blieben? Ach, mein Kind, da ist ein Kind geblieben, das einen Stern haben wollte, und eine alte Frau, die ihn anzünden konnte ... meinst du nicht, daß das genug ist? Für die ganze Welt? Oder meinst du, daß Gott mehr zu tun gehabt hat, als er noch an dieser Erde grübelte?"
Sic beugt sich so tief über mich, daß sie die Seele in meinen Augen erkennen kann. „Man darf nicht sortgchen, mein Kind", sagt sie langsam, „solange man nicht weiß, ob nicht ein Kind unter den Menschenkindern nach einem Stern sucht ..."
Und dann sehen wir zu: wie das Licht in dem roten Stern tiefer und tiefer brennt, bis es, gleichsam ohne Schmerzen, erlischt.
Klassenarrest am 8. Dezember.
Von Otto B r ü e s.
Das Gymnasium in meiner Vaterstadt bestand aus zwei Teilen, aus einem alten und einem neuen Bau, die, durch einen kleinen Hos getrennt, im rechten Winkel zueinander verliefen. Sv mar denn dieser kleine Hof, durch den man die Schule am Scheitel der Gebäude betrat, ein rechter Vorhof und die Pforte zu dem eigentlichen Schulhof, der sich im Schatten mächtiger Ahornbäume zwischen den steinernen Schenkeln der Bauten erstreckte. Der alte Bau, das waren muffige Gänge, enge Klassenzimmer und eine Aula, in der die Schüler nur mit Mühe und Not untergestopft werden konnten. Der neue Bau: das war eine helle und freundliche Anlage? und man begriff sehr wohl, daß er für die obern Klassen vorbehalten blieb. Und so wie diese beiden Gebäude waren, um es mit einem gewiß kühnen Gcbankcnsprung zu sagen, so ivaren auch die Lehrer: es gab verkniffene, rachesüch- ttge Sonderlinge und helle und heitere von wirklich humanistischem Geist angewehtc Menschen, und bei Apoll, sie waren in der Mehrzahl!
Zu ihnen — ich meine die hellenisch freien Geister — zählte auch der Professor Sulger, der in der Obertertia, dem mittleren Jahre also der höheren Schule, unser Klassenlehrer war. Er hatte einen großen blonden Schnurrbart und zwirbelte ihn mit Vergnügen, aber es war nicht der gestriegelte Schnurrbart der Re- serveosfiztere, von denen es auch in dem Kollegiuin einige gab. Der Schurrbart, um es noch deutlicher anzuführen, wuchs wild, und das war In diesem Fall wichtig. Denn der Professor Sulger lebte sich und seinen Schülern, aber keiner noch so drohenden staatlichen oder militärischen Institution. Ihm lag daran, seinen Schülern eine fröhliche Jugend zu schaffen, ja man kann sogar sagen, daß er darüber die Studien etwas vernachlässigte, aber dafür dürfte er nie seinen Schülern in ihren Angsttrüumen erschienen sein, wie andere Herren mit ehrlicher aber finsterer Pflichtauffassung.
Er hielt uns allesamt für Indianer, und damit dürfte alles gesagt sein: Jungen, das waren nach seiner Ansicht ungebärdige Gesellen, die sich lieber schlagen als vertrugen, die lieber schwätzten als den Mund hielten, die aus ihrer Natur heraus Streiche ersonnen und durchführten, und er wäre unglücklich gewesen, hätte er Duckmäuser und Heuchler vor sich gehabt. Er hätte Denunzianten sitzen laßen, weil ihre Art nicht rein und frohgemut mar, und er versetzte Ignoranten, wenn sie nur anständige Burschen waren. Und für diese feine Gesinnung war die Geschichte mit den Nänberpistolen und dem KlaSkerl der schönste Beweis.
Am Niederrhein erlcheint gegen den Nikolaustag, den 6. Dezember also, in den Bäckerläden doS KlaSzeug, ein Honigkuchen von herberer Art, ohne jede Sliße, die man ihm anderswo beimischt. Die Backer machen ans dem zähen Teig die wunderlichsten Figuren, Trauben und Körbe, Früchte und Tiere, die olle tief- braun erscheinen. Dazu kommt noch von dem Eiweiß, mit dem dos Gebäck bestrichen wird, ein Widerglonz von spiegelnden Lichtern. Mon zerschneidet dos Ganze zu dünnen Streifen und gibt eS wie einen Belog auf doS schwarze und weiße Brot.
