Ausgabe 
9.10.1933
 
Einzelbild herunterladen

ruinieren.'

*

und

Peraniworilich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl'jche Univrrjitäts.'Luch. und Steindruckerei.A. Lange, Gießen.

gut. Sie

wollen ober nicht, ich lasse die Leute nicht los, ich hypnotisiere sie, bis sie ohne meine Ware nicht leben können."

Ich glaube", antwortet der Händler Karezinsky, und er spricht aus, was alle denken,Herr Doktor Wagenschanz in seinem Ueber- mut kommt noch ins Untersuchungsgefängnis, aber von dort schafft man ihn gleich in die Irrenanstalt."

Alle Köpfe fahren herum zu dem, der sprach, und zu dem, der gemeint war. Starker Tobakl Was wird Doktor Wagenschanz antworten?

Er antwortet gar nichts. Er zieht langsam ein Notizbuch her­vor, greift einen Rotstift vom Schreibtisch seines Anwalts und hält fest: Karezinsky (dreimal unterstrichen) Dr. Wgfchz. erst Untersuchungsgefängnis, dann Irrenanstalt.

Buch zu, eingesteckt.

Wenn Sie mich verklagen wollen", schreit der Händler,bann bekommen Sie es von mir sogar schriftlich, was ich eben gesagt habe."

Ich werde Sie nicht verklagen, Herr Karezinsky. Das geht mir zu umständlich."

Sondern?"

Alle Augen zu diesem und zu jenem, ein hochroter Kopf und aufgeregtes Gestikulieren, ein unbewegliches Gesicht mit schräg von unten kommendem Blick. Aber der Herr Doktor Wagenschanz scheint trotzdem die Sprache verloren zu haben, klagen will er nicht, warum schrieb er sich die Beleidigung auf, warum tilgt er sie nicht mit einem gesalzenen Schimpfwort?

Sondern? Was wollen Sie tun?"

Wie soll ich das einrenken, denkt Schönlern, alles steht die Angst ums Geld wird siegen, aber

Aber Doktor Wagenschanz antwortet endlich:Ich werde

mir!" Das ginge Schritt für Schritt immer in mein Lokal, eine ganze Menschenmenge hinterdrein, die Bude wurde gerammelt voll sein. Feine Idee, was?"

Grober Unfug", lacht Rosemarie.

, $cin fo großer Unfug, u(§ roetut tuuu verlubciL

,',Das stimmt", gibt sie zu. Während des Tages war sie ge­schüttelt von Angst, angesteckt von der Wut kleiner Leute. Nun wird es dunkel, sie sieht Anton Wagenschanz im Lichtkreis ferner Lampe arbeiten, sie begreift: es wird offenbar nicht gut ausgehen mit dieser Fabrik, aber bestimmt wird es irgendwann gut aus- qehen mit diesem Mann. Es duldet ihn nicht in der Tiefe, er wird immer neue Versuche unternehmen, schließlich wird es ihm ge­lingen. , ,, ,

Zweifeln Sie wirklich an mir, Rosemarie?" fragt er leise tu denselben Gedanken.

Nein, nicht mehr. Herr Wagenschanz." *

Danke." ,

Es ist halb sieben, sie müssen zu Rechtsanwalt Schönlein gehen. Anton nimmt ihren Arm und preßt ihn ganz vergnügt. Föhn weht hoch in der Luft, Modergeruch strömt aus den nahen Bergen wie Frühlingsatem. Sie kommen durch das Villenviertel, aber Anton zieht seine Schultern zusammen und redet nicht von der künftigen großen Wohnung, die sie ihm einrichten sollte. Daraus merkt sie endlich, wie schwer es ihn selber anficht.

Die Glänbigerversammlnng beginnt mit einer Rede Schön­leins. Er habe sich die Bücher der der Kosmetischen Werke schicken lassen, der Geschäftsgang sei nicht gerade schleppend, recht­fertige allerdings auch nicht die aufgewendeten Mittel. Als Rechts­beistand des Herrn Doktors Wagenschanz.ersuche er die geehrte Versammlung, keine übereilten Beschlüsse zu fassen, die der Ent­wicklung schädlich sein könnten. Man möge vielmehr eine gewisse Zeit abwarten, ob die drei übermäßig teuren Inserate eine Be­lebung des Geschäftsverkehrs bringen würden.

