gegenüber der Menschenwelt. Als Brücke zu einem höheren Zweck erscheint ihm nun fein Brot Beruf, da er ihm die Mittel gibt ohne Not an sein Ziel heranzureifen. Mühevoll erschuftete und erlistete Zurucklagen, kleinere und größere Reservefonds werden rücksichtslos als HUfstruppen für feine Tierstudien eingesetzt — für [eine ausgedehnten Entdeckungsfahrten in deutsche und ausländische Tiergärten. Welche Welt bttdet sich in ihm in diesen Jahren rastloser Reisezeit, welches Gluck des Kommenden! Es ist ein Aufbruch da aus allen Winkeln feines Wesens.
Aus zahllosen Gesprächen mit Förstern, Fischern, mit Schäfern, Tierwärtern und Artisten fließen ihm die Ströme seines Suchens zuruck, seine Tierverbundenheit erhält Bewußtheit, Gestalt und Gesicht; zugleich aber formt sich dieser heimliche Sinn in ihm weiter, der das Tier aus einer transzendentalen Macht zu sich heranzieht und der nicht erlernt werden kann, obschon ihn wesensähnliche Menschen unter sich wahrnehmen. Wie bezeichnend in dieser Richtung das Erlebnis, als er in Amsterdam vor dem Käfig der Drangs steht, inmitten eines Trubels gleichgültiger Gaffer, wie er, einer unter Bielen und doch ein Besonderer, von dem ihm gänzlich fremden Wärter plötzlich angeredet wird: „Kommen Sie hinter den Käfig, Herr, Ihnen will ich die Tiere allein zeigen." Boll heimlicher Fruchtbarkeit auch die Zirkusreisen mit Krone, Sarasani und Hagenbeck. Besonders wichtig aus dieser Zeit ist das Zusammenleben mit zwei jungen Tigern auf einer skandinavischen Tournee: Stolz und Behagen eines Pflegevaters in sechswöchiger Wagenkameradschaft, Erwachen einer ungemein subtilen Hellhörigkeit für die frühesten Regungen der Tierseele, Bilder und Szenen, über denen der Schimmer von Herzensglück liegt, Spielwiesen in Sonne und Lust: aus dem kurzgeschorenen Rasen kugeln sich die drei Kameraden, von denen der eine ein ausgewachsener Verlagsdirektor ist mit blondem Schopf und blauen Augen, und die kleinen Bestien mit den glücklichen Schreien der Kindheit in den glucksenden Kehlen haben nicht den geringsten Respekt vor diesem heiteren Zweibein mit der vertrauten Witterung. Da kommt auch noch der bestellte Fotograf dazu, er möchte wahrhaftig bei all seiner Raubtierfurcht die grellbunten Katzen auch einmal streicheln dürfen und er tut es und empfindet solches Vergnügen dabei, daß er auf jedes Honorar verzichtet.
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Man darf schon glauben, daß ein Tier ein genaues Gefühl dafür hat, ob es ein Mensch gut mit ihm meint ober nicht. Geduld und Liebe aber find auch hier das Sesam öffne dich! für das Raubtierherz, das längst nicht so wild und zornig pocht, wie es die Leute meistens glauben. Eipper sagt: „Man muß leise und gut auf die Tiere einreden, wenn man sie für sich gewinnen will und ihnen reichlich Gelegenheit geben, sich mit der typischen Atmosphäre jedes Menschen vertraut zu machen. Unter den alten Dompteuren soll es üblich gewesen fein, sich zunächst völlig nackt in den Witterungsbereich des Raubtieres zu begeben, aus der richtigen Erkenntnis, daß die Empfindungen und seelischen Reflexe der meisten Tiere von ihrem Geruchsinn unabtrennbar finb. Wenn sich nun die originelle Praxis jener alten Tierkenner aus naheliegenden Gründen für die normale Berkehrsanbahnung zwischen Mensch und Tier nicht ohne weiteres übernehmen läßt, so ist doch beachtlich, daß wir die Tiere stärker als bisher als Nafenwesen einschätzen müssen." Eipper erzählt sehr vergnügt, wie chn Tiere aus den verschiedensten Gärten der Welt nach Monaten wieder „ermittert" hätten. Seltsam war hier vor allen das Verhalten einer Meerkatze im Dresdner Zoo. Anstatt Wiederfehensfreude zu bekunden, ergriff die langgeschwänzte Dame mit den grünen Augensternen zunächst eine Hand voll