daß auch Monsieur Beauregard, der Enkel des Ofenheizers vom Hofe Ludwig- XVI., unter den Schwarzen Kreuzen eine stelle gefunden habe.
heiß in mir
daheim."
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'scheUniversitäls-Vucb- und Steindruckeret.lR. Lange, Gießen.
1 studentisches Wort für Handwerker.
- Fechten heißt in der Handwerkersprache: betteln.
gefsen. Denn jene dunkeln Äugen schienen mich bittend anzublicken; ich hörte, wie die alte Nähterin ihr zusprach, wie der Schiffer sie nicht eben in den höflichsten Worten zum Einsteigen drängte; aber noch immer stand die schlanke Mäbchengestalt unbeweglich, wie im Traum, die Augen nach
mir hingewandt.
Schon hatte ich, wie von dunkler Naturgewalt getrieben, ein paar Schritte nach deni Boote zu getan; aber ich bezwang mich; ich dachte an Christoph; seine ehrlichen, blauen Augen schienen mich plötzlich anzusehen. „Es wird nicht Platz dort für uns alle sein", sagte ich zu den Damen. Dann gingen wir seitwärts nach dem andern Fahrzeug am Wasser entlang. — Doch noch einmal mußte ich nach Lore zurückblicken. Sie hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen und stieg eben langsam über den Bord in das Innere des Bootes, das im Gold der Abendsonne aus dem regungslosen Wasser lag.
Bei der Heimfahrt saß ich am Steuer, wortkarg und innerlich erregt; meine Augen mochten mahl mitunter auf dem andern, in ziemlicher Entfernung vor uns rudernden Boote ruhen, während die Zungen Damen mich vergebens in ihre Plaudereien zu ziehen suchten.
„Aber Sie sind heut nicht zu gebrauchen!" sagte die eine; „unsere schöne Nähterin scheint Sie stumm gemacht zu haben!"
„Ist Lore Ihre Nähterin?" fragte ich noch halb in Gedanken.
„Lore! Woher wissen Sie denn, daß sie Lore heißt?"
„Wir find aus einer Stadt; ich habe in der Tanzschule mein« erste Mazurka mit ihr getanzt."
„So! — Sie soll auch jetzt noch gern mit Studenten tanzen."
Unser Gespräch über Lore war zu Ende; aber ich wußte jetzt, weshalb Christoph nicht hatte reden mögen.
Dennoch sah ich ihn später im Laufe des Winters mehrmals an öffentlichen Orten mit Lore zusammen, meistens in Gesellschaft der lahmen Marie oder einer ältern Person, welche niemand anders als die Erbtante sein konnte, die dem armen Schneider noch so kurz vor seinem Ende das Kleinod seines Herzens entführt hatte.
Eines Abends, es mochte einige Wochen nach Neujahr fein, hörte ich von meinem Zimmer aus einen Tumult auf der Straße. Als ich das Fenster öffnete, bemerkte ich unter dem vorbeiziehenden Haufen hie und da rote Studentenmützen; endlich erkannte ich beim Schein der Straßenlaterne auch einen unserer Pedelle.
„Was gibt's, Dose?" rief ich hinunter.
,F)ol; hat's gegeben, Herr Doktor." — Dose nannte mich aus einem nur uns beiden bekannten Grunde allezeit Herr Doktor.
„So? Und wohl wieder auf dem Ballhaus?" fragte ich.
„Nun, wo denn anders?"
