nur so hin In einem Taumel, und dann wurde plötzlich alles feuerrot, und wir dachten wieder: „Ich kann nicht mehr! O Gott, wird es denn
Aber^erst einmal wurde es elf, und kurz nach elf kam der Inspektor Schönekerl zu uns auf den Großen Weisel geritten Schonekerl schon hoch zu Roß, in blütenweihem Hemd, rotbraun gebrannt..,, und da brach er los wie ein Platzregen, als er unsere Mähleistung und unsere Mah- künste sah. Es prasselte nur so von „stinkenden Faultieren , von „Trotteln", von „Schlappschwänzen", von „Nachtmützen . Bet int Grunde hatten wir anderen nicht viel auszustehen, er nahm sich gleich nach den ersten zehn Sätzen seinen Freund Ranft vor die Binde, und was der da zu hören bekam, war wirklich selbst für Schonekerl eine saftige ^Aber vielleicht hatte Ranft wirklich diese Nacht was zu sehen.gekriegt, diesmal hielt er das Maul nicht, sondern sagte ganz vernehmlich: „Halt die Klappe, dämlicher Hund!" ., .
„Wie?!" schrie der Inspektor, der vielleicht nicht ganz verstanden hatte oder sich nicht getraute zu verstehen. „ , .
„Hab' gesagt, daß ich Sie noch nie habe mähen sehen , sagte Ranft brUngÄQ5?" schrie der Inspektor, und nun ging es los: ... in Ranfts Jahren ... und was so ein Schnösel sich einbildete ... und so em Gewitschel und Gepritschel mit der Sense mache ihn krank .. . Und plötzlich brüllte er: „Weg, Stachu, nimm den Gaul! Mir die Sense! Dir wollen wir's zeigen, fauler Knochen! Du mähst vor und ich mah nach ... und wehe dir .. .1" ,, , . , . „. ..
Nun ging es los, und das muhte man schon sagen, eine feine Fahrt legte der Ranft vor, und einen Schwad nahm er wie der Stärkste, hinter ihm der Inspektor — der konnte auch mähen — und wahrend der Ranft immer wortlos weiterzog wie eine Lokomotive, brüllte alles, was recht war. Ein Schlappschwanz war der Jüngling nicht, aber einen Rochus hatte er im Bauch darum konnte er so mähen. Doch der Inspektor hinter ihm ununterbrochen: Du fauler Hund, du! Dir will ich es zeigen! Nimm deine Haxen in acht, ich mäh' dir deine Haxen ab! Bei den Madels bist du ein Kerl, was, aber hier..." r . ...
Es war schon ein Theater, und wir gingen eigentlich nur so em bißchen hinterher und fiddelten mit unseren Sensen, daß das Kind einen Namen hatte, und wünschten inbrünstig, daß der Ranft die Tour durchhielt bis oben an die Chaussee, wo wir anhalten mußten... Und er hielt durch einen phantastischen Murr hatte der Bengel, und mit all seinem Geschrei und seinen Viechskräften war ihm der Inspektor nicht einmal näher als einen halben Meter aus die Pelle gerückt.
Da standen wir nun oben und wetzten unsere Sensey und gingen langsam wieder zurück zum Anfang des Schwads, und die ganze Zeit schimpfte der Schönekerl den Ranft und verhöhnte ihn. Der Jnspektt>r sah blaurot angelaufen aus, der Schweiß lies nur so über sein Gesicht, und sein blütenweihes Hemd war klatschnaß. „Dir wollen wir s, zeigen, du Schmachtlappen, dir will ich schon deine Haxen abmähen ...!"
Dem Ranft ging die Brust auch wie ein Blasebalg, aber Farbe hatte er nicht ein Fitzelchen bekommen, und er konnte ganz ruhig sagen:
Haxen abmähen .. .1 Mähen Sie mal vor, und ich will Ihnen die Haxen abmähen!" (Das „Herr Inspektor" sparte er sich schon )
Er sagte das ganz leise und friedlich, aber uns blieb die Spucke weg, wir dachten, der Inspektor haute ihn mit einem Schlag zur Erde. Aber nichts davon. „Das versuch nur, du Weiberknecht", brüllte er. „Das versuch nur! Nicht aus einen Meter kommst du an mich, du Muttersöhnchen. Weg da, los, ich mäh' vor!"
