Ausgabe 
8.9.1933
 
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5unge mfi etner ganz kleinen Fran und einem noch viel kleineren Kindchen. Da gehen die Leute hin und kaufen. Was braucht die reiche Frau Wagenschanz so mit den Pfennigen zu knausern, wenn ihr Sohn unfern Frauen das Geld aus der Tasche stiehlt?

Je mehr es ihm gelingt, zu klettern und Höhe zu gewinnen, desto ängstlicher verkriecht sie sich in ihr Mauseloch. Ihr Sohn wird immer hartherziger, weder für Trost noch für Ermutigung zugänglich, die wich­tigsten Sinne scheinen ihm zu fehlen: seine eigene Mutter weiß nicht, was er vorhat, er hört auf keine Warnung und beachtet nicht, was um ihn her in der Welt geschieht. Früher ging es doch ganz gut ohne diesen Krempel, man alterte auf eine anständige und gottergeben« Weise, warum verlangten die Menschen gerade in dieser Notzeit nach der ewigen Jugend? 3a, ich weiß es natürlich auch nicht, warum, Mutter. Ich zerbreche mir aber nicht den Kops barüber."

Der Kandidat Kieselbach versuchte, es ihr zu erklären, sie horchte ihn nicht aus und lud ihn zu einer Tasse Kaffee ein. Kieselbach besitzt weder Freunde noch Angehörige, und daß ein Mensch auf den Gedanken kam, ihn zu einer Tasse Kaffee einzuladen, das begriff er nicht so ohne weiteres, weil er sich mit seiner Seele immer noch in den Bettlerzeiten befand. Darum hörte er nicht auf, die gute Stube der Witwe Wagenschanz zu bewundern, er betastete und lobte die gemalte Maserung unschöner Schränke, welche er für behaglich und gediegen erklärte. Wahrscheinlich erzählt« er jetzt ein bißchen zuviel aus der Fabrik, oder die alte Frau deutete das meiste falsch. Als es dunkelte, stand sie schweren Leibes unb mit verschränkten Ellenbogen auf der Gasse und schwatzte mit ihren Nach­barinnen. Sie beklagte sich bei allen über jeden, und ihr fehlte nur die winzige Erkenntnis, daß jeder es allen weitersagte. Aber eigentlich wußte sie es sogar, und sie tat es trotzdem.

Dieser Doktor Wagenschanz schwimmt gegen den Strom, finden bi« Nachbarinnen, das ist offenbar und das bekam noch keinem gut. Der Klempner Broderstn entlieh vorsichtshalber seinen Gesellen, die Schuster­frau Rucktäschl behilft sich ohne ihr« Zugängerin, obwohl sie mit dem sechsten Kinde geht. Alle leiden unter der erstickenden Angst, die Großen, die Kleinen, aber der Doktor Wagenfchanz kauft heute die alte Farben­fabrik von Johannes Leer und die beiden angrenzenden Heimgärten, die einen reden von Zehntausenden, die andern behaupten, er habe alles für einen Pappenstiel bekommen, weil der junge Leer auswandern will, bevor der Blitz ins deutsche Gebälk hineinschlägt.

Diese und jene zieht die Witwe Wagenschanz beiseite und bittet sie flüsternd um etwas dringendes Geld.Keinen Pfennig!" Die Alte kneift ihre Lippen zusammen und atmet mit hochgezogenen Schultern. Sie hat ja auch keinen Pfennig ihrem Sohn gegeben, als der plötzlich mit feiner neuen Tätigkeit anfing. Es geht im Schritt mit allem, Gutem und Bösem, es geht langsam und mühevoll hinauf, und wer hoch springt, wird tief fallen. So liebt sie zu reden, wobei si« erklärt, sie habe jeden Pfennig nötig für die Zeit, wo Anton wieder Heringe aus der Tonne fischen und ein Viertelchen Käse abwiegen wird, hinter der Theke. In ihrem Leben und über diesem Land gibt es soviel Eng« und Unglück, daß die Witwe Wagenfchanz nicht mehr glauben mag an den Erfolg von Tüchtigkeit, Fleiß und Wagemut.

Die Nachbarinnen drehen die Köpfe hinter ihr her und flüstern giftig über die hartherzige Krämerin. Sie sehen in machtlosem Neide, wie einer ans dieser Niederung herausklettert, kann denn das anders zugehen als mit Betrug und Schwindel, und mit Aus­nutzung der Armen? Aber am andern Tage schicken sie eilig ihre Männer hinüber, weil es sich herumgesprochen hat, daß Doktor Wagenfchanz schon wieder ein volles Dutzend Arbeitsstellen zu vergeben haben soll. Es handelt sich in Wirklichkeit zwar nur um zwei, aber das ist schon eine ganze Menge. Ans dem Nichts, aus einer Handvoll Einfällen fchafft er Brot für viele.