Eine zweite Gitte war eS, solche Figuren den Lehrern zu schenken: den Weniggeliebten, weil mon auf eine gutgelaunte Stunde der allmächtigen Herren hoffen durfte, und den Vielgeliebten, weil man ihnen eine Freude machen wollte. Der für den Professor Sulger bestimmte Klorkerl sollte ober ein Freudenspender sein, denn wir sammelten die Groschen dozu durch die längere Wochen hindurch und konnten den Bäckermeister beauftragen, eine Rielen- fiaur zu entwerfen. Wir stellten uns dos so vor, doß der Professor und seine Familie ein paar Wochen lang zum Frübsilick und nachmittags an dem Ungeheuer herumzusäbeln hätten. Nun war eS ober sein scherzhafter Brauch und eine Waffe geaen uns. daß er in der Schulstunde unsere Einwände und Vorschläge zunächst einmal mit dem Wort obtot: „Nänberpistolen!" Näuber- pistolen, denn wir waren ja Indianer und sollten es sein, Näuber- pistolen, denn wir waren Jungen und lchnitten gern auf und redeten nun manches drumherum, um von dem steten Gong deS LebrenS und Lernens abzulenken. Nänberpistolen also, und so gingen wir auch durch mehrere Schokoladengeschäfte, bis wir schließlich ein mächtiges Paar brauner Pistolen gefunden hotten, die nun dem inzwischen aus dem feurigen Ofen erstondeneu KlaS- kerl krenzweiß über die Brust gehängt wurden. WH Räuberpistolen hielt der Kuchenmann seinen Einzug in die Wohnung deS Professor Sulger und dos war am Abend des 5. Dezembers.
Wer am andern Morgen mit verfinsterter Miene ins Klossen- zimmer trat und gegen alle Gewohnheit den Schnurrbart nicht zwirbelte und brütend auf feinem Stuhl hinter dem Katheder sah das war der Professor Sulger, und obwohl e« für ihn bezeichnenderweise feinen Spitznamen gab und feilt Vorname statt dessen nn'tr uns gebräuchlich wurde, war es diesmal wirklich ein Professor Sulger, ein Vorgesetzter, eine unumstößliche Gewalt.
„Ihr wollt moderne Jungen sein?" rief er, „ihr verfallt n»| so hergebrachte Dummheiten, euren Lehrer zu bestechen? Ihr mihi nichts Besseres zu tun, als was dumme Jungen früher ich»» ; hundertmal getan haben? Da seid ihr aber bei mir an den Rechten gekommen! Ich verbitte mir solche Zudringlichkeiten! Ich muß sie euch austreibeu, und zur Strafe ericheint die ganze Klaffe über- ! morgen nachmittag um vier Uhr in meinem Hause zum Arrest!" i Wir waren Humanisten oder ivollten es doch werden und sanden, i doß selbst der Zeus unserer Schnle nicht so überroschend launisch ! Ivar und nicht einmal der Vacer des Zeus aus der rauhern Epoche ! der griechischen Götterwelt. In Arrest, wegen eines Genfchenks in Arrest, und das noch an einem von jeher schulfreien Tage. I Indianer sind stolz, aber mir ivaren wohl teilte Indianer, denn i unser Stolz zerbrach in dieser Minute, und weil wir diesen Lehrer liebten, litten mir darunter, von ihm verivorsen zu sein. Hatten ! wir wirklich Uebles getan? „Wer kann nicht kommen?" fragte |s Professor Sulger, und es standen zwei auf, Ulrich, der sagte, daß s er mit seinem Vater zum Geburtstag der Großmutter fahren : müsse, und Herbert, der einen andern Vorwand anbrachte, und ivir fühlten alle, daß es nur eine Ausrede war.
„Räuberpistolen!" sagte Professor Sulger, „dann kommt ihr t beiden also nicht, die andern erscheinen, wie schon gesagt, um vier ‘ Uhr in meiner Wohnung zum Kaffee. Und verlaßt euch darauf, daß er uns schmecken wird."
DaS war Professor Sulger, aber er war es noch mehr, als er ' in der letzten Stunde des Schulmorgens, die er wieder abhicli, | sich an die Klasse wandte und sagte, er habe es wieder vergessen, » wer nicht kommen könnte und tuer dos doch gewesen fei. Worauf f Ulrich auf seinem Hosenboden sitzen blieb, denn der Kaffee beim i. Klassenlehrer war ihm wichtiger als der Geburtstag der Großmutter, wogegen Herbert oufstaud und bei seiner Aussage bc- , harrte, doß er nun einmal nicht kommen könne. Er wäre so gern mitgekommen! Und noch mehr Sulger, der ganze Sulger war es, wenn er sich nun von der Klasse ausbot, daß sie zwischen dem s Mittagessen und dem Kaffee in feiner Wohnung einen Spazier- > gong ins Bruch mache, denn ivir waren Stadtkinder, Kleinstadt- kiuber, und wir sollten hinaus in die frische, klare Winterlust.