Und wieder ging es los, den endlosen Großen Weiher hinaus, vorne Schönekjtrl, hintennach Ranft, und schließlich wir, ziemlich außen vor. Der Inspektor legte höllisch los, das hatte er nun doch gemerkt, daß es hier um seine Ehre und sein Ansehen ging, viel sagte er auch nicht mehr, nur manchmal schrie er noch: „Du Schwächling ... Haxen ... komm ran, wenn du eine Traute haft ..."
Und hinten nach der Ranft, nun, ich kann wieder nur sagen: wie eine Dampfmaschine^ sicher hatte er überhaupt keine Ahnung, was er tat mähte ganz mechanisch und sah nur vor sich die braunen schicken Reitstiefel von dem Schönekerl in der weißgelbm Weizenstoppel. Die Sense zischte und der Weizen seufzte leise, wenn er sich umlegte, und es war heiß, und sicher war, daß Ranft aufholte, langsam und allmählich aufholte. Gegen solche Viechsmäherei kam eben auch der Schönekerl nicht an mit seinen Bärenkräften, weil er nicht die richtige innerliche Wut hatte, bei Schönekerl war es doch nur Geblubber.
Aber ebenso sicher ist es, daß Ranft den Schönekerl bis zur Chaussee doch nicht eingeholt hätte, so viel gab auch die Wut nicht her, und oben wären sie beide ausgepumpt gewesen und hätten nichts mehr angeben können, also das Rennen wäre sicher tot ausgegangen. Da aber reitet doch den Schönekerl der Teusel, er fühlt sich so sicher, er muß wieder mit Stänkern anfangen und reht sich um und schreit: „Was nimmst du denn für einen Schwad, Hund, verfluchter, ist das ..."
„Oh ...", sagt der Inspektor plötzlich ganz sanft und leise.
Sein Mund war rund wie ein Osterei und blieb offen, die Sense rutschte ihm aus den Händen, und er sackte sanft hin auf die Erde.
Und „Oh ..." sagte auch Ranft und sah verblüfft feine Sense an, deren funkelnde Schneide einen breiten roten Streifen hatte. Und dann sah er und sahen wir nach dem Schuh des Inspektors und der Schuh war aufgetan wie ein Mund und es lief rot daraus ...
Wir standen alle atemlos, wie die Schafe, roenn’s donnert, und nun war der Inspektor auch schneeweiß, genau wie der Ranft.
Und dann richtete er sich aus und eine ganz hübsche Portion von der alten Polteret lag schon wieder in seinem Ton, als er ein bißchen schwächlich sagte: „Hast du verdammter Trottel mir wahrhaftig die Haxen durchgemäht. Na, warte ...!"
Aber Eleve Edmund Ranft wartete nicht mehr auf Weiteres. Er fchmiß seine Sense hin, daß es klapperte, er schmiß Wetzstein und Leibriemen und das Wetzfaß dazu, auch er sagte: „Oh, ich verdammter Trottel ...!" Und lief fort
Als wir auf den Hof kamen mit dem verwundeten Inspektor, war
er schon fort mit all feinen Sachen, nicht einmal der Wrunka hatte er zidteu gesagt. Die hakte er sich gleich mit den Haxen, nut dem Elevenposten, mit den landwirtschaftlichen Aussichten, mit dem Durchhalten abaem'äbt auf alle Zeit und Ewigkeit.
fflas der Inspektor Schönekerl sich über den Trottel noch amüsiert hat, trotz der durchgemähten Haxe ..."
Neue Zeit.
Bon Alfred P a b ft.
Es steigt herauf ein neues Morgenrot. Die neue Zeit marschiert mit diesem Lied: Vorbei sei Haß und Hunger, Leid und Not, zerschlagen sei der Klassen Unterschied! Wir kehren in ein neues Deutschland ein, und unser aller Deutschland soll es [ein!
Nun flamme auf, Brandfackel dieser Zeit, daß unsre Volksgemeinschaft stählern wird! Brenn aus die Zwietracht und den Bruderstreit, und leuchte dem, der noch im Dunkel irrt!
Entzünde alle, glüh uns stark und rein, denn unser aller Deutschland soll es sein!
Erwachen muß die Kraft, die in uns schlief!
Entbrennen muß der Herzen Leidenschaft: daß wir im Sturme stehen wurzeltief, wenn Geist und Faust am gleichen Werke schafft! Wir bauen auf, wir mauern Stein auf Stein, denn unser aller Deutschland soll es fein!
o
Es steigt heraus ein neues Morgenrot.