Weil die Alte aber geklatscht hat, bekommt sie über Antons Fabrik kein Wort mehr zu hören, und erst durch die Zeitung erfährt sie von der RasierpilleVarbaran weich", mit der ihr Junge fetzt die Männer wild zu machen unternimmt. Sie haben sich bisher nach der Väter Art rasiert, es ging auch so, aber er versteht es ihnen klar zu machen, es war eine verdammte Schinderei jeden Morgen früh, doch von jetzt ab hat bas kein vernünftiger Mensch mehr nötig. Tja, das muß man denn doch mal probieren! Auch diesmal veranstaltet Anton eine Generalprobe, indem er in den Zeitungen unsrer Stadt Kieselbachs geistige Bomben knallen läßt, Schlag auf Schlag, danach läßt er eine Stille ein­treten, einen Monat wartet er ab. Aber die Männer erroeifen sich als eine hartnäckige Kundschaft, ein Versuch genügt, und von Stund ab kaufen sie oder sie lassen es bleiben.

Von diesen mutigen Unternehmungen erfährt seine eigene Mutter nur soviel wie eine Fremde, nichts oder nur das, was alle roiffen. Bekümmert steht sie dabei, wie ihre Mieterin Elli den heißen Morgenkaffee in sich hineinschüttet, stehend, man hat keine Zeit, wie? Die Augen flitzen immer nach der Küchenuhr, geht sie auch wirklich richtig?Aber ja . doch, Fräulein Elli, auf die Minute, warum bleiben Sie nicht mehr ein Viertelstündchen bei mir sitzen und erzählen mir was, wie früher?"

Sie können eben nichts bei sich behalten, Mutter Wagen­fchanz. Bei uns, wissen Sie, geht jetzt nämlich eine kalte Luft. Ihr Sohn hat jetzt noch eine zweite Sekretärin angestellt, die Person arbeitet wie eine Vlechpuppe, redet nicht, lacht nicht. Nun muß ich mitmadjen, ob mir das paßt oder nicht, einerlei, sonst werde ich bald selber die Zweite fein, und wenn mal das Ge­schäft abflaut, fliege ich vor die Tür." Sie sagt es mit bitteren Lippen, wie hat üch alles verwandelt, wie anders ist alles ge­worden. Anton Wagenfchanz braucht keine Hand mehr, die über sein Haar streicht, keinen Mund, der ihn ermutigt. Er hat Mut für zehn ...

Die Teere Tasse klappert, Elli faust durch die Haustür in den Regen hinaus. Fräulein Rosemarie ist auch schon in aller Frühe gegangen. Kaum bricht der Morgen an, so liegt das Haus von allen seinen Bewohnern! verlassen wie eine teere Kiste, und alle Geräusche bekommen einen hohlen Klang. Die alte Frau versinkt wieder in ihre Verlassenheit, wer hat noch ein gutes Wort für sie übrig, über das man während des Tages nachdenken könnte? Sie muß mit dem Besen hinter ihren Leuten herlaufeu, die Stuben fegen und die Betten machen, nur die Unordnung lassen sie zurück und halten es nicht des Nachdenkens wert, daß sie bet der Heimkehr am Abend alles wieder hergerichtet finden. Abei niemals vergißt das 'Herz, wie es in gewesenen Jahrzehnten verwöhnt worden ist mit Küssen und Liebesworten, aus der Kind­heit braust das Leben auf wie ein Taumel, um dann von Jahr­zehnt zu Jahrzehnt zu verdorren und einzuschrumpfen. Nun sitzt sie mit stumpfem Herzen, das doch voll von einer Hoffnung und Erwartung ist, die sich niemals erfüllt, sitzt hinter ihrem Ver­kaufstisch und blättert mit angeleckten Fingern in Abrechnungen.

Am späten Vormittag betritt ein ungewöhnlicher Besucher ihren Laden, im Wettermantel und mit einem Strauß in der Hand, dessen durchnäßtes Seidenpapier an bunten Rosenblättern klebt.Ich möchte mich erkundigen", meint er höflich,wie es Fräulein Reubold geht."

Die Witwe Wagenschanz rückt erstaunt an ihrer Brille.

Die Dame wohnt doch bei Ihnen?"

