Ausgabe 
10.7.1933
 
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lebnis seltener Augenblicke, der ist ein schlechter ein unreife Leser, Er weib ja nicht daß alle Dichtung und alle Philosophie der Leit auch i ihm selbst Hegt, dah auch der größte Dichter aus keiner andern Quelle Schöpfte als aus der, die jeder von uns im eigenen Wesen hat. Sei auch nur e nmal im Leben eine Stunde, einen Tag lang auf der dritten Stufe, aus der des Nichtmehrlesens, so wirst du nachher (die Rückkehr ist so leicht') ein desto besserer Leser, ein desto besserer Hörer unb Detter alles Geschriebenen sein. Habe nur ein einzigesmal auf der Stufe gestanden, wo der Stein am Wege dir ebensoviel bedeutet wie Goethe und Plato, so wirst du nachher aus Goethe, Plato und allen Buchern unendlich mehr Wert, mehr Saft und Honig ziehen als jemals vorher. Denn die Werke Goethes sind nicht Goethe, und die Bände Dostojewskys sind nicht Dosto­jewsky, sie sind nur sein Versuch, sein zweifelhafter und n,e! zum Ziel gebrachter Versuch, die vielstimmige, vieldeutige Welt, deren Mittelpunkt er war, zu bannen. .

Versuche ein einzigesmal eine kleine Gedankenreihe, wre sie dir im Svalierenaehen kommt, festzuhalten! Oder scheinbar leichter, einen em= taten Iraum den du in der Nacht gehabt hast! Du hast etwa geträumt, ein Mann bedrohe dich erst mit einem Stock, verleihe dir dann aber einen Orden Aber wer war der Mann? Du besinnst dich, du findest an ihm Zuge deines Freundes, deiner selbst, deines Feindes, aber etwas an ihm ist auch anders, ist weiblich, er hatte, nicht zu sagen wie etwas an sich, was dich an eine Geliebte, an eine Schwester erinnert. Und sein Stock, der dich bedrohte, hatte eine Krücke, d,e erinnert dich an den Stock, mit dem du einst deine erste Ferienwanderung als Schuler gemacht hast, und da brechen hunderttausend Erinnerungen ein, und wenn du den Inhalt des einfachen Traumes festhalten und aufschrelben willst, sei es auch nur stenographisch und in Stichworten, so kannst du ehe du nur bis zum Orden kommst, schon ein Buch oollgeschrieben haben ober Zwei, oder lehn Denn der Traum ist nichts als das Loch, durch das du in den In­halt deiner Seele siehst, und dieser Inhalt ist die Welt, nicht mehr und nicht minder als die Welt, die ganze Welt. Und so tote ein Versuch, deinen Traum aufzuschreiben, sich zur Welt verhalt, tue dein Traum um- suht so verhält sich das Werk des Autors zu dem, was er sagen wollte.

Am zweiten Teil von GoethesFaust" haben Gelehrte und Liebhaber nun bald hundert Jahre herumgedeutet, sie haben die ichonsten und die dümmsten, die tiefsten und banalsten Deutungen gesunden. Aber m jedem Dichterwerk ist, wenn auch verhüllter, heimlich unter der Oberfläche die namenlose Bieldeutigkeit vorhanden, dieseUeberdetermmiertheit der Symbole", wie die neuere Psychologie in ihrer Sprache sagt. Ohne sie, sei es auch nur ein einzigesmal, in ihrer unendlichen Fülle und Unaus- beutbarteit erkannt zu haben, stehst du jedem Dichter und Denker be­schränkt gegenüber, nimmst für das Ganze, was nur ein kleiner Teil ist, glaubst an Deutungen, die kaum der Oberfläche gerecht werden.

Die Wandlungen des Lesers zwischen den drei Stufen sind, wie sich von selbst versteht, jedem Menschen auf jedem Gebiete möglich. Dieselben drei Stufen mit tausend Zwischenstufen kannst du einnehmen der Bau­kunst der Musik, der Zoologie, der Historie gegenüber. Ueberatl wird die dritte Stufe, auf der am meisten du selbst bist, deine Leserschast ausheben, die Dichtung aufläsen, die Weltgeschichte auflösen. Sie wird für Augen­blicke, alle Gestaltung und Ordnung auflöfen, weil sie nichts andres ist als die Einkehr in die Einheit, welche hinter dem Vielerlei der Gestaltun­gen steht.

