Ausgabe 
10.3.1933
 
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-aann sich in ihm zu bilden.Es ist jetzt sich, von einem neuen Tröpflein Weines

sich an den Braten gehalten!"

Ich sag's auch", meinte der Wirs,es sieht sich zwar nicht ganz elegant an; aber so hab' ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur Generäle und Kapitelsherren essen sehen!"

Unterdessen hatte der Kutscher die Pserde füttern lassen und selbst ein handfestes Essen eingenommen in der Stube für das untere Volk, und da er Eile hatte, ließ er bald wieder anspannen. Die Angehörigen des Gasthofes zur Waage konnten sich nun nicht langer enthalten und fragten, eh' es zu spät wurde, den herrschaftlichen Kutscher geradezu, wer sein Herr da oben sei, und wie er heiße? Der Kutscher, ein schalkhafter und durch­triebener Kerl, versetzte:Hat er es noch nicht selbst gesagt?"

Rein", hieß es, und er erwiderte:Das glaub' ich wohl, der spricht nicht viel in einem Tage; nun, es ist der Gras Strapinski! Er wird aber heut und vielleicht einige Tage hier bleiben, denn er hat mir besohlen mit dem Wagen vorauszufahren."

Er machte diesen schlechten Spaß, um sich an dem Schneiderlein zu rächen, das, wie er glaubte, statt ihm für seine Gefälligkeit ein Wort des Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in das Haus begeben hatte und den Herren spielte. Seine Eulenspiegelei aufs äußerste treibend, bestieg er auch den Wagen, ohne nach der Zeche für sich und die Pserde zu fragen, schwang die Peitsche und fuhr aus der Stadt, und alles ward so in der Ordnung bekunden und dem guten Schneider aufs Kerbholz gebracht.

^JnzwWen sah der Wirt, daß der Gast nicht trank, und sagte ehrer­bietig Der Herr mögen den Tischwein nicht, befehlen Sie vielleicht em Glas guten Bordeaux, den ich bestens empfehlen kann?

Da beging der Schneider den zweiten selbsttätigen Fehler, indem er aus Gehorsam ja statt nein sagte, und alsobald verfugte sich der Wagwutt persönlich in den Keller, um eine ausgesuchte Flasche zu holen; denn es lag ihm alles daran, daß man sagen könne, es sei etwas Rechtes im Ort zu haben. Als der Gast von dem eingeschenkten Wein wiederum aus basem Gewissen ganz kleine Schlücklein nahm, lief der Wirt voll Freuden in die Küche, schnalzte mit der Zunge und rief:Hol' mich der Teufel, der ver- steht's, der schlürft meinen guten Wein auf die Zunge, rote man einen Dukaten auf die Goldwaage legt!" ,,,,, . . . . s ,

Gelobt fei Jesus Christ!" sagte die Köchin,ich Habs behaupret, daß

einmal, wie es ist", sagte er sich, von einem neuen Tropflein meines erwärmt und aufgeftadjelt;nun wäre ich ein Tor, wenn ich die kom­mende Schande und Verfolgung ertragen wollte, ohne mich dafür fatt- gegeffen zu Haden! Also vorgesehen, weil es noch Zeit ist! Das Türmchen, was sie da ausgestellt haben, dürste leichtlich die letzte Speise sein, daran will ich mich halten, komme was da wolle! Was ich einmal im Leibe habe, kann mir kein König wieder rauben!"

Gesagt, getan; mit dem Mute der Verzweislung hieb er in die leckere Pastete, ohne an ein Aushören zu denken, so daß sie in weniger als fünf Minuten zur Hälfte geschwunden war und die Sache für die Abend- Herren sehr bedenklich zu werden begann. Fleisch, Trüsseln, Klößchen, Boden, Deckel, alles schlang er ohne Ansehen der Person hinunter, nur besorgt, sein Rönzchen voll zu packen, ehe das Verhängnis hereinbrache; dazu krank er den Wein in tüchtigen Zügen und steckte große Brotbisfen in den Mund; kurz, es war eine so hastig belebte Einfuhr, wie wenn bei auffteigenbem Gewitter das Heu von der nahen Wiese gleich aus der Ga­bel in die Scheune geslüchtet wird. Abermals lies der Wirt in die Küche und ries:Köchin! Er ißt die Pastete aus, während er den Braten kaum berührt hat! Und den Bordeaux trinkt er in Halden Gläsern!"

