Ausgabe 
10.3.1933
 
Einzelbild herunterladen

GietzenerzamilieMWer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <955 Sreitag, den 10. März Hummer 20

Nachtgeräusche. -

Von Conrad Ferdinand Meyer. Melde mir die Nachtgeräusche, Muse, die ans Ohr des Schlummerlosen fluten Erst das traute Wachtgebell der Hunde, dann der abgezählte Schlag der Stunde, dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer, dann? Nichts weiter als der ungewisse Geisterlaut der ungebrochnen Stille, wie das Atmen eines jungen Busens wie das Murmeln eines tiefen Brunnens, wie das Schlagen eines dumpfen Ruders, dann der ungehörte Tritt des Schlummers.

Kleider machen Leute.

Novelle von Gottfried Keller.

An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneider­lein auf der Landstraße nach Golbach, einer kleinen reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts, als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgend einer Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihm ordentlich von diesem Drehen und Reiben, denn er hatte wegen des Fallimenets irgend eines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagsbrot herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm gänzlich unmög­lich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide, welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit schwarzem Sammet ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.

Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne daß er etwas Schlimmes oder Betrügerisches dabei im Schilde führte; vielmehr war er zufrieden, wenn man ihn nur gewähren und im stillen seine Arbeit verrichten ließ; aber lieber wäre er verhungert, als daß er sich von seinem Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte, die er ebenfalls mit großem Anstand zu tragen wußte.

Er konnte deshalb nur in größeren Städten arbeiten, wo solches nicht zu sehr aussiel; wenn er wanderte und keine Ersparnisse mitführte, geriet er in die größte Not. Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn die Leute mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles andere, als daß er betteln würde; so erstorben ihm, da er überdies nicht beredt war, die Worte im Munde, also daß er der Märtyrer seines Man­tels war und Hunger litt, so schwarz wie des letzteren Sammetsutter.

Als er bekümmert und geschwächt eine Anhöhe hinauf ging, stieß er aus einen neuen und bequemen Reisewagen, welchen ein herrschaftlicher Kutscher in Basel abgeholt hatte und seinem Herrn überbrachte, einem fremden Grafen, der irgendwo in der Ostschweiz auf einem gemieteten oder angekauften alten Schlosse sah. Der Wagen war mit allerlei Vor­richtungen zur Ausnahme des Gepäckes versehen und schien deswegen schwer bepackt zu sein, obgleich alles leer war. Der Kutscher ging wegen des steilen Weges neben den Pferden, und als er oben angekommen den Bock wieder bestieg, fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen wolle. Denn es fing eben an zu regnen und er hatte mit einem Blicke gesehen, daß der Fußgänger sich matt und kümmerlich durch die Welt schlug.

Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der Wagen rasch mit ihm von bannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich und donnernd durch den Torbogen von Goldach fuhr. Vor dem ersten Gasthofe, zur Wage genannt, hielt das vornehme Fuhrwerk plötzlich, und alsogleich zog der Hausknecht so heftig an der Glocke, daß der Draht beinahe entzwei ging. Da stürzten Wirt und Leute herunter und rissen den Schlag auf; Kinder und Nachbarn umringten schon den prächtigen Wagen, neugierig, welch ein Kern sich aus so unerhörter Schale enthülsen werde, und als der verdutzte Schneider endlich hervorsprang in seinem Mantel, blaß und schön und schwermütig zur Erde blickend, schien er ihnen wenigstens ein geheimnisvoller Prim oder Grafensohn zu sein. Der Raum zwischen dem Reisewagen und der Pforte des Gasthauses war schmal und im übrigen der Weg durch die Zuschauer ziemlich gesperrt. Mochte es

nun der Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut sein, den Haufen zu durchbrechen und einfach (eines Weges zu gehen, er tat dieses nicht, sondern ließ sich willenlos in das Haus und die Treppe hinangeleiten und bemerkte feine neue seltsame Lage erst recht, als er sich in einen wohn­lichen Speisesaal versetzt sah und ihm sein ehrwürdiger Mantel dienst­fertig abgenommen wurde.

»Der Herr wünscht zu speisen?" hieß es,gleich wird serviert werden, es ist eben gekocht!"

Ohne eine Antwort abzuwarten lief der Wagwirt in die Küche und rief:Ins drei Teufels Namen! Nun haben wir nichts als Rindfleisch und die Hammelskeule! Die Rebhuhnpastete darf ich nicht anschneiden, da sie für die Abendherren bestimmt und versprochen ist. Sv geht es! Den einzigen Tag, wo wir keinen solchen Gast erwarten und nichts da ist, muß ein solcher Herr kommen! Und der Kutscher hat ein Wappen auf den Knöpfen und der Wagen ist wie der eines Herzogs! und der junge Mann mag kaum den Mund öffnen vor Vornehmheit!"