Das Ballhaus war ein öffentliches Tanzlokal. wo die altherkömmliche Feindschaft zwischen Studenten und Handwerksgesellen sich zuzeiten Luft zu machen pflegte. Es schien diesmal indessen arg geworden zu fein; denn
Drei Jahre spater befand ich mich aus der Landesunioersität, um vor dem Examen noch das gesetzlich vorgeschriebene Jahr hier zu absolvieren Fritz mit dem ich das letzte Semester in Heidelberg zusammen gewohnt, wollte erst im nächsten Herbst zurückkehren. Aber mein Freund Chrtstoph war dort erster Arbeiter in einem großen Mobelmagazm. Ich traf tyn eines Nachmittags in einem öffentlichen Garten, wo er allein vor einem Seidel Lagerbier faß und, scheinbar in Sinnen verloren, den Rauch feiner Zigarre vor sich hinblies. Sein starker, blonder Backenbart und ferne seine, bürgerliche Kleidung ließen mich ihn erst in nächster Nahe erkennen Als ich schweigend meine Hand auf feine Schulter legte, warf er den Kops rafch und trotzig nach mir herum; denn, wenn ich letzt auch keine farbige Mütze trug, so gehörte ich boch-unverkennbar genug; zu den mutmaßlich noch immer nicht von ihm geliebten „Lateinern . Allem kaum hatte er mich angesehen, als auch sogleich die freudigste Ueber- raschunq aus seinen Augen leuchtete. „Philipp! du bist es? sagte er, indem er mit einer fast mädchenhaften Bescheidenheit meine bargebotene Hand nahm und sie bann befto kräftiger brückte. — Wir sprachen lange zusammen; als ich mich bann der verhängnisvollen Eisfahrt erinnerte, fragte ich auch nach unserer gemeinschaftlichen Knabenliebe. _
Lenore lebte noch im Hause ihrer Verwandten, einer alten Schneiderin, mit der sie zum Nähen in die Häuser der vornehmen Einwohner ging. Aber Christoph wurde bei den Antworten auf diese Fragen immer wortkarger und suchte endlich mit einer gewissen Hast das Gespräch auf andere Dinge zu bringen. Er schien in seinem treuen Gemute noch immer die Fesseln des schönen Mädchens zu tragen, die ich mit dem Staub der Heimat schon längst von mir abgeschüttelt zu haben glaubte.
Ich mochte mich darin indessen irren. — Einige Zeit darauf hatte ich mit befreundeten Damen jenseits der Meeresbucht, an welcher die Stadt liegt, einen damals beliebten Vergnügungsort besucht. Der Nachmittag war zu Ende, und wir gingen an den Strand hinab, um nach einem Fahrzeug für die Heimkehr auszuschauen. — Zwei Boote, beide schon fast besetzt, lagen zur Abfahrt bereit. Neben dem einen, das etwa dreißig Schritte von uns entfernt sein mochte, stand an der Seite einer ältlichen, lahmen Nähterin, die ich mitunter im Wohnzimmer meines Hauswirts gesehen hatte, eine auffallend schöne Mädchengestalt. Sie hatte schon den Fuß auf den Rand des Bootes gefetzt und schien tm Begriff hineinzusteigen; aber sie zögerte plötzlich, da sie den Kopf nach uns zurückwandte. Zwei schwarze, fremdartige Augen, wie ich sie lange nicht, aber wie ich sie einst gesehen, trafen in die meinen; ich wußte letzt, daß es Lenore Beauregard sei. Sie war großer geworden, unb unter den braunen Wangen schimmerte bas Rot der vollsten Jungfräulichkeit; aber noch immer war ihr in der Haltung jene graziöse Lässigkeit eigen, die mir unbewußt schon einst mein Knabenherz entführt hatte. Es wallte - - - auf, und ich hatte der Damen neben mir fast ganz verfem dunkeln Äugen schienen mich bittend anzublicken; ich
Dose machte andeutungsweise eine höchst kräftige Bewegung mit der ^",Wer hat's beim gekriegt?" fragte ich noch.
Der Alte hielt die Hand vor den Mund unb flüsterte mir zu: „Es ist auf bie rechte Stelle gekommen, Herr Doktor." Ein Bekannter, ber unfer Gespräch hörte, rief im Vorübergehen: „Es ist der Raugraf; die Knoten haben ihm auf Abschlag gezahlt."
Der sogenannte „Raugraf" war ein ebenso schöner als wüster junger Mann, ber in ben Hörsälen der Professoren selten, dagegen häufig aus der Mensur und regelmäßig auf der Kneipe zu finden war; einer von denen, bie auf Universitäten eine Rolle spielen, um bann im spatem Leben spurlos zu verschwinden. Von ben jungen Handwerkern, denen er ihre Mädchen abspenstig machte, wurde er ebensosehr gehaßt, als er für bie größere Anzahl der jüngern Studenten der Gegenstand einer scheuen Bewunderung war. Nachdem er eine Reihe anderer Universitäten besucht und, teilweise durch Delegation gezwungen, wieder verlassen hatte, fand er für gut, auch die unfrige zu versuchen; und bald gingen von feinem großen Wechsel und bann von feinen noch großem schulden die mannigfaltigsten Gerüchte im Schwange. Der Titel „Raugraf , den er mitbrachte, paßte insofern für ihn, als er an die Zeiten des Faustrechts erinnert, unb allerdings die Weife ber alte Junker, die Schwache- ren rücksichtslos für ihre Leibenfchaften zu verbrauchen, sich vollständig aus ihn vererbt zu haben schien. . „
Da ich ben „Raugrasen" roeber genauer kannte, noch em Interesse an feiner Perfon nahm, so schloß ich das Fenster und begab mich zur Ruhe, ohne des Vorfalles weiter zu gedenken.
