Ausgabe 
10.3.1933
 
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eine kn den Jahren zwischen 1390 und 1405 mit einer Flotte des Fürsten Zicheny von den Färöern aus unternommene Entdeckungsreise nach der Küste von Kanada oder weiter südlich. In diesem Bericht ist von Estoti- land die Rede, eine geographische Bezeichnung, die sich mit der Halbinsel Labrador deckt. Es ergibt sich das aus einem 1574 erschienenen Buch von Wusliet, das zugleich von einer Forschungsreise spricht, die die Könige von Dänemark und von Portugal im Jahre 1472 und 1473 ms Werk setzten. Aus dieser drang ein Schiss unter Führung des Danen Ion Skolp im Norden bis zur Labradorkllste vor, während die anderen Schiffe die fischreichen Gewässer an der Mündung des St.-Lorenz-Stromes erreichten. Man gab dem angrenzenden Teil des Festlandes den Namen Dorschland. Es ist das deshalb ganz besonders bemerkenswert, weil dasselbe Gebiet wegen des Reichtums der angrenzenden Meerenge an Kabeljaus (Stock­fisch) als Stoeafiskland (Stochfischland) und unter der gleichbedeutenden spanischen Bezeichnung Bacalaoland nicht nur auf einem sehr alten Atlas der St.-Markus-Bibliothek in Venedig verzeichnet ist, aber auch weil es in dem Bericht von Galvanos über die 1153 an die deutsche Küste ver­schlagenen Eskimos (Indianer) heißt, daß sie anscheinend von der Küste vonBacalaos" stammten. , _

Bereits im siebenten Jahrhundert sollen nach Harisse auch Spanier, nämlich Basken, die fischreichen Gewässer Nordamerikas an der Küste von Neufundland aufgesucht haben. Jedenfalls ist das vor der Zeit von Kolumbus schon wirklich der Fall gewesen, wie Eugen Gele ich klar­gelegt hat. Spricht doch Kolumbus selbst von einer Begegnung mit zwei Leuten von diesem der Seefahrt so kundigen Volk, die einmal so weit nach Nordwesten aus dem Atlantischen Ozean verschlagen wurden, daß sie dietatarische" Küste sichteten. Unter dieser ist ohne Frage die Küste von Amerika zu verstehen, da Kolumbus bekanntlich in Amerika Ostasien ober Indien entdeckt zu haben glaubte.

Alle diese bekannt gewordenen ober unbekannt gebliebenen frühen Berührungen von Europäern mit amerikanischen Völkern sinb nicht nur anthropologisch wegen ber möglichen Rassenmischung interessant, sonbern auch kulturgeschichtlich. So sinb in ber Religion mehrerer alten amerika­nischen Kulturvölker beutlich frühe christliche Einslllsse zu erkennen. Vor allem spielt bei einigen von ihnen bas Kreuz als Symbol eine große Rolle, ja, in Talenque (Mexiko) gibt es sogar einenTempel bes Kreuzes".

Oie drei von Kleist.

Von Kurt H e y n i ck e.

Nach ber Schlacht von Jena unb Auerstädt ritt ber Fähnrich Hans Joachim von Kleist mit einem kleinen Detachement, bas ihm unterstellt war, gen Rorbosten. Hinter fahlen Felbern, noch weit, lag TOagbeburg.

In Magbeburg befehligte jein Großoheim, ber General Franz Kasimir von Kleist, in Magbeburg wartete seine Base Bettina aus ihn, sie würbe ihn nun nicht tn einer stolzen Stunbe als Sieger empfangen. Jetzt hatten sie im Rücken ben verfolgenden Feind.

Sie ritten Tag und Nacht und erreichten die Stabt. Der junge Kleist buchte nicht an Bettina, er bachte an seine Pflicht unb lag zwei Tage vergeblich vor ben Türen bes Kommandanten, ber boch sein Oheim war. Er hatte erwartet, baß ein Träger bes Namens Kleist ben anberen emp­fangen würbe wie einen Soldaten; er hatte sich banach gesehnt, ben Befehl zu irgenb einem wilben Streifritt zu empfangen. Als nichts geschah, eilte Hans Joachim voll ratloser Trauer zu Bettina.

Er war verwirrt unb benahm sich stur unb steif vor ihr, fand keine guten Worte, wich ihrem Blick aus, seine Augen irrten umher; ba sah er gepackte Koffer unb Kisten, bie Zeichen eines eilig vorbereiteten Aus­bruchs. Bettina warf sich ihm an ben Hals:Hans Joachim, Lieber, bu wirft mich begleiten nach Berlin, nach Küftrin, vielleicht noch «eitert Die königliche Familie flieht nach Osten! Weg von biefem Bonaparte, weit weg von ihm mit bir!"

Er sah Bettina in bas erregte Gesicht.Flucht? Unb was wirb aus uns, wenn wir alle nichts als Angst empfinben? Wie können wir kämpfen, wenn nicht Euer Vertrauen bei uns ist?"

