GiehMrZamilienbliiüer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <955 Hreitag, ben 8. vezember Hummer 99 4$"
Advent.
Von Wilhelm Pley er.
Tage chr in dämmerhellem Lichte, Nebelspinnend übcrm stillen Land, In dem Enkel wird es zum Gedichte, Was den Ahn im alten Walde band.
Stille unterm schneegesüllten Himmel, Wartend auf der hetl'gen Glocken Hall Und auf kinderlusttges Gewimmel Weicher Flocken in der Gassen Schwall.
Stubenseligkeit und Holzes Reden
Im Kamin — vom tiefen Walde drauß ...; Und das Märchen holt mich dennoch jeden Abend in den Autolärm hinaus:
Hinter Scheiben holt die Zier des Reises Vor das Äug' den schneebeladnen Tann Und im Glanz der Gassen stimmt ein leises „Stille Nacht" sich ganz von selber an.
Der ewige Stern.
Eine Advcntsgeschichte von Ernst W i e ch e r t.
Ich kam zurück, wie alle zurückkamen, denen die vier Jahre des großen Krieges mehr gewesen waren als ein Rausch, ein Handwerk oder eine Verfluchung. Ich saß an einem zersprungenen Fenster meines Abteils und starrte in den Regen, auf die Kinder an den Bahnübergängen, die wir aus Kellern aufgesttegen schienen, auf Frauen, die aus Gräbern aufgestandcn sei» konnten, auf । verwüstete Felder, aus frierende Nebeldörser. Es ging langsam ; damals zwei Tage und zwei Nächte. „Ich mutz ja doch etwas sagen", grübelte ich., „Sie erwarten mich, das ganze Haus, und wenn man keinen Lorbeer um die Stirn hat, mutz man doch etwas ! sagen ... vom Vaterland, vom Tode, von der Ehre, und so weiter ... aber ich weiß nichts zu sagen... es hat sich alles aufgelöst ... ahne Füße sind wir alle zurückgekommen, und unsre Erde schwankt ..."
Ja, sie erwarteten mich alle. Es war ein großes Haus in einem alten Garten. Es waren viele Menschen, Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde. Ich wußte alles von ihnen: ihre Schicksale, ihr Lächeln, ihre Handschrift, ihre Neig-ingen. Und doch standen sie vor mir wie hinter einer Glaswand. Schon auf dem kurzen Gang durch das Dorf in der Abenddämmerung glaubte ich zu erkennen, was es war: ich hatte das „Bleibende" verloren, das Gefühl für das Unveränderliche. Da waren Häuser, fest, nnbeweglüh. Schnee ms sicherem Dach, Licht unter ewigen Balken. Aber ich mutzte, was von Däusern zu halten war. Ich hatte Ne stürzen sehen wie (in Kartenhaus, ganze Reihen, Dörfer, Städte. Da standen die vavpeln an der Straße und der Eichenwald dahinter. Was waren 8änme und Wälder? Laßt drei Batterien über sie hinscgen, eine Nasmolke, eine Trichtersprengung: vorbei! Da waren die Dahlienstauden im Garten, da war der Hügel für Pluto, den wir als Kinder begraben hatten Ja ... da ivaren die Toten ivieder da, Kreuze, Hügel, Massengräber. Zurückgeblieben in der fremden Erde, Regen und Wind über ihren Reihen ... ich blieb stehen und Kl, mich um ... rief es nicht über den Garten? „Ja", sagte mein stater, „es hat sich nichts verändert ... wenn man aus dem Fender sieht, denkt man, es sei vor vier Jahren ..." „So", dachte ich niihsam, „denkt man das wirklich ... wie schrecklich ist es, hier zu stehen und auf den fernen Ruf zu lauschen ... weiß denn niemand, iatz dies nur eine Gespenstererde ist?"
Und so war es auch drinnen. Die Halle, die Bilder, die Gedeihe. Alles hinter einer Glaswand, ein unwirkliches Panorama. Tie Mädchen kamen, die Kinder. „Ja, danke", sagte ich lecke .sich tin gut zurückgekommen ... ja, der Krieg ist zu Ende ... Ich legte meine Hand um einen alten Silberleuchter, auf den Kopf des IHvndes: fremd ... kühl ... anders geworden. „Aber irgendwo mutz I tj doch sein", dachte ich, „das Unveränderliche, das was früher Nr ... diese tiefe Bürgschaft des Lebens ... dieser Alte und Neue $unö mit Menschen, Tieren, Erde, Gott ..."
Stein, es war nicht da. Der Krieg mußte es genommen haben, wie er die Glocken genommen hatte, die Eheringe, das Silber, das Blut. Ja, natürlich würde ich zur Großmutter gehen, ja, sofort. Ich ging durch die Zimmer und klopfte leise an. Sie satz in ihrem Lehnstuhl, den Stock in den gefalteten Händen, und lauschte mir entgegen. Sie war fast blind. Ueber ihrem weißen Scheitel sah ich das Bild meines gefallenen Bruders an der Wand. Und ich sah die Truhen und Schränke, die ovalen Bilderrahmön. die geschweiften Füße der Sessel, den Goldschnitt der Bibel, die Goldlacktöpfe auf den Fensterbrettern.
