Ausgabe 
10.2.1933
 
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Einen Kuß noch, Gretl, bevor Sie gehen. Einen einzigen Kutz zum Abschied!"

Die Bitte war kaum ausgesprochen, als er sie auch schon bereute. Wie hatte er nur so kühn sein können! Am Ende hatte er jetzt mit seinem Ungestüm alles verdorben.

Noch nein! Die Baronesse war gar nicht beleidigt. Ja, sie schien seine Bitte beinahe erwartet zu haben. Der aufs glücklichste überraschte Arzt sah sie plötzlich viel größer werden. Offenbar hatte sie sich, weiß Gott, warum! auf die Fußspitzen gestellt. Dann sah er einen Augenblick lang ihre Lippen, zugespitzt, sonderbarerweise gerade nach seinem rechten Nasenflügel zielen. Und dann fühlte er ihn, den Kuß, um den er gebeten hatte,, auf feiner Nase zwar, aber das tat seiner Glückseligkeit weiter keinen Eintrag.

Gleich daraus ließ ihn ein Geräusch zusammensahren.

Hören Sie nichts, Baronesse?" fragte er voll Besorgnis. Beide schwiegen und lauschten. Schritte kamen die Treppe hinauf.

Wenn das Ihr Vater ist, Gretl, wenn es ihm nun einfällt, hier hereinzukommen! Wie unvorsichtig sind wir beide gewesen!"

Wahrhaftig: Es kam jemand den Gang herauf. Dr. Kircheisen blickte sich verzweifelt im Zimmer um. Sein Blick fiel auf einen grünen Damast­vorhang, der die Zimmerecke verdeckte. Mit einem Sprung stand er dort und hatte den Borhang beiseite gerissen. Kleider hingen dort, ein Ruck­sack und ein Mantel. Ein Bergstock lehnte neben einem Eispickel an der Wand und zwei zu Bündeln gerollte Seile, ein langes und ein kürzeres, lagen am Boden.

.Hierher, Baronesse!" rief Dr. Kircheisen leise.Kommen Sie hierher. Rasch. Und rühren Sie sich nicht!"

Er zog sie hinter den Vorhang.

Sie wollen mich verstecken?" rief sie und ließ ein leises Gekicher hören.Gott, ist das ein Spaß!"

Er zog den Vorhang vor.Um aller Heiligen willen, still!" bat er.

Da klopfte es auch schon an der Tür.

Er hatte gerade noch Zeit, ans Fenster zu eilen und dort eine mög­lichst ungezwüngene Haltung einzunehmen. Dann rief er:Herein."

Es war wirklich der Baron selbst, der in das Zimmer trat.

... Allen Göttern Dank! ... hauchte Dr. Kircheisen und hielt sich am Fensterbrett fest, um nicht umzusinken. ... Wenn ich seinen Schritt überhört hätte! Die Baronesse ..., wenn sie sich jetzt nur ruhig, mäus­chenstill verhalten wollte! Eine schwere Zumutung für solch ein un­bändiges Temperament. Hoffentlich dehnt der Baron feinen Besuch nicht allzu lange aus.

Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, Doktor", begann der Baron, daß ich in Ihr Zimmer bringe. Aber ich konnte mir nicht anders helfen, die Sache läßt mir keine Ruhe."

Welche Sache, Herr Baron?" fragte Dr. Kircheisen und sandte zugleich einen besorgten Blick nach dem Vorhang, dessen Falten sich, wie ihm schien, verdächtig bewegten.

Ich komme aus dem Krankenzimmer. Doktor, er atmet kaum mehr! Sein Herz setzt zeitweilig ganz aus, Doktor! Wenn er nun plötzlich auslöscht, ohne daß wir es merken"

Das ist wenig wahrscheinlich, Herr Baron."

Aber ich -darf es gar nicht daraus ankommen lassen. Auch die leiseste Möglichkeit eines solchen Endes beunruhigt mich namenlos!"

Dr. Kircheisen machte eine ungeduldige Bewegung. Diese Unterredung schien sich nun wirklich in die Länge ziehen zu wollen. Was wollte der Baron? Zielte er am Ende wieder nach dem Karasinserum? Wenn man ihn doch nur aus dem Zimmer hinaus bringen könnte! Dort hinter dem Vorhang mirbs sehr unruhig. Am besten, ich schau gar nicht mehr hin, sonst fällt bem Baron meine Verlegenheit auf. Was für einen merk­würdigen Anzug er jetzt wieder trägt! Er paßt ihm gar nicht, er schlottert förmlich an ihm. Es scheint, daß der Baron Vogh prinzipiell nur Kleider trägt, die für einen andern, einen viel stärkeren Menschen gearbeitet sind ...