Kämpfen?" fragte Bettina,Kämpfen?"

3a", schrie er unb vergaß, baß er mit einer Frau sprach,Magdeburg ist Preußens stärkste Festung, wo anders könnte dem Korsen Halt geboten werden als hier? Dein Vater wird den Angriff befehlen!"

Bettina war sehr ruhig, sehr still. Sie trat zu dem Vetter, nahm seinen Kopf in ihre Hände unb sagte ernst:Hat bie Vernunft keine Stimme mehr? Willst bu nicht leben, Joachim?"

Er zitterte, als sie ihn so hielt, aber er antwortete fest:Kamps ist boch Leben. Unb was ist mehr, Bettina? Der Ruhm ober die Vernunft?"

Vater wird nicht kämpfen", sagte sie tonlos,ich weiß es." Der junge Kleist riß sich los, er war bleich:Nicht kämpfen ... nicht ..."Napoleon ist zu stark", antwortete Bettina mit armseliger Begründung. Im Zimmer lag Unwägbares. Eine maßlose Unruhe. Doch war Aufschwung in solcher Unraft und Bettina fühlte eine fremde Beglückung. Als sie aber die Augen hob, war Hans Joachim davon.

Er wählte seinen Wachtmeister Mattaus und einige seiner besten Leute und ritt mit ihnen auf Streife. Sie fingen eine französische Patrouille, beren Führer ungeschickt berichtete, bah Marschall Ney mit zehntausend Mann gen Magbeburg heranrücke,

!"9te zurück. Er schrie, et habe Gefangene gemacht. Das öffnete ihm enblich bas hart behütete Tor zum Kommanbanten. Der Ge­neral von Kleist saß mit seinen ganrnifonälteften Offizieren in seinem Zimmer unb hatte Nachrichten von Nieberlagen auf bem Tisch.

Unb ba stanb nun Kleist, ber junge, stank» zwischen Grauköpfen unb schmetterte:Zehntausenb Franzosen, nicht mehr sinb im Anmarsch. Zwanzigtausend unverbrauchte preußische Truppen aber lagern in Magde­burg. Gibt es da eine andere Losung als vorwärts gegen den Feind?"

Kleist fühlte, wie Abwehr gegen feinen Ueberfchwang gleich Mauern

stch langsam auftürmte. Er erschrak. Ganz ohne Subordination hatte er gesprochen, ein feuriges Wort zum Großschein.

Unb nun noch einmal, tönenb, aber schon in verhaltener Angst, biefe Minute verloren zu haben, soldatisch:Fähnrich von Kleist meldet einen Dragonerossizter und sechs französische Dragoner zur Vernehmung."

Wieder ging ein Ruck durch bie Versammlung; hatte ber junge Kleist Aufhellung ber büfteren Minute erwartet, enttäuschte ihn bie gestellte Frage:Franzosen? Wo angetroffen?"Eine Reitstunde westlich von bett äußeren Forts", melbete Kleist unoerbrossen. Schweigen füllte ben Raum. Eine Stimme fiel:So nahe schon?" Unb es war Angst in der Stimme.

Warten", sagte ber General von Kleist,bis ich über dich befehle." Dies:bis ich über dich befehle" erhob den Fähnrich, traf auf seine kühnen Träume, der Alte braucht mich also, bachte er.Bald geht es vorwärts" rief Hans Joachim dem Wachtmeister Mattaus zu, aber Mattaus kniff ungläubig bie Augen ein.

Der Tag verging, die Nacht kam. Hans Joachim wartete. Unb wieder kam ein neuer Tag, im Hof war plötzlich Geräusch, Kommandoruse, bann ein Trommelwirbel. Kleist sah hinunter. Im grauen Hof französische Uni­formen. Da knallten schon Ehrenschüsse, ba preschten Offiziere aus bem tnarrenben Tor ber Kommandantur, ben Franzosen entgegen! Unb nun wußte ber junge Kleist: Unterhänblerl Sein Oheim kämpfte nicht, er Der« hanbelte mit Marschall Ney.

Als ber junge Kleist sich unter rafenbem Toben, bei bem er bie ihm sich entgegenroerfenben Wachen mit übermenschlichen Kräften überwand, Einlaß in bas Zimmer bes Kommanbanten verschaffte, waren schon bie Unterhänbler Neys bei Franz Kasimir von Kleist. An ber Tür, noch in ben Armen ber ihn vergeblich zurückhaltenben Solbaten, schrie er:Oheim, die Unterhänbler lügen! Zehntausenb Mann hat Ney, nicht mehr! Kämpfe doch! Schlage sie! Wir sind überlegen! Du schreibst Weltgeschichte, wenn bu jetzt wiberstehst!"

Die Franzosen lächelten verhalten. Neys Abjutant Gras Beauregard meinte leise:Weltgeschichte macht in biefen Tagen nur ber Kaiser, Herr Fähnrich".