Doch die ruhige Köchin sagte:Nun, was ist denn da zu lamentieren, Herr? Die Pastete tragen sie nur kühn auf, die wird er doch nicht auf- effen! Die Abendherren bekommen sie dann portionenweise, sechs Por­tionen wollen wir schon noch herausbringen!"

Sechs Portionen? Ihr vergeßt wohl, daß die Herren sich satt zu essen gewohnt sind!" meinte der Wirt, allein die Köchin fuhr unerschüttert fort:Das sollen sie auch! Man läßt noch schnell ein halbes Dutzend Kotelettes holen, die brauchen wir so wie so für den Fremden, und was er übrig läßt, schneide ich in kleine Stückchen und menge sie unter die Pastete, da lassen Sie nur mich machen!"

Doch der wackere Wirt sagte ernsthaft:Köchin, ich habe Euch schon einmal gesagt, daß dergleichen in dieser Stadt und in diesem Hause nicht angeht! Wir leben hier solid und ehrenfest und vermögen es!"

Ei der Tausend, ja, ja!" rief die Köchin endlich etwas aufgeregt, »wenn man sich bann nicht zu helfen weiß, so opfere man die Sache! Hier sind zwei Schnepfen, bie ich den Augenblick vom Jäger gekauft habe, die kann man am Ende ber Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen ge­fälschte Rebhuhnpastete werben bie Leckermäuler nicht beanstanden! So- bann sind audj die Forellen da, bie größte fjabc ich in bas siedende Wasser geworfen, wie der merkwürdige Wagen kam, und da kocht auch schon die Brühe im Pfännchen, so haben mir also einen Fisch, das Rind­fleisch, das Gemüse mit ben Kotelettes, ben Hammelsbraten und Sie Pastete; geben Sie nur ben Schlüssel, daß man bas Eingemachte und den Dessert herausnehmen kann! Und den Schlüssel könnten Sie, Herr! mir mit Ehren und Zutrauen übergeben, damit man Ihnen nicht aller­orten nachspringen muß und oft in die größte Verlegenheit gerat!"

Liebe Köchin! Das braucht Ihr nicht übel zu nehmen, ich habe meiner seligen Frau am Totbette versprechen müssen, die Schlüssel immer in Händen zu behalten; sonach geschieht es grundsätzlich und nicht aus Miß­trauen! Hier sind die Gurken und hier die Kirschen, hier die Birnen und hier die Aprikosen; aber das alte Konfekt darf man nicht mehr aufstellen; geschwind soll die Lise zum Zuckerbeck laufen und frisches Backwerk holen, drei Teller, und wenn er eine gute Torte hat, soll er sie auch gleich mitgeben!"

Aber Herr! Sie können ja dem einzigen Gast das nicht alles auf­rechnen, bas schlägt's beim besten Willen nicht heraus!"

Tut nichts, es ist um die Ehre! Das bringt mich nicht um; dafür soll ein großer Herr, wenn er durch unsere Stadt reift, sagen können, er habe ein ordentliches Essen gefunden, obgleich er ganz unerwartet und im Winter gekommen sei! Es soll nicht heißen, wie von den Wirten zu Seldwyl, bie alles Gute selber fressen unb ben Fremden die Knochen vorsetzen! Also frisch, munter, sputet Euch allerseits!"

Während dieser umständlichen Zubereitung befand sich der Schneider in der peinlichsten Angst, da der Tisch mit glänzendem Zeuge gedeckt wurde, und so heiß sich der ausgehungerte Mann vor kurzem noch nach einiger Nahrung gesehnt hatte, so ängstlich wünschte er jetzt, der drohen­den Mahlzeit zu entfliehen. Endlich faßte er sich einen Mut, nahm seinen Mantel um, setzte die Mütze auf und begab sich hinaus, um den Ausweg zu gewinnen. Da er aber in feiner Verwirrung, und in dem weitläufigen Haufe die Treppe nicht gleich fand, so glaubte der Kellner, den der Teufel beständig umhertrieb, jener suche eine gewisse Bequemlichkeit, rief:Er­lauben Sie gefälligst, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg weisen!" und führte ihn durch einen langen Gang, der nirgends anders endigte, als vor einer schönen lackierten Türe, auf welcher eine zierliche Inschrift an­gebracht war.

Also ging der Mantelträger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lämm- lein, dort hinein und schloß ordentlich, hinter sich zu. Dort lehnte er sich bitterlich seufzend an die Wand, und wünschte der goldenen Freiheit der Landstraße wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das Wetter war, als das höchste Glück erschien.

Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbsttätige Lüge, weil er in dem verschlossenen Raum ein wenig verweilte und er betrat hiermit den abschüssigen Weg des Bösen.