SietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1953 Montag, den 9. Januar Nummer 3
Oer Zauberleuchtturm.
Don Eduard M ö r i k e.
Des Zauberers sein Mägdlein saß In ihrem Saale rund von Glas; Sie spann beim Hellen Kerzenschein Und sang so glockenhell darein. Der Saal, als eine Kugel klar, In Lüften aufgehangen mar An einem Turm auf Felsenhöh Bei Nacht hoch ob der wilden See, Und hing in Sturm und Wettergraus An einem langen Arm hinaus.
Wenn nun ein Schiff in Nächten schwer Sah weder Rat noch Rettung mehr, Der Lotse zog die Achsel schief. Der Hauptmann alle Teufel rief, Auch der Matrose wollt' verzagen: O weh, mir armen Schwartenmagen! Auf einmal scheint ein Licht von fern Als wie ein Heller Morgenstern: Die Mannschaft jauchzet überlaut: Heida! Jetzt gilt es trockne Haut! Aus allen Kräften steuert man Jetzt nach dem teuern Licht hinan, Das wächst und wächst und leuchtet fast Wie einer Zaubersonne Glast, Darin ein Mägdlein sitzt und spinnt, Sich beuget ihr Gesang im Wind: Die Männer stehen wie verzückt. Ein jeder nach dem Wunder blickt Und horcht und staunet unverwandt, Dem Steuermann entsinkt die Hand, Hat keiner acht mehr auf das Schiff: Das kracht mit eins am Felsenriff, Die Luft zerreißt ein Jammerschrei: Herr Gott im Himmel, steh uns bei! Da löscht die Zauberin ihr Licht; Noch einmal aus der Tiefe bricht Verhallend Weh aus einem Mund;
Da zuckt das Schiff und finkt zu Grund.
Haydns Abschieds-Sinfonie.
Von Dorothea Hofer-Dernburg.
Die Spätsommertage waren lang und die Nächte heiß. Die hochfürstlichen Abendmusiken schwangen melancholisch hinüber in den Park, der von letzten Glühkäsern funkelte wie eine abgestürzte Sternenwiese. In den Pausen hörte man das Zirpen der Grillen, die die laue dunkle Luft tausendfältig zerfaserten und das Läuten der Unken, den Schrei der Rohrdommel aus den Sümpfen rings um Efterhaz.
Die Männer wischten sich die Stirn. Die Kapelle spielte ohne Schwung. Die braune Gräfin sang. Der Meister begleitete. Sie kam von Süden, Geliebte des venezianischen Botschafters. Ihre langen Ohrgehänge klirrten leise, wenn sie ging, wie die Kronleuchter ihrer Heimat. Ihr Lächeln war von der runden ernsten Anmut der Santa Barbara des Tizian. Der Meister begleitete am Cembalo. In der Nachtluft, die durch die offene Balkontür hereinftrich, blühten die rosadamastenen Vorhänge auf in gigantische Tulpen. Die Gräfin neigte sich, ein wenig kurzsichtig, eng über das Notenblatt, ihre süße blasse Stimme schimmerte wie lebendiges Perlmutter. Haydns Hände auf den Tasten zuckten. Die Braune nahm sich zurück und lächelte, sie trällerte. Die ganze Perlmutterstimme war voll von unheiligem Lächeln.
Die Arie ging weiter. Die Mitglieder der hochfürstlichen Esterhazy- schen Hauskapelle sahen sauer drein, Arien, Arien und Nachtmusiken ... magere Kost und magere Bestallung ... Erst unlängst hatten sie ein untertäniges Bittgesuch einreichen müssen um Aufbesserung der Verpflegung. Dazu diese übermäßige Ausdehnung des Landaufenthalts, heuer schon um zwei volle Sommermonate ..dazu all diese hoch- und edelgeborene Weiblichkeit, alle diese unerreichbaren offenherzigen Nymphen, die unter dem Puder ärger dufteten als alle Beete des Gartens zusammen... Aber die eigenen Modems, die eigenen Frauen und Mädchen, hatten pflicht- schuldigst in Eisenstadt zu verbleiben, dieweil Sr. fürstlichen Gnaden keinerlei dergleichen Ruhestörung auf deren fürstlichem Sommersitz zu dulden willens ober geneigt waren?
Die Verstimmung schien allgemein.
„ ... Es hilft alles nichts, Haydn, fetzt Ihr eine Bittschrift auf ..., hat die ums Mittagessen gegolten, so wird die ums Heimkehren ihre repu- tierliche Wirkung auch nicht verfehlen ..., schreibt es ihm hin, daß es schier unmoralisch sei. Ihr könnt es ..., macht es beweglich, sagt was Ihr wollt, aber sagt es ihm so, daß er es einsieht ..., er soll uns gehen lassen, zurück zu unseren Weibern, zu unseren Kindern ..., zurück nach Eisenstadt . ..!z
Haydn schob die gute breite Unterlippe vor... Wollt Ihr ihm heimgeigen, oder soll er Euch ...? Ein Gedanke kam ihm ..., sein großes ruhevolles Gesicht hellte sich auf, als habe man ein Fenster geöffnet..., etwas fiel ihm bei, von fern ..., war es das ...? So etwa könnte es gehen ... wie? Er trollte sich abseits, ließ die aufgeregten Männer stehen ..., er schmunzelte ..., sie sahen ihm nach ... Seine stämmigen Beine marschierten traumverloren. Er ging so hin, gesammelt, wie ein großer Akkord in A=Sur.
