Ich sehe noch, wie der Spielmann aufspringt ...
Das gellende Zischen in der bleigrauen Luft verstärkt sich bis -um Wahnsinn —
Und nun — ein irres Heulen, Krachen, Splittern, Prasseln, — eine wirbelnde, schwarze Riesenfoutäne — ein kleckerndes Niederklatschen unzähliger Stücke —: fünf Meter vom Klavier klafft und qualmt ein tiefgerissener Krater.
Mein Freund lag furchtbar zugerichtet am Boden. Wir schleppten ihn so schnell und behutsam wie nur möglich in die Höhle zum Sanitäter. „Mann, o Mann ...!" hauchte er; dann verlor er das Bewußtsein, und der Arzt hieß uns gehen.
Noch fünf Schuß setzte der Franzmann vor die Höhle. Als es ruhig geworden war, trat ich an das Klavier. Ein schwefelgelbes, zerrissenes Sprengstück hatte sich wie eine starre Totenhand in die geschnitzte Lyra der Klavierwand eingekrallt, und zwischen den schwarzen und weißen Tasten zogen sich breite blutige Spritzer dahin.
Schwarzweißrot! dachte ich erschauernd, und mein ganzes Lebensgefühl krampfte sich zu einem starren, lähmenden Entsetzen, zu machtloser Erbitterung zusammen.
Kurz darauf krachte der erste Donnerschlag unterm bleigrauen Himmel hin, — und klatschender Gewitterregen schwemmte das rote Lebensblut von den Tasten.
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Am andern Tag erfuhr ich, daß mein Freund noch in der Nacht gestorben war. —
Das Klavier aber wurde in den Höhleneingang gestellt, und als ich ein paar Tage später notgedrungen dort vorüberkam, saß ein neuer Kamerad davor und haute die „Niedlichen kleinen Dingerchen" drauf herum. Die eingekrallte Eifenhand saß immer noch im zersplitterten Holze. Der Treffer mußte wohl eine Reihe von Saiten zerrissen oder gezerrt haben; denn kaum ein Akkord klang rein. Mich klirrte die schrille Weife an wie bitterer Hohn auf die Toten, auf den Toten, der hier seine himmelstürmende Jugend hatte lassen müssen.
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Manches Mal während der trüben Nachkriegsjahre, wenn ich an dies Erlebnis zurückdachte, dünkte es mich ein unseliges Vorzeichen gewesen zu sein für den Lauf, den unsere Sache genommen hat. Die reine, beseligende Weise der Begeisterung hatte der Sturm zerrissen und zerfetzt; nur das frivole Gaffenhauerlied hatte Kampf und Untergang überdauert und tönte dreister als je.
Doch die reine Weise der Begeisterung ist unvergänglich. Die Toten haben sie mit zur Walhgll hinauf genommen, und aus der Höhe fällt sie mit dem nächtlichen Tau auf Gras und Blumen, um im Morgenlichte neu zu funkeln und zu klingen! Und unser neuer Morgen ist angebrochen über Deutschland! In Wald und Feld, im Kreise kampfbereiter Gemeinschaft wollen wir die Begeisterung unserer Toten erwecken und ihre Weise aufs neue singen, fern den trüben Spelunken, wo der Gassenhauer im Dunste der Alltäglichkeit ersticken wird!
Schwedisches Bilderbuch.
Von Franz Karl G i n z k e y.
Darf man über ein Volk, ein Land, dessen Gast man nur kurze Zeit gewesen, ein abschließendes Urteil abgeben? Die Frage verneint sich wohl von selbst. Es ist, als hätte man ein gewaltiges Buch mit unzähligen neuen Bildern aufgeschlagen. Es blieb wohl Zeit, die vielen Bilder aufmerksam zu betrachten, den Text jedoch bewältigte man nicht.