Die neue Zeit marschiert mit diesem Lied: Vorbei sei Haß und Hunger, Leid und Not, zerschlagen sei der Klassen Unterschied!
Wir kehren in ein neues Deutschland ein, und unser aller Deutschland soll es sein!
Das merkwürdige £e6en des Bildschnitzers Bett Stoß.
Von Wilhelm H a u s e n st e i n.
In diesem Jahre 1933 begeht man festlich die 400. Wiederkehr der Todeszeit des Meisters — und zwar in Krakau wie vollends in feiner Vaterstadt Nürnberg. Diese doppelte Begehung des Jubiläums in zwet heute so entgegengesetzten Bereichen wird interessieren. Davon nachher.. Das Merkwürdige in der Geschichte des Meisters scheint schon in der Persönlichkeit gegründet zu sein, und es ist natürlich zuerst auf sie zu blicken, von ihr zu sprechen.
Wie seltsam steht er da! Er ist voll von starker Spannung, bezeigt eine ausfallende Entschiedenheit des Wesens, ja Stolz — ja eine leidenschaftliche Erregbarkeit, einen heftigen Charakter. Dian würde es schon glauben, wenn man kein Zeugnis hätte als die Werke feiner Hand, die eine außerordentlich nachdrückliche, fast etwas gewalttätige Künstlerhand gewesen ist: die Bildwerke, besonders die in Holz, aber auch die Kupferstiche und die dem Meister zuerkannten oder wenigstens zugetrauten Malereien sind an einer eigentümlichen Uebertriebenheit kenntlich — an einer temperamentvollen Schärfe der Form und des Ausdrucks, an einer überdrastischen Art. Gewiß, man kann dies nicht bei allen Werken des Meisters finden: er hat auch ruhige, beschwichtigte Dinge gemacht. Aber des leidenschaftlich Gespannten ist in seinem Werk doch so viel, daß man die eigentümliche Erregtheit als eines der Kennzeichen seines Stiles betrachten kann. Es sind nicht wenige Stücke feiner Arbeit, die in ihrer Spannung mit der Energie einer geballten Faust verglichen werden mögen. Daß der Meister Stoß ein merkwürdig leidenschaftlicher Mensch gewesen sein muß, wird aber auch aus den Uebertieferungen deutlich, die von seinem bürgerlichen und künstlerischen Leben berichten. Sehen wir zu. m
In einer nürnbergischen Urkunde wird der Meister einmal gar ein „irrig geschreyig man" (Mann) genannt. Das will besagen: ein Mann, der sich von feinem ungewöhnlichen Temperament leicht in Irrtümer und zu heftigen Ausbrüchen treiben läßt. Wir würden heute lagen: er scheine ein überaus reizbarer Mensch gewesen zu sein — ein Mensch mit Nerven. Wobei der Begriff „Nerven" freilich nicht eine Schwäche bezeichnen würde, nicht also bas, was wir „Neurasthenie" nennen, sondern vielmehr eine Fülle ausschlaggebender Lebendigkeit. Sagen wir kurz: dieser Meister, den wir um der zeitgeschichtlichen Stilform feiner Werke willen noch als einen mittelalterlichen, ob auch spätmittelalterlichen Meister, jedenfalls als einen Gokiker zu verbuchen pflegen, ist tatsächlich als Persönlichkeit, als psychologischer Typus oder „Fall", schon ein moderner Mensch gewesen. Allerdings brauchen wir uns darüber nicht zu sehr zu wundern. Denn gerade der Ausgang des Mittelalters war eine überaus komplizierte Zeit: eine Zeit voll von Wehen der Seele, eine Zeit mit beunruhigenden Perspektiven in eine gleichsam explodierende Zukunft, in eine Zukunft, der die mittelalterlichen Sicherheiten nicht mehr gewährleistet zu fein schienen. So kann man sich freilich denken, daß in einem Menschen der Zeit und gerade in einem begabten Menschen dieser Zeit (nämlich der Zeit um 1500) die Schwierigkeiten der Epoche sozusagen verpersönlicht sich zusammenzogen — und ein Mensch dieser Zeit wäre eben unser Meister V e i t S t o ß. Er gehörte zu den vorgeschobenen Menschennaturen, in denen die geschichtliche Entwickluna sich auf eine schmerzhafte Weife barfteUt: man könnte sagen, daß der Meister zu der Gattung


