blinder Alarm. Wir haben keinen Abschied nehmen können. Diese Begegnung bewegte mich lange auf eine sehr eindringliche Art. Es kam mir vor, wenn ich des Oberstleutnants weitere Schicksale erführe, dann mühten mir allerlei Fragen, die mich sehr beschäftigten, plötzlich beantwortet sein. Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Wesen der Welt und des Schicksals: denn so drückt man sich ja wohl aus in dem Alter, in welchem ich mich damals befand. Ich bin ihm nicht wieder begegnet; Nachforschungen, die ich in den Kreisen der Emigranten anstellte, blieben ohne Erfolg; später wurden mir andere Dinge wichtig; man weiß, wie das zugeht; ich habe Kinder und Arbeiten und finde den Namen des Oberstleutnants heute nicht mehr in meinem Gedächtnis.
kalte Grausamkeit machten sie verhaßter, ckls es der unmenschlichste Russe seinen Landsleuten hätte werden können. Andere begriffen nur, daß die Weihen irgendeinen Streit unter sich hatten, dah die Brote teuer und die Schießereien häufig geworden waren und daß man trachten mußte, irgendwie, zu Fuß und auf Waggondächern, mit den gesparten Rubeln zu Eltern und Kindern nach Tschang-Ling oder Sam-Schm sich durchzuschlagen.
„Was für ein Kerl war dieser?" sagte der Oberstleutnant. „Ein Mitganger der Roten? Oder hat er ahnungslos ein weggeworfenes Gewehr aufgehoben und gemeint, vielleicht gibt ihm einer ein paar Rubel Reisegeld dafür? Ich habe mir eine Weile den Kopf zerbrochen, er tat mir leid. Schließlich, — ich hatte keinen Dolmetscher, mitschleppen konnten wir ihn nicht, zuwarten auch nicht, der Marschbefehl lag vor. Wenn er ein roter Freischärler war, sollte ich ihn im Rücken der Truppe laufen lassen? Meine Instruktion war deutlich. Und was zum Teufel hat denn unser Beruf für einen Sinn, wenn nicht den, daß wir Gewissensverantwortungen aus uns nehmen, di« dem gemeinen Mann zu schwer zu tragen wären?
Ich gebe dem Ehinesen ein Stück Brot, einen Schnaps, eine Zigarette, ich sage zu meinem Adjutanten: Ab an die Wand. Nachher frage ich und höre, er hat immer lauter und höher geschrien: „Nicht russisch! Nicht russisch!" — womit er vielleicht ganz andere Dinge hat ausdrücken wollen, nur fehlten ihm di« Worte. Dann ist er still geworden und hat mit gesenktem Kopf aus seine Kugeln gewartet. Da habe ich gedacht, ich hätte ihn wohl laufen lassen dürfen, ohne daß es eine Pflichtverletzung gewesen wäre.
Ich muß Ihnen aber noch mehr von diesem Chinesen erzählen. Da wär« es ja nun sehr leicht für mich, die Geschichte mir nachträglich zurechtzulegen, wie man das meistens tut, und etwa zu sagen, der Vorfall habe mich in der Erinnerung beunruhigt. Aber ich habe kaum mehr an ihn gedacht, es gab so viel anderes und auch Aergeres, und auch geträumt habe ich nicht von ihm.
Ein halbes Jahr darauf werde ich mit einem Auftrag zum General Subrinski geschickt, irgendwo hinter Taganrog. Der Stab liegt auf einem Gut, dreißig Werst von der Bahnstation. Mein Zug kommt an, es ist ein klarer. Frühlingsmorgen. Vor dem Bahnhof hält ein Kraftwagen mit dem Stabsfähnchen. Ich frage den Fahrer, er soll ExzellenzSoundso abholen, es war irgendein früherer Dumadeputierter oder Minister, was weiß ich. Er kommt und hat Eile, ich frage, ob er mich mitnehmen will. „Bitte sehr!" Ich habe den Fuß schon auf dem Trittbrett, da sehe ich jenseits des Wagens auf fünfzehn Schritt einen Chinesen stehen. Ich denke, warum soll da kein Chinese stehen, und will den anderen Fuß nachziehen. Der Chinese winkt mir, ich stutze. Das alles war in Sekunden. Er winkt dringlicher, ich trete zurück. Ich habe keinen bestimmten Gedanken gehabt in diesen Augenblicken, es kam mir einfach so vor, als sei es wichtiger, auf ihn zuzugehen, als in den Wagen zu steigen. Ich ging also um den Wagen herum, der Chinese entfernte sich, ich ging hinter ihm her auf den kleinen Garten zu, in welchem der Stationsvorsteher seine Laube und seine Fliederbüsche hatte. Der Cinese wandte sich um und winkte mir wieder, vom Wagen her wurde nach mir gerufen. Jetzt fällt mir ein, daß er ja einen Anzug hat wie der Gefangene in Kudrowo, und ein verkrüppeltes Ohr, ja, das hat er auch.