Doktor! Um es kurz zu sagen, Sie müssen das Mittel anwenden. Heute noch! Gleich! Das Karasinserum!"

. Natürlich! Darauf gings wieder hinaus ...Herr Baron", sagte der Arzt ernst.Wenn ich gewissenlos genug wäre, dieses Gift..., ja, ich wiederhole es: dieses Gift!, denn etwas anderes ist das Karasinserum nicht wenn ich gewissenlos genug wäre, dieses Gift anzuwenden, bann würbe gerabe das, was Sie befürchten, mit Sicherheit eintreten: In tiner Stunde wäre Utam Singh tot."

Ja!" fugte der Baron ruhig.Aber vorher würde er auf eine halbe Stunde aus feiner Agonie erwachen."

Herr Baron, Sie bemühen sich vergeblich. Ich kann und darf dieses ungesetzliche Mittel nicht anwenden."

Und wenn ich Ihnen nun sage, Doktor, daß"

Der Baron hielt inne. Seine Augen bekamen plötzlich einen ver­wunderten Ausdruck. Ein leises Geräusch, das aus dem Hintergrund des Zimmers tarn, ließ den Arzt Fürchterliches ahnen. Er wagte es nicht, sich umzudrehen, sondern starrte gespannt in das Gesicht des Barons und erwartete einen wilden Zornesausbruch. Die Katastrophe ... jetzt war sie da!

Aber nein, nichts dergleichen geschah. Nur ein unbefangenes Mädchen­lachen ertönte und dann die Stimme der Baronesse:Ich hab's nicht mehr ausgehalten dort in dem häßlichen Winkel. Da bin ich, Papa!"

Der Baron sprach noch immer kein Wort. Dr. Kircheisen sühlte, wie eiserne Finger ihm die Kehle zuschnürten. Was muhte jetzt in der Brust des Vaters vorgehen!... Jetzt ist's meine Pflicht, dem Baron irgendeine Erklärung zu geben und die Schuld auf mich zu nehmen. Vielleicht ist es ganz gut, daß es so gekommen ist. Gleich vom Anfang die Wahr­heit, das ist besser, als ein endloses Versteckspielen. Es ist am klügsten, ich sage ihm, was geschehen ist und was meine Absichten sind.

Herr Baron!" begann der Arzt und seine Stimme zitterte vor Erregung.Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Sie sind erstaunt, Ihre Tochter hier anzutreffen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, daß die

Baronesse frei von jeder Schuld ist. Ich bin es, der sie veranlaßt hat, mir eine Unterredung zu gewähren. Herr Baron, seit dem Augenblick, in dem ich Ihre Tochter zum erstenmal gesehen habe, stand es für mich fest, .. .*

Aber lieber Doktor!" unterbrach ihn der Baron mit einem müden und verdrossenen Ton in seiner Stimme.Lassen wir doch meine Tochter aus dem Spiel. Wir haben wahrhaftig wichtigere Dinge zu besprechen." Dann wandte er sich der Baronesse zu:Schau, daß du hinauskommstl Mußt du überall dabei fein?" rief er böse.Wirklich unglaublich. Mach lieber deine französische Arbeit zu Ende und geh schlafen."

Die Baronesse warf dem Arzt einen Blick zu und huschte bann aus dem Zimmer.

Dr. Kircheisen stand starr. Nein, diesen Ausgang hatte er nicht er­wartet. Um Himmels willen ... dachte er ... wie muß es in den aristo­kratischen Häusern zugehen. Welche Moral herrscht hier! Der Vater findet seine Tochter im Zimmer eines fremden Herrn und sagt nichts, rein nichts! Kaum ein einziges Wort des Zornes oder des Vorwurfs! Ist nicht im geringsten empört über sein eigenes Fleisch und Blut. Du lieber Gott das verstehe, wer kann. Solche Zustände! Solche Zustände! ...

Ich frage noch einmal, zum allerletzten Male frage ich Sie, ob Sir das Mittel anwenden wollen, Doktor", ertönte die Stimme des Barons. Im Zimmer war es mittlerweile ziemlich dunkel geworden. Aber die Stimme, die der Arzt vernahm, klang jetzt, wie ihm schien, ganz anders als früher. Nicht mehr bittend, nein: fordernd, beinahe herrisch. Aber Dr. Kircheisen ließ sich nicht einschüchtern.

Nein!" sagte er nach kurzer Ueberlegung.Ich kann meinen Stand­punkt nicht ändern. Sie dürfen nicht weiter in mich bringen. Denn es ist ein Verbrechen, zu dem Sie mich bestimmen wollen, Herr Baron."

Wortlos verließ der Baron das Zimmer.

