von Menschen gehörte, der es aufgebürdet ist, die K o st e n einer zeit- , geschichtlichen Entwicklung zu bezahlen. Auch hier mag ein Grund dafür liegen, daß Veit Stoß als „irrig geschreyig man" einigermaßen in den Ruf eines Querulanten gekommen ist: daß er den Rus eines unruhigen Bürgers hatte; daß er besonders in Nürnberg, nicht aufhören konnte, in Handeln zu stehen. Man muß sich vorstellen: die anderen lebten noch recht in den überlieferten Ordnungen, aus denen die moderne Ungebärdigkeit dieses Einzelnen aber herausstrebte. So mußte es zu Unstimmigkeiten kommen zwischen ihm und seiner Umwelt, die gerade als Reichsstadt Nürnberg auch das Bürgerlich-Unduldsame der alten Ordnungen, nicht bloß das Gute der Ueberliefcrungen geltend gemacht zu haben scheint. Auch der gleichzeitige Dürer empfand es ja so, als er nach Venedig und Antwerpen entwich.
Daß man mit diesen erklärenden Einblicken alles, was an dem Leben des Veit Stoß merkwürdig, nämlich unmöglich, ja schon verbrecherisch war, entschuldigen könnte, soll nun allerdings nicht behauptet werden. In diesem vielleicht seltsamsten aller deutschen Meisterleben gibt es Dinge, die nicht aufgehcn. Dahin gehört vor allem die düstere Geschichte einer Fälschung. Veit Stoß stand in einem trüben Geldhandel, in dessen Verlaus er schwer geschädigt wurde. Der erbitterte Mann machte sich, impulsiv und wohl auch überheblich, wie er war, daran, das Glück oder Unglück zu korrigieren: seine künstlerisch geübte und wendige Hand mußte ihm dazu Helsen, einen Schuldbrief zu fälschen. Die Sache kam auf. Die Tat des Meisters war vom nürnbergischen Gesetz mit dem Tode bedroht. Die Aeußerste der Strafen wurde ihm nun zwar von der Obrigkeit erspart, der man ohne Zweifel nachrllhmen muß, daß sie wußte, was Nürnberg an diesem Künstler Veit Stoß besaß, und daß sie darum die Liberalität besaß, für diesen Künstler eine Ausnahme zu machen. Die Strafe, die ihn traf, war allerdings noch furchtbar genug: er wurde auf beiden Wangen gebrandmarkt. Und nun kann man sich freilich auch denken: die Schrecklichkeit der Strafe mußte in dem Meister alle Elenzente der Erbitterung, des Trostes, des Widerstandes stärken, die ohnehin, sowohl aus der Zeit wie aus seinem persönlichsten Wesen, zu ihm gehörten. Darum gab es nun keine Ruhe mehr. Er brach den Eid, den er im Gefolge feiner Brandmarkung hatte leisten müssen: den Eid, den Boden der Stadt nicht zu verlassen. So kam er in den Turm. Allmählich überzeugt, daß er ungerecht behandelt werde, scheint er in eine Art von Verfolgungswahn verfallen zu fein. Dies mußte nun wieder bedeuten, daß mit ihm schwerer und schwerer auszukommen war; schließlich wollte kein Gehilfe mehr bei ihm arbeiten. Mit um so unermüdlicherer Initiative betrieb der Meister an anderer Stelle die Wiederaufrichtung feines Ansehens. Seine künstlerische Geltung reichte weit; so gelang es ihm, vom Kaiser einen Rehabilitations- bricf zu erlangen, der alles liebte tilgen sollte. Aber auch damit war die Ruhe nicht hergestellt. Man sieht den Alten immer eigensinniger werden; seine ohne Zweifel außerordentliche Lebenskraft, in einem Leben von weit über achtzig, ja vielleicht neunzig Jahren bezeugt, zersplittert sich in trotzigen Prozessen eines Greises, der den Unfrieden roiU: zuletzt e r - blindet, steht er fast zur gesamten Umwelt im Gegensatz: beinahe eine Chimäre in der bürgerlich geregelten Stadt Nürnberg, ein tragischer Patriarch der Unverträglichkeit mit den Brandmalen auf den Backen. Es ist ein schauerliches Bild. Zu allem Erzählten paßt schließlich ein Zug aus der Werkgeschichte des Meisters, der an seiner Stelle berichtet werden muß. Als er in seine Heimat Nürnberg zurückgekehrt war, hatte er einen Kunstguß zu machen. Nach der nürnbergischen Zunftordnung konnte das Gießen aber nicht seine Sache sein: nicht die Sache des Bildschnitzers, dem wohl die Arbeit am Holz verstattet war, aber nicht die Kunst der Ausübung des Metallgusses, die eben nur den Gießern zustand. Stoß erhielt um des Kaisers willen eine Ausnahmegenehmigung für das Gießen — nicht ohne verdrießliche Händel hin und her. Man kann sich denken, daß allein schon diese Strenge der Zunftordnung einen Meister von der ausgreifenden persönlichen Begabung des Stoß zum Rebellen hätte machen können. Wahrhaftig liegt hier auch die Mitte eines dramatischen und tragischen Stoffes.
