man nach Indien kommt. Aber man kann sich ja oft nicht so ausdrücken, wie man möchte, besonders wenn man etwas aufgeregt ist.
Auf einmal fährt ein Auto vor, ein fabelhaftes Auto. Ein Herr in weißem Tropenanzug steigt aus. Er zieht sich, bevor er die Veranda betritt, die Schuhe aus. Aus seidenen Socken kommt er langsam näher und macht eine tiefe Verbeugung vor Gandhi. „Verflixt!" durchfährt es uns, „wir sind doch Tolpatsche, wir haben ja ganz vergessen, die Schuhe abzulegen." Wir sehen beschämt auf unsere großen, nagelbespickten Latschen hinab. Gandhi lacht sehr, als er unsere Ratlosigkeit an unseren roten Köpfen bemerkt. „Laßt nur, tut, als ob ihr zu Hause wärt." Peter, der schon einen Schuh ausgezogen hat, schlüpft wieder hinein. Der fremde Herr macht nochmals eine tiefe Verbeugung. „Ich bin", sagt er, „um die halbe Erde gereist, von Los Angeles in Kalifornien bis nach Ahmedabad in Indien, um den Mahatma zu sehen und von ihm zu lernen." Wie ein stechender Schmerz durchfährt es uns: „Ha, so etwas Schönes und Feierliches hätten wir doch auch zur Begrüßung sagen sollen." Und wir ärgern uns wieder mächtig über uns selbst. Gandhi aber sagt lächelnd: „I don't believe that" (das glaube ich nicht). Verdutzt stehen wir da. „Sie sind auf einer Weltreise, haben schon China, Java, Australien und Ceylon gesehen und machen jetzt eine kurze Reise durch Indien, wobei Sie im Vorbeikommen auch bei mir vorsprechen."
Und jetzt sieht der Amerikaner verlegen auf seine Füße, obgleich er keine Schuhe an hat, und lächelt und zuckt die Achseln und gibt stumm zu, daß es wirklich so ist. „May I Help you?", (Darf ich Ihnen Helsen?) Er zieht ein Messer aus der Tasche und fängt ebenfalls an, Gemüse zu schnippeln. „Also nun erzählt mal", sagt Gandhi dann zu uns. Und wir berichten, wie wir uns in Wien getroffen haben und dann einfach lostippelten, ohne viel Geld in der Tasche,» um nach Indien zu kommen. Wie wir unterwegs unsere Lieder sangen und „Wilhelm Teil" ausführten und uns so unser Nachtquartier verdienten und ein bißchen Geld zum Leben. Wie wir nach Konstantinopel kamen und nach Rußland, wie wir schließlich Persien erreichten und unter großen Mühen durch die Wüste zogen. Und was für ein Glück wir hatten, als wir mit einem Auto weiterfahren durften bis zum Persischen Golf, von wo wir mit dem Schiff nach Indien fuhren. Wir erzählten ihm alles. Wie wir den Mönchen Volkslieder vorsangen, weshalb Päule versohlt wurde, wie wir bei den Russen Lieder „in allen Sprachen" zum besten gaben, obgleich wir nur deutsche Lieder können, und wie Peter, der Racker, ausriß und wie er fast zu spät zum Schiff gekommen wäre, als wir nach Indien übersetzten. — Die Glocke läutete zum Frühstück, sonst hätten wir vielleicht noch den ganzen Tag erzählt.
Von allen Seiten kommen die Leute herbei zum Essen. Männer und Frauen, Jungens und Mädchen — in der Nähe von Gandhis Haus wohnen viele von seinen Freunden und Mitarbeitern mit ihren Familien. Außerdem gibt es einige junge Leute, die bei Gandhi studieren. Alle sehen sich in der Veranda auf den Boden, wie das in Indien Sitte ist. Männer und Frauen getrennt. Nur für uns werden Stühle herbeigeschleppt und rechts und links von Gandhi hingestellt. Ein paar Jungens gehen auch schon weg, einen Tisch zu holen. „Bitte nehmt Platz", sagt Gandhi und läßt sich neben uns auf den Boden nieder. Da thronen wir also auf unseren Stühlen, der große Gandhi zu unseren Füßen. Wir fühlen uns recht unbehaglich, so hoch über dem großen Mann. Auf einmal gibt sich Fred einen Ruck, steht auf, schiebt den Stuhl zur Seite und setzt sich neben Gandhi. Und schwubbs tun wir dasselbe. Großes Gelächter. Wir schämen uns etwas und schauen vor uns hin. Gandhi sagt nichts. Der reiche Amerikaner setzt sich nachher ebenfalls auf den Boden.