Dr. Kircheifen blieb allein zurück. Er drückte auf den Lichtkontakt und ließ den Lüfter aufflammen. Dann blickte er auf die Uhr: Zehn Minuten fehlten auf sieben. Nun rasch in den Garten! Die Baronesse durfte er nicht warten lassen... Wenn sie nur kommt! Am Ende hält sie der Baron zurück. Vielleicht wird fies erst jetzt zu büßen haben, daß er sie hier bei mir im Zimmer angetroffen hat...

Dr. Kircheisen blickte sich um, ehe er aus der Tür trat. Alle Dinge hier im Zimmer waren ihm mit einemmal lieb und vertraut geworden. Dort der Tisch, auf dem sie gesessen hatte. Der Vorhang, hinter den er sie versteckt hatte. Dort--- Was war das? Die Decke, die über das Bett

gebreitet lag, war verschoben und arg zerknüllt! Hier hatte jemand alles durcheinander geworfen und dann rasch wieder Ordnung schassen wollen. Sollte am Ende sie ... durchfuhr es ihn... Mein Kommen hat sie gestört! Sie hat am Ende eine Ueberraschung vorbereitet. Bielleicht hat Smir Ihr Bild gebracht! Aus jeden Fall ist hier etwas versteckt worden! ie hatte sie nur gesagt?:Es mär so hübsch gewesen, wenn Sie die > ganze Nacht wachgeblieben wären und an mich gedacht hätten!" Natür­lich! Ihr Bild hat sie mir gebracht, ganz bestimmt! Solch eine liebe, reizende Ueberraschung!

Dr. Kircheisen fuhr mit der Hand unter die Bettdecke und tastete zwischen den Polstern. Er fühlte einen harten Gegenstand und zog ihn hervor. Ernst und nachdenklich betrachtete er dann das Sing.

Es war eine Bürste.

Der letzte Gast aus Ceylon.

Dr. Kircheisen verließ leise und vorsichtig das Haus. Der Park lag in abendlicher Dunkelheit, und über den Baumwipfeln schimmerte ein grauvioletter Himmel. Einen Augenblick lang blieb der Arzt stehen und blickte sich um. Niemand in der Nähe. Finsternis ringsumher, nur die erleuchteten Fenster des Krankenzimmers warfen große, gelbe Licht­streifen auf den Kies. Aus der Ferne ertönte das Klingeln der elektri­schen Straßenbahn.

Im Treibhaus war die Baronesse noch nicht. Dr. Kircheisen machte vor allem Licht; ein kümmerliches Licht allerdings nur, denn die kleine, grüne Glühlampe, die an der Decke hing, war zu schwach für den großen Raum. Dann ließ er sich auf einen zerbrochenen Gartenstuhl nieder und wartete.

Cs dauerte eine Viertelstunde etwa, eh ihn ein leises Zirpen, in dem er das Geräusch der Türangel erkannte, aufschauen ließ. Endlich! Da war die Baronesie! Sie sah reizend aus! Ganz außer Atem war sie und das Tuch, das sie um die Schultern geworfen hatte, wehte hinter ihr her.

Gretl! Wie soll ich Ihnen dafür danken, daß Sie gekommen sind!" Er erinnerte sich plötzlich an die Bürste in feinem Bett und faßte die Baronesse bei beiden Handgelenken.Sie Spitzbub, Sie kleiner!"

DerSpitzbub" schien ihr unendlich viel Spaß zu machen.Haben Sie sie schon gefunden? Wie luftig! Ich hab's mit der Mama vor ein paar Tagen genau so gemacht. Ich glaub, sie ist noch heute bös darüber. Sind Sie auch bös?"

Sehr! Aber wenn ich einen Kuß bekomme, bin ich wieder gut!"

Die Baronesse war keine Freundin von Zierereien. Nur, wie komisch: Sie stellte sich auf die Fußspitzen, wenn sie küßte! Weshalb nur? Dem Arzt blieb nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Der Kuß, den er ver­langt hatte, landete irgendwo in der Umgebung seines rechten Auges und warf ihm beinahe den Zwicker von der Nase.

Dr. Kircheifen rückte vor allem das Augenglas wieder an feinen alten I Platz. Dann faßte er die Baronesse an den Handgelenken. Der Augen­blick der Entscheidung schien ihm gekommen zu [ein.

Gretl?" flüsterte er.Wollen Sie . . . willst du meine Frau werden?"

Heiraten?" fragte die Baronesse nachdenklich.Wann?"

Bald. In ein paar Wochen, wenn es geht."

Nein", sagte die Baronesse sehr ruhig und bestimmt. Aber gleich darauf schien sie sich's anders überlegt zu haben.Oder ja", sagte sie. 'Gut." (Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: 0r. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univ ersitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lana«, Gießen.