Die geehrte Versammlung füllt Schönleins Arbeitszimmer und die angrenzende Kanzlei, sitzt auf Stühlen herum und verqualmt die Luft mit schlechten Zigarren, Rosemarie wird es beinah übel. Elli hingegen stenographiert ungerührt, als säße sie am offenen Fenster. Den Kandidaten Kieselbach hat man mit strengem Ver­bot zu Hause gelassen. Wann Herr Doktor Wagenschanz feine Schulden zu bezahlen gedenke, will man wissen.

In vier bis sechs Wochen. Mit Verzugszinsen.

So. Großartig. Das wäre ja sehr schön. Auf Grund welcher Abschlüsse der Herr Doktor solche Hoffnungen erwecken könne?

Auf Grund der drei Inserate.

Die Händler, die ihre Vertriebsgeschäfte meist von Vater und Vatersvater übernommen haben, schlagen sich knallend auf die Schenkel. Anton sitzt mit übereinandergeschlagenen Knien da und bemüht sich, den Leuten klarzumachen, daß er eine gute Ware fabriziert.Jawohl, ich weiß schon, darauf kommt es beinah nicht an, weil auf der ganzen Welt alle Lager mit guter Ware bis unter das Dach gestopft sind."

Aha!

Nicht einmal ein Bedürfnis besteht für meine Ware, es kommt also nur darauf au, ob ich es hervorzurufen verstehe. Meine Fabrik verfügte bisher über einen ständig wachsenden Ab­satz, meine Methoden sind also richtig."

Dies bestätigt Schönlein mit Zahlen, Tabellen und Diagram­men. Es sieht genau so aus, als ob man friedlich ausetnanber- gehen und dem Doktor Wagenschanz noch eine Galgensrist zu­billigen werde. ,

Aber jetzt wird Anton von einzelnen Händlern angegriffen, daß allein seine irrsinnigen Werbeziffern das ganze Unternehmen aushöhlten.Und warum haben Sie uns bis aus den heutigen Tag von diesen Inseraten keinen Ton gesagt, Sie haben immer mehr Schulden ausgehäuft und hier gekauft und dort geliehen, warum haben Sie uns diese neuen Ausgaben verschwiegen?

Anton verschränkt die Arme und mustert den Frager.Sehr einfach. Weil Sie mich gehindert hätten."

Aber sicher hätten wir das getan, Herr!"

Es entsteht ein Höllenlärm, den Schönlein erst nach einer Weile zu beschwichtigen vermag. Wie wird dieser Kampf ausgehen, den Doktor Wagenschanz so unvorsichtig führt? Rosemarie fiebert auf die Entscheidung, von der ihre Existe.nz abhängt und die Arbeit, die sie schon mit Leidenschaft liebt. Die eifrig schreibende Elli zittert vor Mitgefühl, alle haben recht: die Händler, denen man auf der Nase herumtanzte, recht hat Anton Wagenschanz mit seinem Arbeitsmut, und auch Herr Schönlein hat recht, der sicht­lich nervös wird über das Benehmen seines Mandanten.

Rosemarie erträgt diese Luft nicht mehr und geht hinüber ins Musikzimmer, lieber'dem Flügel liegt, wie sie bemerkt, ein Hauch Staub, man kann mit dem Finger hineinschreiben. Sie müßte diesen Flügel einmal wieder stimmen, er müßte wieder einmal singen. Aber durch diese entgötterte Wohnung schwebt nicht mehr Lisas dunkle Stimme, nicht mehr der Engelsgesang dieses Flügels, von drüben her schwirren die Mißtöne eines widerwär­tigen Gezänkes, das in ziellosen Erörterungen verläuft. Schön­lein findet die drei Unglücksinserate gut und wirkungsvoll, also möge man doch in Gottesnamen eine Weile Geduld üben.

