Ausgabe 
8.9.1933
 
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GiehenerKmilienblNer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang {933 Freitag, den 8.5eptemder

Nummer 69

Blühende Heide.

Von Peter Bauer.

Winziger Strauch, zu Maffen geballt. Lilaleuchtender Honigwald, Festwiese, goldbrüstigen Bienen Aus zahllosen Blüten erstellt: Zelt prangend und duftend an Zelt, Gewimmel davor und in ihnen.

Hochzeitende Heide, du labst, wenn du liebst, Eine Welt von Flüglern. Du locktest und triebst Die Summer aus blauenden Zonen.

Wild brummeln sie her und heim, Von Süße berauscht und Seim Nur die Sonne weiß, wo sie wohnen.

Oer Stadtsoldat und der Vogrl Wegerich.

Eine Geschichte von Hans Friedrich Blunck.

Einmal, das wißt ihr, wächst alle sieben Jahre aus den Wur­zeln des Wegerich ein Vogel hervor. Wer den greift, kann sich, solang er ihn in der Hand hat, alles nur Erdenkliche herbei­wünschen.

Das scheint nun manchem weltlichen Sinn ein unvergleichliches Glück zu sein. So hat zum mindesten auch ein alter Staötsoldat aus der Gröninger Straße gemeint, der unzufrieden und bären­hungrig auf die Ablösung am Elbzoll wartete und doch nichts anderes als einen alten Strohsack und ein Schwarzbrot daheim hatte, kein Weib, kein Kind, keine warme Suppe, höchstens eine alte Montur aus den verwünschten dänischen Dienst.

Diesem alten Kriegsmann ist es nun, soviel ich weiß, als letztem gelungen, den Vogel Wegerich zu fangen. Der kriecht nämlich nur aus, wenn's ringsherum totenstill ist. Schon mancher, der sich die sieben Jahre vor solch Kraut lagerte und aufpaßte, hat just im unglücklichsten Augenblick hüsteln oder frösteln müssen und die Wurzel hat sich wie ein Wurm wieder in die Erde gezogen.

Weil der Stadtsolüat aber ohne sich zu rühren stundenlang durch den grauen Regen nach der Ablösung ausschaute, hat Wege­rich die Luft rein geglaubt und aus der Wurzel schlüpfen wollen. Der Alte hat sich nur zu bücken brauchen, das flügge Tier ist just i« seine Hand gekrochen.

Es war ja nun, Gott sei Dank, ein erfahrener Bursche, der sich in der Welt umgesehen hatte und gleich begriff, was ihm widerfahren war. Ganz fest hat der Stadtsoldat den Vogel in die Hand genommen, alle hohlen Zähne haben ihm weg getan vor Aufregung, am ganzen Leib hat er gezittert vor Freude. Dann hat der Alte mitten in den Regen hinein zu sinnen begonnen, was ihm und seinem Hunger im Augenblick am besten ins Maul ge­riete. Weil's aber ungemütlich ist, etwa einen brutzelnden Schinken im Regen zu verzehren, hat er sich vorsorglich überlegt, wie ein warmes, gemütliches Haus wohl dazu stünde.

Der Alte ist aber durch Mißtrauen gewitzigt gewesen. Ein neues Haus überlegte er weiter würde viel Neugier und Auflaus schaffen. Am liebsten, sagte er laut zu dem Vogel, hätte er eine warme Höhle gleich unter seinen Füßen und ein Pfund gebratenen Schinkenspecks mit sieben Eiern darüber.

Soll geschehen", antwortete der Vogel Wegerich augenblicklich, tuckte in seine Hand, und gleich versank der Boden und der Stadt­soldat sprang in einen kahlen Raum, in den ein breiter wohl­geheizter Kamin mit rotem Rost hineinleuchtete. In einer Schiebe­klappe briet schon das warme Frühstück und füllte die Luft mit einem erbaulichen Duft. Ei, bas gefiel ja unserm Stadtsolbaten, er streckte gleich die Hand hinein, setzte sich auf die Ofenbank und wünschte sich bas Ende Schwarzbrot aus seiner Kammer herbei, dazu einen großen Krug Vier nein, wirklichen Wein an den Mund.

Soll geschehen", sagte Wegerich, und im gleichen Augenblick sog der Alte auch schon von einem spanischen Roten, ach, ich glaube, solchen habe ich mir mein Lebtag noch nicht kaufen können.

Bitte jetzt Klüten und Speck", kommandierte der Stadtsoldat und hämmerte mit der freien Hand so recht vergnügt auf den Tisch. Klüten und Speck sind in seinem Land ein Haupt- und Staatsgericht, danach die Kindlein in der Wiege und die zahnlosen kreise sich die Zunge um die Lippen schlagen. Es liegt etwas

schwer im Magen, aber das war unserm Glückpilz im Augenblick ganz einerlei. Er hielt den Vogel fest in der Linken und klapperte vor lauter Vergnügen mit den Füßen. Tat sich auch so recht von Herzen wohl an allem, bis ihm Speise und Trank fast an den Hals standen. Da erst fiel ihm ein, daß er schließlich auch etwas anderes hätte dazu mengen können, aber er hatte schon Atemnot von soviel Herrlichkeit.

