Ausgabe 
10.4.1933
 
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IV.

(Es Ist In der Nacht. Der Himmel ist rot und voller Rauch. Ganz nah muh es brennen. Aber Juliane und Christian stehen draußen im Schnee, ^Die"Hunde"sind"'mit ihnen, springen am zugewehten Hoftor in die Höhe und bellen. Sie bellen vor Freude. Eine ferne heisere Stimme beruhigt von draußen:Still Ruppo. Kusch Prinz. »^5 . Thomas" jauchzt Christian und rüttelt mit Surrt am Tor. Das steht wie aus Eisen. Christian hangt sich an den Torbalken, ruckt und lacht und stößt mit den Füßen nach den Hunden, die an ihm Hochspringern

Endlich gibt der eine Torflügel knirschend ein wenig nach. Dann steht er wieder unbeweglich im Schnee. . ~ _

Durch den schmalen Spalt schiebt sich Thomas. Er lehnt am Tor zerlumpt, grau im Gesicht, mit scharfen Schatten um Nase und Mund. Christian wird ganz still, seine Augen vor Entsetzen groß.

Er lech flcheii^Arm um Christians Schulter und wie er jetzt durch den tiefen Schnee auf das Haus zuwatet, sieht Juliane, daß er den einen lappenumwickelten Fuß schleppend nachziehll

Sm Flur ordnet Juliane Pelze und Tücher für die Flucht. Christian hilft ihr dabei Draußen weht schon erste Morgenluft. Die Kerzenslammen flackern im Zuowind. Aus der Küche hört man Eddes tiefes brummiges schluchzen 3ür'ri ist auf dem Hof und sieht die Schlitten nach, Thomas (legt oben in Christians Kinderbett und schlaft. Er will verjuchen, sie nach der Kreisstadt zu bringen, aus Umwegen ubers Moor, durch den Wald; er hat es dem Vater versprochen. Der Vater ist gesallen, fast alle sind gefallen ... erfroren ... verblutet ... tot.

Christian hält den Deckel der Truhe hoch, aus dem Juliane em paar Filzstiefel heraussucht für Thomas; feine waren zerfetzt. Der kleine Junge ist ganz bleich. Juliane sieht ihn an. Er schüttelt den Kops mit zusammengebissenen Lippen, aber seine Augen füllen sich langsam mit ^^D^nimmt Juliane den kleinen Bruder rasch und sest in ihre Arme, streicht ihm die Haare aus der Stirn, fühlt seine heißen Tranen auf ihrer Hand und daß es um sie beide kalt und schaurig ist in dem dunkeln Nlur. Da sagt sie frfmell:Komm Christian, wir bringen Thomas Sie Stiefel hinauf", Christian nimmt die Stiefel, Juliane das wehende Licht. Die Tür zu Christians kleinern Zimmer steht halb offen. Sultane leuchtet hinein, die Hand um die Flamme. Hingeworfen auf das niedrige Kinderbett liegt Thomas, die eine Hand blau und erfroren bis auf den Fußboden herunter, der Kopf ist zurückgebogen, die Nase übergroß.

Tot" durchsäbrt es Juliane. Sie nimmt die herabhangende Hand, aber Thomas reißt sich los, wirft sich im Bett hoift starrt über Juliane und Christian weg. ganz wirr, voller Abwehr und Grauen.

Thomas" schreit Juliane da kommt er zu sich.

Aus dem Hoftor fahren zwei Schlitten langsam hintereinander. Es sind zwei alte Bauernschlitten, die beiden Pferdchen davor steif und müde. Die Sterne am Himmel leuchten nur noch blaß. Draußen vor dem Tor sieht man, daß es über dem Walde leise anfängt zu tagen. Die Schlitten fahren die Hofmauer entlang. Dann biegen sie um die kahle Allee. Suliane sieht noch einmal zurück- sie sieht das langgestreckte niedrige Haus ganz zugefchneit zwischen den zwei weißen Holzfäulen ein kleines ruhiges Licht Edde wollte nicht mit, sie wollte bleiben, bei ihren Sachen und beiden Mägden. Wirklich, sie war nicht zu bewegen mitzugehen.Oder habe ich sie am Ende doch nicht genug gebeten?" denkt Juliane. Sie ver­sucht zu denken, daß der Vater tot ist, daß sie Runekull nie wiedersieht. Aber sie fühlt und weiß im Grunde nur eines: Thomas ganz nah ganz nah an ihrer Seite. Er hält die Lederleinen straff angezogen in der Hand und sieht immer geradeaus in die Dämmerung. Der Schnee ist lief, der Weg verweht. Ganz langsam geht es vorwärts bergauf über Schneewehen und wieder bergab. Juliane sieht sich nach Christian um Dunkel erkennt sie seine kleine Gestalt, wenn er sich aus dem Schlit­ten herausbeugt. Jürri sitzt neben ihm. Zuweilen greift er tn die Zugel, aber eigentlich fährt Christian allein. .