Wohl bekomm' es ihm", sagte die Köchin,lassen Sie ihn nur machen, der weiß, was Rebhühner sind! Wär' er ein gemeiner Kerl, so hätte er

Run mußte es sich aber fügen, daß dieser, ein geborener Schlesier, wirklich Strapinski hieß, Wenzel Strapinski, mochte es nun ein Zufall sein oder mochte der Schneider sein Wanderbuch im Wagen hervor- gewgen, es dort vergessen und der Kutscher es zu sich genommen hoben. Genug als der Wirt freudestrahlend und händereibend vor ihn hintrat und fragte, ob der Herr Graf Strapinski zum Nachtisch em Glas alten Tokaier oder ein Glas Champagner nehme, und ihm meldete, daß die Zimmer soeben-zubereitet würden, da erblaßte der arme Strapinski, ver­wirrte sich von neuem und erwiderte gar nichts.hortnn(a

fiöthft interessant!" brummte der Wirt für sich, tnbem er abermals in ben Keller eilte unb aus befonberem Verschlage nicht nur ein Fläsch­chen Tokaier, sondern auch ein Krügelchen Bocksbeutel holte und e,ne Cbampaanerslasche schlechthin unter den Arm nahm. Bald sah Strapinski einen ttemen Wald von Gläsern vor sich, aus welchem der Ghampagner- kclch wie eine Pappel emporragte. Das glänzte, klingelte unb duftete gar

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gekommen um Öen Kaffee zu trinken, und das tägliche Spielchen um denselben zu machen; bald kam auch der ältere Sohn des Hauses Haberlm und Cie der jüngere des Hauses Pütschli-Nievergelt, der^Suchhalter einer Sen Spinnerei, Herr Melcher Böhnl; allein statt ihre Partie zu spielen gingen sämtliche Herren in weitem Bogen hinter dem polnischen Grafen herum, die Hände in den hinteren Rocktaschen, nut den Augen blinzelnd und aus den Stockzähnen lächelnd. Denn es waren biejenigen Mitglieber guter Häuser, welche ihr Leben lang zu Hause blieben, deren Verwandte und Genossen aber in aller Welt saßen, weswegen sie selbst die Welt ett|uiiol3base"oUte ein polnischer Gras sein? Den Wagen hatten sie freilich von ihrem Comptoirstuhl aus gesehen; auch wußte man nicht, ob Wirt ben Grasen oder dieser jenen bewirte; doch hatte der Wirt bis jetzt rro* keine dummen Streiche gemacht; er war vielmehr als ein ziemlich schlauer Kopf bekannt, und so wurden denn d-e Kreise, welche die neu­gierigen Herren um den Fremden zogen, immer kleiner, bis sie s ch wule vertraulich an den gleichen Tisch setzten und sich auf gewandte Weise zu dem Gelage aus dem Stegreif einluden, indem sie ohne weiteres um eine Flasche zu würfeln begannen. ..... .

* ich tranken sie nicht zu viel, da es noch früh war; dagegen galt es, Schluck tre slichen Kassee zu nehmen und dem Polacken, wie sie

Nachruf für Teddy.

Von Georg Hermann.

lieber deine srühste Jugend ist mir nichts bekannt. Als wir uns kennen- lernten (du fielst mir auf der Straße auf, weil du einem kleinen Mädchen, das jämmerlich schrie, immer in die Nase beißen wolltest), warst du wohl ungefähr drei Monate, während ich siebenundvierzig Jahre war, ja bald achtundoierzig. Du warst weih, Teddy, wie ein Lämmchen mit ein paar schwarzen Haaren. Und ich war damals schwarz mit ein paar weißen chnareu. Als wir uns dann nach einem Dutzend von Jahren voneinander trennten, hatte ich mich in dieser Hinsicht wenigstens dir so ziemlich angepaht.

Damals war noch Krieg, unb ein Solbat hatte bich, Tebdy, für fein Töchterchen aus bem Felb mitgebracht, damit sie mit dir, und du mit ihr spielen solltest. Ob die Sage, daß du als einziger lleberlebenöcr aus einem vergasten englischen Schützengraben gezogen worden warst, einen histo­rischen Hintergrund hatte, oder nur dazu von dem Soldaten erfunden worden war, daß er an meine Sensationslust appellierend, den Preis für dich nicht von zwanzig auf zehn Mark herunterhandeln ließ, wird nie geklärt werden.

