Ausgabe 
8.12.1933
 
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Mer Emma will /mch den Knaben wieder auf ihrem starken Nucken tragen! Am nächsten Steinhaufen blieb Emma vvn selber stehen, und der Knabe schwang sich wieder bäuchlings auf den schmalen Pferderücken, und der Pferderücken schwebte dahin.

Die große Glocke der Staötkirche flutete hinterdrein, und als das Gcwoge nicht mehr zu hören war, verzögerte Emma den Schritt! Schweiß stand auf ihrer Haut. Durchs nächste Dorf führte der Knabe sein Tierchen an der Leine. Hinterm Dors stieg er nicht wieder auf, und der- Schweiß verkroch sich wieder.

Ein Gebirge hob sich aus der Ebene auf, und tn den Fichten- spitzen des Bergkammes schwang sich ein leiser Wind. Die Sonne senkte sich gerade in diese zart bewegte Ruhe, und der Knabe sprach und deutete:

Siehst du Emma, dort oben hinter diesem Buckel ist unsere Heimat! Gehst du gerne mit? Du sollst es gut bei uns haben! Weißt, wir haben noch richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich richtig erholen, da wird dein Wasserbauch verschwinden und die Fußreifen hier, und deine Backen werden sich füllen und deine Augen: zeig mal deine Augen! Aha! das ist eine Kleinigkeit für dich, die werden richtig glänzen wie die Sonne am Berge Gari- ziml Zu schaffen ist ja nicht viel bei uns: Du gehörst übrigens mir, und wenn sie dich einspannen wollen zu Dreckarbeiten, so werde ich auch ein Wörtchen mitzureden haben! Es ist ja richtig: wir haben einen Stall voll Kinder, und die Dienstboten bleiben nicht lang bei uns,' aber bist du etwa ein Dienstbote? Nein, Emma, du bist kein Dienstbote! Und unter uns gesagt: Dienst­boten sollte es fortan überhaupt nicht mehr geben!"

Gänse ergingen sich, Schweine grunzten im Straßengraben, eine Dreschmaschine brummelte irgendwo, aber man sah sie nicht.

An all diesen Herrlichkeiten raste Emma vorüber, ohne ver­weilen zu wollen, und der Weg führte, weil sie wünschte, den Berg hinan, der Sonne entgegen!

Die Sonne versank vollends, der Weg führte wieder talab, Häuser hockten unten beisammen wie eine Hühnerschar. Im Dorf stand ein neues Haus neben der Kirche, beschattet von der Kirche: das Schulhaus und hundert Kinder rasten an die Gitterstäbe, als Emma kam. Aber der Knabe hielt nicht an und eilte, ins Vater­haus zu kommen, das am Ende der Straße in Fachwerk leuchtete.

Vater! Vater!" rief der Knabe tn den Hof,Hans im Glück ich heimgekehrt! Komm rasch heraus und sieh, was ich dir für die Vuttter und für die Eier bringe!"

Die Mutter erschien, schlug die Hände überm Kopf zusammen, drei kleine Kinder wackelten herzu, vier größere rissen das Hof- , tor auf und warfen ihre Schulbücher in die Ecke. Dann kam auch ! der Vater mit dem Federhalter hinterm Ohr, und in das Gejubel I der Kinder streckte sich seine sonore, hastige Stimme:

llebermorgen, Sigmund, ist sie tausend Mark wert unter Brüdern!"

Emma stand sehr erregt da, sah sich nach allen Seiten um, musterte besonders die Kinder und freute sich, daß nacheinander, alle, und drei auf einmal sich auf ihren Rücken setzten.

Nichtig, tausend Mark unter Brüdern", entgegnete Sigmund, aber Emma wird nicht wieder verkauft! Emma gehört mir!"

Sigmund führte sein Gäulchen in den Stall des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes Kühlein drehte gar freundlich den Kopf nach Emma und schien ihn nicht wegwenden zu wollen!

Sigmund fing an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. Diese schüttelte sich einmal der ganzen Länge nach vom Halse bis zum Schweif und schien über die Maßen beglückt zu fein.

