Ausgabe 
10.4.1933
 
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Charakteristik der Jünger ausgebildet in dem schönen Tür-Relies von Saint Germain des pres in Paris aus dem 11. Jahrhundert; in ihren Gesten spiegelt sich schon der Eindruck einer gesteigerten Empsindung; nur Johannes hat sitzend den Kopf über den Tisch vor den Herrn gelegt, ein Beweis dafür, daß der Künstler die auf die morgenländische Sitte des Liegens bei Tisch bezüglichen Worte über den Lieblingsjünger,der zu Tisch fast an der Brust Jesu", gar nicht mehr verstanden hat. Diese tra­ditionelle Stellung ist dann dem Johannes bis in die moderne Zeit ge­blieben.

Die steife hieratische Feierlichkeit der byzantinischen Zeremonienbilder mit einer in solchen nordischen Werken heroortretenden innerlichen Bewegung zu verschmelzen, war Aufgabe der großen Kunst, die in Italien im hohen Mittelalter langsam heranblühte, und der erste große Seelenloser und Verkünder zarter Empfindungen, Duccio, hat denn auch in seinem Abendmahl auf dem großen Dombild zu Siena die Pforte einer neuen seelisch reiferen Zeit aufgetan. Er ordnet die Jünger um Christus so, daß der Herr durchaus die dominierende Gestalt ist. Der Herr hat eben das verhängnisvolle Wort gesprochen, und die um ihn Versammelten sind wie erstarrt durch das Unsaßliche und Unerhörte des Verrates. Mitten in ihrem Tun halten sie inne. Nur in den Gesichtern malt sich ganz leise, wie zögernd der tiefe Schmerz, der heilige Zorn. Machtvoller, gewaltiger, wenn auch ebenfalls noch in einem ungeheuren Verstummen befangen, offenbart sich G i o t t o s Darstellung in Padua. Die Entdeckung des Ver­räters ist hier deutlich gemacht, indem Judas mit dem Herrn zugleich die Hand in die Schüssel taucht, aber nur Petrus hat aus ihn mit glühenden Zornesblicken die großen Augen gerichtet, die andern scheinen ergriffen, zweifelnd, noch ganz mit sich beschäftigt. Eine völlig deutliche, dramatische Erfassung der Handlung gelang erst Giottos größtem Schüler, Taddeo G a d d i, in einem kleinen Bilde der Akademie zu Florenz. Jesus hat den Verrat verkündet. Judas entweicht verwirrt aus dem Kreise der Jünger in die Nacht. Die andern blicken ihm in tiefer Aufregung nach, der Herr aber sieht zärtlich, in heiligen Sinnen versunken, aus den in seinem Schoß entschlummerten Johannes. Taddeo Gaddi schuf dann für das Refektorium von St. Croce in Florenz ein großes Abendmahl, und an die repräsentativ großartige Behandlung haben die toskanischen Werke des Quattrocento angeknüpft.

Die aufgeregte Leidenschaft des Verrats lag Giovanni da Fie- f o l e, dem Klosterbruder von S. Marco, fern. Gibt er das Mahl, so sind im teppichverhangenen Gemach die Jünger zu traulichem Gespräch ver­sammelt, ein Diener trägt Speisen herzu, und auch der den Bissen in die Schüssel tauchende Judas sieht recht freundlich aus. Lieber aber stellte der von den Wundern der Vergottung erfüllte Mönch die Kommunion selbst dar, die Einsetzung des erlösenden Sakramentes. Mit welcher demütigen Innigkeit, empfangen die betend vorgebeugten und knieenden Gläubigen auf den Bildern dieses Meisters und aus einigen deutschen Werken den Leib des Herrn! Das eigentliche Abendmahlsbild des Nor­dens verband die anheimelnde Wirkung eines farbenreichen Interieurs mit der starken seelischen Sammlung in der Andacht des Gebetes. Eine geschlossene feierliche Stimmung umfängt auf dem schönen Bilde des Dirk B o u t s die Jünger und die andern Teilnehmenden, den Wirt, die Diener, die ganz wie in den Passionsspielen dabei sind; sie läßt dies Bild als einen wunderbaren Ausdruck der Inbrunst erscheinen, mit dem germanisches Empfinden das Sakrament umschloß. Diese Leidenschaft des Fühlens äußert sich wohl auch in einer wilden unruhigen Bewegt­heit, die Schongauer der Handlung verleiht und die in dem Relief Adam Kraffts am Sakvamentshäuschen von St. Lorenz in Nürnberg und den frühesten Darstellungen Dürers sich zu einem nervös verzücktem Tumult steigern. Dürers Abendmahl von 1503 hat dann alles Unruhige ausgeschieden, alles Wirre zu großen Linien vereinfacht, und eine er­habene Würde und Ruhe, von einem weihevollen Hauch umweht, geschaffen.

