Ausgabe 
9.6.1933
 
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eine halbe Stunde Zeit, darüber nachzudenken, was tiefen khm oolb kommen unbekannten Kommissar Kling zu ihm führen mochte, als auch schon sein Diener Lorenz mit der Meldung eintrat, daß der fremde Herr angekommen sei. ,, , ... ,

Kling wurde in einen finsteren Salon mit verschossenen Brokatmobeln geführt in dem es nach Alter roch und eingeschlossener Luft. Er konnte sich nicht enthalten, die Fenster zu öffnen. Aber er fuhr betroffen und beinahe ängstlich zurück, als ein riesiger schwarzer Angorakater sich mit elegantem Satz auf das Fensterbrett schwang und ihn in statuenhafter Unbeweglichkeit anstarrte.

In der nächsten Minute ertönte ein dünner Pfiff, und das Tier sprang, vor Freude schnurrend, seinem Herrn entgegen. -

Graf Werdenburg-Kolinsky war ein großer, hagerer Mann, der alter aussah, als er war. Er hatte die Fünfzig kaum überschritten, aber er machte' den Eindruck eines Sechzigjährigen. Sein noch volles Haar war schneeweiß. Und die blassen Augen hatten einen stumpfen Blick, wie er Menschen eignet, denen das Leben nicht mehr bedeutet als eine mit stummer Resignation getragene Bürde des Schicksals. Er verzog seine schmalen Lippen zu einem konventionellen Lächeln und reichte Kling ein paar eiskalte Fingerspitzen.

Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr? Hoffentlich ist es nichts Unangenehmes, was mir die Ehre Ihres Besuchs verschafft?"

Die blassen Augen streiften Kling mit einem ängstlich forschenden Blick. Kling schlug einen leichten Ton an.

Aber warum denn, Herr Graf? Mache ich einen so unheilverkün­denden Eindruck?"

Werdenburg ließ sich mit müdem Achselzucken in einen Sessel fallen. Das gerade nicht. Aber das Schicksal hat mich nicht mit Freudenbot­schaften verwöhnt namentlich in den letzten Jahren. Und außerdem kann ich kaum glauben, daß mich jemand in meiner Einöde aufsucht, ohne dafür einen triftigen Grund zu haben."

Wieder begegnete Kling seinem mißtrauisch fragenden Blick.

Gewiß, Herr Graf", nickt« er zustimmend,in dieser Hinsicht trifft Ihre Vermutung zu. Ich bin gekommen, um eine Auskunft von Ihnen zu erbitten, in einer Sache, die mir sehr am Herzen liegt. Ich habe meine ganze Hoffnung auf diesen Besuch gesetzt.

Der Graf runzelte nervös die Brauen. Unfreundlich fragte er:Wer hat Sie denn zu mir geschickt? Von wem haben Sie überhaupt meine Adresse erfahren?"

Kling behielt ihn im Auge und entgegnete ruhig:

Von einem Kunstmaler namens Grau. Jawohl, Donald Grau. Aus Stralsund.

Der alte Herr ließ nachdenklich die Unterlippe hängen.

Grau, Kunstmaler? Kenne ich gar nicht!"

Er schien wirklich keine Ahnung zu haben. Kling lächelte verbindlich. Das macht nichts! Ich habe aus nicht vorausgesetzt, daß Ihnen der Name bekannt sein würde, Herr Graf. Was ich von Ihnen wissen wollte, ist, ob Sie mit einem gewissen Caspar Fuchs in London in Verbindung stehen."

Diesmal wollte es ihm scheinen, als ob der Graf erschrocken fei. Kaum merklich zwar. Aber Kling glaubte sich nicht getäuscht zu haben. Seine Gesten hatten auf einmal etwas auffallend Flackeriges bekommen ein erkünstelte Lebhaftigkeit, die gegen fein sonstiges apathisches Wesen merkwürdig abstach. In übertriebenem und sichtlich gespieltem Grübeln schloß er die Augen. Dann sagte er gleichgültig:Nein, ich kenne auch teilen Caspar Fuchs."

Dem Kommissar kam es so vor, als ob er dabei unwillkürlich die Betonung auf den Vornamen gelegt hätte. Irgendeine unbestimmte Vermutung zuckte in ihm aus.Auch keinen anderen Fuchs? Es ist möglich, daß ich die Taufnamen verwechsle. Besinnen Sie sich, Graf! Vielleicht ist Ihnen ein anderer Mann dieses Namens bekannt!"

Jetzt kam etwas wie Starrsinn in das magere Greisengesicht. Ein verbissener Zug grub sich in seine Mundwinkel. Zornig krähte seine brüchige Stimme:Nein nein wenn ich Ihnen doch sage, ich habe nichts zu schaffen mit Ihrem Fuchs!"

