Ausgabe 
9.10.1933
 
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GietzeimZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Oie Flügelspielen«.

Von Hermann B u r t e.

D« kamst herein, von gelben Seidenfalten

Den schlanken Leib umschmiegt, die sehngen Glieder.

Ein Strom von Feuer wallte auf und nieder In deiner Adernbahn, gedämmt, verhalten.

Du saßest an dem Flügel, seine kalten Erstarrten Tasten glühtest fiebernd wieder Vom Blicke deiner wimpernschönen Liber, Von deinem ruhevollen Händefalten.

Empor die Stirn! Hinab die Finger jetzt! Und jene atemlose bange Stille Des menscherfüllten Saales lag zerfetzt,

Denn siegreich drang durch jede Aetherrtlle, Von keinem Gegenstände mehr verletzt, Mit Sommersonnenkraft hervor dein Wille.

Das Klavier im Walde.

Von Hans H e y ck sGDS.j.

Daß diese Geschichte eine Geschichte wurde, daran ist der Krieg schuld. Und daß sie traurig endete, daran auch. Im übrigen aber bildete der Krieg nur den düstcrn Hintergrund zu einem hellen Erlebnis, und weil wir Menschen der hellen Erlebnisse bedürfen, darum sei diese Erinnerung heraufbeschworen.

Es war in der lieblichsten Maicnzeit des Jahres 1915, und wir lagen an der Aisne. Unsere Batterie stand versteckt am Rande eines hohen Buchenwaldes, der seine lichtgrünen, jungfrischen Zweige flimmernd über unfern Haubitzen wölbte. Haselnußbüsche, Schlehen und Brombeerstauden drängten sich um unsere Unter­stände,' Primeln und Anemonen sproßten aus dem duftenden Waldboden: es war ein köstlicher Frühling, erfüllt von Träumer­seligkeit.

?)a wir Munition sparen mußten, schossen wir wenig und enzten viel. Oft lagen wir schnarchend im kühlen Moose neben dem Geschütz, sannen ins helle, lichtdurchzitterte Gewirr des zarten Laubes hinauf, ließen uns die Sonnenkringel über die Nasen huschen und lauschten den Finken, Amseln und Meisen, die in allen Büschen durcheinander jubelten und krakeelten. Ab und zu beschoß der Franzmann hoch über uns histweg mit schwerem Ka­liber die rückwärtige Straßenkreuzung. Es war immer dieselbe 'Batterie, Abschuß und Echo traten sich fast auf den Fuß: Rums bums!! Dann kamen die Koffer angeorgelt, einer wie der andere im gleichen Tonfall erst qanz lieblich, nur aus einem Register: iteiletle; dann anschwellend: eleeleele,' immer stärker, 1 immer näher: alealeale! Nun war er über uns: uleule ule!!! Machtvoll brauste Bellonas Weise aus allen gezogenen Re­gistern. Dann war der Gruß vorüber sekundenlange Stille h und: Rrraxx!! saß er hinten am Straßenabhang, schwarzen Puder I turmhoch puffend wie ein geplatzter Riesenbovist! Es waren noch gemütliche Zeiten, damals anno 15! Und es war Frühling, I Frühling!!

Etwa zweihundert Meter weiter am Waldabhang hin lag eine I jener geräumigen pikardischcn Höhlen: ihr malerischer Eingang | war vom sorglichen Schönheitssinn unserer Kämpfer säuberlich j mit Grasrabatten eingefaßt. Um den Eingang herum pflegten sich I im moosigen Buchcnschatteu die Infanteristen zu lagern, deren | Bataillonen die Höhle als Ruheguartier, als Verbandsplatz, als Kantine diente. Und in der Kantine machte ich zuweilen Einkäufe.

Eines sonnenhellen Maientages stand mitten im Walde vor der Höhle ein Klavier. Wie ein Wunder stand cs da. Infanteristen hatten es aus dem Dorf unten im Tale mühsam heraufgeschleppt, und nun saß ein baumlanger Hamburger breitspurig davor und spieltePüppchen, du bist mein Augenstern!", wobei er herzge­winnend danebenschlug. Die Kameraden umdrängten ihn be- geistert, pfiffen, sangen mit, und die Amseln machten lange Hälse aus den Büschen. Wie die hüpfenden Töne in den Früh- 1 lingsmorgen hineinschwelgen! Freilich, daß es geradePüppchen" I sein mußte...

Junge, Junge, so'n Swienkram!" sagte plötzlich eine Helle Stimme ganz nahe neben mir. Da war ein blonder, frischer Bengel hinter mich getreten: die verschabte Mühe im Genick, die Hände auf dem Rücken geballt, so schaute er verachtungsvoll auf

Jahrgang 1933

Montag, den 9. Oktober

Nummer 78

den Spieler. Er trug das Eiserne und das Hamburger Bändchen; die ganze Wonne des Frühlingstages leuchtete aus seinem offenen Gesicht, aus den blauen Augen.Nu fehlen bloß noch .Snuten und Poten'l" fuhr er grimmig-heiter fort. Der Lange aber ging zurLiebeslaube" über. Der blonde Kamerad und ich schmunzelten uns verständnisvoll an.

