Ausgabe 
9.1.1933
 
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Meters keineswegs

Im ^Januar 1740 wurde mit dem Bau des Eispalastes begonnen. Als Baustelle war ein Platz zwischen der Admiralität und dem Zaren- valais am User der Newa ausersehen. Heftige Fröste dauerten ununter­brochen an, so dah die Arbeit mit größter Schnelligkeit vor sich ging. Als Baumaterial wurde ausschließlich Eis verwendet. Es wurde m großen, sorgfältig zugefchnittenen und polierten Blocken aufgeschichtet und zur Beseitigung mit Wasser übergossen, das bei der Kalte in kurzer Zeit gefror. Das Haus, das 16 Meter lang, fünf Meter breit und sechs Meter hoch wurde, schien wie aus einem einzigen riesigen Stuck Eis gehauen. Mit seinen durchsichtigen, in klarem und zartem Blauweitz Wimmernden Eiswänden sah es wie ein Kleinod aus einer umrdischen ^°Das"Haus°bestand aus einer Diele mit zwei nach beiden Seiten hin anschließenden großen Wohnzimmern. Eines davon war als Schlaf­zimmer das andere als Empfangszimmer hergerichtet. Im Schlafzimmer stand ein gewaltiges pompöses Doppelbett, ein Frif.ertisch, zwe, Stand- piegel, ein Schemel und mehrere große Leuchter. Im Empfangszimmer waren zwei Sofas, zwei Sessel und mehrere Stuhle nebst einem großen, kunstvoll geschnitzten Tisch, zwei Amor-Statuen sowie e,n Schränkchen mit durchsichtiger dünner Eisscheibe, in dem das aus Eis gefertigte Tafelgeschirr aufbewahrt wurde. Sämtliche Einrichtungsgegenstande im qan,en Hause waren aus reinem Eis gearbeitet und innaturgetreuen Farben" bemalt. Selbst dieKerzen" in den Leuchtern und dasHolz im Kamin bestanden aus Eis. Die Wände waren mit Ornamenten ge­schmückt, auch die Tür- und Fensterrahmen, die mit grüner Farbe bemalt ! waren, wiesen kunstvolle Schnitzereien aus. Die Fensterscheiben, die aus I hauchdünnem geschlissenem Eis bestanden, waren mit bunten Malereien 1 verziert. Das elegante Portal, der Sims und der massive Zaun, der ( den Palast umschloß, waren mit zahlreichen Skulpturen versehen die ausschließlich aus Eis gefertigt waren. Auf mehreren Pfosten des Zau­nes hatte man Töpfe mit Sträuchern angebracht, auf deren Elszweigen zierliche Eis-Bögel saßen. Bor dem Palast standen sechs Kanonen und zwei Mörser, aus denen tatsächlich öfters geschossen wurde. Wie ein Augenzeuge berichtet, hat ein aus einer Eiskanone seierlich abgeseuertes Geschoß ein zwei Daumen dickes Brett auf eine Entfernung von sechzig

munternd, die gespannten Mienen glätteten sich, hier und da siel ein > Lächeln blank aufs Notenblatt. <

« » S AZ ^hend um abermals in ein schmerzvolles Unisono abzusw en, mit emein

.*Äi - fesr SWÄ das Ohren habe. Das zärtliche Adagio lockte ein con sordmo. Es war voll von Aufforderung, voll von lieben, kleinen, zögernden Vorschlägen, es bat etwas, es wollte und wünschte etwas, malte zärtliche Gestalten auf einen sanften Hintergrund, schmolz weinend Himmel und Erde zu­sammen Im Saal raschelte eine gebauschte Seidensalte, tickte em Degen- gehäng, der Fürst sah sich um, er war stolz er sagte em paar Worte in ein hübsches Frauenohr. Er durfte stolz fern ... immerhin besah er Originalität, sein Vizekapellmeister, er hatte eine Art sich auszudrucken, die mitten ins Herz ging, sehr anders als alles vor ihm.

Wenn ich gute Musik hören will", hatte Maria Theresia gesagt,dann gehe ich nach Esterhazy." Nun, im kommenden Jahr wurde sie wieder hier sitzen, und dieser Haydn würde Ehre einlegen, das stand mit Sicher- 1,61 $aUs Ve MMW des Fürsten erhellte sich herzhafter. Seine blanken grünlichen Augen glänzten, er lächelte hinauf, alle Musizi atmeten aist, unter diesem Blick, strichen hingebender, bliesen mit schwunghafterem Atem Das Menuett wiegte sich im Glanz seines Fis=Sur vorüber, blieb einen' Augenblick mit einem kleinen, unwirschen Moll-Akkord hangen ,m Geschnörkel der goldenen Galerie, hoch oben im gezackten Sonnenblitz per Decke ein süß-zärtliches Pianissimo kletterte ihm nach, holte es herunter, machte es wieder gut, löschte es aus in den Hörnerfanfaren des Trios, geleitete es galant zurück zur zierlich bewegten Eingangsmelodie.