Jetzt sitzen wir also alle in einer Reihe in der Veranda. Jeder bekommt eine Kupserplatte vor sich hingestellt. Dann kommt ein junger Mann und gibt aus einem großen Topf einen ordentlichen Schlag Reis darauf. Hinterher folgt ein anderer mit Gemüse. Dann bekommt man noch etwas Butter zu dem Reis — alles auf die eine Platte — und das Futtern kann losgehen. Aber das ist gar nicht so leicht, wie man sich das vorstellt. Denn man muß mit den Fingern essen. Man wollte uns zwar Gabeln bringen, aber als wir sahen, daß nur wir welche bekommen sollten, sagten wir kühn, wir brauchten keine. Also wir wollen zuerst mal sehen, wie die anderen mit den Fingern essen. Sie nehmen etwas Reis mit den Fingerspitzen und mengen ein wenig Gemüse dazu. Aha, so ... Dann formen sie es zu einem kleinen Kügelchen und schwubbs — werfen sie es sich in den Mund. Das sieht sehr graziös aus. Aber es ist gar nicht so einfach. Besonders: mit dem Mgelchen den Mund zu treffen. Man darf nicht etwa beide Hände dazu nehmen, nur die rechte Hand, denn die Linke "gebraucht der Inder zu den schmutzigen Arbeiten. Noch schwieriger wird es als es nachher noch Dickmilch zum Reis gibt. Die aus der flachen Schüssel heraus zu „fingern" ist ganz verflucht fchwer. Wir schwitzen richtig vor Anstrengung, und wir sehen viele belustigte Gesichter um uns herum, als wir uns so abplagen mit unserer Dickmilch. Dagegen machen das die Inder mit großer Geschicklichkeit ... Schwubbs, die Finger stiegen nur so zwischen Mund und Schüssel hin und her, und schon ist die Kupferplatte sauber. Sie legen, glaube ich, die Finger löffelartig zusammen, tauchen sie in die Dickmilch hinein und führen sie dann schnell zum Mund. Den letzten Rest entfernen sie von der Platte, indem sie die Finger einfach hineinlegen und dann ablecken. Eine seine Sache ist das Mit-den-Fingern-esfen. Was muß man sonst vieles Eifenzeug ablecken, ehe man richtig zum Essen kommt. Ein paar saubere Finger schmecken wirklich viel besser, selbst als der sauberste Löffel. Probiert es nur mal! Zum Nachtisch gibt es noch einen Becher Milch — hier gibt es nur Kupfergeschirr — und etwas Palmzucker dazu. Der schmeckt fein, wie Malzbonbons ...
Am liebsten möchten wir noch wochenlang bei Gandhi bleiben, denn es ist so schön hier, und man kann so viel Interessantes sehen und lernen. Aber wir haben versprochen, uns morgen abend mit Jnderjungens auf dem Berge Abu zu treffen — eine Nachtreise von hier. Wir nehmen also Abschied von Gandhi. Er hält gerade eine Versammlung von Studenten ab. Gandhi drückt uns allen warm die Hand und sagt: „Betrachtet mein Haus als eure Heimat. Immer wenn ihr zurückkehrt, seid ihr herzlich willkommen." Und die Studenten springen auf, recken die Arme und rufen: „Djai! Djai! Djai!"
Nachdruck verboten.
lief) wild.
Copyright by Albert Langen, München. (Fortsetzung.)
Das Mangobaumwunder.
Roman von Leo Perutz und Paul Frank.
„Da begegnen sich wieder einmal unsere Neigungen. Auch ich liebe Tierüressuren über alles."
„Heuer war ich elfmal im Zirkus. Achtmal hab' ich zugefchaut, wie der Wärter feinen Kopf dem großen Löwen ins Maul gesteckt hat."
„Achtmal! Guter Gott, war das nicht schließlich doch ein bißchen langweilig?"
„Nein. Gar nicht", sagte die Baronesse leise, lehnte sich zurück und schloß die Augen. „Ich bin immer wieder hingegangen. Ich hab' gehofft, daß der Löwe doch endlich einmal ganz wild werden und dem Wärter den Kopf abbeißen wird. Oh, das hält' ich gern gesehen, das hält' ich gern gesehen!"
„Ist das Ihr Ernst?" fragte der Arzt. Er ließ peinlich berührt ihre Hand fallen. Dieser Zug ins Grausame an dem schönen Geschöpf erschreckte ihn. Er blickte sie an. Sie sah älter aus in diesem Augenblick als zuvor. Die leisen Falten des Verblühens um Mund und Augen waren niemals so deutlich zu erkennen gewesen wie jetzt. Ein Unbehagen beschlich ihn. Würde sie auch zu ihm passen? Kann ein Wesen mit solch bösen Neigungen den Mann, dem es angehört, wirklich lieben? Wird sie, deren Sinne nur noch nach den letzten Reizungen der Grausamkeit verlangten, nicht seiner bald überdrüssig werden und ihn bann kalt beiseite roerfen? Nein, sie ist kein guter Mensch, die Baronesse! ...