Sägemehl und warf fie mit zorniger Gebärde und lautkreifchend ihrem alten Freund und Wohltäter ins Gesicht. „Es war eine Art Vorwurf oder zorniger Protest gegen die monatelange Vernachlässigung", meint Eipper, „nicht etwa Bosheit, denn nach diesem Temperamentsausbruch verlangte fie stürmisch auf den Arm genommen und geliebtoft zu werden." — Ein anderes Gesetz im Verkehr mit Tieren heißt: „Hände weg". Die menschlichen Greiforgane find dem Tier und zumal dem Wildling aus eigener Erfahrung ober atavistischem Srunbtrieb Oegenftanb bes Mißtrauens ober ber Furcht. Zahllose Unglücksfälle haben ihre Ursache lebiglich in ber menschlichen Aufbringlichkeit unb in ber Sucht, alles gleiche betasten zu müssen. Eine wahre Hilfe ist bagegen bie<5timme für bie freundschaftliche Annäherung an die Tiere. Nicht das herrische An- schreien, durch das oft ber plumpe unb innerlich meist unsichere Mensch feine kreatürliche Überlegenheit zum Ausbruck bringen möchte, fonbern eine ruhige, freunblidje unb psychologisch vertiefte Sprechweise. Eipper empfiehlt bringenb, auf bas S a u t b i l b des zu behandelnden Tieres einzugehen, auf die gutturalen Kehllaute des Kamels beispielsweise, auf den nasalen maunzenden Anlaut der Katzenarten. In Lvckworten und Kofen- namen läßt sich dieses primitive Gesetz unschwer unterbringen, lieber- rafchend find die Erfolge, die der Tierfreund mit diesem naturgegebenen Rezept erzielte: Ein junger Löwe, den er einst auf diese Art behandelte, jumpte vor Vergnügen auf unb ab, wie ein fibeler Gummimann, fobalb sich Eipper nur bem Gitter näherte, unb ein Tiger stürzte aus der Felfen- raft förmlich auf ihn zu, als er bie zärtlich vertrauten Naturlaute aus Menschenmunb vernahm.
Es ist bem Laien, gleichviel aus welchem Berufe er kommt, ein hoher Genuß, mit einem so klaren unb gütigen Tiermenschen wie Paul Eipper über feine eigenste Erlebniswelt zu sprechen, bie ihn aus einem sicheren Berufsleben nach jahrzehntelangem opfervollem Kampf in bie Region bes freien Schaffens zog. Noch fühlt sich ber beridjtenbe Dichter unb bidjtenbe Berichterstatter einer von Millionenwünfchen getragenen Menfch-Tier- tamerabie nicht am Zielpunkt feiner Lebensarbeit. Das „Natürliche" weiter unb mit immer feineren Mitteln zu erobern uiW bie Silber feines Schauens immer einbringlidjer unb roerbenber, man könnte sagen ethischer, in bie Menschenherzen hineinzutragen, ist ihm täglicher unb ftünblidjer Antrieb. Man muß diesen Ausbruch aus bem Zartesten verstehen, Hessen ein Naturmensch von Begnadung fähig ist: Aus jener Schöp
fungsnähe, bie sich bas Kinb schon fpielenb herbeiführte, wenn es sich ein Paradiesgärtlein aus farbigen Miniaturen schuf. Dem 42jährigen >st auch dieses aus der Jugend treu geblieben: daß er oftmals, tief in der Nacht in Arbeitspausen, den großen Kasten mit den kleinen bleiernen Tier- figuren herbeigeholt und sie spielerisch zueinander ordnet, Löwen und Nashorn, Giraffen, Elefanten, die schlanke Gazelle und das breitgefttrnte Zebu — eine lautlose, friedvolle Schöpfung unter Palmen. Unb es ist ihm bann, als müsse ein letzter erlöfenber Sinn hinter feiner Arbeit stehen, am Ziel seiner Mutterschaft zwischen jener Welt unb ber unfngen.
Land unter Wasser.
Von Theodor Kramer.
Wann der Tauwind durch's lehmige Weidenland weht, und ber schmutzige Schnee auf den Feldern zergeht, ist ber Gräben Gefälle zu seicht unb zu schwach;
unb es steht bis zum Saum halb bas Lanb, bas sich flach
unb in Streifen erstreckt, unter Wasser.
Leer, als hätte ber gurgelnbe Grund sich gesenkt, gleißt die Fläche, die Weiden nur ragen verschränkt; finster teilen die Raine und Dämme die Flut, nur ein Weiser, ein Kirchturmkreuz wirft feine ©lut, feine strahlende, schwarz übers Wasser.
Weitab stehn bie Flecken, zum Weg wirb ber Damm.