Das geschulte Ohr des Kriminalisten härte aus der gereizten Fistel­stimme Kolinskys den Unterton hilfloser Angst heraus. Eine Angst, für oie er im Augenblick selbst keine Erklärung fand. Aber sei es nun, daß der Graf seine Beziehungen zu Fuchs aus irgendeinem schwerwiegenden Grunde leugnete, ober, daß es nur die ängstliche Scheu des vornehmen Mannes mar, in einen Skandal verwickelt zu werden, die ihn abhielt, die Wahrheit zu sagen das eine stand für den Kommissar fest: daß Kolinsky ihn belog! In ihm erwachte sofort der ganze Jagdeifer des Kriminalisten, der, die Fährte witternd, über jede Rücksicht hinwegsetzt. Er sagte mit höflicher Ironie:

Sie werden mir gestatten, Herr Graf, daß ich Ihr geringes Er­innerungsvermögen ein wenig seltsam finde. Nachdem Sie doch erst kürz­lich eine Postsendung von Herrn Fuchs erhalten haben. Nicht wahr? Oder ist Ihnen das vielleicht auch schon wieder entfallen?"

Der Gras starrte ihn einen Augenblick in sprachloser Verwirrung an. Dann schnellte er mit rotem Kopf von feinem Stuhl hoch, und feine Stimme überschlug sich in hilfloser Wut:

Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig, Herr! Ich ver­bitte mir Ihren inquisitatorifchen Ton! Verstanden! Wenn Sie Ihr Benehmen nicht sofort ändern, dann muß ich Sie bitten, mein Haus zu verlassen!"

Er wurde plötzlich gelb im Gesicht Und grub seine Hand stöhnend in die Magengegend. Seine Züge waren verzerrt vor Schmerz. Die Katze sprang sofort hinter ihn auf die Stuhllehne und glurte den Fremden feindselig an Als wollte sie Partei ergreifen für ihren Herrn.

»Ich wußte ja, daß Ihr Besuch mir Aufregungen bringen würde!" ächzte der Graf.Jetzt habe ich wieder für lange Zeit meine Satten« schmerzen weg!" Er sah mit einmal so verfallen aus, daß Kling es für ratsam hielt, den Bogen nicht zu Überspannen. Einlenkend sagte er:Es tut mir aufrichtig leid, Herr Graf, daß unsere Unterhaltung eine bet«

artige Wendung genommen haft Ich bin gewiß nicht in der Absicht ge­kommen, Ihnen Aufregungen zu bereiten. Und Sie müssen mir wohl zugeben, daß nur Ihr eigenes Verhalten diese Szene heraufbefchworen hat. Warum leugnen Sie fo hartnäckig Ihre Perbindung mit Fuchs wo ich doch positive Beweise dafür habe? Warum tun Sie das, Graf?

Graf Kolinsky sah hochmüttg an ihm vorbei.

Weil ich der Ansicht bin, daß meine Privatangelegenheiten Sie nichts angehen, Herr Kommissar." _ ,

In dieser Ansicht gehen Sie fehl, Herr Graf." Klings Stimme klang sehr ruhig, beinahe sanft. Aber eine eindringliche Warnung war daraus zu hören. Ich wäre sogar zu Maßnahmen berechtigt, die Sie sehr bald zwingen würden, mir über Ihre Privatangelegenheiten jeden gewünschten Aufschluß zu geben! Aber ich hoffe in Ihrem Interesse, Herr Graf, daß die Angelegenheit sich mit dieser einen Unterredung erledigt. Und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich Sie nicht weiter damit belästigen werde, wenn ich heute schon eine erschöpfende Auskunft von Ihnen er­halte. Ich verlange ja nichts weiter, als daß Sie mir über die Person jenes Fuchs einiges erzählen. Und daß Sie vollkommen aufrichtig zu mir sind Das vor allem! Es wird uns beiden die Situation sehr er­leichtern!" Er ließ eine Pause eintreten. Dann fragte er weiter:Wollen Sie mir jetzt, bitte, sagen, wie Sie mit Fuchs bekannt geworden sind und in welcher Art von Verbindung Sie mit ihm stehen." .

Graf Werdenburg lehnte vergrämt in seinem Sessel. Sem Wider­stand war gebrochen. Mit einem Seufzer antwortete er: .

Meinetwegen mögen Sie es wissen! Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, wie es um mich steht. Da Sie Fuchs zu kennen scheinen, werden Sie ja auch wissen, mit welcher Art von Geschäften er fein Vermögen gemacht hat."

Durch Spekulationen, meinen Sie?" Der Graf lachte bitter auf. O ja, man kann es auch Spekulationen nennen! Aber für gewöhnlich heißen derartige Geschäfte Halsabschneiderei! Dieser Fuchs ist einer der gerissensten und rücksichtslosesten Wucherer von ganz Berlin, sage ich Ihnen! Er hätte schon zwanzigmal verdient, hinter Schloß und Riegel zu sitzen. Aber wo kein Kläger, da ist auch kein Richter. Leider Gottes braucht man ja diese Leute! Und wenn einem das Wasser an der Kehle steht, bann muß man ja so einen Spitzbuben auch noch als rettenden Engel betrachten."