Am Nachmittage darauf sollte ich indessen aufs neue daran erinnert werden. — Ich hatte eben meinen Kaffee getrunken und faß im öofa über einer Pandektenkontrooerfe, als an die Stubentür gepocht wurde.
Auf mein „Herein!" trat bie stattliche Gestalt meines Freundes Ehrt- stoph vorsichtig unb etwas zögernd in bas Zimmer.
„Bist du allein?" fragte er.
„Wie du siehst, Christoph." , „
Er schwieg einen Augenblick. „Ich muß fort von hier, Ph'bpp > Nöte er bann, „noch heute abenb; weit fort, an den Rhein zu meinem Mutier- bruber; er ist schwächlich unb braucht einen Gesellen, der nach dem Rechten sehen farm. Aber ich fürchte, meine Barschaft reicht nicht für die Reise, unb Fechtens das ist nicht meine Sache."
Ich war schon an mein Pult gegangen und hatte eine kleine Geldsumme auf ben Tifch gezählt. „Reicht es, Christoph?"
„Ich banke dir, Philipp." Und er steckte bas Gelb sorgsam m seine Börse, bie schon einen kleinen Schatz an Golb- unb Silbermünzen enthielt. Erft jetzt sah ich, baß er in seiner schwarzen Sonntagstleibung vor mir stand. , ., , ... . .
„Aber bu bist ja in vollem Wichs", fragte ich; „wo bist du denn gewesen?"
„Nun", sagte er unb rieb sich nachbenklich mit ber Hanb seine breite Stirn, „ich komme eben von der Polizei!"
„Du hast schon deinen Pah geholt?"
„Jawohl; meinen Lauspaß."
Ich sah ihn fragend an. , n
„Es ist wegen der dummen Geschichte auf dem Ballhause.
Mir ging ein Licht auf. „So! also du bist es gewesen", sagte ich; „daß mir das nicht sogleich eingefallen ist!"
„Freilich bin ich dort gewesen. Philipp."
„Lenore war wohl mit dir?"
Er nickte. 1
„Unb ba hast bu ben Rauqrafen burchgeprügeli?"
Ein Lächeln befriebigten Hasses legte sich um feinen Munb. „Sie jagen ja, baß ich's gewesen fei", erroiberte er.
Der alte Feinb der Gymnasiasten sprach dies in solchem Tone ber Genugtuung, bah ich über ben Sachverhalt nicht mehr zweifelhaft fein konnte.
Ich mußte laut auflachen. „So erzähl' mir hoch! Wie kam denn bie Geschichte?"
„Nun, Philipp — bu weißt boch, baß ich mit ber Lore gehe?
„Selb ihr denn einig miteinander?"
„Es ist wohl so was", erwiderte er. — „Sie ist eine anstellige Person; unb nach dem Tode der alten Tante bekommt sie auch noch eine Kleinigkeit."
Ich sah ihn lächelnd an. „Nun, Christoph, sie ist auch sonst so übel nicht; du hättest so überzeugend sonst auch schwerlich zugeschlagen!"
Er blickte einen Augenblick vor sich hin. „Ich weiß es kaum", sagte er, „mir standen in ber Reihe, Lore und ich — es geschah nur ihr zu Gefallen, daß ich hingegangen war — da kam der lange, blasse Kerl, der schon immer auf sie gemustert und dabei mit einem andern getuschelt hatte, und wollte extra mit ihr tanzen."
„War er denn unverschämt gegen deine Dame?" „Unverschämt? — Sein Gesicht ist unverschämt genug!" „Unb Lore?" sagte ich, meinen Freund scharf fixierend, „sie hätte wohl gern mit dem schmucken Kavalier getanzt?"
Er zog die Stirnfalten zusammen, unb ich sah, wie sich eine trübe Wolke über feinen Augen lagerte.
„Ich weiß es nicht", fügte er leise.--„Es mar nicht gut, baß ihr
das Mädchen damals in eurer lateinischen Tanzschule den Notknecht spielen ließet."
Er reichte mir bie Hand. „Leb' rnohl, Philipp", sagte er, „das Geld schicke ich dir; sonst wirst du wohl nicht viel von mir zu hören hekorninen; aber um Jahresfrist, so Gott will, bin ich wieder hier, ober bei uns


