise bedrohten.

Dr. Morris sah ihn prüfend an.Sie sehen gar nicht sehr frisch aus, lieber Kling! Es scheint, daß Sie sich mit dem Fall Grau ein wenig über­nommen hakPn!"

Kling ließ sich seufzend in einen bequemen Klubsessel sollen.

Das scheint mir beinahe auch!" nickte er mit leiser Selbstironie.Wenn auch in anderer Hinsicht, als Sie meinen; lieber Doktor!"

Das verstehe ich nicht", verwunderte sich der Arzt.Mir scheint im Gegenteil, daß man Ihnen zu dieser Sache ausrichtig gratulieren darf. Sie hat doch eine geradezu überraschend schnelle Lösung gefunden."

Kling hob die Schultern.Mag fein. Nach außen hin vielleicht. Aber für mich selbst, verstehen Sie, wird sie immer unter den .unaufgeklärten Fällen rangieren." (Schluß folgt.)

'Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Derlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.