Ausgabe 
8.5.1933
 
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glänzenden dunklen Anzug mit verbeulten Knien, und seine Wäsch« war nicht tadellos. Das Gesicht war von ungesunder, schwammiger Blosse. Ein rötlicher Bart wucherte um den brutal vorspringenden Unterkiefer. Aber die obere Schädelpartie hatte etwas Verblüffendes. Sie schien nur aus Stirn zu bestehen einer riesigen nackten Stirn von beinahe er­schreckender Intelligenz. Und unter den, gleichsam schuhenden Dach dieser Stirn lagen zwei harte graue Augen. Diese Augen wechselten kauni den Ausdruck. Sie waren wie aus Granit. Wie eingefroren in einer grau­samen, brutalen Willenskraft. Das war nicht der Kopf eines bescheidenen Handlungsreisenden. Ebensowenig wie der hochkarätige Solitär, der ihm am Ringsinger der rechten Hand funkelte, zu seiner schäbigen Kleidung paßte. Viel wahrscheinlicher war er irgendein bedeutender Wissenschaftler, der sein Aeuszeres vernachlässigte. Oder auch ein Millionär mit dem Spleen der Anspruchslosigkeit.

In Neustrelitz sprang in letzter Minute ein junger Mensch ins Coupö, der, ein wenig atemlos voni Lausen, fragte, ob der Wagen auch direkt- nach Stralsund gehe. Der Herr antwortete ihm einsilbig. Er sammelte, sichtlich verärgert über den Zuwachs, seine verstreuten Papiere in die Aktenmappe, zog sich die Retsemühe tief ins Gesicht und drückte sich unzu­gänglich in seine Ecke. Der andere verstaute inzwischen einen kleinen Handkoffer im Gepäcknetz. Belegte den Plast gegenüber. Und stellte sich an das geöffnete Fenster. Man konnte ihn, ansehen, wie tief er den Reiz der abendlichen Landschaft genast. Seine braunen Augen spiegelten ein naives Entzücken über die einfachsten und selbstverständlichsten Dinge den Herbstwald, eine Schafherde, ein flammendes Dahlienbeet.

Als der Zug ein paar Minuten auf offener Strecke hielt, zog er ein Skizzenbuch aus seiner Rocktasche und entwarf mit ein paar Strichen die Silhouette eines alten Turmes, der verlassen und finster im Abend stand. Er hatte gar nicht bemerkt, dast ihn sein Reisegenosse schon geraume Zeit unter deni Mützenrande hervor beobachtete. Und er erschrak beinahe über die gelbe, behaarte Hand, die sich plötzlich nach seinem Skizzenbuch ausstreckte.Lassen Sie sehen!" Es klang ungeduldig. Wie ein Besehl. Sie sind Berufsmaler?"

Der junge Mann lächelte schüchtern.Ja. Das heistt, eigentlich bin ich Porträtist. Landschaft liegt mir nicht besonders. Aber manchmal, ver­stehen Sie haben auch Dinge so etwas suggestiv Persönliches. Wie dieser Turm da. Hat er nicht etwas Tragisches? Etwas von einem Ver­urteilten? Finden Sie nicht?"

Der andere entblöstte ein paar stellte Haifischzähne.Bedaure dazu gehört schon die Phantasie eines Künstlers, um aus einem alten Wasser­turm eine Tragödie zu konstruieren! Und Sie, Herr, scheinen mir nach dieser Richtung hin besonders begabt zu sein." Die harten Augen um- sastten ihr Gegenüber mit einem eigentümlich saugenden Blick. Und dieser Bück schien ans den Maler eine irgendwie beirrende Wirkung zu üben. Seine dünnen Augenlider begannen zu flattern. Er lächelte verwirrt und ' strich sich mit einer fast hilflosen Gebärde das feine Knabenhaar von den Schläfen zurück.

Ich reise so selten, wissen Sie. Da sind vielleicht die Eindrücke stärker. Früher bin ich viel in der Welt herumgekommen. Ich habe über ein Jahr bei der Marine gedient. Mein Baker war Schtffskapitän und hätte gern gehabt, dast ich bei der See geblieben wäre. Aber ich hielt es nicht aus. Und jetzt komme ich and; kaum heraus. Das Reisen ist eine zu kostspielige Angelegenheit."

