Ausgabe 
9.1.1933
 
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Unerläßliches zu

Sie scherzen wohl? Die ganze Arbeit in dem großen Haus besorgt der alte Philipp?" v,

Das nicht. Aber ich habe vor zwei Stunden die übrige Dienerschaft weggeschickt. Ich werde gleich telephonieren. 17 846 das ist doch Ihre Nummer, nicht wahr? Gute Nacht, Doktor."

Die Baronesse.

Guten Morgen, Herr Baron! Ich habe soeben dem Patienten die dritte Injektion verabreicht. Es wird Sie freuen, zu hören, daß sich sein Zustand gebessert hat."

Der Baron schüttelte dein Arzt in freudiger Erregung die Hand.

Wird er ausstehen dürfen? Kann er schon sprechen?"

Nein. Davon ist keine Rede. Aber er hat eine verhältnismäßig ruhige Nacht hinter sich, und die Lähmungserscheinungen sind ein wenig zurück-

qegangen."

' , Wirklich?" rief der Baron und trat nahe an das Krankenbett heran. Ulam Singhl Hörst du mich? Ulam Singh!"

Der Kranke rührte sich nicht. Die Augen starrten unbeweglich zur Decke empor, der linke Mundwinkel war schief nach abwärts gezogen. Nichts in seinem Gesicht verriet Leben. . .....

Lassen Sie ihn, Herr Baron!" mahnte der Arzt.Er ist ja nicht bei Bewußtsein, er kann Sie gar nicht hören."

Er hört mich nicht", sagte der Baron traurig.Aber es geht ihm trotzdem besser, nicht wahr?"

Ja Ein wenig. Das Gift der Tik Paluga wirkt in unserem Klima anscheinend weniger rasch, vielleicht auch weniger intensiv als in den Tropen, das wäre eine plausible Erklärung. Sicherlich gibt sein Zu­stand für den Augenblick keinen Anlaß zur Beunruhigung."

Für den Augenblick", wiederholte der Baron niedergeschlagen.Das ist wenig, das ist furchtbar wenig."

Er wird jetzt nach der neuerlichen Injektion ein paar Stunden voll­kommene Ruhe nötig haben. Bis Mittag mindestens. Auch Ihnen wird ein wenig Ruhe gut tun. Sie scheinen nicht gut geschlafen zu haben diese Nacht", sagte der Arzt mit einem forschenden Blick aus das Gesicht des alten Mannes.

Wie hätte ich denn schlafen können, nach dem, was geschehen ist. Wie werde ich jemals wieder ruhig schlafen können, bei all dem, was unser harrt, wenn Ulam Singh stirbt."

Dr. Kircheisen blickte den Baron ausmerksam an. Dertolle Baron sah so gar nicht toll aus sondern im Gegenteil wie ein höchst korrekter Hofrat, der seine 35 Dienstjahre aus dem Rücken hat.

Sie befürchten Belästigungen durch die Polizei wegen der Schlange ist es dos, was Sie beunruhigt?"

Der Baron schüttelte den Kops.Nein", sagte er.Das ist es nicht. Oder doch auch, zum Teil", setzte er nach einer Weile rasch hinzuGlau­ben Sie Doktor, gibt es eine Möglichkeit, daß Ulam Singh lemals wieder wird ausstehen und sich frei bewegen können wie vorher?"

Das ist" Der Arzt wollte sagen: ausgeschlossen. Er unterbrach sich aber, denn er sah mit wachsender Verwunderung die unerklärliche^ Auf­regung des alten Mannes.Das ist keinesfalls völlig ausgeschlossen , be­endete er den Satz, um die Erregung des Barons nicht zu steigern.

Keinessalls völlig ausgeschlossen." Der Baron betonte jedes einzelne Wort.Ich verstehe Sie, Doktor." Er ging langsam im Zimmer auf und ab und blieb schließlich nachdenklich vor dem Arzt stehen.

Dann versprechen Sie mir eines, Doktor! Wenn es nut ihm zu Ende geht', dürfen Sie mir es nicht verheimlichen! Werden Sie mir es sagen ein paar Stunden vorher? Eine Stunde vorher?"

Gewiß, wenn Sie Wert darauf legen."

Dann wird vielleicht noch alles gut", seufzte der Baron.Dann kann vielleicht noch alles gut werden, wenn Sie mir das zusagen. Eine Stunde vorher. Dann ist noch Zeit genug."