Thomas ruft dem Pserdchen zu, das mühsam zu traben beginnt. Sie kommen am Kirchhofswäldchen vorüber. Schwarz und kalt steht es auf einer weißen, weiten Fläche. Thomas sieht Juliane an.

Hast dus auch warm?" fragt er. Er nimmt die Semen In die eine Hand, mit der anderen streicht er ihr die braunverwehten Haare unter das Bauerntuch. Dann zieht er die Pelzdecke fester um sie und laßt [eine Hand auf ihrer Hüfte ruhen. So fahren sie schweigend. Thomas lenkt den Schlitten schräg übers Moor aus den Märenholmer Wald zu. Es wird immer Heller. Das Schneeseld vor ihnen leuchtet. Ein Hase springt in großen Sätzen auf. Dann kommt der Wald. Am Eingang steht eine große dunkle Tanne eine Birke lehnt sich in die dunkelgrünen Zweige hinein. Thomas zieht Juliane noch fester an sich.

Sie fühlt seine Wärme, die gestraffte Kraft feines Armes an ihrem Körper. Hinter dem Walde ist wieder Moor. Die Sonne ist aufgegangen und wirft rotes Licht über den Schnee, über die Krüppelbirken. In der Ferne sehen sie die große Straße, braun, zerfahren. Thomas schreckt zu­sammen läßt Juliane los ja, er stößt sie saft von sich greift mit beiden Händen in die Zügel und beugt sich vor:

Russen!" schreit er,Russenl" und haut mit den wirbelnden Enden der Lederleinen aus das kleine Pserd. Er wendet sich um:Christian, vorwärts Christian." Juliane sieht den Bruder totenblaß, die hellen Haare fliegen um feine verfrorenen Wangen. Er zerrt an den Hügeln. Jürri hält feinen kleinen Jungherrn umschlungen. Jetzt wirst er sich vor und bedeckt ihn ganz mit (einem Leibe. Schneebrocken fliegen. Die Pferde keuchen im Galopp.

Auf einmal fühlt Juliane Thomas' Hand ihren Nacken umfassen, seine kräftigen Finger. Er biegt ihren Kops an seine Schulter, beugt sich zu ihr nieder, Juliane atmet feinen marinen Hauch.Die Augen zu, Juliane", jagt er rasch den Mund auf ihrer Stirn. Dann greift er mit der andern Hand in den Schlitten ins Strohnach den Pistolen" denkt Juliane...

Gleich daraus fallen Schüsse. Juliane will die Augen öffnen. Aber sie kann nichts sehen ... Thomas hält sie ... Thomas hält sie sest

Und bann ist alles aus.

Oa Jesus in den Garten ging ..

Volksweise.

Da Jesus in den Garten ging Und ihm sein bittres Leiden anfing, Da traurct alles, was da was, Es trauert alles Laub und Gras.

Maria, die hört ein Hämmerlein klingen: O weh, o weh, meins lieben Kindes!

O weh, o weh, meins Herzen ein Kron, Mein Sohn, mein Sohn will mich oerlon.

Maria kam unter das Kreuz gegangen. Sie fah ihr liebs Kind vor ihr hangen An einem Kreuz, was ihr nit lieb, Maria war das Herz betrübt.

Johannes, liebster Diener mein, Laß dir mein Mutter befohlen fjin! Nimm's bei der Hand, führ's weit hintan, Daß sie nit feh mein Marter an!"

Ach Herr, das will ich gerne tun, Ich will sie führen also schön, Ich will sie trösten also wohl.

Wie ein Kind sein Mutter trösten soll."

Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast! Mein Kind hat weder Ruh noch Rast.

Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras! Laßt euch zu Herzen gehen das!

Die Feigenbäum die bogen sich, Die harten Felsen zerkloben sich, Die Sonne verlor ihren gülbnen Schein, Die Vögel liehen ihr Singen sein.

Das Abendmahl in der bildenden Kunst.

Von Dr. Georg Kuhn.

In bem burch heilige Erinnerung und uralte Ueberlieferung umschlos­senen Kreislauf des Kirchenjahres nahen wir uns wiederum jenem ge­weihten Donnerstag der Karwoche, an dem Christus feinen Jüngern und der Gemeinde das teuerste Vermächtnis ihres ewigen Bundes geschenkt hat. Früh hat auch die bildende Kunst sich dieses großen Stosses bemäch­tigt und in unzähligen Darstellungen mit der gewaltigen Ausgabe ge­rungen. Die ganze Entwicklung der Kunstgeschichte ist in diesem Thema gespiegelt: die formalen Probleme der räumlichen Anordnung der Cha­rakteristik lasten sich in der allmählichen Erkenntnis ihrer Gesetze, in dem langsamen Reisen seelischer Vertiefung, in der stetig vorschreitenden (Er­oberung der Umwelt verfolgen; die höchsten geistigen Erschütterungen ganzer Kulturen, die Gegensätze des Göttlichen und Teuflischen, alle For­men religiöser Hingebung werden hier ausgedrückt.

Die ältesten Darstellungen des Abendmahls, die wir kennen, stammen aus dem Ende des 5. Jahrhunderts. Es sind ein Mosaik aus S. Apollinare Nuove zu Ravenna und eine Miniatur aus der berühmten Bikderhand- schrift von Rossano. Die schlichten Schilderungen geben vor allem die heilige Mahlzeit. Christus, der zur rechten Seite der Tafel liegt, hebt segnend die Hand; ihm gegenüber ruht Petrus! im Halbkreis ringsherum sind die Jünger, ebenfalls nach antiker Sitte in liegender Stellung, un­geordnet. Im Codex Rossanensis ist Judas bereits herausgehoben, indem er die Hand nach der Schüssel ausgestreckt hat nach dem Worte des Matthäus:Ser die Hund mit mir in die Schüssel taucht, der ist's."

Aus solch unbeholsenen Anfängen entwickeln sich nun in der frühen Kunst zwei Typen, die sich nach dem ganz verschiedenen Geiste der latei° nifch-n und griechischen Kirche deutlich voneinander scheiden. Die byzan­tinischen Werke behalten eine starre Feierlichkeit bei; sie betonen besonders die Einsetzung des Sakramentes, die Schließung des neuen Bundes, bei dem David und Melchstedek, die Männer des alten Bundes, als Zeugen zu- gelasten sind; Christus, als hoher Priester am Altar stehend, teilt die Kommunion aus. Judas ist kenntlich gemacht, indem er die Hand nach dem Bisten oder auch nach dem Symbol des Herrn, dem Fisch, ausstreckt. Augenscheinlich liegt die Schilderung des Evangelisten Matthäus zu Grunde. Im Gegensatz dazu folgt die abendländstche Kunst, die schon früh einer individuellen Belebung und dramatischen Spannung zustrebte, dem erregten Bericht des Johannes. Danach wird das Moment des Verrates deutlicher betont, indem Judas, von den andern Jüngern getrennt, schon als ein Ausgestoßener erscheint und zugleich vom Herrn zum Zeichen seiner Untat über den Tisch hin den Bissen empfängt, mit dem ersich bas Ge­richt ißt." So ist auf einer Relieftafel eines in Aachen aufbewahrten Antependiums ber Verräter bargeftellt, wie er mit ber rechten Hand ben Bissen empfängt und mit ber linken verzweifelt an ben Hinterkopf greift, da nun nach bem Wort ber Schriftber Satan in ihn gefahren ist."

Auch auf andern beutfdjen Bildern des Mittelalters wird immer wieder die Gestalt des Judas dem segnenden Heiland entgegengestellt als eine vorn hockende häßliche Gestalt, ein Dämon des Bösen, während die andern Jünger noch fast gar nicht individualisiert sind. Am lebhastesten ist die