Ausgabe 
9.6.1933
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zreitag. -en 9. Juni

Jahrgang 1955

Nummer 45

Ä

Daheim.

Vom Prinzen Emil von Schoenaich-Earolath.

Ein Weg durch Korn und roten Klee, darüber der Lerche Singen, das stille Dorf, der Helle Set, süßes Wehen, frohes Klingen.

Es wogt das Korn im Sonnenbrand, darüber die Glocken schallen sei mir gegrüßt, mein deutsches Land, du schönstes Land vor allen!

Oer Zweikampf im Weizen.

Von Hans Fallada.

Alle Rechte im Rowohlt-Verlag.

Auf Rittergut Bredenau hatten wir einen Inspektor, der hieß Schöne- terl, und einen Eleven namens Edmund Ranft. Manchmal stimmt es mit den Namen, manchmal stimmt es nicht, hier stimmt es. Inspektor Schöne­kerl «ar ein Kerl von einem Mann, groß und stark, mit einem roten, blühenden Gesicht, einem Nacken wie ein Stier und einer Stimme wie ein Nebelhorn. Der Edmund Ranft dagegen stellte sich dar als ein schmäch­tiger Jüngling, blaß, mit braunen Augen und braunem Haar, ein halbes Mädchen. Unnötig zu sagen, daß die beiden sich nicht riechen konnten.

Nun ist ein Inspektor ein großer Mann, ein hochgestellter Mann, er hat Befehlsgewalt über achtzig Leute oder hundert oder zweihundert (dar­unter die Eleven) ein Eleve aber ist ein Garnichts, eine Art Renntier, er hat zu laufen, wenn der Inspektor ruft, zu springen, wenn er brüllt, das Maul zu halten, wenn er donnert. Der Inspektor konnte seinen Ranft .fein merken lassen, daß er ihn nicht riechen konnte, der Eleve dagegen hatte stille zu sein und höflich zu tun und Knickschen zu machen.

Inspektor Schönekerl genierte sich keinen Deut, er schickte Ranft um drei Uhr morgens in den Pferdestall, dann ließ er ihn in der Mittags­pause auf den Futterboden gehen und Säcke nachzählen und wartete nur ob, bis abends Ranft um neun erschlagen in seiner Klappe lag, um ihn zu einer kalbenden Kuh zu schicken. Wir sagten zu Ranft:Mensch, such dir eine andere Lehrstelle. Hier hältst du es nicht durch." Aber das sanfte Mägdlein Ranft hatte Energie.Keine Bohne", sagte er.Den Spaß soll ich dem machen...? So blau!" Und tief weiter und sprang und machte seine Dienerchen und dachte, er schaffte es.

Er hätte es vielleicht auch geschafft, denn innerlich war er dem dicken Inspektor weit überlegen, wenn nicht die Sache mit Wrunka gekommen wäre. Ich weiß nicht, wie Wrunka wirklich hieß, ob Wrunka überhaupt ein Name ist, genug, sie kam aus dem Schlesischen zu uns und wurde unsere Meieristin. Die vorige Meieristin hatte Rosinen im Kopf gehabt, sie hatte Besitzer und Inspektor rum und dumm geredet, bis wi^aus unserer guten Milch pickfeinen Camembert machten, den uns nachher kein Mensch abkaufte (schließlich fütterten wir den Schweinen Camembert). Wrunka hingegen machte einen schlichten Backsteinkäse, einen Magerkäse, der nach nichts aussah, aber packte man ihn eine Woche in salzwassergetränkte Tücher, so wurde da ein Käse draus kurz, der Laden klappte.

Nun, Ranft hatte die Aufsicht beim Melken im Kuhstall, an den Kuh­stall stößt die Meierei, in der Meierei wird die Milch abgegeben bei der Meieristin, Ranft hatte die Aussicht beim Milchabgeben und Wrunka sah ganz und gar nicht übel aus, eine dunkle Schönheit und wie sie lochen konnte! Außerdem läßt sich der Name Wrunka verdammt zärtlich aus­sprechen, schon dieser Name ist die reine Verführung.