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Und so hat man nun, da man wieder daheim ist, ein Bilderbuch im Kopfe mit leuchtenden Landschaften, Städten und Menschen, und sucht sie nun im Geiste zu ordnen zu einem erfaßbaren Ganzen. Man ging nicht völlig unvorbereitet hinauf, man brachte von Anfang an einen Rahmen mit, ein bißchen literarisches Wissen um ein bedeutsames nordisches Volk, noch aus der Schulzeit her, sagenhaftes Ahnen von Wikingerfahrt und Runenstein, von Ritterballade und Frithjofssage bis zu Strindbergs genialen Schwierigkeiten, Frödings Leben- und Liebeskühnheit, Verner von Heiden- stams edler Monumentalität und dem unsterblichen „Gösta Ber- ling". Und dieser etwas lockere Rahmen des Wissens ward dann, in Gesellschaft der jüngeren Dichter Schwebens, da man einer Sitzung des Pen-Club in Belmanns berühmtem Keller beiwohnen durfte, mit lebendigster Gegenwart erfüllt. Im Schein der Kerzen, der einzigen Beleuchtung, die es dort gab, leuchteten kluge Stirnen und Augen der Dichter, aus denen Leid und Freude der Berufung sprach. Man hörte eine Sprache, die man nicht verstand, und nahm hoch ahnungsvoll das Wesentlichste in sich auf: Gemeinsamkeit aller Freude am Schönen und an dem tiefen Ernst des fchöpfe- rischen Willens.
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Schweden ist kein Land, das sich verbirgt und nur mühsam erkannt wird. Es liebt die Offenheit, seiner Landschaft, seiner Kunst, wie seiner Rede. Schon in Göteborg, der von Gustav Adolf gegründeten größten Seehandelsstadt Schwedens, erkannte ich das, dem ersten Ort, in dem ich verweilte. Helle, breite, reinliche Straßen, großangelegte Parks und immer wieder der Drang nach einer wahrhaft vornehmen Monumentalität. Sie äußert sich vor allem in der großzügigen neuen Anlage des hochgelegenen Götaplatzes, der von der bronzenen Kolossalfigur des märchenhaften „Meergreises" von dem genialen schwedischen Bildhauer Milles beherrscht wird. Das Leben dieses Zauberbrunnens sprüht Geistigkeit nach allen Seiten, und von allen Seiten grüßt aus den Bauten, die den Platz umschließen, hohe geistige Lebendigkeit zu
rück. Da steht im Hintergrund, erhöht auf breiten Stufen, das neue Kunstmusenm, das einen erstaunlichen Reichtum ausgcwählter Gemälde und Skulpturen in sich birgt. Sie schließen sich als Kunst- schau zu einem Ganzen zusammen, wie es überzeugender un- lehrreicher gar nicht gedacht werden kann. Es war mir Freude und Gewinn zugleich, daß der Mitschöpfer und jetzige Leiter dieses einzigartigen Museums, der treffliche Professor Axel R o m d a h l, mein Führer durch diese entzückenden Räume war, die alle in Form, Farbe und Einrichtung mit Stühlen und Teppichen auf ihren Inhalt abgetönt sind. Dadurch entsteht eine wundersame Harmonie des Gcniehens nach innen und außen, eine Einheitlichkeit der Empfindung, die sich unvergeßlich einprägt.
Zur Linken des großen Platzes wird noch an dem mächtigen Stadttheatcr gebaut, dessen kühnen freien Entwurf des Architekten Beigsten ich gleichfalls besichtigen konnte. In der Fassade wird hier durch Vereinigung leichter jonischer Säulen und schwerer Granitpfeiler erstaunliche Beweglichkeit erzielt. Zur Rechten des Platzes erhebt sich das gleichfalls noch im Bau begriffene neue Konzerthaus. Man beneidet Göteborg, die große Handelsstadt, um diese hier an erhöhter Stätte zusammengeballte Kundgebung künstlerischer Gläubigkeit, um diese tempelartige Vereinigung des Heimes der Genien der Musik, des Theaters, der bildenden Künste.
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Mit Stockholm ist es in der Erinnerung so, daß man einen schönen farbigen Traum von Palästen und glitzernden Wasserflächen, von Brücken, Inseln und weißen Dampfern geträumt hat, durch dessen hohe Romantik auch das praktische Leben der zeitgemäßen Großstadt wie etwas Selbstverständliches flutet. Fremde Schönheit zu schauen, hat immer etwas Traumhaftes, zwischen Ankunft und Abschied füllt sie die wenigen Tage mit visionärer Freude und verkapselt sich später im Erinnern als etwas Kristallisiertes, Unverlierbares, was ja der tiefste Sinn und Gewinn jeder Reise ist.