Es wurde mir eiskalt ums Herz, ich wußte, er führt mich in die Dunkelheit einer unausdenkbaren Rache; aber ich hatte nicht die Gewalt, umzukehren oder stehen zu bleiben. Der Chinese war in die Laube getreten; ich bin aus die Laube zugegangen, wie ich bei Brzezany aus Ihre Stellung zugegangen bin, da habe ich ja auch nicht umkehren oder abbiegen können, obwohl das vielleicht angenehmer gewesen wäre. Aber wie ich in die Laube komme, da ist sie leer, und sie hat doch nur einen Zugang. Ich denke, ich habe mich geirrt; ich schaue mich im Garten um, vergebens. Ich beginne plötzlich zu lausen, denn es gab für mich nichts Wichtigeres als diesen Chinesen; ich renne auf den Bahnsteig, an ine Rampe, durch die Warteräume, über die Gleise, ich frage Soldaten und Eisenbahner: Nichts. „
Nun, ich war sehr verstört: aber ich hatte ja meinen Auftrag, was blieb mir übrig? Der Stahswagen war weg, der Politiker hatte es ja eilig gehabt, wie hätte er warten sollen, wenn ich plötzlich wie ein Unsinniger davongegangen war? Mit einiger Mühe beschaffte ich mir ein Bauernsuhrwerk. Unterwegs hörte ich, was geschehen war. Das «tabs- auto war in der Kurve mit einem Lastkraftwagen zusammengestohen, einem behelfsmäßigen Panzerauto, irgend so ein junger Bengel von der Junkerschule hat es gesteuert, weiß der Teufel, wie es zuging, aber der Stabswagen ist darausgegangen, und der Fahrer und der Politiker waren auf der Stelle tot. ...... ...
Ich habe Ihnen eigentlich nichts mehr zu erzählen, d,e G^chichte ist xu Ende. Aber das Wichtigste fängt doch jetzt erst an, nämlich es muß sich ja noch der Sinn offenbaren. Denn sehen Sie, wenn eine Sache auf der Welt einen Sinn hat, dann muß alles auf der Welt einen Sinn haben, und wenn Sinnloses möglich ist, dann muß alles ohne Sinn [ein. Davon ist natürlich nicht zu reden, daß ich mich getäuscht habe oder daß es irgendein anderer Chinese gewesen sein könnte, ich kann ja chinesische Gesichter auseinanderhalten, dieses hatte noch seine Merkmale, und es ist ja auch von niemandem auf der Station ein Chinese gesehen worden, hat sich mein Schutzengel dieser Verkörperung bedient? Ader warum gerade dieser? Oder war es der Chinese, der sich in Kudrowct selber sein letztes Loch schaufeln mußte? Wenn ich an feine guten Augen denke, dann könnte ich es mir vorstellen. Wollte er sich vor mir rechtfertigen? Was konnte ihm daran liegen? Oder mein Gewissen beladen? Vielleicht sollte auch durch dies Geschehnis irgend etwas Besserndes in mir bewirkt werden, ich weiß es nicht. Dann aber bin ich auch zu der Meinung gekommen, ich sollte gerettet werden, um einem noch viel, viel schrecklicheren Schicksal aufgespart zu bleiben, und das hat der Chinese so einzurichten verstanden, der ein gerissener roter Zaunschütze gewesen ist oder ein armes Gotteskind."
*
Jemand schrie: „Der Zug aus Alexandrowka!" Der Oberstleutnant sprang auf und rannte mit den anderen davon. Diesmal war es kein
Oie Dame mit dem Otterpelz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
„Als ich in die Heimat zurückkchrte, war mein Bruder bereits auf dem besten Wege, ein reicher Mann zu werden. Er hatte die Zeit benutzt und sich durch geschickte Spekulationen in die höhe gearbeitet. Damals hatte er gerade um ein Spottgeld von einer verarmten Kriegerwitwe das Haus am Schöneberger Ufer gekauft und forderte mich auf, zu ihm zu ziehen. Aber ich schlug sein Anerbieten aus. Ich hatte die feste Absicht, mich nach und nach von ihm loszulösen. Und ich begann mit dieser räumlichen Trennung ... Zum Glück sand ich auch bald darauf ein« Anstellung bei Neff & Petersen, wo ich all die Jahre auch verblieben bin ... Es ist keine sehr anregende Tätigkeit. Und das Gehalt steigt nur sehr langsam. Ader man muh ja heutzutage froh fein, wenn man überhaupt irgendwo unterkommt ..."