Am Nachmittag erschien Professor Sulger bei Herberts Vater । und veranlaßte, daß der Junge doch käme. Wenn einer, dann 1 mußte er kommen, denn er hatte ja Charakter gezeigt, und Charakter ivar dem Professor wichtiger als die Kenntnis aller unregelmäßigen Verben.
*
Der 8. Dezember ist schnell herangekommen und wir finden uns auf dem Mörscrplatz zusammen. Wie uns anbefohlen ivar, marschierten wir durch das winterliche Bruchland: ein seiner dünner Nebel schleierte bläulich über den gebräunten Wiesen, und auf den Wassergräben spann sich in zarten Silbernetzen das erste Eis. Indianer, die nicht aus dem KriegSpsod, sondern int Sonn- tagSonzug zu ihrem Häuptling unterwegs sind, werden wohl nicht lautlos gegangen sein, sondern munter geschwätzt hoben: ober ich weiß eS geiviß, manchmal fiel die große Stille über uns tut6 machte uns stumm. Ein Lastkarreu bollerte nnS entgegen, ein aufgescheuchter Hase schoß über den Weg, Spatzen schilpten im Gras, und von Traar und Böckum her klangen die Stunden- glocken.
So sind wir vor das Haus des Prvfeßor Snlaer gekommen, so traten wir ein und klopften mit einiger Ehrfurcht unsere Stiesel ab und hängten unsere hellroten Mützen an die Haken So traten wir in ein langes, großes Zimmer und setzten uns an den Tisch und sahen die Berliner Pfannkuchen zu Bergen geschichtet, v"N der Lampe hinaen krenzweis die Nänberpistoleu herunter. Wo ober tvor der KlaSkerl? „Ihr denkt doch nicht etwa, daß ich etwas, was ihr mir zu in Geschenk gemacht hobt, schlechter ols ein Geschenk und olS ein Opfer bebondle? Der KlaSkerl ist ins MoHen- hoits gebracht, zu den Kindern, die keine Eltern haben, hört ihr wobl, und wenn die eine kleine Freude daran haben, ist es mir die größte!" Und ?amit klopfte der Professor auf den TUch. zwei Mädchen in weißgestärkten Schürzen schenkten uns den Kaffee in die Tassen, und nur Herbert, der trotzige und feiner Ehre bewußte Herbert, bekam zunächst keinen Kaffee, sondern Milch, weil er so ein kleiner Junge wäre. — Wir erzählten Räuberpistolen, wir aßen und lachten, und als wir ouS dem Hanfe hiuauStraten, fiatt» deu die Sterne lchon über den Wielen, klar und bläulich funkelnd, wie sie es int Winter tun, und über dem Bruch fchwankte daS Licht wie ein silbernes Gespinst.
Der ffandhaste ^«nnfo#hof.
Ein Kapitel vom deutschen Spielzeug.
Von Dr. Rolf Gärtner.
Andersens Märchen vom „standhaften Zinnsoldaten" umgibt dieses Spielzeug mit jenem gemütvollen Humor, der ollen Ernst des Lebens Im Bereich der Kinderstube verklärt. Der flrie? fier ist im- Grunde so wenig Spielzeug wie der Bauer, aber durch die Spiegelung der Wirklichkeit in der hinnen Seele werden Brücken geschlagen zwischen Phantasie und Realität, und nicht umsonst hat unser großer Dichter gesagt, daß „tiefer Ernst im kind- scheu Spiel" liegt. So ist der märchenhafte Miniatur-Krieger zum Sinnbild eines Kapitels in der deutschen Spielzeuaaeschichte geworden, und auch eine der „Fachzeitschriften", die sich mit diesem Gegenstand beschäftigt, trägt den Titel „der standhafte Zinnsoldai. Jeder echte Junge wird in diesem Spielzeug mehr empfinden, als eine bloße Puppe: er wird, wenn er seine Bataillone am- stellt, unbewußt daS stolze Gefühl deS Oberbefehlshabers hauen, der andere Wesen nach seinem Willen lenkt und ordnet und w wird in ihm etwas von dem Fiihrergeist erwachen, der jedem