Unterdessen war der Genius erschienen, der diesem von so vielen Meistern mehr oder weniger stark durchgefühlten Stoff eine völlig er­lebte, alles Höchste ausschöpfende Stimmung, die Größe des Notwendigen verleihen sollten Lion ar do schuf sein Abendmahl. Dieses unbeschreib­lich großartige Wunderwerk löst mit einem Schlage allen bisherigen Zweifel der Darstellung. Das ruhig und ergeben gesprochene Wort des Herrn, in dessen Zügen eine überirdische Verklärung liegt, obwohl sie Lionardo, an der ungeheuren Ausgabe verzweifelnd, nicht vollendet haben soll, fährt unter die Jünger wie ein Blitz und fügt sie wie von selbst zu wundervollen Gruppen zusammen, in denen sich alle Skalen des erreg­ten Gefühls deutlich erkennen lassen. Die herrliche Charakteristik der Köpfe, die Gliederung und melodische Linienführung der Komposition in Gestalten und Händen, dabei die vollkommene Einheitlichkeit des Ganzen, all das sind einzelne Elemente der übermächtigen Wirkung, die das Werk auf die größten Geister durch Jahrhunderte hin ausgeübt hat.

lieber eine solche Leistung in der geistigen Auffassung hinauszugehen, war unmöglich. Tizian schuf ein machtvoll glühendes Fest den Augen in seinen Abendmahlsbildern des Escorial und in Urbino, aber zum Herzen spricht diese mannigfach beschäftigte Tischgesellschaft nicht. R u - b e n s stellt in feinem ZyklusDer Triumph des Abendmahls' in vir­tuos entworfenen Szenen den Sieg des Sakramentes über Unwissenheit und Verblendung, Götzendienst und Ketzerei dar.

Allmählich beruhigten sich die Glaubenswirren und der kalte müde Hauch eines antikisierenden Klassizismus drang auch in die Darstellungen des Abendmahls ein. Poussin machte ein platonisches Symposium daraus, und auch die Nazarener stellten es in einem recht kühlen, wohl abgezirkelten Stile dar. Allein Cornelius in feiner Zeichnung zu dem sogenannten Glaubensschild belebte die Szene durch begeistertes tinb dramatisches, wenn auch etwas rhetorisches Pathos; bann tat Eduard von Gebhardt den kühnen Schritt, das Abendmahl in einem alltäg­lichen modernen Milieu vor sich gehen zu lasten, wo es seine heute noch lebendige Kraft schön bekundet, und nach ihm hat Fritz von Uhde den Herrn Jesus Christus in eine deutsche Bauernstube versetzt.

Auf der tsm'versiiät.

Novelle von Theodor Storm.

(Fortfetzung.)

So sehr ich aber an diesem Abend den Drang alleinzu sein empsunden, ebensosehr trieb es mich am andern Morgen unter Menschen. Ich hatte ein neues Gefühl der Freiheit und Uederlegenheit in mir, das ich nun auch andern gegenüber empfinden wollte. Sobald ich gefrühstückt und den etwas unbequemen Fragen meiner Mutter notdürftig genuggetan hatte, ging ich in die Werkstatt meines Freundes Christoph. Er war eifrig beschäftigt, kleine Mahagonifurniere auszuwählen und zu schneiden. Was machst denn du da für Schönes?" fragte ich.

Ein Nähkästchen", sagte er, ohne auszublicken.

Ein Nähkästchen? Für wen denn?"

Für Lenore Beauregard; meine Schwester will's ihr zum Geburts­tag schenken."

Ich sah ihn von der Seite an; ein übermütiges Lächeln stieg in mir aus.Die Lore ist wohl dein Schatz, Christoph?"

Der eckige Kopf des guten Jungen wurde his unter die Stirnhaare wie mit Blut übergossen bei dieser treulosen Frage. Er schien selbst über feine Verlegenheit 'in Zorn zu geraten.Ihr hättet sie nur aus eurer lateinischen Tanzschule sortlassen sollen!" sagte er, indem er mit seinem Messer grimmig in die Furnierblättchen hineinfuhr.

Du bist wohl eisersüchtig, Christoph?" fragte ich.

Aber er antwortete nicht; er brummte nur halb für sich:Das hätte meine Schwester sein sollen!"

Dieser Triumph sollte indessen mein einzigster bleiben; denn ich mühte mich vergebens, wieder allein mit Lore zusammen zu treffen. Ein paar­mal zwar im Laufe des Sommers begegnete sie mir an Sonntagnach­mittagen hinter den Gärten auf dem Bürgersteige; aber Christoph und feine Schwester begleiteten sie, und der gute Junge ging fo trotzig neben ihr, als wenn er sie einer ganzen Welt von Lateinern hätte streitig machen wollen; auch suchte sie selbst, wenn ich ein Gespräch mit ihnen begann, augenscheinlich die andern zum Weitergehen zu veranlassen.