In seiner Hauptstadt versucht wohl jedes Land den höchsten Ausdruck seiner inneren Wesenheit, Gesittung und Geistespflege zu offenbaren, und gerade für Stockholm dürfte dies in besonderem Matze gelten. Was Eigenart eines Volkes bedeutet, äußert sich hier geradezu leidenschaftlich inmitten aller gefährlichen Gleichmacherei der europäischen Großstadt. Ueberall ist Charakter trotz aller praktischen Vangebote, überall Seelenäußerung trotz aller geschäftlichen Notwendigkeiten, und so formt sich das Gesamtbild zn etwas Einmaligem, höchst Persönlichem und Echtem, dem Beschauer durchaus Unvergeßlichem.
Was mir am nötigsten zu sagen erscheint, ist dieses, baß man Stockholm bewundert um der Freiheit wegen, die es den Künstlern von heute ließ, und der Großzügigkeit und vornehmen Beherrschtheit wegen, mit der die Künstler von dieser Freiheit Gebrauch machten. Das leuchtendste Zeugnis hierfür gibt Stockholms herrliches neues „Stadthaus", an dem zwölf Jahre lang, von 1911 bis 1923, gebaut wurde. Man nennt es mit Recht das „letzte große Monumentalwerk einer nationl betonten romantischen Baukunst". Es ist ein wahr gewordener Künstlertraum, ich weiß es nicht anders zu sage«. Wie dankbar ist man dafür, von einem Kunstwerk heutiger Tage überwältigt zu werden, wie es sonst nur den edelsten Wundern der Gotik gelingt! Der Meister dieses einzigartigen Baues, Roguar Oestberg, hat hier in ganz genialer Schöpferlaune alles zusammengefaßt, was auf symboiksche Deutung wartete: die Landschaft, die bauliche Ueberliefcruug der Heimat, das Geheimnis ausländischer Schönheit bis nach Venedig hinab, vor allem aber das Gemüt seines eigenen Volkes in seiner schwerblütigen Beharrung, mit der Sehnsucht nach sonniger Heiterkeit.
Für Kunstfreunde mag dieser herrliche Bau mit seinen vom Wasser durchschimmerten Arkaden, der grandiosen „Blauen Halle", dem ungeheuren „Goldenen Saal", dem „Gewölbe der Hundert" und tausend köstlichen Einzelheiten bildhaft gewordener Künstlerlaune die beispiellose Beantwortung der so selten gestellten Frage bedeuten: was wird zur Tat, wenn ein ganzes Volk einem seiner großen Künstler freien Lauf läßt?
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Auch das edle Upsala nahm mich, wie später auch Schwedens zweite Universitätsstadt Lund, mit freundlicher Sonne und gütiger Gastlichkeit auf. Upsala, die alte Bischofs- und Universitätsstadt, erfüllte mir zwei Wünsche aus der Jugend: in der Universitätsbibliothek, die 700 000 Bände enthält, leuchtete mir des Bischofs Ulstlas auf purpurgefärbtem Pergament mit Silbertinte geschriebene Bibel entgegen, das einzigartige Zeugnis religiöser Gelehrsamkeit aus dem 4. Jahrhundert, das ich als Kind schon in Königs „Illustrierter Literaturgeschichte" bewunderte. Und an der Gruft des einst so berühmten Sinne mußte ich meines toten Vaters gedenken, der mich als Knaben nach des großen Botanikers System die Staubfäden der zur Strecke gebrachten bescheidenen Karstblüm- lein zählen und sie also „bestimmen" lehrte. Junge Doktoren geleiteten mich zu den Sehenswürdigkeiten, dem mächtigen Wasa- schloß, dem hochragenden Dom, der grötzten Kathedrale Skandinaviens, dem vornehm-gemütlichen Heim der studentischen Land^ Mannschaften mit feinen an das alte Weimar erinnernden idyllisch geschmückten Räumen.
Am Nachmittag fuhren wir nach Gamla-Upsala, Alt-Upsala, und standen auf einem der drei alten Königshügel, unter denen nach neueren Forschungen die drei Svea-Könige Nun, Egil und Adils begraben liegen sollen. Ein Hauch uralter nordischer Zeit umwehte uns hier, die stille Ebene entlang, von deren Rand Schwedens sich ewig jugendlich erneuernde geistigeLebensguelle, die alte Universitätsstadt Upsala, mit sonnigen Türmen-herüber- grüßte.