Ich zwinge die Menschen, meine Ware zu kaufen", behauptet Anton Wagenschanz mit unbewegtem Bauerngesicht,sie mögen

Es kommt, rote mit Bewunderung gesagt werben mutz auch mit Bedauern, die grotze Zeit für Herrn Peter Schönlein. Wenn die Sterne der andern sinken, so geht fein Stern auf. Peter hatte zuweilen den Eindruck, er habe seinen Beruf ver­fehlt. Er fühlte sich nicht darin wohl. Wie soll man es ausdrücken: Kram fremder Leute, Schlechtigkeiten, die er weißwaschen soll.

Die Menschen, mit denen er nun verhandelt, werden von den Wellen hin und her geworfen, sie sitzen mit gequälten Gesichtern vor ihm, er soll ihre Angelegenheiten betreiben. Diese Geschäfts­leute werden zwar die Streitigkeiten ihrer Frauen vor Gericht zurechthadern, in dieser Hinsicht verlangen sie vom Staat, daß er Recht spreche. , rr ,,

Hier findet Peter seine großen Fähigkeiten wachsen, ihn schleu­dern die Wellen nicht, er erteilt Rat und Zuspruch und steuert die Dinge so, daß nicht einmal der Handelsrichter sich hineinmischt, den dort würde alles sogleich zu einfach, dort würde der ver­wickelte Mechanismus mit Gewalt in einige säuberliche Teile zer­legt, und am Ende hätten alle den Schaden.Sie sind ein er­fahrener Geschäftsmann, werter Herr, Sie sehen das ein!"

Wie ein Arzt und Helfer sorgt Peter Schönlein dafür, daß möglichst geringer Schaben entsteht. Den Doktor Wagenschanz allerdings kann er höchstens vor dem Offenbarnngseid bewahren.' Der Mann, der mit dieser Zeit fertig werden wollte, verschwindet von Tag zu Tag mehr unter den Wellen, noch schaut sein Vauern- schopf hervor, auch dieser wird demnächst verschwinden, daran läßt sich kaum etwas ändern.

Schönlein betreibt die stille Liquidation der Wagenschanz- Werke. Das ist keine ausgesprochene Absicht, es bleibt von allem als die beste Lösung übrig. Niemand widerspricht. Daß Doktor Wagenschanz sich verteidigt wie ein umstellter Keiler, wer ver­denkt es ihm? Schließlich wird die Zeit auch mit ihm fertig.

Diese Zeit ist noch mit ganz andern Leuten fertig geworden! Uebrigens ist für Anton Wagenschanz gesorgt, er kehre dorthin zurück, wo sein Ursprung war: hinter die Theke im Grünkram­laden feiner Mutter! Schönlein empfindet die furchtbare Gerech­tigkeit gegen die Uebermütigen, die sich nicht unter das allgemeine Schicksal beugten wollten, jetzt werden sie genau dorthin zurück- gestoßen, woher sie kamen: Kieselbach in feine Kellerwohnung und in eine zerlumpte Existenz, und vielleicht findet sich für Rosemarie Reubold eine neue Tätigkeit in der Pmnofortefabrik Wehrhahn & Söhne, vielleicht durch seine, SchönlVins, Vermitt­lung ... Es dürste an der Zeit sein, daß man alte Beziehungen wieder aufnimmt, mein lieber Herbert, Kamerad von der Somme und Kamerad die ganze Kriegsliste herunter, über was stritten wir uns eigentlich, da die gejagte Hündin weder in deinem noch in meinem Revier abgeknallt wurde, anscheinend flüchtet sie noch springlebendig ins Dickicht, da und da, alte Adresse, dort wohnt sie nächstens wieder, dort kannst du sie stellen ...

Es müßte nicht so sein, es hätte anders kommen können. Aber auch sie wollte aus dem allgemeinen Schicksal heraus, sie zögerte vor einer ungesicherten Empfindung, das war es, sie wollte sich hergeben nur gegen eine verbriefte Schuldverschreibung, Frau Schönlein wollte sie sein. Peter meint es weder böse noch un­ehrlich mit ihr, er hätte "sie gerne zu seiner Geliebten gemacht, alles stand dafür, und über das Fernere sprechen wir später, wenn die Dinge übersichtlich geworden sind. Das gefiel ihr nicht, bas war zu reich an Wagnissen. Gut, so muß auch sie zurück an ihren Ausgangspunkt.

(Fortsetzung folgt.)