Dann kam das Finale. Wieder begann, leise melancholisch einsetzend, das klagende Räsonieren der Streicher, wieder brach ein hereinpolterndes Unisono es mitten entzwei, riß es stürmisch in raschen Sequenzen hm zu einem Presto, das pochend aus verbrieftes Recht, sich im Furio o be­schwerte, um unmittelbar im zärtlichsten Cis-MoT, im schmeichelnden, schelmischen Ableugnen und Bersöhnen in das Z-Dur-Adagw zu fluchten, o wie ein schmollendes Kind sich lieber auf das Bitten als auf bas loben besinnt. Lamentable Seuszerchen machten sich auf, Frichtmgsluft schmei­chelte Alles lauschte entzückt; vorbei an geschlossenen Wimpern wehte es, an atmenden Hälsen, als mitten in so viel Lieblichkeit eine kurze auf- forbetnbe und entschlossene Abschiedsfanfare ertönte! Die Oboen hallen Halali gerufen, aus dem Kutschbock saß der Schwager, blies em deutliches Ade. Worauf die Oboen sich zur Ruhe zu setzen schienen. Wenigstens erhob sich der zweite Mann am Pult, warf einen stehenden Blick aus Papa Haydn, einen Blick, der jenen nicht zu erreichen schien; dann packte er zögernd sein Instrument ein, umwickelte cs sorgsam, blies kurz entschlossen die beiden Lichter aus und verschwand.

War dem Mann ungut geworden? Der Fürst schaute auf feinen Ka­pellmeister. Dies war nicht die rechte Art, schien ihm, sich so mir nichts, dir nichts von allen Gästen zu empsehlen ... er schüttelte den Kopf .. .1 Allein, nach wenigen Takten erhob sich auch das Fagott, vollendete, schon halb stehend, eine melancholische Seitensigur, löschte dito sein Licht, packte säuberlich ein und empfahl sich mit freundlichem Lächeln, zum Vizekapell­meister, der immer fort taktierend, von allem nichts zu sehen schien ... ja, waren denn die des Teufels da oben, daß sie glaubten, man bemerke nichts von folcher Insubordination?

Der Fürst suchte Haydns Blick. Er war nicht zu sprechen, schmun­zelte still. . r c

Die Geigen schmolzen aber wie Wachs ein in die Melodie des seufzen­den Adagios, indessen sich die sonderbare Pantomime oben ungehindert fortsetzte. Es legte die Noten zusammen, löschte die Kerzen, packte ein und verschwand der erste Hornist, nachdem er gleichfalls liebevoll mit dem Abschiedsmotiv der Oboen sich fürstlicher Huld empfohlen hielt, es legte zusammen, löschte aus und verlieh die Stätte seines Wirkens der Flötist, es packten und verschwanden der Reihe nach der Mann mit der Bratsche und die gelben Celli.

Im Saal wurde es buntler unb leiser, ber dicke Mann am Kontrabaß, glücklich in solcher Verlassenheit auch einmal gültig zu Wort zu kommen, brummelte grollend eine beleidigte Phrase, grobschlächtig und ganz und gar unehrefbietig in das verdämmernde Parkett, dann schleppte auch er seine dicke Madame aus der Tür. Kurzum, das ganze Orchester litt offen­sichtlich an einer ebenso ungebührlichen, wie fürchterlichen und ansteckenden Krankheit, und doch litt darunter nicht das Werk; ja in diesem gleich­mütigen Entgleiten im ausgebenden Zurück zu den Streichern, sänstigte es sich zu immer unterirdischerer Schönheit und eingehend aus öem A=Sür wieder in das Fis öffneten sich völlig die Gefilde der Seligen, löste sich das gespenstige Stück aus in das Spiel der beiden letzten Geigen, die stille vor sich hinträuinten, indessen überm Saal die Schatten groß und erschreckt hinhuschten. .

Auf dem Podium oben im Halbdunkel stand Haydn, einen Ausdruck unerschütterlicher Güte, paradiesischer Andacht im großen Gesicht; unstör- bar. Manchmal schnaufte er saust wie ein schlafender Bär.

Die beiden Geigen umwanden sich träge, wie spielende Tiere. Con Sordino fangen sie hoch und süß, wiederholten schläftig und sehnsüchtig das immer gleiche Motiv, allein mit sich, wie Liebende nach langer Trennung in der endlichen Zärtlichkeit der Hingabe. Dann erloschen sie mit den letzten Kerzen, verschwanden.

Oben im Dunkeln blieb Haydn. Allein, verlassen und lieb, ein wenig tiefer fchnausend und mit einem kleinen wehmütigen Achselzucken.

Die alleruntertänigste Bittschrift um baldige Heimkehr war eingereicht.