Wozu?" fragte der Arzt.Wozu ist Zeit genug?

Es ^nnte jein", gab der Baron zur Antwort, so langsam, als über­legte er jede-, einzelne Wort,es könnte sein, daß Ulam Singh etwas Unerläßliches zu Ende bringen mühte, ehe er stirbt."

Etwas Unerläßliches?" fragte der Arzt halb mißtrauisch, halb neu­gierig.Um was könnte es sich da handeln?"

Ich bitte Sie, erlassen Sie mir das! Es ist wirklich schwer, darüber zu sprechen", sagte der Baron und strich mit der Hand über den Hinter­kops, als müsse er einen Schmerz verscheuchen, der dort saß.

Wie Sie wünschen", sagte der Arzt.Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich in Ihre Angelegenheiten zu drängen." Er stand am Fenster und hatte des Barons Bemerkung nur flüchtig gehört und zerstreut und halb mechanisch die Antwort gegeben. Seine Aufmerksamkeit war durch ein seltsames Bild, das sich unten im Garten bot, gefesselt worden.

Es ist im allgemeinen nichts Bemerkenswertes, wenn em kleines Kind mit einem Reifen spielt. Zweifellos ist es ein reizvoller Anblick, besonders, wenn des Kindes Bewegungen anmutig und flink sind, aber sicher keineswegs Veranlassung genug, förmlich hypnotisiert in den Garten hinunterzustarren und alles, was ringsumher vorgeht, zu vergessen, wie es Dr. phil. et med. Kircheisen in diesem Augenblick tat. Doch der Wild­fang, der auf dem freien Platz zwischen der Wie,e und der Villa spielte, war eben kein kleines Kind, sondern eine erwachsene junge Dame. Eine erwachsene junge Dame, die mit einem Kinderreifen spielt! Eine hohe schlanke Gestalt mit einem feinen schmalen Gesicht und blondem Haar das in einem losen Knoten im Nacken niederhing. Ein kleiner, weißer Foxterrier sprang neben ihr her o weh, jetzt war der Reifen niedergefallen I Wie zornig sie war, wie sie mit dem Fuß stampfte vor Aerger einmal, zweimal, dreimal, noch einmal! Ja, sie war mit voller Leidenschaft bei dem kindlichen Spiel. Schon flog sie wieder hinter dem rollenden Reifen her, was für zarte, edelgeformte Knöchel sie doch hatte! Jetzt war der Reifen abermals umgefallen wie traurig sie nun da stand wie verzweifelt sie den Kops schüttelte! Ihr kleiner Fox war schuld der hatte den Reifen umgeworfen.

W (Fortsetzung folgt.)

Das Mangobaiimwunder.

Roman von Leo Perutz und Paul F rank. ,

Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.

(Forlfegung.)

Der jetzige Zustand getrübtes Bewußtsein und leichte Lahmungs- erscheinungen dürste noch 36 bis 48 Stunden anhalten, vielleicht auch ein paar Stunden länger. Nach ungefähr 48 Stunden

,,'Ißirb er aufstehen können? Wird er das Bett verlaßen? rief der

dürfte der letale Ausgang infolge Herzlähmung eintreten Ja, um®ottes willen, was ist denn geschehen?" .

Die elektrische Lampe, die der Baron noch immer in den Hunden gehalten hatte, war in diesem Augenblick krachend zu Boden gefallen.

Es war mit einem Male finster in dem weiten Zimmer. Dr. Kirch­eisen tastete sich durch das Dunkel bis an die Wand und ließ rasch den großen Lüster aufflammen.

Der Baron lehnte blaß und zitternd an einem Sessel und hielt die Hand an die Brust gepreßt. e

Was war denn bas, Herr Baron?" fragte der Arzt voll Teilnahme.

"Nichts von Bedeutung", sagte der Baron und lächelte mühsam.Die Lampe ist mir ein wenig zu schwer geworden.--Ist es sicher, daß

Ulam Singh sterben muß?"

Der Arzt zuckte die Achseln.

Gibt es keine Rettung? Kein Serum gegen das Gift dieser Schlangen?"

Ich werde kein Mittel unversucht lassen."

Ich habe Ulam Singh sehr nötig", sagte der Baron leise.Ich will ihn behalten. Er ist mir unersetzlich."

Unersetzlich? Ich begreife ja Ihre Gefühle; der Tod eines Haus­genossen ist immer eine aufregende Sache. Aberunersetzlich" ist ein großes Wort, und für einen Gärtner wird sich schließlich doch ein Nach­folger finden lassen." _ ,

Nein!" rief der Baron mit einer plötzlich ausbrechenden Heftigkeit.