Dergleichen Umstände mußten von einem Menschen, der schon den Individualismus der neuen Zeit im Blut hatte, um so mehr empfunden werden, als der Meister in Polen, wo er die Frühzeit feiner Meisterschaft verlebt hatte, offenbar einer regellosen Freiheit der Betätigung teilhaftig geworden war, die [einen sehr persönlichen, das Hemmungslose liebenden Impulsen entsprochen hatte. In K r a k a u , wo er jedenfalls von 1477 bis 1486 auch von 1489 bis 1496, aber wahrscheinlich auch vor 1477 einen tragenden Boden gesunden hatte, war ihm eine Betätigung von uneingeschränktem Radius möglich geworden. Nicht nur im Dienst des Rates und der Marienkirchegemeinde, sondern auch im Dienste eines Fürsten von Format, des Königs K a s i m i r I a g i e l l o, von Polen. Für diesen Fürsten konnte er ein monumentales Grab schaffen, und mit ber Vollendung von Grabmälern für polnische Erzbischöfe war seine Tätigkeit noch keineswegs umgrenzt. Es scheint vielmehr, daß er recht als das absolute Oberhaupt der Kunst in Krakau betrachtet wurde. Die Werkstatt des Meisters beherrschte die ganze polnische Bildnerkunst, solange die Zeit noch im Zeichen der Gotik stand — denn in ber roerbenben Renaissance verloren sich bie maßgebenben Einflüsse ber Schule bes Meisters.
Zu ben Merkwürdigkeiten ber Geschichte dieses Meisters, dessen Leben eine Ellipse mit den Brennpunkten Nürnberg und Krakau gewesen ist, scheint es nun endlich noch gehören zu sollen, daß man sich um die Doktorfrage streitet, ob Stoß ber beutschen „o b e r" ber nolnischen Kunstgeschichte angehöre? Sillen Ernstes ist er schon ganz unb gar für bie zweite in Anspruch genommen worben. Da muß freilich sehr entschieden gesagt werben: an ber nürnbergischen Herkunft bes Meisters kann ebenso wenig gezweifelt werben wie baran, baß er ben größten Teil feines Lebens in seiner Heimat' Nürnberg verbracht hat. Es muh hinzugefügt werben: ber Ma- rienaltar in Krakau war von beutschen Bestellern in Auftrag gegeben — wie ja überhaupt bas Polen, bas Krakau bes 15. Jahrhunderts von deutschen Lebensströmen und Kulturströmen durchflossen war und die geprägten Kunstsormen aus dem Westen empfing; aus Magdeburg zum Beispiel und am allermeisten aus Nürnberg. Schließlich bleibt aber noch zu erinnern, daß die Schärfe nationaler Unterscheidungen dem Mittel
alter bekanntlich ebenso wenig geläufig war, wie sie dem 19. Jahrhundert und ber Gegenwart zur S e l b st v e r st ä n Ist i ch k e i t geworben ist. Stoß war ein beutscher Meister, ber seine Kunst nach Polen trug, das so gänzlich erfüllt war von deutschem Geiste, deutscher Kultur und deutscher Kunst, deutschem Handwerk und Bürgersinn wie seinerzeit Prag, wie Ungarns Städte.
Krakau hat den Marienaltar für dies Jubiläumsjahr instandgefetzt. Das Germanische Museum in Nürnberg hat, wie gemeldet, eine Ausstellung der erreichbaren beweglichen Werke des Meisters vorbereitet. Sie ist Ende Mai eröffnet worden.
Die Dame mit dem Otterpelz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
Kling mußte sich einen Augenblick ernstlich daraus besinnen, was für eine „bestimmte Angelegenheit" er eigentlich mit dem jungen Mädchen hatte besprechen wollen. Schließlich sagte er ins Blaue hinein:
„Ach, es betrifft eine rein geschäftliche Sache. Herr Fuchs hatte mich beauftragt, für ihn in der Nähe von Küstrin ein Grundstück zu kaufen, und die Kaufverträge sind auch bereits ausgefertigt. Ich wollte sie ihm persönlich zur Unterschrift bringen — aber nun ..."
Das Fräulein erhob sich achselzuckend. „In dieser Sache kann ich Ihnen leider keinen Rat geben. Ich bin in die Geschäfte meines Onkels nicht eingeweiht und verstehe auch nichts davon. Rechtsanwalt Bräuer, ein Bekannter meines Onkels, ist fürs erste bevollmächtigt, feine Geschäfte weiterzuführen. Vielleicht wenden Sie sich an ihn. Ich werde Ihnen die Adresse aufschreiben."