Haydn wanderte durch den Park. Vorbei an der kleinen Eremitage, an der noch das Gerüst stand, vorbei am Treibhaus, dos übervoll besetzt war mit südlichen Pflanzen. Eine Orchidee, fett und aufreizend, schimmerte, violett angelegt, an das leis beschlagene Glas. Am Kaffeehaus blieb Haydn stehen. Die kleinen, mokkafarbenen Vorhänge waren zu- gezogen, jetzt am Vormittag. Er stocherte mit feinem Stock in der Erde, hörte üher sich eine Goldammer das immer gleiche Motiv variieren, vom Park her antwortete es. Vogelfchwärme umzogen die Kuppel der Eremitage, bereiteten sich zur Heimkehr. Die Goldkammer pfiff Haydn spitzte die Lippen, sein breiter Unterkiefer schraubte sich sacht vor, sein Gesicht war kindlich und gut. Am Marionettentheater voröei suchte er seinen Pfad zum Kavalierhaus. Hier spielte man nicht ungern Marionetten ... nicht zufällig ...? Er schmunzelte und freute sich ... vielleicht würde er auch einmal ein Possenftückchen schreiben, auf seine Art... „Da mir Gott ein fröhlich Herz gegeben, wird er mir’s schon verzeihen, wenn ich ihm auch fröhlich diene ... und der Fürst Nicolaus Esterhazy dann endlich wohl auch ..." Petitionieren sollte er ...? Also würde er in Gottes Namen petitionieren.
Eine Woche danach:
Die neue Sinfonie war geschrieben und (portiert, stand in k^is-Moll und hatte fünf wohlgeordnete Sätze, wie es der Brauch war.
Noch immer war Schloß und Park voller Leben, noch immer schwirrten Gäste genug durch die Tage von Esterhazy, um einige der 126 Zimmer zu erfüllen. Aber die letzten rüsteten zur Heimkehr, und so hatte der Fürst auf den Abend kleine Gala angeordnet, das neue Werk würdig aus der Taufe zu heben, die Scheidenden freundlich damit zu ehren.
Die Kerzen im großen blauen Saal flackerten. Licht tropfte durch das Gerank der vergoldeten Deckenfchnitzerei, spielte in den flachen Gesichtern der starren Reliefputten, im Gitter der verschnörkelten Spaliere, die über die sanft geneigte Decke ihr Spinnennetz aus Goldgefädel zogen, glitt zurück und herab an den Spiegelwänden, mit toller Liebkosung über die Galerie chinesischer Porzellane; Drachenzungen netzend, dickbäuchiges Gesindel grinsender Pagoden, die steif balancierten auf gefährlich schmalem Grat verglodeter Konsole. Hinter ihnen hockend, ihre Schatten schwankten, wenn die aufgeregten Degenspitzen der Kerzenflammen zuckend sich verneigten vor wehenden Kleidern, die im Schauer von Stimmgewirr, von Jächerschlagen und klirrendem Gelächter beranfegelten, große Fregatten vor dem Wind, um in der taubenblauen Flut der Atlasfessel zufammen- zusinken, mit kostbarer Pracht vor Anker zu gehen.
Es roch nach warmem Wachs, nach versprengten Wohlgerüchen, nach alten Spitzen. Die Escarpins der Monsieurs knisterten, Puder stob in kleinen Staubfahnen durch die hingefponnenen Strahlenhündel im magischen Lichtkreis der Kerzen. Degenknäufe glommen, Brillantboutons, doppelte, erregend im Halblicht der zageren Beleuchtung, denn im Saal selbst war gespart mit Licht, um die musikalische Andacht nicht zu stören, so daß die volle Quelle des Geleuchts fast ganz allein vom Podium herging, von den doppelten Kerzenfchildwachen rechts und links der Pulte.
Die Frauenaugen fchimmerten herauf, im Lichtfchatten groß und dunkel aufgetan, zärtlich und betörend.
Oben, die Herren Musizi stimmten ... faßen über das Pult gebeugt, nach Vorschrift „allezeit in Uniform und weißer Wäsche, den Zopf fittfam gepudert, ober im Haarbeutel", bie sechzehn Paar weißbestrumpfter Beine schimmerten unter ben Sitzen her.
Fast als letzter kam ber Fürst herüber. Sein mattblauer Samtrock stand steif ab über dem Galadegen. Die Kapelle erhob sich, er winkte. Haydn wandte sich um. Er blinzelte ein wenig, er sah in lauter Musikantengesichter, die mit einem Ausdruck von Zweifel und Besorgnis auf- gerichtet waren. Er nickte, seine ungehobelte Nase glänzte gutmütig, er machte eine kleine Bewegung mit der Linken, die Rechte schon zum Einsatz erhoben, es sah aus, als wolle er einen aufmunternden Stoß mitten ins Zentrum der Kapelle feuern ... wieder zwinkerte er listig und er-