3d) verstehe, Herr Gras. Ihre Beziehungen zu Fuchs waren dem­nach rein geschäftliche?" Graf Dietrich sah ihn mit hochmütig verzogenen Brauen an.Selbstverständlich, Herr Kommissar! Oder haben Sie an­genommen daß ich mit diesem Menschen Brüderschaft getrunken habe? Er lachte gereizt auf. Kling überhörte die bissige Antwort und fuhr in seinem Verhör unbeirrt fort.

Herr Fuchs hat Ihnen also zuweilen mit Geld ausgeholfen? Waren es größere Summen, die Sie von ihm erhalten haben?"Ja, bedeutende Summen sogar! Wegen Bagatellen hätte ich mit Fuchs nicht an ge­fangen, das dürfen Sie glauben! Und er hätte sich auch wohl kaum mit kleinlichen Geschäften befaßt. Mehr als einmal war er tatsächlich meine letzte Rettung. Wenn mir keiner mehr auf meine überschuldeten Güter etwas borgen wollt« er zeigte sich stets zu jedem Betrag bereit. Wenn auch gegen Bedingungen, nach denen Sie mich lieber nicht fragen, Herr Kommissar."

Das tut auch vorläufig nichts zur Sache. Aber sagen Sie nur vor allem, Herr Graf was für eine Postsendung war das, die Ihnen dieser Tage von Fuchs zugegangen ist? Ich kann doch nicht annehmen, daß er Ihnen das Geld kistenweise geschickt hat!"

Der Graf wehrte mürrisch ab.Mir ist nicht nach Scherzen zumute, mein Herr! Und gerade diese Sache hat mich viele schlaflosen Nächte gekostet. Aber meinetwegen sollen Sie auch das erfahren. Vor anderthalb Jahren hat mir Fuchs die letzte große Summe geliehen. Achtzigtausend Mark! Damals stand ich unmittelbar vor dem Ruin. Werdenburg wäre unfehlbar unter den Hammer geraten, wenn ich das Geld nicht hätte aufbringen können. Ich weiß, man denkt heute ganz anders über Fami­lientradition und Standesehre und derartigefalsche Sentimentalitäten". Vielleicht ist es eine Torheit, daß ich mich mit meiner ganzen Kraft an diese Begriffe klammere. Aber ich kann nicht aus meiner Haut heraus. Werdenburg, das Stammschloß meiner Familie in den Händen irgend­eines Kriegsparvenüs ober Dollararistokraten! Das ist für mich eine ganz unausdenkbare Vorstellung! Ich könnte vielleicht, wenn ich Werdenburg opfere, mit dem mir verbleibenden Rest des Erlöses meine Tage ohne Sorgen beschließen. Aber ich kann es nicht. Ich kann mich nicht mehr umstellen. Dazu bin ich zu alt. Innerlich wenigstens." Er holte tief Atem. Und so habe ich mir denn damals wieder einmal diesen Fuchs kommen lassen. Aber diesmal zeigte er sich weniger bereitwillig als sonst. Er sagte mir ins Gesicht, daß ich ihm für keine Mark mehr gut sei. Und er erklärte sich nur unter der Bedingung bereit, mir noch einmal zu helfen, wenn er ein der Höhe entsprechendes Faustpfand erhielte. Was hätte ich tun sotten? Ich verpfändete ihm also das wertvollste Stück aus meiner Bildergalerie. Ein Bild, für bas mir bereits vor Jahren ein Amerikaner eine Viertelmillion Dollar geboten hatte."

Was sagen Sie, Gras? Eine Viertelmillion Dollar! Was ist bas für ein Bilb?" Kling war aufs äußerste gespannt.Das Werk eines jungen Spaniers ©uarnabo wenn Sie in Kunstgeschichte beroanbert finb. Ein zweiter Velazguez, ber leiber srüh gestorben ist unb nur wenige Werke hinterlassen hat, um bie sich die ®cmälbefnmmler reißen. Die meisten Stücke sind leiber zu Phantasiepreisen nach Amerika geroanberl."

Dars ich fragen, warum Sie bamals, trotz Ihrer bebrängten Lage, bas boch immerhin beachtenswerte Angebot bes Amerikaners ausge­schlagen haben?"

Weil mir unb das ist wieder so eine altmodische Marotte von mir dieses Bild um keinen noch so hohen Preis feil war. Es stellt eine Urahne von mir bar, bie Gräfin Dianora Kolinsky. von ber unsere Fami­lienchronik viel zu erzählen weiß. Unter ben Kunstexperten heißt sieDie Dame mit bem Otterpelz."

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck unb Verlag: Brühlsche Llniversitäts-Vuch» und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.