Am nächsten Tage tratest du bei mir in Erscheinung. An einem schönen blühend-blauen Maitag des Jahres 1918. Klein, bildhübsch, weih unb

sAws U NrSnD ÄTVL, 'M WUnb als?e?Schneider wieder aus dem langen Gange ^orgeroanbelt tarn melancholisch wie ber umgehende Ahnherr eines Stammschlosses, begleitete er ihn mit hundert Komplimenten und Hanbreibungen wleberum in den verwünschten Saal hinein. Dort wurde A ohne ferneres Verweilen an den Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgeruckt und da der Dust d°r krastu gen Suppe/bergleidjen er lange nicht gerochen, ihn v o llends sein es Will en beraubte fo ließ er sich in Gottes Namen nieder und tauchte sofort den schweren'Löffel in die braungoldene Brühe. In tiefem Schweigen e,-f*lf$t Seine matten Lebensgeister und wurde mit achtungsvoller Stille und

Alster Etzen Teller geleert hatte und der Wirt s 1 ........*SeMd "

blante Messer zu brauchen, sondern hantierte schüchtern mid zimperlich mit der silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Kochm, welche zur Tür hineinguckte, den großen Herren zu sehen, und sie sagte zu den Umstehenden:Gelobt sei Jesus Christ! Der weiß noch einen seinen F sch ,u effcn mie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem zarten Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein Herr von großem Hause, daraus wollt' ich schwören, wenn es nicht verboten wäre! Und wie schön und traurig er ist! Gewiß ist er in ein armes Fräu­lein verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die vornehmen Leute

crs versteht!" , , . , .

So nähm die Mahlzeit denn ihren Verlauf und zwar sehr langsam, weil der arme Schneider immer zimperlich unb unentschlossen unb krank unb der Wirt, um ihm Zeit zu lassen, die Speisen genugsam stehen lieh. Trotzdem war es nicht der Rede wert, was der Gast bis jetzt zu sich genommen; vielmehr begann der Hunger, der immerfort 1° gefährlich gereizt wurde, nun den Schrecken zu überwinden, und als die Pastete von Rebhühnern erschien, schlug die Stimmung des Schneiders gleichzeitig um unb ein fester Gebaute bei

einen Schluck trefflichen Kaffee zu nehmen unb bem Poiacren, wie j,e den Schneiber bereits heimlich nannten, mit gutem Rauchzeug aufzu­warten, bamit er immer mehr röche, wo er eigentlich wäre.

Darf ich bem Herrn Grafen eine ordentliche Zigarre anbieten? Ich habe sie von meinem Bruder auf Kuba direkt bekommen! sagte der eine

Die Herren Polen lieben auch eine gute Zigarette, hier ist echter Tabak aus Smyrna, mein Kompagnon hat ihn gesandt , rief der andere, indem er ein rotseidenes Beutelchen hinschob. .

Dieser aus Damaskus ist seiner, Herr Gras , rief der dritte,unser dortiger Prokurist selbst hat ihn für mich besorgt!"

Der vierte streckte einen ungefügen Zigarrenbengel bar, inbem er schrie:Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen so versuchen sie bieje Pslanzerzigarre aus Virginien, selbstgezogen, selbstgemacht unb burdiaus nicht käuflich!" , , , . <_ ,,

Strapinski lächelte sauersüß, sagte nichts und war bald in feine Duft- roolten gehüllt, welche von der hervorbrechenden Sonne lieblich versilbert wurden. Der Himmel entroöltte sich in weniger als einer Viertelstunde, ber schönste Herbstnachmittag trat ein; es hieß, der Genuß ber günstigen Stunde fei sich zu gönnen, da das Jahr vielleicht nicht viele solcher Tage mehr brächte; und es wurde beschlossen, auszusahren, ben fröhlichen Amtsrat auf seinem Gute zu besuchen, der erst vor wenigen Tagen ge- keltert hatte, und seinen neuen Wein, den roten Sauser, zu kosten. Putschtt- Nieve-aelt, Sohn, sandte nach seinem Jagdwagen, und bald schlugen seine jungen Eisenschimmel das Pflaster vor der Waage. Der Wirk elbst lieh ebenfaUs anfpannen, man lud den Grasen zuvorkommend ein, sich anzu- schliehen und die Gegend etwas kennen zu lernen.

Der Wein hatte seinen Witz erwärmt; er überdachte schnell, dah er bei dieser Gelegenheit am besten sich unbemerkt entfernen unb seine Wanberung sortsetzen könne; ben Schaben sollten die törichten und zu­dringlichen Herren an sich selbst behalten. Er nahm daher die Einladung mit einigen höslichen Worten an und bestieg mit bem jungen Putscht, ben Jagbwagen.

(Fortsetzung folgt.)