.Er darf nicht sterben! Mein Leben ist verdorben, wenn er stirbt."

Ich sehe, Sie neigen zu Uebertreibungen. Oder ist es mehr als ein rein menschlicher Anteil, den Sie an dem Schicksal Ihres Dieners neh­men? Dann sprechen Sie aufrichtig und deutlich zu mir!" mahnte der Arzt.

Der Baron tastete langsam mit der Hand über die feuchte Stirn.

Ich habe wohl arge Dummheiten geredet", sagte er leise und stockend.Verzeihen Sie--der Schreck über den Unglücksfall hat miet)

ganz wirr gemacht. Ich weiß gar nicht recht, was ich alles gesagt hab'.'

Sie können sicher sein, daß ich jedes Mittel versuchen werde, um den Patienten am Leben zu erhalten, Darf ich Sie jetzt bitten, mir mein Nachtquartier anzuweisen? Womöglich in der Nähe des Kran­ken, denn ich werde die Injektion im Laufe der Nacht zwei- bis dreimal wiederholen müssen."

Hier in allernächster Nähe ist Ihr Zimmer, Herr Doktor. Die Tür hier gegenüber."

Ich werbe zuvor in meine Wohnung telephonieren und meine Wirt­schafterin wissen lassen, daß ich vorläufig hier bleibe und meine Reise bis aus weiteres aufschiebe."

Sie wollen verreisen? Wie gut, daß ich Sie noch erreicht habe! Wo­hin sollte die Fahrt gehen?"

Rach Korsu. Eigentlich die erste größere Reise meines Lebens."

Wie? Sie waren niemals in Indien? Ja, woher haben Sie denn die staunenswerten Kenntnisse der indischen Fauna?"

Der Baron bemühte sich, jetzt leicht und zwanglos zu plaudern, als wollte er den Eindruck verwischen, den jener Ausbruch fassungsloser Angst wenige Minuten vorher hervorgerufen hatte.

Bücher", gab Dr. Kircheisen zur Antwort.Bücher, Herr Baron, und Spirituspräparate. Ich habe mein philosophisches Doktorat in Zoologie und Botanik gemacht."

Ist es eine Erholungsreise, die Sie um meinetwillen aufschieben müssen?"

Nicht ganz. Teilweise wollte ich studienhalber nach Korfu. Diese Insel hat eine sehr bemerkenswerte Reptilienfauna.--Sie erlauben, daß

ich mich jetzt zurückziehe?"

Den Arzt erwartete an diesem Abend noch eine überraschende Ent­deckung. Er hatte es sich in seinem Zimmer bequem gemacht, das Abend­blatt durchflogen und sodann ein Weilchen die Photographien alpiner Landschaften besehen, die die Wände schmückten. Schließlich entsann er sich des Telephongesprächs, das er zu führen wünschte, und drückte auf den Klingeltaster.

Er wartete ein paar Minuten lang, aber es kam niemand.

Er drückte ein zweites Mal. Wiederum blieb alles still.

Dr. Kircheisen wurde ärgerlich. Er ging einige Male im Zimmer ungeduldig auf und ab, bann läutete er ein drittes Mal.

Nichts regte sich. Jetzt läutete Dr. Kircheifen Sturm. Aber kein Mensch schien ihn zu hören.

Schließlich ging er aus den Gang und rief.

Endlich da kam jemand den Gang heraufgelaufen, notdürftig be­kleidet, mit kurzen, mühsamen Schritten. Ader es war feiner von den Dienern, es war der Baron selbst, der jetzt atemlos vor dem Doktor stand.

Verzeihung, Herr Baron! Es tut mir aufrichtig leid, daß ich Sie in Ihrer Ruhe gestört habe. Ich habe vergeblich nach dem Stubenmädchen geläutet ich möchte bloß mein teiephonisches Gespräch erledigt haben", entschuldigte sich der Arzt.

Philipp schläft wahrscheinlich schon", sagte der Baron noch immer ganz außer Atem.Ich werde selbst in Ihrer Wohnung anrufen.

Bemühen Sie sich doch nicht selbst, Herr Baron! Warum ist denn niemand von der übrigen Dienerschaft gekommen?"

Ich habe sonst niemanden im Hause, Doktor", sagte der Baron verlegen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.