Diener tarnen mit Licht. Man tuschelte, man lachte in allen Ecken.

Die Magie verblich. Der Fürst erhob sich ... er atmete tief. Er liebte ihn

wie alle ihn liebten, den großen Schelm und größeren Zauberer da oben ... er hatte ihn verstanden, er reichte ihm die Hand herauf.Danke Ihnen, Meister ... , sie sahen sich an ...,die Symphonie war herrlich... Sie sind ein großer Musikant ... und", seine Stimme wurde leiser, er blickte zur Seite,ein guter Mensch...Ich habe Ihre Absicht wohl durch­schaut. Die Musiker sehnen sich nach Hause. Nun gut ... morgen packen ""Me" alleruntertänigste Bittschrift um baldige Heimkehr war bewilligt.

Oer Petersburger Eispalast.

Don A. K. vonHübbenet.

Zu keiner anderen Zeit wurde an den Höfen der europäischen Herr- scherhäufer ein fo unmäßiger Prunk getrieben wie im 18-Jahrhundert. Das Beispiel von Versailles lieh auch die anderen Majestäten nicht ruhen Die Hofe wetteiferten untereinander in maßloser Berschwendung, und der Wunsch, alle anderen an Reichtum und Prachtentfaltung zu übertreffen, verführte zur Erfindung der eigenartigsten und kostspielig­sten Vergnügungen. Die Zarin Anna (1730 bis 1740) bestieg den Thron mit siebenunddreißig Jahren. Sie hatte ein an Enttäuschungen uiU> Er­niedrigungen aller Art reiches Leben hinter sich; nun schien endlich ihre Stunde gekommen. Der russische Hof, der zur Zeit Peters keineswegs pompös war, gab jetzt an Prunkentfaltung den anderen europäischen Hofen nichts mehr nach. Prächtige Empfänge Feste, Maskenballe und Theateraufführungen losten einander in ununterbrochener Reihenfolge ab.

Am liebsten vertrieb sich Anna Iwanowna die Zeit tn Gesellschaft ihrer zahlreichen Narren und Närrinnen, die die Aufgabe hatten, un- unterbrochen zu plappern und sie auf jede Art und Weise zu unter­halten. Der portugiesische Jude Jan dÄkosta, Balakiresf und der Nea­politaner Pedrillo waren schlaue und berechnende Gesellen, Abenteurer- naturen, die aus freien Stücken die Narrenlaufbahn ergriffen hatten. Die drei anderen Hofnarren der Zarin Anna gehörten der russischen Aristokratie an. vornehmen und ungeheuer reichen Bojarenfamilien: Fürst Michael Golizyn, Fürst Nikita Wolkonsky und Graf Aleksei Apraksin. Sie wurden zu ihren Hofnarren gemacht zur Strafe für Vergehen. Fürst Michael Golizyn wurde fein Leben lang vom Schicksal verfolgt. Wenige Tage nach seiner Geburt (1679) wurden Vater und Großvater von Peter nach Sibirien verbannt und ihre Güter beschlagnahmt. Da nach dem damaligen Gesetz auch die Kinder für Vergehen ihrer Vater buhen mutz­ten wurde Fürst Michael, kaum dah er volljährig war, als einfacher Sol­dat' in die Armee gesteckt und erreichte mit vierzig Jahren mit Muy und Not den Rang eines Majors. 1729 starb (eine erste Frau, und er erbat sich einen Urlaub ins Ausland. In Florenz verliebte sich der bereits Fünfzigjährige in ein einfaches italienisches Wädchen, verheiratete sich und trat zum katholischen Glauben über. Darauf kehrte er nach Rußland zurück und lebte in Moskau still und zurückgezogen. Aber es half ihm nichts, daß er feine junge Frau und feinen Rellgionswechfel fetbjt vor feinen Verwandten verheimlichte; die Zarin Anna erklärte die Ehe für nichtig, die Italienerin wurde abgefchoben und der greife Fürst dazu verurteilt, der Zarin als Hofnarr und Hanswurst zu dienen. .......

Eines Tages horte Anna, ihre Närrin Buschemnowa, eine häßliche alte Kalmückin, habe Heiratsabsichten geäußert, könne aber worüber sich niemand wunderte, keinen Mann finden. Tags darauf wurde dem Fürsten Golizyn mitgeteilt, man habe eine passende Braut für ihn ausfindig gemacht. Die Idee der Zarin, einen Narren mit einer Närrin zu verheiraten, loste am Hofe Begeisterung aus. Der Kammerherr Ta- tischtschew schlug vor, am Newa-User ein Haus aus Eis zu bauen und dort das Paarauf ulkige Weise" zu vermählen. Sofort wurde unter bem Vorsitz des Sabinettminifters Wolynsky eineMaskerade-Kom­mission" geschaffen, um den Vorschlag des Kammerherrn in die Tat