Am nächsten Morgen wurde das Kühlein geholt, und am Abend kamen zwei Kälber in den Stall. Emma, die den ganzen \ Tag über mit den Kindern und mit allen Kindern des Dorfes ; auf den herbstlichen Wiesen umhergetollt war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht mehr getan, traf am Abend die beiden Milchkälber neben sich. Denn die Nenlinge waren noch so jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus der Schüssel trinken konnten, und daß sie also aus Flaschen mit Gnmmizapfen trinken mußten.

Sie blieben nur eine Nacht im Stall, die Milchkinder, wurden geholt, und Emma war allein.

Emma durfte ein Wägelchen ziehen, das kleiner und leichter mar als das Ka'ernenwägelchen. Zum nächsten Dors ging's, an den Bahnbos! Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, und diesen Sack zog Emma heim.

Es gina am selben Abend nochmals an diesen Bahnhof, und diesmal gab's eine Kiste Zucker und ein Faß Marmelade.

Doch siebe: Ein Militärzug rauschte heran, und Sigmund stellte sich neugierig an die Sverre, indes Emma an der Straße sieben mußte. Sogleich tvaren Kinder um sie ber. Aber die Kinder blieben nicht lange bei ihr, denn die Straße her kamen etwa zwanzig Soldaten zu vieren im Gleichschritt mit fliegenden Män­teln und pfisien: Einer löste sich aus dem Glied, blieb einen Augenblick stehen, stürzte sich dann mit wettgeöfsneten Armen auf daS Käulchen zu und schrie:

Riefele! Riefele!"

Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, und der eine Soldat rief unausgesetzt:

Freut euch mit mir, ich habe mein Riesele wiedergefunden, das nertoren war!"

Alle umstellten sie Riefele, alle grinsten vor fröhlichem Lachen, alle legten die schweren Hände auf Riefeles Rücken! Etliche spann­ten e -- aus. das Kummet flog auf das Marmeladenfaß, und letzt erst fam Siamnnd gelaufen, und fchrie und tobte:

Mein Gäulchen! Mein Gäulchen! Taufend Mark ist es wert unter Brüdern!"

Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst auf, Gustav", sagte ein Feldwebel,du nimmst dein Riesele mit heim, wohin es gehört!"

Tausend Mark, taufend Mark", schrie Sigmund.

Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte ihn in die Hand und zählte,' er hattet noch viernndzwauzig Mark und siebzig Pfennige.

Siegmund weinte heftig,' Kinder kamen hinzu und viele Er­wachsene, und niemand hatte gegen den Soldaten etwas eiuzu- wenden. Die Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, und jeder gab dem Sigmund noch einen Markschein, so daß dieser die Lippen vorwulstete, das Geld einsteckte und sich getrost vor fein Wägelchen spannte und schließlich zu schmunzeln begann.

Der Soldatentrupp nahm Riefele in seine Mitte und schob sich weiter die Landstraße hin. Man fang, man pfiff. Einer trommelte geräuschvoll ins Land hinein, und Riesele trappte inmitten einer Herrlichkeit, die es noch nicht durchgekostet hatte

In den Dörfern kamen Kinder, ritten eine Strecke auf Riefeles Rücken und liefen wieder zurück. Junge Mädchen kamen, hängten sich den Soldaten in die Arme, ließen sich küssen, lachten und fangen mit, hell, wie Kinder fingen, und ihre Stimmen drangen Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin.

Keines ging, ohne Riefele gestreichelt zu haben, und viele schenkten ihm etwas: ein Stück Zucker, einen Bissen Brot, eine Handvoll Gras, das sie in der Eile an den Wiesen abgetiffen! Eines dieser Mädchen, das besoitders übermütig sein mochte, ließ sich sogar auf Riefeles Rücken heben, als wär es selber noch ein Kind, und ritt so eine gute Strecke mit.

Ehrenpforten taten sich auf, 6a der Trupp weiter ins Land kam, schwarz gekleidete Bürgermeister standen auf Balkonen, und Riesele nahm alles ruhig und ernst entgegen. Rote Bänder flat­terten wieder an feinen Schläfen, und der Hals reckte sich, und die Ohre spitzten fast so hoch als die Soldaten.

Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, schlug, da sie die heimfahrenden Soldaten sah, die Arme überm Kopf zusammen und schrie wild hinaus, weil für sie niemand heimkehrte.

Indessen wurde noch an diesem Abend der Truppe kleiner und kleiner, und als man sich zum Schlafen anschickte, waren nur noch sieben Mann beisammen und Riesele. Sie schliefen in einem warmen Stall.

Sie schliefen auch am nächsten Abend wieder in einem war­men Stall.

Am folgenden Abend aber stiegen sie in die Eisenbahn. Und nun gingS rasch dahin, rechts die Ebenen, links das Gebirge, über einen Seitenfluß, über Bäche, zu den zwiebeligen Kirch­türmen und an den breiten Fluß. Man stieg ans an einem Bahn- hvfchen, das Riesele schon einmal gesehen hatte. Etliche Soldaten biteben zurück, und winkten.

Nun wanderten die drei die Bergstraße hinan, wo Niesele alles schon einmal gesehen hatte. Das Birkenwäldchen hob sich in den blauen Himmel, die Wiesen dehnten sich hin, und viele Kühe weideten den letzten Wuchs ab. Am Eingang des Dorfes prangten wie überall grüne Fichtenkränze, Tafeln mit Sprüchen, die noch -int Kaiserreich geboren waren, und rote Papierbänder blätterten hin und her, durchzittert von bangen Hoffnungen um die bessere Zukunft.

Wie Riesele den Weg links einbog nach dem Mutterhaus, ging etwas in seiner Seele vor: es blieb stehen! es hob langsam den Kopf, es pendelte die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte die Zähne, und nun begann es zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe ihm folgen konnte.

Auf den Steinstufen der hohen Treppe saß die Familie des Bauern Klaus: er, der Bauer, Katherin, seine Fran, der rot­haarige August und Trudel, die ein großes Mädchen geworden war. Sie tranken aus weiten tönernen Schalen ihre Abendmilch und aßen weißes Brot, das dick mit Butter bestrichen war.

Als sie erkannten, wer da heimkehrte, liefen sie von der Treppe herab. Eine Schale zerklirrte in Scherben, und mitten auf dem Weg fielen sich alle nacheinander um den Hals, und auch Riesele warb geherzt und verstohlen geküßt. Als der Bauer sich über­zeugt hatte, daß die beiden Zurückgekehrten unverletzt und gesund vor ihm standen, nahm er seine Frau an der Hand und sührte die Seinen heimzu hinter sich drein.

17.

In dem Heimathause Riefeles hatte sich nicht viel verändert. Trudel, die Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh ihr zur Seite, zwei Ziegen meckerten hinten, ein Hasenvater hon sie an seinen vernachlässigten Jungen vorbei, die Schwalbennester prangten in vergilbenden Kot. auf der Stall'chmelle saßen Hübner mit ihrem Hahn, Enten wackelten einher. Gänse erzählten sich die Neuigkeit der Zeit, und das fleißige Lieschen schnurrte dünn und abge­arbeitet die Stunden aus der Stube herunter in den Stall und manchmal brummte« die tiefen Signale vom Rhein her

Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, als Niesele frischen Mutes in die heimatliche Siele trat. Am nächsten Tage ließ Gustav sich von seinem Bruder August ins Städtchen zu feinem Meister fahren, wo er das Wagnerhaudwerk erlernen wollte.

Jeder Schritt, den 9iicfele tat, war Freude: jeder Atemzug mar Freude! Das Birkenwäldchen drüben, das mächtig in die Höhe geschossen mar, das leere Feld goß Freude in feine Seele! Die kaßlen Obstbäume, die rote abgearbeitete alte Männer den Hang hiuanstanden, als müßten sie sich, hinaufzukommen, sie er­füllten die Seele des Gättlchens mit Freude!

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche UniversitätS-Duch. und Steindruckerei. A. Lange, Sieben.