Und doch wirst du, ohne diese Stufe ahnungsweise zu kennen, alle Bücher, alle Wissenschaften und Künste immer nur lesen wie ein Schuler eine Grammatik liest.

Der Spinnerin Lied.

Von Clemens Brentano.

Es fang vor langen Jahren Wohl auch die Nachtigall, Das war wohl süßer Schall, Da wir zufanmien waren.

Ich fing und kann nicht weinen

Und spinne so allein Den Faden klar und rein, Solang der Mond wird scheinen.

Da wir zusammen waren, Da sang die Nachtigall, Nun mahnet mich ihr Schall, Dah du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen. Gedenk ich dein allein, Mein Herz ist klar und rein, Gott wolle uns vereinen!

Seit du von mir gefahren, Singt stets die Nachtigall, Ich denk bei ihrem Schall, Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen, Hier spinn ich so allein, Der Mond scheint klar und rein, Ich fing und möchte meinen!

saure Gurken und ungesüßten -Lei des Wartens, verließ man c.. Stunde, so konnte man gewärtig

Oer Chinese.

Erzählung von Werner Sergengruen.

Während eines jener kleinen Feldzuge bie im °^en.®ur°p° Beendigung des großen Krieges geführt wurden, hatte ich auf einer bebeutungslofen Bahnstation drei Tage lang auf eine Möglichkeit zur Weiterfahrt zu warten; dergleichen gefchah einem bamals häufig. Nichts iit mir aeaenroärtiaer als solche Bahnhofsraumlichkeiten: der faue.liche Lruch LL SoWLuch, Leder, schwamm Brot und Machorka-Tabak, die Zigarettenstummel, die ausgespuckten Hülsen von S°nnenblumen- temen aus dem Boden, die unbegreiflich jufammengebrangten Menschen Haufen,Flüchtlinge mitBünbeln und schreienden Kindern, kla^nde grauen, Männer in Solbatenmänteln, liegend, hockend, viele rm Stehen Ma send, bewaffnet ober unbewasfnet; niemand konnte Nochfoldaten und Nichtmehrsolbaten untertreiben. An ber Wanb bes Wartesaales die fliegenbeschmutzte Preistafel von einst: die große Portion Hasenbraten in saurer Sahne für vierzig Kopeken, am Busctt aber nichtsals saure Gurken und ungesüßten Tee, das Glas für dre, Rubel. Eme Holle Lg Wartens, verließ man aber den Bahnhof auch nur für eine Stunde, so konnte man gewärtig oder geasth sein, den Zug zu ver-

Jch faß auf meinem Koffer, den zweiten Sitzplatz uberheß ich einem Oberstleutnant, der auf den Gegenzug wartete. Es war em schlich ter und gesammelter Mensch in den Vierzigern mit.°ng°nehmer e was leiser Stimme und mit einer goldenen Brille Sein Gestcht habe ich nicht vergessen: dars ich sagen, dah er etn belegtes Gesicht hatte, wie andere Menschen eine belegte Zunge haben? Wahrhaftig, em treffen­deres Wort finde ich nicht für diesen sonderbaren ^g geduldigen °b r unaMdjüttelbaren Orüblcrtums. Im übrigen war er ein Popensohn wie so viele Osfiziere von der Linieninfanterie; er stammte aus einem jener zahllosen Jnsanterieregimenter, die sich durch nichts unterschieden als durch ihre Nummern, und aus einer jener zahllosen Promnzgarmsonen, die sich durch nichts unterschieden als durch ihre Namen.

Man weih, welch eigentümliche Verrückung des Zeitsinns auf See= führten zu geschehen pflegt: am Abend des ersten Tages sind einem bie Mitreisenden so vertraut, als habe man vier Wochen miteinander in einer Pension gelebt. Aehnliches vollzog sich hier . .