Eine kleine Pause des Schweigens und der Besangenheit entstand. Es schien, als Hütte die Baronesse seine Gedanken erraten.
„Jetzt muß ich gehen", sagte sie und sprang von der Tischplatte herab. „Es ist schon spät."
Dr. Kircheisens moralische Bedenken waren bei diesen Worten sofort in alle Winde verscheucht.
„Nein, ich lasse Sie nicht fort von hier, Grell!"
„Wie wollen Sie mich halten?" fragte sie mit jenem trotzigen Vorschüben der Lippe, das der Arzt schon an ihr kannte. „Sie fönnen’s nicht."
„Sie müssen mir versprechen, daß ich Sie noch heute abend Wiedersehen darf. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen."
„Noch heute abend?" wiederholte die Baronesse nachdenklich.
„Ja! Ich hab' Ihnen viel zu erzählen. Bestimmen Sie selbst den Ort und die Stunde! Oder, wenn Sie das mir überlassen wollen — sagen wir: Um zehn Uhr im Treibhaus. Dort sind wir sicher vor Störungen."
„Um zehn Uhr?" Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht.
„Aber warum denn nicht, Grell?"
„Weil ich da schon schlafe."
„Ich bitte um Verzeihung, ich bin mit den Gewohnheiten des Haukes noch nicht vertraut. Dann natürlich früher, wann es Ihnen angenehm ist. Etwa um sieben Uhr?"
„Gut", sagte sie.
„Also um sieben Uhr im Treibhaus. Wir werden ganz allein fein.
„Ganz allein! Wird das aber luftig!" lachte die Baronesse. „Jetzt muh ich aber gehn." .
Dr. Kircheisen nahm nochmals all feinen Mut zusammen.
„Sind Sie wirklich der Instrumente halber hierher gekommen, Grell?" fragte der Arzt. Die Frage war wenig taktvoll, das sah er im gleiche« Augenblick ein, und er konnte sich's selbst nicht erklären, wie er den Diut zu solchen Worten gefunden hatte. Aber nun war's einmal gejagt und nun wollte er aus ihrem eigenen Mund erfahren, ob ihn nur leere Hoffnungen und Träume genarrt hatten.
Die Baronesse errötete, gab jedoch keine Antwort.
„Wirklich nur der Instrumente halber? Ist das der einzige Grund gewesen, Grell?" forschte er eindringlich.
Die Baronesse senkte den Kopf und schwieg. Dann hob sie ihn mit einem plötzlichen Ruck.
„Sie wissen's also?" fragte sie.
"Ich fyab’s sofort geahnt! Gleich, als ich Sie in meinem Zimmer stehen sah", rief Dr. Kircheifen glücklich.
Die Baronesse war ganz ernst geworden: „Schade. Es wär' so hübsch gewesen, wenn Sie die ganze Nacht wach geblieben wären und an mich gedacht hätten."
„Das werde ich bestimmt tun. Grell! Ich schwöre es Ihnen. Den ganzen Tag und die ganze Nacht. Wenn Sie wüßten, Grell, was Liebe ist!"
„Gewiß weiß ich das", sagte die Baronesse sehr sachlich und bestimmt. „Liebe ist, wenn der Ritter den Drachen erschlägt, der die Prinzessin bewacht, oder, wenn er ein Meer durchschwimmt."
„Wenn Sie doch nur einen Augenblick ernst bleiben wollten, Grell! Sie paßt ja wunderbar zu Ihnen, diese unaufhörliche Lust, zu scherzen, aber die kostbare Zeit verrinnt, die wir für uns allein haben. Wenn Sie doch nur ein wenig Mitleid mit mir haben wollten."
„Mitleid? Pfui!" sagte die Baronesse kalt und frostig. „Das ist langweilig: Mitleid. Der Ritter Blaubart, das war ein wirklicher Mann, der hat seinen Frauen den Kopf abgeschlagen und dann immer wieder eine andere genommen. Wenn ich heirate, muß mein Mann einen großen, blauen Bart haben, sonst nehm' ich ihn nicht."
Dr. Kircheisen betastete nachdenklich sein glattrasiertes Kinn und suchte die Baronesse zugunsten seiner Bartlosigkeit umzustimmen.
„Die Legende von dem blauen Bart des berühmten Frauenmörders", sagte er, „ist wissenschaftlich kaum haltbar. Die Historiker behaupten, daß es sich hier überhaupt nur um ein volksethymologisches Mißverständnis handle. Ihr Ritter Blaubart hat wahrscheinlich in Wirklichkeit nie im Leben einen blauen Bart gehabt."
„Aber der Schauspieler im Theater hat doch einen blauen Bart getragen!" meinte die Baronesse. „Aber freilich, nirgends wird soviel gelogen, wie im Theater. Nicht die Hälfte ist wahr. Ich geh' darum auch am liebsten in den Zirkus zu den Tieren. Die sind doch wenigstens wirk-


