Gießener Hamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang (935 Montag, -en lv.Iuli Nummer 52
Oer römische Brunnen.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich. Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht.
Betrachtung über das Lesen.
Von Hermann Hesse.
i, zu Zeiten ist es dennoch recht gut und fruchtbar,
finden lassen.
Es ist ein eingeborenes Bedürfnis unseres Geistes, Typen aufzustellen und die Menschheit nach ihnen einzuteilen. Von den „Charakteren" des Theophrast und den vier Temperamenten unsrer Großväter bis in die modernste Psychologie hinein ist das Bedürfnis nach Typenordnungen zu spüren. Und auch unbewußt teilt jeder Mensch die Menschen seiner Um
gebung in Typen ein, nach Aehnlichkeiten mit Charakteren, die in seiner Kindheit ihm wichtig geworden sind. So fördernd und aufschlußreich nun solche Einteilungen sind. „ 2 7 _ s
den Querschnitt durch das Reich der Erfahrung auch einmal anders zu legen und eftzuftellen, daß jeder Mensch Züge von jedem Typus an sich trägt und daß die diversen Charaktere und Temperamente sich als ein
trägt und daß die diversen Charaktere und Temperamente sich ander ablö ende Zustände, auch innerhalb einer einzelnen Persönlichkeit
Wenn ich im folgenden drei Typen, oder besser drei Stufen, von Bücherlesern aufstelle, so meine ich denn auch damit nicht, daß die Leserwelt sich in diese drei Ordnungen teile so, daß der eine dieser, der andre jener Gattung angehörte. Sondern jeder von uns gehört zeitweise zu dieser, zeitweise zu jener Gruppe.
Da ist zuerst der naive Leser. Jeder von uns liest zu Zeiten naiv. Dieser Leser nimmt ein Buch zu sich wie der Essende eine Speise, er ist lediglich Nehmender, er ißt und saugt sich voll, sei es als Knabe am Jndianerbuch, als Dienstmagd am Gräfinnenroman oder als Student an Schopenhauer. Dieser Leser verhält sich zum Buche nicht wie Person zu Person, sondern wie das Pferd zur Krippe, oder auch wie das Pferd zum Kutscher: das Buch führt, der Leser folgt. Das Stoffliche wird objektiv genommen, wird als Wirklichkeit anerkannt. Aber nicht nur das Stoffliche! Es gibt auch sehr gebildete, ja raffinierte Leser, namentlich von schöner Literatur, welche durchaus zur Klasse der Naiven gehören. Diese bleiben zwar am Stosslichen nicht hängen, sie schätzen einen Roman zum Beispiel nicht nach den darin vorkommenden Todesfällen oder Heiraten ein, aber sie nehmen den Dichter selbst, sie nehmen das Aesthetische am Buche völlig objektiv, sie genießen oder erleiden die Schwingungen des Dichters mit, sie fühlen sich in seine Stellungnahme zur Welt vollkommen ein und übernehmen restlos die Deutung, welche der Dichter selbst seinen Erfindungen gibt. Was den schlichten Seelen Stoff, Milieu und Handlung ist, das ist diesen kultivierteren Lesern die Kunst, die Sprache, die Bildung des Dichters, seine Geistigkeit — die nehmen sie als etwas Objektives, als letzten und höchsten Wert einer Dichtung hin, ebenso wie der junge Leser Karl Mays die Taten Old Shatterhands als tatsächliche Werte, als Wirklichkeit hinnimmt.
Dieser naive Leser ist, in seinem Verhältnis zur Lektüre, überhaupt nicht Person, nicht er selbst. Er wertet die Geschehnisse eines Romans nach ihrer Spannung, nach ihrer Gefährlichkeit, ihrgr Erotik, ihrem Glanz oder Elend, oder er wertet statt dessen den Dichter, indem er dessen Leistung an Maßstäben einer Aesthetik mißt, die ja doch immer eine kurzfristige Konvention bleibt. Dieser Leser nimmt ohne weiteres an, ein Buch sei einzig dazu da, getreu und aufmerksam gelesen und in seinem Inhalt oder seiner Form gewürdigt zu werden.
Man kann aber zu allen Dingen in der Welt, und so auch zum Buch, auch eine völlig andere Stellung einnehmen. Sobald der Mensch seiner Natur folgt und nicht seiner Bildung, fo wird er Kind und beginnt mit den Dingen zu spielen, das Brot wird ein Berg, in den man Tunnels bohrt, und das Bett zur Höhle, zum Garten, zum Schneefeld. Etwas von dieser Kindlichkeit und diesem Spielgenie zeigt der zweite Typ von Leser. Dieser Leser schätzt weder Stoff noch Form eines Buches als seine einzigen ober wichtigsten Werte. Dieser Leser weiß, wie die Kinder es
wissen, daß jedes Ding zehn und hundert Bedeutungen und Sinne haben kann. Dieser Leser kann zum Beispiel einem Dichter oder Philosophen zuschauen, wie er sich Mühe gibt, seine Deutung und Bewertung der Dinge sich selber und dem Leser einzureden und kann dazu lächeln und in der scheinbaren Willkür und Freiheit des Autors lediglich Zwang und Passivität sehen. Dieser Leser ist schon so weit, daß er weiß, was den mei ten völlig unbekannt ist: daß es solche Dinge wie freie Wahl des Stoffes und der Form gar nicht gibt. Wo mancher Literarhistoriker sagt: Schiller wählte anno soundso diesen Stoff und entschloß sich, ihn in fünffüßigen Jamben zu bearbeiten — da weiß dieser Leser, daß weder der Stoss noch die Jamben dem Dichter zu freier Wahl ofsen standen, und sein Vergnügen besteht darin, daß er nicht den Stoff in den Händen seines Dichters sieht, sondern den Dichter im Zwang seines Stosses. Für diesen Standpunkt sallen die sogenannten ästhetischen Werte ganz dahin, und es können gerade die Entgleisungen und Unsicherheiten den allergrößten Reiz und Wert haben. Denn dieser Leser folgt dem Dichter nicht wie das Pferd dem Kutscher, sondern wie der Jäger einer Fährte, und ein plötzlich gefundener Blick in das Jenseits der scheinbaren Dichterfreiheit hinein, in des Dichters Zwang und Gebundenheit, kann ihn mehr entzücken als alle Reize einer guten Technik und einer kultivierten Sprachkunst.