Wir hatten bald festgestellt, dah wir >m großen Kriege einander gegenübergelegen hatten, in einem Geländeabschnitt, den wir die Bub- noroer Mulde nannten, während er bei den Russen ber «rigabiers= winkel hieh, unb wir Erinnerten uns mancher Vorfälle aus jener Zeit. Wir bewirteten einander mit unseren Mundvorräten; er teilte seine Lektüre mit mir, indem er mir sorgfältig, sobald er zwei Seiten ge­lesen hatte, bas herausgerissene Blatt hinreichte, es war eine russische Ausgabe besHundes von Baskerville". Wir wechselten uns ab in den halbstündigen Erkundungsgängen zum Stationsvorsteher Kurz wir teilten- eine Zeitspanne, die uns das Gewicht eines >w Kerker verbrachten Jahres zu Haden schien. Unsere Gespräche unterbrach häufig das auf. springende Gerücht, der Zug sei im Anrollen. Da hieh das Gepäck nehmen und auf den Bahnsteig stürzen, um sui'den Kamps um de Wagentür in vorderster Linie bereit zu stehen. War das Gerücht als trügerisch erwiesen, so galt es die gleiche Hetzjagd zurück in den Warte­aal wollte man nicht der paar Kubikfuß geheizten fftaumes Dcrluftig gehen. Am zweiten Tage erzählten wir uns Dinge, die nicht mehr an der Oberfläche unfern Existenzen lagen. Am dritten berichtete er mir fein ^Ein'^Jahr vor unserer Begegnung war der Oberstleutnant mit einem Freiwilligenbataillon im Vormarsch gegen die Rote Garde. In Ki^rowo kommen zwei halbwüchsige Jungen mit einem Gesungenen zum Batall- lonsftob unb mit einer schriftlichen Meldung ihres Kompaniefuhrers. der Chinese sei mit geladenem Militärgewehr in einer Dorstadtgasse er- wischt worden, Munition, Ausrüstungsstücke ober Papiere habe er nicht gehabt, Russisch spreche und verstehe er nicht.

U Der Oberstleutnant läßt ihn vorsühren. Er hat ein paar Jahre in ber Mandschurei Dienst getan, Chinesengesichter sind ihm gelau ig; über die gängige Meinung Europas, alle Chinesen hätten ununterscheidbar, eine einzigartige Physiognomie, ist er hinaus. Dieser Gefangene hat zu- dem noch ein Merkmal, nämlich das rechte Ohr ist verkrüppelt, ob von Geburt ober infolge einer Verletzung, ist nicht zu ersehen. Auch meint ber Oberstleutnant, die Augen bes Arrestanten feien runder gebildet, als es bei feiner Nation die Regel ist; übrigens find es freundliche Augen, ja man muß vielleicht sagen: gute Augen.-Sonst besagen seine Zuge, daß er ein Kuli ist ohne mehr Verstand als zum Sandschippen gehört vermutlich arbeitsam und leicht zufrieden zu stellen, jetzt inbeffen oon Schrecfniflen verschüchtert unb voll einer unbestimmten Erwartung. Er hat hohe Stiesel an unb einen zerrissenen stäbtischen Anzug.

Man mag bei ber Kompanie geglaubt haben, der Oberstleutnant ver­stehe von srüher her ein wenig Chinesisch. Daher hat man ihm den Mann geschickt, vielleicht, daß ein Verhör Wissenwertes zutage bringt Nur aus diesem Grunde hat der Kompaniesührer ihn nicht erschießen lassen, wozu er berechtigt, ja, verpflichtet war; denn der Chinese wurde mit der Waste in der Hand betroffen, und es war längst durch Maueranschlag bekannt gemacht worden, welches Schicksal den unbefugten Waffenträger er- w°D*er Oberstleutnant hat seine zehn ober zwölf chinesischen Worte längst vergessen. Er fragt russisch. Der Gefangene antwortet:Nicht Russisch - Fragen, Drohungen, Kunstgriffe, wie man sie zur Entlarvung von Simu­lanten anwendet das Ergebnis bleibt unverändert:Nicht Rustycy .

In Westeuropa wissen wenige, welche Mengen chinesischer Shihs als billige Arbeitskräfte in ber männerarmen Kriegszeit nach Rußland ström­ten. Bei Bahn-, Straßen-, Dammbauten arbeiteten sie zu Tausenden, hausten in Kolonnen miteinander, hatten ihre Köche, Einkäufer, fprcuy- kundige Vertrauensleute, die für sie mit Behörden, Unternehmern, Loyn- zahlern verhandelten, da konnte es geschehen, daß einer zwei Jahre im Lande war, ohne ein Wort Russisch zu lernen. Als die Ordnung I löste, schlossen sich viele den roten Abteilungen an, findige Raubsucht uno