Sie riß von einem Notizblock ein Blatt ab und schrieb daraus mit einer etwas fahrigen Handschrift, die nicht ganz zu ihrem sicheren Wesen paßte, die Adresse des Advokaten. Im selben Augenblick läutete im Nebenzimmer das Telephon. Frl. Hohmann verabschiedete ihren Besuch mit einem festen Händedruck und eilte zum Apparat. Durch die nur angelehnte Tür konnte Kling deutlich ihre ein wenig spröde Stimme hören.
„Hallo — ja — hier Olly. Ich konnte dich noch nicht anrufen — es war Besuch da."
Der Kommissar hätte viel darum gegeben, wenn er dieses Gespräch noch länger hätte belauschen können. Aber er hörte draußen auf dem Flur bas Dienftmäbchen hin- unb hergehen. Und er hätte es ebenso unschicklich wie auffallend gesunden, wenn er mit dem Fortgehen noch länger gezögert hätte.
Schloß Werdenburg — bas Stammschloß der Grasen von Werden- burg-Kolinsky, war ber Typus des altpreußischen Adelsitzes. Es lag zwei gute Wegstunden von Marienburg entfernt. In feiner Bauart unb der zeitbeladenen Schwere, mit ber es in bie Landschaft gestellt war, erinnerte es an bie büfteren Burgen ber beutschen Drbensritter. Und zu einem echten, romanfähigen Gespensterschloß fehlte ihm eigentlich nichts als Unkenruf ünd Eulenschrei und eine emsig „wandelnde" Ahnfrau.
Die Grafen von Werdenburg waren eines ber ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Sie führten ihren Stammbaum bis auf die Zeit der Kreuzzüge zurück. Bischöfe und höchste Würdenträger waren aus ihnen hervor- gegangen. Und bis vor einem Jahrzehnt gehörte es zur Tradition, daß ein Werdenburg Mitglied des Herrenhauses war.
Aber die Zeit hatte von dem einst so starken und lebensvollen Stamm einen Zweig um den andern abgerissen unb in alle Winbe gestreut. Mehrere Werdenburg waren im Weltkrieg gefallen. Zwei hatten sich bereits vor Jahren in ben Kolonien angefiebelt. Ein anderer dieses Namens trieb sich, moralisch und pekuniär abgewirtschaftet, als Hochstapler in internationalen Badeorten umher. Das Majorat hatte keinen direkten Erben mehr, denn der derzeitige Inhaber des Titels, Graf Dietrich von Werdenburg-Kolinsky war kinderlos. Er hatte feinen einzigen Sohn in ber Seeschlacht am Skagerrak verloren. Und seine Frau war bei ber Nachricht einem Herzschlag erlegen.
Nach biefen traurigen Ereignissen hatte das alte Schloß jahrelang leergeftanben. Graf Dietrich hielt sich dauernd im Ausland auf unb verfiel einem rastlosen unb kostspieligen Wanberleben, bas einen beträchtlichen Teil seines Vermögens verzehrte. Den Rest verschlangen verunglückte Spekulationen und bie verschwenberischen Ansprüche einer schönen grau, der er lange Zeit verfallen war, und die er wahrscheinlich zur Gräfin Werbenburg gemacht haben würde, wenn ihre Neigung den plötzlichen Zusammenbruch seines Vermögens überdauert hätte.
Verbittert und ohne Hoffnung reifte er nach der Heimat und zog sich ganz in die Einsamkeit zurück. Teils aus Ueberdruß an dem sinnlosen Taumel mondänen Lebens und teils aus Gründen der Sparsamkeit, zu der feine zerrütteten Verhältnisse ihn zwangen. Denn er mußte nun seine persönlichen Bedürfnisse aufs äußerste einfchränken, um feinen Verpflichtungen nachkommen zu können. Die riesigen Waldbestände von Werdenburg waren längst verpfändet, das Schloß selbst mit Hypotheken überlastet, für die er die Zinsen kaum noch aufzubringen imstande war. Und alle Einkünfte, die fein Grundbesitz abwarf, wanderten restlos in die Hände von Gläubigern und Wucherern. Von Monat zu Monat wurde feine Lage verzweifelter. Aber Gras Kolinsky wurzelte zu tief in den Grundsätzen seines Geschlechts, um sich durch eine Kugel aus seiner hoffnungslosen Lage zu befreien. Und er kämpfte bis aufs äußerste weiter, bas Schloß feiner Väter nicht unter ben Hammer kommen zu lassen. Mit zwei anspruchslosen Dienstboten unb seinen Lieblingen, ein paar prachtvollen Perserkatzen, führte er ein eigenbröblerisches Dasein unb versorgte mit ben Erträgnissen von Jagd unb Fischfang selbst feinen bescheibenen Haushalt.
So lagen bie Verhältnisse auf Schloß Werbenburg, als der Graf eines Morgens kurz nach dem Frühstück bie Depesche erhielt, bie ihm ben Besuch von Kommissar Kling antünbigte. Sie war bereits in Marienburg aufgegeben, unb es war anzunehmen, daß der Absender dem Boten auf dem Fuße folgen würde. Und tatsächlich hatte der Graf auch kaum