Plötzlich pfiff einer gellend auf zwei Fingern, und alles rannte zur Höhe, auch der Lange: es wurde nämlich Esten gefaßt. Ver­lassen und stumm stand das Klavier. Da setzte sich wortlos der Kamerad daran, und auf einmal spannen sich funkelnd und flim­mernd die Weisen des Waldwebens aus demSiegfried" durch die sonnigen Buchenhallen.

Es war weiß Gott kein Traum! Es war schöner, seliger als Traum und Wirklichkeit zusammen. Wie das raunte und rauschte. Wie das anschwoll, jubilierte, zurücksank und verdämmerte in die grüngolden kühle Waldeinsamkeit! Zett urch Krieg verhüllt von zartesten, süßesten Erinnerungen! Verhundertfacht umfing mein Wesen die blühende Natur, emporgetragen von den Schwingen des Entzückens!

Die Klänge verhallten, schwiegen. Schüchtern nahm eine Amsel die Melodie auf.und spann sie allmählich stärker, schließlich jubelnd weiter. Der junge Spielmann stand auf, kam auf mich zu. Sonst war kein Mensch in der Nähe.

Hamburger Stadttheater, Galerie-Stehplatz!" sagte er, wie zu sich selber.

Ich auch, ich auch!! Drei Jahre lang, jeden WinterI" rief ich aus glückhaftem Ueberraschtsein. Der Junge war ja mein Freund seit Jahren!

Frau Fleischer-Edel!"

Die Ednth Walker!"

Lattcrmaun als Hagen!"

Wie Nikisch den .Ring' dirigierte!"

Jung, Jung!" rief er plötzlich ausbrechend,das waren Zeiten!!" Doch dann setzte er ruhiger hinzu, und sein Blick leuchtete:Auch feine Zeiten, Mann!"

Wir schwiegen und dachten zurück. Wie oft mochten wir früher Seite an Seite uns gegen die Galeriebrüstung gelehnt haben, ohne uns zu kennen, und doch verbunden!

Komm man immer nochmal rüber!" sagte er beim Abschied. Wir bleiben noch drei Tage hier!"--

Ich lief nun täglich zur Höhle, und es waren beseligende Minuten für uns, wenn er spielte. Seine Kameraden hatten ihm den Platz am Klavier überlassen, gebannt von mächtigen Kräften, die sie aus seinen Weisen heller oder dunkler ahnten.

Am Abend des dritten Tages stand in unheimlicher Schwärze eine Gewitterwand über der Aisne. Mächtige, weißgoldene Som- mcrwolken türmten sich über der drohenden Wetterbank in den tiefblauen Himmel empor und wurden von Donars Widöerge- spann mit unmerklicher Hartnäckigkeit immer höher über die leuchtende Kuppel gedrängt: ihre schneeigen Zinnen begannen sich unheimlich auszufasern. Der Franzmann ließ wieder einmal seine dicken Musterkoffer über uns hinweg orgeln: Rumsbums! Ileilealealeuleulerraxx!!! Aber das dräuende Wetter­bild am Himmel gab der vertrauten Kriegsmelodie etwas Gespen­stisches. Eine schwüle Spannung lagerte über unserer Wald­stellung.

Ich ging zur Höhle, um von meinem Hamburger Freund Ab­schied zu nehmen. Er setzte sich ans Klavier: Tornister, Gewehr und Koppel lagen marschbereit neben ihm.

Kerl!" rief er mir entgegen,ist das nicht eine großartige Stimmung heute in der Natur? Wie das Verhängnis da über den Himmel jagt! Mir ist, als flöge ich und raste mit Wotan und den Wunschmädels über Berg und Tal zur Walstatt! Und Franz­mann schlägt die Pauke dazu, Mann, das ist doch noch ein Er­lebnis!!"

Und er ließ das Vorspiel zurWalküre" niederrauschen und ging dann dröhnend, klirrend, jauchzend in den Walkürenritt über. Alles an dem Jungen bebte vor drängender Erregung. Diö feind­liche Batterie schoß noch ein paarmal: dann verstummte sie. Und die riesige Wetterwand überzog den ganzen Himmel. Das Licht im Walde wurde fahl und geisterhaft: die Buchen stöhnten, ohne sich zu rühren. Mein Herz pochte wild, durchzittert von Lust und Grauen. Ein paar Infanteristen lungerten um den Höhlenein­gang.

Rumsbums! Da kam wieder einer herangezwitschert. Das alte Lied. Aber merkwürdig: das klang anders als sonst' Donnerwetter! Der kam ja auf uns zu!!

Achtung!!" schrie einer.

Wir spritzten auseinander.