Ich wollte etwas sagen, aber ich sagte nichts. Ich wollte nicht niederknien, aber ich kniete, die Stirn in der kühlen, schwarzen Seide ihres Schoßes. „Ja, mein Kind .. ", sagte sie leise und strich mit ihrer Hand über mein Haar. Und nach einer Weile, ebenso gütig, leise, zuversichtlich. „Ja, mein Kind ..." Sonst nichts.
Und dann kam die Adventzeit. Ich hatte mein Kinderzimmer, ; das Haus, den Garten, das Land. Ich ging umher und suchte. 1 Unauffällig, leise, allein Ich suchte eine Brücke, etwas das zu- ! rttckführte ins Ehemalige. Sie sprachen mit mir, von der Zu- ' kunft, den Lebensmitteln, der Revolution. Sie gaben mir den ; besten Platz am Kamin. Sie waren rücksichtsvoll, zart, zurückhaltend. Aber sie sprachen ohne Scheu von den Toten, den Verstüm- I titelten, den Vermißten. Sie standen am andern Ufer.
Der erste Advent kam Ich stand früh auf und ging leise durch das große Haus. Schnee fiel über den Garten, und das Feuer brannte im Kamin. Aber ich ging von Raum zu Raum und suchte. Ja, sie hatten ihn vergessen: nirgends hing die Adventskrone, nirgends hing der Stern. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und stand am Fenster, die Stirn an den Scheiben. Solange ich denken konnte, war dies nicht geschehen. „Das also ist der Krieg", dachte ich. „Nicht die Toten, sondern dieses, das so Kleine und Kindische ... daß man das Ewige vergessen hat ... daß Christus fortgegangen ist von dieser Erde . . daß er nicht mehr bei den Menschen bleiben wollte ... ich will von euch gehen bis an der Welt Ende ..."
Ich wollte sie nicht sehen, Menschen und Haus. Niemanden. Nichts. Ich ging in den Schnee hinaus, in die Wälder, wo rechts und links die Erde sich verhängte. Ich fragte in einem Forsthaus nach dem Weg, ich aß in einem Gasthof, über den die Tannen sich beugten. Nirgends war Christus. Schnee, Wildspuren, Schlitten ohne Glocken, Dämmerung, Heinnveg, dunkelndes Feld.
Ja, ich sei draußen gewesen, weit, mir sei nicht gut. Noch einmal leise durch das ganze Haus .. nichts. In der Halle steht die Großmutter, den Stock vor sich in den Händen. „Suchst du etwas, mein Kind?" „Ja, Großmutter ... nein ... ich war zu lange fort ..Sie nimmt meinen Arm, ohne etwas zu sagen und führt mich bis zu ihrer Tür. Sie ist nicht mehr blind, denn es ist jemand da, der blinder ist. Sie geht nicht mehr gebückt, denn da ist ihr Enkelkind, Soldat, unvertvnnöet, gekund, der gebeugter ist als sie. Sie weltz, was in diesem Haufe geschieht, denn sie sitzt in ihrem Lehnstuhl und lauscht in das alte Haus hinein, und die Zeit läuft wie eine Perlenschnur durch ihre Hand.
Sie führt mich über ihre Schwelle und schlietzt die Tür hinter sich Sie dreht den Schlüssel herum, laut, daß ich es höre. ..Lange?" sagt sie. „Es war nicht lange." Als hätte ich auf der Schwelle zu ihr gefprochen. Ueber ihrem Tifch leuchtet der rote Stern, und unter der Hängelampe schwebt die Krone. Die Silberfäden schimmern im rötlichen Licht. Ich knie vor ihrem Stuhl wie als Kind, aber sie hat meinen Kopf an ihre Brust gelegt, daß ich es alles seben kann: den Stern, das Tannengrün, die Schatten, das Schweigen, das versunkene Land. „Siebst du", sagt sie leife, „du darfst ihnen nicht zürnen ... es ist soviel geschehen, und sie sind ja nicht wie Brunnen, in die alles fallen kann, ohne sie zu verschütten. Ich habe soviel Zeit, siehst du. Ein alter Mensch zündet nicht jeden Tag eine neue Lampe an. Er hält die Hand vor fein Licht, und alles, was er braucht, ist hell: Jeder Weg. jedes Gesicht. jeder Schmerz ... es kommt nun nichts mefir als der Tod und der kommt von selbst, und man hat soviel Zeit für das Ver- ganaene ..."
„Nichts ist aeblieben, Großmutter", flüsterte ich. „Nichts ... auch die Kreuze werden fallen... dann werden sie nur noch in Büchern lesen daß es einmal war ..."
„Wie jung du bist!" sagt sie zärtlich. „Siehst du. Gott hak über die Erde aewckcht und ausaeltckcht ... ein ganzes Geschlecht ... und er hat mich leben lassen, damit ich über das Ausaelickchte dir die Hand gebe, meinem Enkelkind. Nichts ist geblieben, lagt du ... sieb, wie er leuchtet, derselbe Stern, nicht neu gekauft, ans unterer Kinderzeit ... zu lange warst du fort, lagst du .. bist du nicht zur Zeit gekommen, daß ich ihn anzünde für dich? Nichts ge-