Selten stakt eine Zille sich schwer burch den Schlamm; still und warm wird die Lust, und mit grünlicher Haut überziehn sich die Wellen, und lappiges Kraut keimt und treibt auf dem schaumigen Wasser.
Sechs deutsche Jungens besuchen Gandhi.
Von Hans Q u e-l i n g.
Ein echtes, modernes Abenteuer-Buch ist ber im Societäts-Verlag in Frankfurt erschienene Reisebericht „Sechs Jungens tippeln zum Himalaja" von Hans Q u e li n g. Im Erlebnis junger Menschen spiegelt sich hier bie ganze Wunberwelt Jnbiens. Als Probestück fei ber Besuch der deutschen Tippelbrüder bei Gandhi mitgeteilt.
Ringsum ist ein kleiner, eingezäunter Vorgarten. Dann kommen wir auf eine Veranda. Das Haus hat nur zwei Zimmer; bie Türen stehen offen niemanb ist zu sehen. Nur in ber Ecke ber Veranba steht ein Mann unb putzt Gemüse. Er nickt uns freundlich zu. Es wird wohl jemand kommen, denken wir, und fetzen uns auf eine Bank und sehen bem Diener zu, wie er an bem Gemüse arbeitet. Er ist ein kleiner, hagerer Mann, mit einem Lenbentuch betleibet, wie alle Jnber ber ärmeren Klasse Die grauen Haare trägt er nach Bauernart kurz geschoren. Nur oben auf bem Kopf am Wirbel hat er eine lange Haarsträhne. So ist es bei den Hindus Sitte. Der Diener sieht uns fortwährend an unb nickt und lacht Ein freundlicher Mensch; man muh sich auch unwillkürlich freuen, wenn man ihn anblickt. Penner nickt ihm ermunternd zu, als wolle er sagen: — denn der Diener kann ja wahrscheinlich kein Englisch — „Schon so viel Arbeit am frühen Morgen?"
Nun was hat euch getrieben, mich in meinem bescheidenen Heim aufzusuchen?" Wir find starr vor Erstaunen. Der „Diener" mit dem Kuchenmesser in der Hand ist der große Gandhi selbst! Wir sitzen da, alle in einer Reihe und wissen nicht, was wir sagen sollen. Eigentlich hatten wir gedacht, einen riesigen, breitschultrigen Menschen zu finden, mit kühner Hakennase und stechenden Augen, wie sich das doch für einen richtigen Nationalhelden gehört. Wir hätten uns gar nicht gewundert, wenn uns dieser Mann gleich wieder herausgeschmillen hatte, weil wir kleinen Jungens es wagen, ihn, den großen Heros, zu besuchen. Wir sind eigentlich enttäuscht, und doch — der Mann da, hinterm Kuchentisch, sieht uns so freundlich an, zwinkert uns mit feinen kleinen Augen unter ben großen Brillengläsern so lustig zu, baß es einem direkt warm ums Herz wird.
Er zieht noch ein Mester unterm Küchentstch hervor, „Wenn einer von euch Lust hat, mir ein bißchen zu helfen ..." Wums! find wir alle auf. geimpft unb zum Küchentstch gesprungen. Natürlich, jeder will helfen. Gandhi gibt bas Mester Peter, unferm Jüngsten, und ber fängt gleich mit rotem Kopf an zu arbeiten. Wie er sich fühlt, baß er Gandhi helfen darf!
„Aber zu Fuß seid ihr doch nicht nach Indien gekommen", sagt Gandhi. „Nein, wir haben alle Fahrzeuge benutzt, die wir unterwegs kriegen konnten. Autos, Wagen, manchmal ging’s auch zu Pferd ober mit dem Schif-f, wenn wir Geld hatten, aber wir mußten auch viel zu Fuß laufen. Wir haben uns fo richtig durchgeschlagen." „Und weshalb seid ihr gerade zu mir gekommen?" „Dch, das wissen wir eigentlich auch nicht", sagt Fred. „Wir waren nun einmal hier in Indien unb wir wollen hier alles Schöne sehen unb alles mitmachen, was es gibt. Wir wollen auf Tiger- jagb gehen, wir wollen mal auf Elefanten reiten, unb weil wir nun grabe hier vorbei tarnen, buchten wir, wir wollten auch Sie mal fehen."
Gandhi lacht und klopft Fred auf bie Schulter. Wir finben, Freb hat bas nicht richtig gesagt, benn wir finb doch nicht fo von unyfätjr hier vorbeigekommen. Wir haben doch schon viel von Gandhi gehört und wissen, daß er ein feiner Kerl ist, den man einfach besuchen muß, wenn