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Auf diesem Wege noch eine letzte Stufe weiter finden wir den dritten und letzten Typus des Lesers. Nochmals sei betont, daß keiner von uns einem dieser Typen dauernd anzugehören braucht, daß jeder von uns heute der zweiten, morgen der dritten, übermorgen wieder der ersten Stufe angehören kann. Nun also die dritte und letzte Stufe. Sie ist anscheinend die genaue Umkehrung dessen, was man üblicherweise einen „guten Leser" nennt. Dieser dritte Leser ist so sehr Persönlichkeit, ist so sehr er selbst, daß er seiner Lektüre völlig frei gegenübersteht. Er will weder sich bilden noch sich unterhalten, er benutzt ein Buch nicht anders als jeden Gegenstand der Welt, es ist ihm lediglich Ausgangspunkt und Anregung. Es ist ihm im Grunde einerlei, was er lieft. Er lieft einen Philosophen nicht, ihm zu glauben, auch nicht, um ihn zu befeinden oder^zu kritisieren, er liest einen Dichter nicht, um sich die Wett von ihm deuten zu lassen. Er deutet selber. Er ist, wenn man so will, völlig Kind. Er spielt mit allem — und von einem gewissen Standpunkt aus ist nichts fruchtbarer und ergiebiger, als mit allem zu spielen. Findet dieser Leser in einem Buch eine schöne Sentenz, eine Weisheit, eine Wahrheit ausgesprochen, so dreht er sie probeweise erst einmal um. Er weiß längst, daß von jeder Wahrheit auch das Gegenteil wahr ist. Er weiß längst, daß jeder geistige Standpunkt ein Pol ist, zu dem es einen gleich guten Gegenpol gibt. Er ist insofern Kind, als er das assoziative Denken liebt, nur kennt er auch das logische. Und so kann dieser Leser,' so kann jeder von uns in der Stunde, in der er diese Stufe einnimmt, lesen, was irgend er will; einen Roman, eine Grammatik, einen Fahrplan, Schriftproben einer Druckerei. In der Stunde, wo unsre Phantasie und Assoziationsfähigkeit auf voller Höhe ist, lesen wir ja überhaupt nicht mehr, was vor uns auf dem Papier steht, sondern schwimmen im Strom der Anregungen und Einfälle, die uns aus dem Gelesenen zukommen. Sie können aus dem Text kommen, so können sogar nur aus den Schriftbildern entstehen. Das Inserat einer Zeitung kann zur Offenbarung werden. Es kann der beglückendste, der bejahendste Gedanke entstehen aus einem völlig gleichgültigen Wort, das man umdreht, mit dessen Buchstaben man spielt wie mit einem Mosaikspiel. Man kann das Märchen vorn Rotkäppchen in diesem Zustande lesen als eine Kosmogonie und Philosophie oder als eine blühend erotische Dichtung. Man kann auch das „Colorado maduro" auf einer Zigarrenkiste lesen, mit den Worten, Buchstaben und Anklängen spielen und dabei innerlich einen Gang durch alle hundert Reiche des Wissens, der Erinnerung und des Denkens tun.
Aber ist das noch Lesen, wird man fragen. Ist der Mensch, der eine Seite Goethe, unbekümmert um Goethes Absichten und Meinungen, lieft wie ein Inserat oder ein zufälliges Durcheinander von Buchstaben, überhaupt noch ein Leser? Ist nicht die Stufe des Lesers, die ich als dritte und letzte nenne, gerade die niedrigste, kindlichste, barbarischste? Wo bleibt für einen solchen Leser die Musik Hölderlins, die Leidenschaft Lenaus, der Wille Stendhals, die Weite Shakespeares?! Der Einwand ist richtig. Der Leser der dritten Stufe ist kein Leser mehr. Das Muster eines Teppichs oder die Ordnung der Steine in einem Gemäuer wäre ihm genau so viel wert wie die schönste Seite im besten Buche. Das einzige Buch für ihn wäre ein Blatt mit den Buchstaben des Alphabets.
So ist es: der Leser der letzten Stufe ist überhaupt kein Lefer mehr. Er macht sich nichts aus Goethe. Er braucht Shakespeare nicht. Der Leser der letzten Stufe lieft überhaupt nicht mehr. Wozu Bücher? Hat er nicht die ganze Wett in sich selber? Ist er nicht im Stand der Gnade? Hat nicht Eros ihn angerührt?
Wer dauernd auf dieser Stufe stände, würde nichts mehr lesen. Aber noch niemals stand ein Mensch dauernd auf dieser Stufe. Wer indessen diese Stufe überhaupt nicht kennt, sei es auch nur als aufblitzendes Er-