Es stellt sich heraus, daß Fräulein Reubold ausgegangen ist. Das Erstaunen ist jetzt auf der Seite dieses fremden Herrn.Sie schrieb mir eine Karte, sie sei krank."

Aber das müßte ich doch wissen", sagt die Alte.Wer sind denn Sie, und was wollen Sie denn von Fräulein Reubold?"

Er wehrt sie höflich ab, er sei der Rechtsanwalt Schönlein, und sie möge so gut sein, den Rosenstrauß in einer Vase in Fräulein Reubolös Zimmer stellen.

Die Alte späht durch die von Tropfen besprühte Türscheibe hinter ihm her, Schönlein geht etwas vorgebeugt und mit ein­gezogenen Schultern davon.

Sie sei krank, schrieb Rosemarie ihm gestern, nicht ganz aus dem Damm, Kleinigkeit, übermorgen bin ich wieder da. Nichts Ausfälliges dabei, und trotzdem warnte ihn ein ungewisses Ge­fühl. Er geht in ein Blumengeschäft und sucht ein paar Rosen für seine Freundin aus, wie sich das gehört unter Leuten, die sich gut sind. Aber die Hand zögert, die den in Seidenpapier gepackten Strauß in Empfang nehmen will. Peter kann nicht so genau sagen, was sich an Rosemarie verändert haben soll, äußerlich jedenfalls nichts. Mit der Ueberempsindltchkeit eines Erdbebenmessers ver­zeichnet seine Seele das ständige Schwanken aller Gefühle. Die Hand, die den Tisch deckt, ist heute vertraut und morgen wie un­bekannt, aus keine Weise läßt sich in Erfahrung bringen, warum die gleichen Menschen einander an jedem Tag anders erleben.

Peter verläßt diese Gegend, über die ein warmer Geruch von Erntefeldern weht. Einige Straßen dieser Stadt, in der er seit einem Jahrzehnt lebt, sind ihm bis heute unbekannt geblieben. Er fragt sich zu Doktor Wagenschanz' Chemischen Werken durch, jeder kennt sie, dieser Mann besitzt eine eigentümliche Begabung, sich in den Mund aller Leute zu bringen. Peter hofft hier etwas über Rosemaries verändertes Wesen zu erfahren. Merkwürdiger­weise zaudert er, durch offenstehende Türen zu gehen. Statt daß er sie bei der Schulter nimmtdu, was ift denn mit dir, du siehst so sonderbar an mir vorbei" und, weiß Gott, es ist ver­mutlich gar nichts geschehen, der Wind in der Seele dreht sich und bläst bald aus dieser und bald aus jener Richtung.

Im Hof der Farbenfabrik und im angrenzenden Garten, dessen Wohnlaube nieöergertffen und dessen Beete zertrampelt sind, er­richten Arbeiter eine lange Baracke.Ich habe nicht genug Geld, Herr Schönlein", erklärt Anton Wagenfchanz, der mit dem alten Tischler Groth daherkommt,um hier alles großartig aufzubauen, das muß vorläufig in Brettern genügen." Von feinem Schlapp­hut tropft das Wasser herunter.

Ich werde Zeuge", erwidert Peter verbindlich,wie etwas aus dem Nichts entsteht."

Ja, bas gibt Hoffnung."

Ein feiner Neid sticht in Peters Seele. Er hat sich in dieser Stadt eine Existenz gebaut und sie befestigt in langen Ent­behrungsjahren, aber seit geraumer Zeit gewinnt er keinen Boden mehr, Unzähligen geht es so. Man möchte sich in diesem Deutsch­land am liebsten nur mit den gewaltigen Dingen beschäftigen, mit den großen Kämpfen der Kontinente und der Wirtschaftsformen, man möchte schreien und Halt rufen und sieht nur stumm zu. Peter ist aus diesem trüben Schauspiel zu den deutschen Geistern geflüchtet, bei Brahms und Hölderlin umfing ihn die Wohltat des Ewigen. Aber wer vermag feine Gedanken auf Viehbemänge­lungsklagen, Erbstreitigkeiten und auf Anzeigen wegen unlau­teren Wettbewerbs zu richten, wenn das Gebälk knistert, unter dem wir wohnen, und wenn sich vom Kampf der Gigantenmächte der Himmel des Erdballs verdüstert?

Man möchte Sie beneiden, Doktor Wagenfchanz, alle Welt legt still und traut sich nicht mehr ..."

(Fortsetzung folgt.)

Verant merklich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Vuch» und Steindruckerei, 2k. Lange, Gießen.