Als späterhin bei Beginn des Michaelismarktes das Karussell wieder ausgeschlagen wurde, wagte ich noch einmal zu hossen. Einen Abend nach dem andern, sobald die Dämmerung anbrach, sand ich mich auf dem Platze ein; zum großen Verdrösse meines Freundes Fritz, von dem ich mich unter immer neuen Vorwänden los zu machen suchte. Aber ebensooft spähte ich vergebens unter den jungen Reiterinnen, die sich zuweilen ein- fanden, die schlanke Braune zu entdecken, um derentwillen ich allein ge­kommen war. Einsam wanderte ich durch die dunkeln Gänge des Schloh- gartens und zehrte trübselig von der Erinnerung eines entflohenen Glückes.

Dies alles nahm ein plötzliches Ende, als ich zu Anfang des Winters nach dem Willen meines Vaters die Gelehrtenschule unserer Heimat ver­ließ und zu meiner weitern Ausbildung auf ein Gymnasium des mittleren Deutschlands geschickt wurde. Ob mein Schmetterlingsketscher noch in dem blühenden Baum am Rande der Heide hängt? Ich weiß es nicht; ich bin nicht wieder dort gewesen; auch den Brombeerfalter habe ich bis auf heute noch nicht gefangen.

Auf der Universität.

Jahren waren seitdem vergangen.

Als ich den Zwang der klösterlichen Schulanstalt hinter mir hatte, brachte ich zum ersten Male wieder einige Herbstwochen im elterlichen Hause zu. Von allen meinen Kameraden fand ich nur noch Christoph im heimatlichen Neste; die übrigen, auch Fritz, waren alle schon ausgeflogen; ins luftige Studentenleben, aufs weite Meer hinaus, in die dunkle Schreibstube eines Kaufmanns oder wohin sonst Wahl und Verhältnisse sie gesührt hatten. Auch Christoph, der zum stattlichen, etwas untersetzten jungen Mann herangewachsen war, rüstete sich zum Abzug; er war Ge­sell geworden und wollte wandern. Aber zuvor arbeiteten wir noch ein­mal gemeinschaftlich in der Werkstatt seines Vaters; und ein ungeheurer Tabakskasten, der mit mir die Universität beziehen sollte, war das Resultat unserer Bemühungen. Von meiner Mutter ersuhr ich, daß die rusttge Frau Beauregard vor Jahresfrist eines plötzlichen Todes verblichen und ihre Tochter bald darauf nach der kleinen Landesuniversitätsstadt zu einer alten, unverheirateten Tante gezogen sei, die sie testamentarisch zur Universalerbin ihres kleinen Vermögens eingesetzt hatte. Das schmale Häuschen mit der Linde war nach dem Tode der Mutter schuldenhalber verkauft worden, und der französische Schneider hatte sroh fein müssen, bei einem der andern Meister als Gesell ein Unterkommen gefunden zu haben. Ich traf ihn am Sonntagnachmittag in einer Ecke des Kirchhofs auf der Bank sitzend. Seine Haut über den scharfen Backenknochen war noch gelber geworden, und fein schwarzes Haar war stark ergraut; er hustete, aber die Sonne schien ihm wohl zu tun.Ach, Monsieur Philipp! rief er, da er mich erkannte, und streckte mir zwei Finger seiner langen, knöchernen Hand entgegen, während die andern die alte, wohlbekannte Porzellandose umklammert hielten.Damals das waren anderen Zei­ten, Monsieur Philipp!" suhr er seufzend fort.Meine Alte, sie hat sich mit ihrer Menage unter die schwarzen Kreuze dort begeben; und das Kind, die Lore", er schluckte ein paarmal und nahm eine starke Prise , Sie'werden es ja gehört haben! Sie wollte nicht, sie wollte ihren armen Vater nicht allein lassen, ich muhte mit Gewalt ihre kleinen Hände von mir losreißen; aber was Hilst es denn! Das Kind muhte doch sein Glück machen!" Er lieh den Kops sinken und legte schloss seine Hände auf die Knie.Ich werde Ihnen ihre Briese zeigen!" begann er dann wieder.

Sie werden sehen, Monsieur Philipp, Sie sind ja ein Gelehrter! Die 'allerliebsten Buchstaben, und all die lieben, guten Worte; eine Marquise könnte es nicht besser." So sprach er noch eine Weile fort, bis ich '^Jch^habe den französischen Schneider nicht wieder gesehen; denn einige Tage darauf reifte ich ab, um zunächst auf einer ausländischen Universität meine juristischen Studien zu beginnen; und schon nach einem halben Jahre schrieb mir meine Mutter, der ich diese Begegnung erzählt hatte,