Warum Schönekerl sich auch mit dieser Geschichte zu befassen hatte, ist klar. Schönekerl hatte eine Frau, eine ständig verweinte, zitternde Frau, und zwei ständig geohrfeigte, brüllerische Kinder. Schönekerl war futterneidisch, und darum befaßte er sich mit der Sache: eines frühen Morgens um fünf erfüllte er den Kuhstall mit dem Gebrüll einer Nedel- tute, und Ranft wurde bei der Milch abgelöst. Kein Kuhstall, keine Meie­rei, keine Wrunka mehr, dafür Außendienst, auf den entferntesten Schlä­gen, beim Dungfahren und Getreidehacken, zwei Kilometer vom Hos, vier Kilometer vom Hof.

Man hat es ja in den Naturgeschichtsbüchern gelesen, ein Schmetterling wittert ein gefangenes Weibchen stundenweit und findet zu ihm, Tierlein gesellt sich zu Tierlein: kaum war Inspektor Schönekerls Pferdeschwanz hinter der nächsten Waldecke verschwunden, so setzte sich Ranst in Trab und rannte zu seiner Wrunka. Zweimal am Vormittag inspiziert kein Inspektor die Außenschläge. Die Leute grinsten und halfen dem Eleven noch, dazu ist ein Rittergut mit seinen Scheunen und Ställen und Schup­pen eine unübersichtliche Sache. Wenn der Inspektor vielleicht auch Feuer roch, Rauch und Flammen bekam er feit jenem Ueberfall im Kuhstall nicht mehr zu sehen.

Sicher aber roch er das Feuer. Unter des Inspektors Fenster lag ein großer Grasgarten mit vielen Obstbäumen, in anderen Jahren hatten wir dort das Jungvieh geködert. In diesem Jahr erging plötzlich die Order:Der Schlappschwanz, der Ranft, kann noch immer nicht mähen. Ronft, Sie mähen den GrasgartenI" jawohl, Herr Inspektor", sagte Ranft und holte sich eine Sense.

Ranft stand im Grasgarten und befaßte sich mit der Mäherei. Es stand da ein schönes kräftiges Gras, gar nicht schwer zu mähen, ober darin hatte der Inspektor nun wirklich recht: vom Mähen hatte Edmund Ranft keine Ahnung. Mol ging die Sense in die Erde, mal in einen Obstbaum, mal fielen auch ein paar Gräser um, und zuweilen tat sich oben das Fenster auf und der Inspektor legte los. Ranft war am ersten Morgen gerade dabei, feine Sense, die durch Erde, Stein und Baumrinde ewig stumpf war, zu wetzen, da ertönte von oben dies Gebrüll. Ranft paßte nicht auf ober er kriegte einen Schreck, und schon lief es schön rot über seine Hand: Ranft hatte sich den Daumen durchgewetzt. Dies hinein in die Daumenkuppe, durch den halben Nagel ging der Schnitt.

Etwas blaß lehnte Ranft die Sense sacht gegen einen Baum, der Inspektor oben prustete los und warf das Fenster zu. Ranst ging auf den Hof und ließ sich den Daumen verbinden, der Inspektor aber erzählte in der Küche seiner verheulten Frau den Spaß und schickte Ranst dann von neuem an seine Mäherei. Am Abend hatte sichRanft bann auch noch ben anderen Daumen durchgewetzt, aber das war kein Grund für Kranken­urlaub:Werden Sie lernen, Sie Roß, ben Wetzstein richtig anzufassen. So faßt man einen Wetzstein an...!"