Der General von Kleist sagte gegen die Wand, ohne jemanden im Raume anzusehen:Fähnrich von Kleist in Arrest, bis er gelernt hat, die Zimmer von Vorgesetzten nur aus Befehl zu betreten."

Das Blut sauste bem jungen Kleist vom Herzen aufwärts ins Hirn unb jagte bie Vernunft zum Teufel. Er schrie:Feigling!"

Franz Kasimir von Kleist brehte sich um, sehr bleich, aber sehr be­herrscht:Bor ein Kriegsgericht mit bem Junker!" Der Fähnrich warf feinen Degen auf ben Tisch, auf bie äußerste Ecke, weitab von bem General, als gehöre eine Waffe nicht in seine Nähe. Dann ließ er sich abführen.

Hans Joachim würbe von vier grauen Wänben bewacht. Ein blinbes Fenster burchbrach sie in Mannshöhe, aber es war von hartem Staub überkrustet, und das Licht, das mühsam hereinsickerte, glich dieser Stunde, es war grau unb hoffnungslos.

Als Franz Kasimir von Kleist Bettina von bem wahnwitzigen Ansturm bes Neffen erzählte, bemerkte er, daß etwas Neues in ihrem Antlitz stand. Ein Widerstand, der dem des Fähnrichs glich, nur war bei Bettina alles stumm, ungesagt, verschleiert.

Er polterte:Soll ich Besseres wagen als der König, ber boch auch (;en Osten retiriert? Der König hat Unterhänbler zu Napoleon geschickt, oll ich noch, vielleicht kurz vor bem Frieben, eine Armee opfern?"

Bettina aber fragte plötzlich:Was ist mehr, der Ruhm ober die Ver­nunft?" Er erkannte wohl, daß dieses Wort nicht das ihre war, sondern ' aus der Gedankenwelt des Junkers kam, aber daß sie solchen Aufschrei | mit dem Ja ihres Herzens deckte.

IDu reisest noch heute", befahl er. Da geschah es, daß nach langem Schweigen sich ber Wille.Bettinas gegen ben bes Alten stemmte Er spürte biefen stummen Wiberstänb mit Entsetzen, er sank» sich wehrlos, bevor er ihrem Wort begegnen konnte, bas nun vor ihm stanb, wie etwas Lebenbiges: Ich bleibe.

Da riß Franz Kasimir Papier herbei unb schrieb die Entlassungsordre für Hans Joachim Die griff den Zettel unb ging ohne Dank.

Wachtmeister Mattaus, der mit feinen Gefangenen vergeblich auf Ver­nehmung gewartet hatte, fragte sich nach dem Fähnrich durch; es ver­wunderte ihn nicht allzusehr, seinen stürmischen Junker im Arrest zu finden.

Die Kunde von ber Ueberqabe hat sich allenthalben verbreitet, bie ohnehin lockeren Fesseln ber Disziplin lösten sich vollenbs. Mattaus ritt mit seinen Leuten vor bas Arreftlokal unb behauptete kühn, baß ber soeben eingelieferte Fähnrich ihm zu übergeben fei. In bem Wirrwarr, ber herrschte, fragte niemanb nach einer schriftlichen Drbre.

Als Bettina später mit ber Freilassungsurkunde kam, bedeutete man ihr, es sei alles bereits in Ordnung, der Junker fei entlasten. Sie lief ver­wirrt aus bem Wachtlokal unb eilte fuchenb burch bie Straften; sie barfite, baß sie ihn finben müsse sie wollte ihm sagen, baß sie zu ihm gehöre, sie wollte ihn trösten. Sie fand ihn nicht.

Der junge Kleist hatte Mattaus in bas Quartier geschickt:Mattaus, jetzt ist Deutschlanb verloren unb ein Kleist ist mitschulbig!" Dann hatte er sich ausgemacht, allein, schweigen!).

Er ritt westwärts. Westwärts war ber Feinb. Er ritt in ben Feinb hinein. Als ihn eine französische Patrouille umzingelte unb ihn auf« forberte, sich zu ergeben, schoß er. Da hieben sie ihn nieber.

| Die bei ihm gefunbenen Papiere wiesen ibn aus. Der General erfuhr vom Tode des junoen Kleist am Tage der Uebergabe. als 20 000 Preußon in Magdeburg bie Waffen nieberlegten. Der Alte verschwieg Bettina, was geschehen war, aber sie las alles in seinem Gesicht unb stellte ihn.

Er sagte ihr bie Wahrheit. Sie antwortete nicht. Sie blieb stumm. Sie blieb Tage und Wochen ftumm, unb es schien, als lebe sie nur noch nach innen, ivo ber Schmerz saß.

Bettina von Kleist soll, einem unverbürgten Gerücht zusolae, in Männer­kleibern in ein Freikorps getreten unb bei Stralsund unter Schill gekämpft haben und gefallen sein.

Derantck>örtlich: Ur. Hans Thyriot. Druck unb Verlag: Drühl'sche llniversitäts-Duch- unb Steinbruckerei, D. Lange. Gießen.