Ausgabe 
10.4.1933
 
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GiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang <955

Montag, den 1V. April

Nummer 29

Gebet.

Von Eduard Mörit «.

Herr, schicke was du willt. x ein Liebes oder Leides!

ich bin vergnügt, daß beides aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden.

Oie Zlucht.

Novelle von Gerda von Bremen-Hirschheydt, GDS.

I.

Auf der Kirchhofswiese liegt Juliane langausgestreckt im Gras. Der kleine Bruder Christian hockt an ihrer Seite. Sie wollen nachher Blumen pflücken, blaßblaue Glockenblumen und die besonders großen weißen Margueritenweil morgen Sonntag ist" hat Juliane zu Christian gesagt. Vor ihnen in der Sonne blendet der Wiesenhang, die niedrige Kirchhofsmauer aus Feldsteinen, die regellos gefügt, das ganze Gelände umschließt. Hinter der Mauer wogt ein Roggenfeld in grünen Aehren. Dann kommt der Wald. Ueber dem Walde stehen ein paar dicke weiße Wolken. Es ist sehr heiß. Juliane fallen die Augen zu. Still ist der Sommermittag um sie her.

Vielleicht kommt Thomas über Sonntag auf Urlaub nach Runeküll, im dunklen Wafsenrock, heiß und staubig den Feldweg geritten. Vor dem Friedhof springt er vom Pferd, wirft die Zügel über den Pfosten neben der Kirchhofspforte, stößt mit dem Fuß gegen die moosige Latten­tür, daß der lose rostige Eisenhaken noch lange hin- und herbaumelt, geht über den gelben breiten Sandweg, Juliane meint auf dem hohlen dumpfen Wiesenboden jeden einzelnen seiner Schritte im Rücken zu fühlen an den Bauerngräbern vorüber und den kleinen Kreuzen aus graugewordenen Tannenholz, dann quer durchs gemähte Gras, das den Staub von seinen Reiterstieseln abwischt. Einen Augenblick bleibt er stehen zwischen den Birken am Wiesenzaun. Und dann liegt er neben Juliane im Gras, ganz nah seine große warme braune Hand. Und sie hört seine tiefe, etwas schläfrige Stimme Christian ein Märchen erzählen: Der Tannenbaum ist ein Bräutigam und die Birke weiß du das ist seine Braut". Juliane liegt ohne sich zu rühren, ohne zu atmen fast.

Der kleine Christian sitzt nachdenklich und schweigsam da, die Knie hochgezogen, mit einem Grashalm im Munde. Ein paar Vögel verfolgt er mit den Augen, die aus dem Roggenfeld auffliegen, und die großen weißen Wolken, die sich langsam, ganz langsam übereinanderschieben. Allmählich wird es langweilig für ihn, so still zu sitzen. Er rutscht zu Juliane hinüber und kitzelt sie mit seinem Grashalm vorsichtig am Hals. Juliane biegt seinen Kopf zurück, lacht, öffnet die Augen und erschrickt. Sie sieht den kleinen Bruder über sich gebeugt, seinen verwunderten Kinderblick. Da wirft sie sich ins Gras zurück und schließt die Augen wieder, das Gesicht in ihrem Arm verbergend. Christian zupft sie am Kleid. Er ruft ihren Namen. Aber sie antwortet nicht. Da steht der kleine Junge auf und geht über die Wiese, ernsthaft von einer Blume zur anderen. Ties am Boden, nah über den Wurzeln knickt er die hohen Blumenstengel ab, wie er es von Juliane gelernt. Bald hat er den ganzen Arm voll blau und weißer Blumen.

Juliane liegt immer noch im Gras und denkt an Thomas, aber sie fühlt nichts mehr von feiner rätselhaften Nähe.

II.

Spät am Abend kommen ein paar Fahnenjunker aus bcm Feldlager Märenholm die Allee nach Runneküll herausgeritten. Juliane hört oben in ihrem Zimmer aus dem Flur herauf die fremden Stimmen, den grüßenden Zuruf des Vaters, dann schwerklirrende Stiefeltritte über den Ziegelsteinsubboden der Halle, die sich gedämpft im Gartensaal ver­lieren, den Juliane und Christian am späten Nachmittag mit all den vielen Kirchhofsblumen schmückten.

Dann sieht Juliane von ihrem Fenster aus die grr hen, zum Teil noch knabenhaften mageren. Gestalten, vom Vater geführt durch den Garten gehen. Sie schaut den Jungen nach, bis sie hinter dem runden Buchs­beergesträuch in der Tiefe des Gartens verschwunden sind.