*

Im ganzen aber kamen weder Inspektor noch Eleve auf ihre Kosten bei dieser Mäherei. Ranft zwar lernte es mit der Zeit einigermaßen, aber seinJawohl, Herr Inspektor" klang gar nicht mehr so wie früher und in unseren Kreisen führte er lästerliche Reben vonbem Schönekerl eins besorgen". Der Inspektor seinerseits entdeckte, bah auch ein unter seinen Fenstern arbeitenber Ranft keine völlige Sicherheit bot, schließlich mußte er boch zweimal täglich aufs Felb reiten und sicher sanb sich immer einer, der bem Ranft einen Wink gab, bie Luft sei jetzt rein.

Wie Wrunka selbst zu ber ganzen Sache stand, das war schwer aus­zumachen, rein vom Liebesstandpunkt war Ranst sicher der bessere Part­ner, aber schließlich war der Inspektor berjenige, welcher ... welcher nämlich die Löhne auszahtte und bie Milchtantieme berechnete unb der einem armen, alleinstehenden, hilflosen Mädchen viel Schaden tun konnte. Wenn Schönekerl schon lange Feuer roch, so roch es in letzter Zeit der Ranft nicht weniger...Wenn ich den Bullen mit der Wrunka er­wische ...!" drohte er düster.

Die Weizenernte kam uns in diesem Sommer nach einer vierzehn- tägigen Dürre wie ein Gewitter über ben Hols, es war nicht nachzu­kommen, so rasch würbe Schlag um Schlag reif. Binber unb Ableger mähten vom Morgengrauen bis in bie Nacht, aber »es half alles nichts, schließlich mußte jeber, ber nur eine Senfe hatten konnte, antreten zum Weizenmähen auf bem Großen Weisel.

Es war eine scheckige Mähmannschaft, die dort am frühen Morgen zusammenkam: Junge Ochsenknechte und wacklige Altenteiler, ber buck­lige Schweinemeister, ber Gutsschmieb, zwei stäbtische Elektriker, bie gerabe im Herrenhaus eine neue Lichtleitung legten, und natürlich auch mit uns jüngeren Beamten ber Eleve Ebmunb Ranst.

Na, nun ist es gut, Ranft, daß du im ©rasgorten mähen gelernt hast", sagten wir.

Ach rutsch!" antwortete Ranst wütend. Er sah nicht gut aus, das Ränfttein, er sah käseweiß aus, und seine braunen Augen wirkten schwarz, so finster fah er. Sicher war er wieder bie ganze Nacht unter­wegs gewesen, hatte hinter ber Wrunka spioniert. Ob er nun roütenb war, weil er was gesehen hatte ober weil er immer noch nichts gesehen hatte, gleichviel, er steckte so voll Wut, baß wir kein Wort weiter zu ihm sagten, sonbern ihn seinem Mähen überließen.

Wir waren sie ja alle nicht mehr gewöhnt, biefe Mäharbeit im schwe­ren Winterweizen. Um sechs Uhr früh war es losgegangen unb um halb sieben schien uns die Frühstückspause um acht schon endlos fern, unb als sie bann schließlich boch ba war, wären bie meisten von uns sicher ganz gern roieber ins Bett gegangen, so weh taten bie Knochen. Aber Schöne­kerl war so schlau gewesen, uns einen richtigen Taglöhner mitzuschicken, der bas Mähen gewohnt war, unb ber stanb punkt halb neun roieber auf unb sagte:Na, benn man wieder los! Unb mähte uns voran, unb mir mutzten nach, es half alles nichts. Wir konnten es uns so leicht machen, wie wir wollten, mir konnten ben Schwab so schmal nehmen, daß es eine Schande war, immer kam ber Moment, wo man nicht mehr mitkam, wo ber Hintermann brüllte:Paß Achtung, Nachbar", unb seine Senfe nur noch ein Paar Zentimeter hinter unserer Hacke zischte. Unb babei brannte bie Sonne wie ein höllisches Feuer, unb unser Gaumen war trocken wie eine staubige Lanbstraße, unb von Zeit zu Zeit würbe es schwarz in unserem Hirn, unb wir beichten nichts mehr unb mähten