„Und — wie ging es weiter?" Kling reichte ihm eine neue Zigarette, „haben Sie die „geschäftlichen" Beziehungen zu Casus Fuchs wieder ausgenommen?"
„Vorerst nicht. Ein paar Jahre lebte ich von meinem Gehalt. Mein Bruder stellte auch kein neues Ansinnen mehr an mich — seine anderen Geschäfte schienen genug abzuwersen. Er hatte inzwischen eine entfernte Verwandte zu sich genommen, Olly Hohmann. Sie hatte schnell hintereinander ihre beiden Eltern verloren und war damals ein Kind von elf Jahren. Soweit Casus Überhaupt imstande war, zu lieben — liebte er dieses kleine Mädchen. Er ließ ihr die beste Erziehung angedeihen. Er war für seine Person der anspruchsloseste Mensch. Er gönnte sich nicht einmal einen anständigen Anzug. Aber für Olly war ihm nichts gut genug. Sie hätte in dieser Umgebung ein verwöhntes Durchschnittsgeschöpf werden können, wenn sie anders veranlagt gewesen märe. Aber sie zeigte schon fehr früh einen starken Drang zur Unabhängigkeit. Sie setzte es durch, eine bakteriologisches Examen machen zu dürfen und eine Stellung als Laborantin anzunehmen. Obwohl sie zu Hause ein bequemes, wenn nicht luxuriöses Leben hätte führen können."
Kling nickte zustimmend.
„Das entspricht ganz dem Eindruck, den ich von ihr empfangen habe. Aber erzählen Sie weiter! Wann haben Ihre geschäftlichen Beziehungen zu Fuchs wieder eingefetzt? Denn daß Sie diese Geschäfte schon seit einiger Zeit wieder betrieben haben, dafür spricht ja Ihr „Atelier", das wir ausfindig gemacht haben. Wegen einer einzigen „Restaurierung" haben Sie sich diesen Raum wohl nicht zugelegt."
„Nein — ich habe ihn mir vor etwa anderthalb Jahren ausbauen lassen. Denn aus einmal fing mein Bruder wieder an, mich mit Aufträgen zu bestürmen. Eine wahnsinnige Geldgier schien ihn plötzlich gepackt zu haben. Er konnte gar nicht genug Mammon anhäufen. Und ich glaube auch den Grund zu erraten, warum er plötzlich so unersättlich im Erraffen war ..."
„Warum meinen Sie?"
„Weil er in Olly verliebt war ... Weil er beabsichtigt«, sie zu heiraten. Und weil er fühlte, daß er, ein alternder und schwerleidender Mann, seinem Antrag nichts mehr entgegenzusetzen hatte — als — Geld. Und nochmals Geld ..." .....
„hat er denn diese Absicht Fräulein Hohmann gegenüber schon einmal geäußert? ..." ....
„Nein — aber sie ahnte es wohl. Und wir berieten bereits, ob es nicht besser für sie wäre, fein Haus vorher zu verlassen. Aber ich — mit meinem bescheidenen Gehalt — was hätte ich ihr bieten können! Und da ..." .
Er geriet ins Stocken und langsam stieg ihm eine dünne Rote ,ns Gesicht. Erst nach einem kurzen inneren Ringen entschloß er sich, weiter zu sprechen. „Da kamen mir Cajus Aufträge sehr gelegen. Ich sah darin die einzige Möglichkeit, Geld zu machen. Und ich hoffte, wenn alles glatt ging, in etwa einem Jahr soweit zu sein, daß wir — Olly und ich — unseren eigenen haushalt gründen könnten. Da kam die Geschichte mit Grau ..."
„Eine Frage noch! hatte Ihr Bruder eine Ahnung von den Beziehungen zwischen Ihnen und Olly Hohmann?"
„Das glaube ich nicht. Wir waren in seiner Gegenwart immer sehr vorsichtig ... Nein, — er war bestimmt ganz ahnungslos. Denn er räumte mir ja selbst eine Art von brüderlichem Beschützeramt über Olly ein. Er fchickte mich mit ihr Ins Theater und zum Tennisspielen und anderen Vergnügungen, an denen er selbst durch Geschäfte oder sein körperliches Leiden verhindert war. Und er kannte unsere gemeinsame Leidenschast für das Schachspiel. Schon als kleines Ding hat Olly ganze Sonntage mit mir vor dem Schachbrett gesessen."
,Und wenn er es eines Tages doch gemerkt hatte? Was glauben Sie — würde er bann getan haben? ..."
Fuchs zuckte die Achseln:
„Ich weiß nicht. Vielleicht hätte er mich ...Ich sagte Ihnen ja vorhin schon, daß er zu allem fähig war."
Der Kommissar spielt nachdenklich mit seinem Bleistift. Plötzlich hob er den Blick und sah dem Angeklagten durchdringend in die Augen.