Draußen ist es nicht dunkel. Rot scheint der Abendhimmel über dem schwarzausgereckten Walde. Ganz hell, grünblau überwölbt er das nahe Roggenfeld, der Getreidescheune tief herabhängendes Strohdach, die Ltn- denkronen am Ende des Gartens, aus denen silberblank der halbe Mond sich hebt. Eine Schnarrwachtel quarrt im Roggenfeld. Aus dem Graben am Bretterzaun kommt der Geruch von Brennesseln scharf und bitter heraus und vom Ende des Gartens mit jedem warmen Auswehen der Luft der Duft von blühenden Linden. Darin jäh aufbrausend ab­klingend und wieder deutlicher vernehmbar die Stimmen der Jungen.

Juliane bleibt am offenen Fenster stehen, vor dem dünnen weißen Vorhang, lauschend, die ganze Nacht. Einmal ist Christian wach, Juliane hört ihn im Nebenzimmer. Er wirst sich herum, daß der Strohsack unter ihm knistert und schlägt nach den Mücken, die sein Gesicht umtanzen. Dann ist er wieder still.

Immer wieder huscht Jürri, der rothaarige Diener, unter dem Fenster vorüber. Er trägt auf langen Brettern Weißbrot, Branntweinkarassen und silberne Becher an das Ende des Gartens in die Lindenlaube.

Juliane fröstelt. Weshalb find wohl die Jungen gekommen? Worüber beraten sie mit dem Vater die ganze Nacht? Sind sie gekommen, um Abschied zu nehmen? Müssen sie fort in den Krieg?

Ueber dem Wald schiebt sich ein purpurner Streif immer weiter nach Osten hinüber. Morgenwind weht in den Bäumen. Aus der Tiefe des Gartens kommt jemand den sehr schmalen schwarzen Weg ganz langsam herauf: Thomas.

Er geht, die Hände aus dem Rücken. In den blauweißen Schnüren seines Waffenrocks hängt eine große weiße Marguerite. Er hat den Kopf zurückgeworfen, jein braunes, etwas breites Gesicht glänzt im Morgen- licht.Er sieht nach den Wolken", denkt Juliane. Aber auf einmal fühlt sie seinen Blick gerade auf sich gerichtet, forschend auf das weiße verhängte Fenster hinter dem sie steht. Erschrocken tritt sie tief ins Zim­mer zurück. Aber der Vorhang, den sie losließ, entreißt sich förmlich ihren Händen, schwingt sich nun wie ein Segel im Morgenwind groß in den Garten hinaus.

Grüßend", denkt Juliane,grüßend."

Zwischen Lachen und Weinen setzt sie sich auf ihr Bett mit zittern­den Knien.

In der Lindenlaube fangen die Jungen zu fingen an.

lieber den Garten geht die Sonne auf.

III.

Im Winter liegt Runeküll ganz begraben im Schnee. Keine Schlitten- fpur läuft darauf zu. Jede Nacht ist der Himmel rot von brennenden Höfen. Die Russen durchziehen das Land.

Juliane und Christian sind allein in Runeküll. Jürri ist bei ihnen, der alte Diener, und Edde, Julianes Kinderfrau. Dazu ein paar Mägde und Knechte in den Ställen. Der Vater ist fort mit den jungen Reitern den russischen Haufen entgegen.

Einmal kommt ein versprengter Reitertrupp auf den Hof, Schlippen­bacher Dragoner. Sie bleiben nur eine Nacht.

Ihre schweren Pelze hängen- im Flur, Sattelgurte und Waffen liegen auf der Truhe. In den breiten" Gastbetten oben schlafen die jungen Sol­daten fest und traumlos nach den vielen durchfrorenen und durchkämpften Nächten. Juliane hört durch die dünne Wand ihre tiefen ruhigen Atem- züge.

Sie hört das Ticken der Standuhr unten im Flur, das Knacken im alten Eichenschrank. Aber es wird nicht wie sonst zu menschlichem Ge­flüster und menschlichem Tritt.

Sie denkt an die frischen Spuren, die von der großen Straße durch den Schnee auf den Hof zuführen. Aber sie fürchtet sich nicht. Sie liegt unter warmen Decken, ruhig und geborgen. Die Kleider hängen über dem Strohstuhl neben dem Bett. Nach langer Zeit wieder fühlte sie wie ein Geschenk die Kühle der Leinwandlaken um ihre bloße Haut.

Vor dem unoerhängten Fenster ist die Nacht ganz schwarz. Kein Feuerschein am Himmel, so daß auch der Apfelbaum vor dem Fenster schläft mit seinen sonst dunkel drohenden Zweigensingern und Armen. Diese Nacht sollte nie zu Ende gehen.

Aber am Morgen reiten die Jungen fort.

Und wieder sind sie allein, Abend für Abend und warten im großen leeren Saal beim Schein einer Kerze: Christian über das Gesangbuch gebeugt, aus dem er laut und deutlich vorlieft, Edde und Jürri auf der Ofenbank nah der Tür, Juliane auf der niedrigen Truhe am Fenster, das Gesicht in den Händen vergraben, eiskalt bis unter die Haarwurzeln, geschüttelt von Angst vor dem Unentrinnbaren Grauenhaften, das sicher kommt.