Der Stadtsoldat überlegte. Er wäre jetzt am liebsten gründlich schlafen gegangen; aber er hatte Furcht, er würde den Vogel Wegerich fliegen lassen, und bas hätte ihm doch zu leid getan. So recht einen Herzenswunsch suchte er sich.

Ole Jbbe soll kommen", verlangte er. Jbbe war einst ein flinker Hausbesen drüben in Altona gewesen, aber die dänischen Zollkapitäne waren ihr zu sehr nachgelaufen, und der arme Stadt­soldat hatte das Nachsehen gehabt.

Was er kaum für möglich gehalten hatte, trat ein: Ole Jbbe kam herbeigehumpelt. Sie tat sehr erstaunt und verschämt, als sie des Wünschers bei dem halbdunklen Licht gewahr wurde, sah sich verstohlen im Raum um und musterte, wie der alte Freund wohne. Der bestellte auch gleich ein paar Stühle mit echten Pol­stern, dazu eine gemütliche Lampe und wollte gerade einen Schnack über das Wie und Wo Beginnen. Aber das Licht hätte er lieber bleiben oder Ole Jbbe in ihrem Haus lassen sollen. Die Alte hatte nicht Haut, nicht Haar noch Angäpfel. Und wenn sie lächelte, mahlten die Kiefer aufeinander, daß man das Erbarmen kriegen konnte.

Der Stadtsoldat schlug mit beiden Händen einen Kreis.Weg!" schrie er außer sich vor Entsetzen, und int gleichen Augenblick war er allein im Zimmer. Die Lampe blackte ein wenig, er schraubte sie niedriger und fühlte, wie seine Hand zitterte und die Augen ihm zuckten vor angespannter Müdigkeit.

Eine Ratsherrnstube wäre mir lieber, sagte er zum Wegerich, um auf andere Gedanken zu kommen. Im gleichen Augenblick hatte sich der Ranm verschoben, die Wände waren ans braunem Holz getäfelt, eine weiße Ampel hing von der Decke. Der Wün- scher saß an einem großen runden Tisch, viele gelehrte Bücher lagen nm ihn ansgebreitet. Er sah sie sich an, klappte ein wenig mit den schweinsledernen Deckeln und war doch nicht zufrieden. Er hätte wohl etwas basteln oder arbeiten mögen, aber es war nicht nötig, es kam alles von selbst. Im Grunde war der alte Stadtsoldat sehr gelangweilt. Auch war der Vogel in seiner Hand ihm sehr lästig, er hätte so gern etwas ausgeruht.

Ich möchte drei Teppiche und dreizehn Lampen haben", wünschte er sich aus böser Laune.Soll geschehen", sagte Wegerich. Die Teppiche rollten sich unterm Tisch entlang und hakten sich in die Ecken. Der Alte zählte alles genau, um nicht zu kurz zu kommen; dann wußte er nichts mehr damit anznfangen und hielt nur den Vogel fürsorglich in 6er Hand.

Jetzt möchte ich einmal sieben verschiedene Weine sehen", ver­langte er,und Musik dazu haben." Die Flaschen standen vor ihm, aber sie schienen ihm wie dickes Oel. Er hatte keinen Durst, probierte und schüttelte sich. Und die Musik spielte fein, aber sie war nicht lustig genug, man wurde nur noch müder davon. Der alte Landsknecht knurrte und kratzte sich vor Unzufriedenheit. Dann riß er die Augen auf, ihm war etwas eingefallen, was er ich schon lange versagt hatte.

Und jetzt eine fürnehme Jungfer zur Unterhaltung."

Schon saß sie int Stuhl an seiner Seite. Er sah sie an und lächelte breit. Sie wurde einfältig rot, blickte an ihm vorbei und ließ die Zähne sehen. Aber der Landsknecht war nicht bange, er ragte gleich, ob sie ihm nicht Gesellschaft leisten wollte.

Das muffe sie wohl tun."

Ob sie nicht ein wenig mit ihm trinken wolle. Sie schenkte ich ein, sah ihn spitzig von der Seite an und antwortete nicht.

Der Stadtsoldat hatte Lust, sie einmal in die Backe zu kneifen Aber dann beuchte sie ihm zu ehrbar, man hat feine Last mit derlei Fürnehmheit.Weg!" sagte der Alte gelangweilt.Ich möchte lieber eine ganz durchtriebene Deem haben." Da ward die andere zu einem Schatten, der auch gleich auf seinen Schoß hüpfte und ihm um den Hals sprang.

Dergleichen war dem alten Stadtsolöaten ja auch feit langem nicht mehr geschehen. Das Master trat ihm in die Augen, so sehr chüttelte die andere ihn; er war aber schließlich Manns genug, ie loszuwerden, behielt sie auf den Knien und wollte mit ein höf­lichen Scherzen Beginnen. Sie schien indes alles längst voraus- zuwiffen, hielt auf jedes Wort eine ungezogene Antwort Bereit und füllte aus dem Krug in die Gläser der alte Stadtsoldat konnte kaum folgen.