Sie sind in Neustrelitz eingestiegen. Leben Sie dort?"

Der Maler verneinte.Ich habe nur eine Schwester dort, die vor ein paar Tagen Witwe geworden ist. Der Mann ist im Dienst verunglückt. Er mar Bahnbeamter. Ich bin zum Begräbnis dort gewesen und fahre jetzt und) Stralsund zurück."

Warum haben Sie sich denn gerade Stralsund zum Wohnsitz aus­gesucht? Sie können dock, als Porträtmaler dort keine grasten Chancen haben. Warum leben Sie nicht in der Hauptstadt?"

Der junge Künstler zuckte »erlegen die Achseln.Ganz einfach, weil id) nicht genug Geld habe, mir in Berlin ein anständiges Atelier zu mieten. Mein Vater hat mir in Stralsund ein kleines Haus hinterlassen. Da spare id) wenigstens die Kosten für Wohnung. Und was ich sonst noch zum Leben brand>e, das kann ich mir schon verdienen. Ab uns zu gibt es dach einen Auftrag."

Der Mann in der Fensterecke verfiel wieder In Schweigen. Er schien einem Gedanken zu folgen. Dann fragte er unvermittelt:Können Sie mir gelegentlich ein paar von Ihren Arbeiten zur Ansick)t schicken? Ich bin Kunsthändler vielleicht kann ick; etwas für Sie tun."

Der junge Mann wurde rot vor Freude und sastte sich ans Ohr­läppchen. Eine Gebärde, die etwas Kindliches hatte und die er häufig in der Verwirrung gebrauchte. Hastig zerrte er seinen Koffer aus dem Ge- päckuetz und halte daraus ein obenauf liegendes Kuvert hervor.Zufällig habe id) von einigen meiner Porträts Photographien bei mir, die icy meiner Schwester zeigen wollte. Natürlich schicke ich Ihnen auch gerne Originale.. Aber vielleicht können Sie nach diesen Photos schon jetzt einen gewissen Eindruck gewinnen." Und er reichte seinem Reisegefährten einen kleinen Pack Photographien, die dieser langsam und mit Aufmerk­samkeit durchsah. Keine Miene seines undurchdringlichen Gesichts verriet, ob die Bilder seinen Beifall fanden. Und mit beinahe verletzender Gleich- gültigkeit gab er sie dem Künstler zurück.

Ein gedrücktes Sck>weigen dehnte [id) zwischen den beiden. Der Maler konnte kauni seine Enttäuschung verbergen. Trübselig starrte er in den verlöschenden Himmel. Der andere hatte die Hand über die Augen gelegt und schien eingeschlafen zu sein. Aber zuweilen streifte zwischen seinen Fingern hindurch ein rascher, lauernder Blick sein Gegenüber. Aus ein­mal zog er eine abgenutzte Brieftasche heraus, blätterte darin herum und legte sie vor sich auf den kleinen Klapptisch.

Vlelleick)t können wir ein Geschäft miteinander machen", sagte er langsam.Id) habe eine Nichte, die ich (djon lange einmal porträtieren lassen wollte. Aber sie ist ein sehr schwieriger Typ. Bis jetzt hat es nod) ! fein Maler ferliggebradjt, die Vesonderheit ihres Gesichtsausdrucks auch |

nur annähernd herauszubringen Das sage ich Ihnen gleich. Aber vielleicht gelingt es Ihnen. Nach der Art Ihrer Technik zu schließen, Halle ich es für nicht ausgeschlossen." Er reichte dem Maler eine auf gewöhnlichem Pappkarton aufgezogene Photographie.Hier haben Sie eine einfache Momentaufnahme von lhr, die aber zufällig außerordentlich gut aus­gefallen ist. Ich möchte sie in der gleichen Pose gemalt haben. Auch an der Kleidung darf nichts geändert werden verstehen Sie? Es Ist ein histo­risches Kostüm, das sie einmal bei einer Wohltätigkeitsvorstellung getra­gen hat."

Der junge Mann hielt das Bild interessiert gegen das Licht. Es zeigte eine Dame in der schweren und kostbaren Iradjt eines vergangenen Jahr­hunderts. Ein junges Weib von gefährlichem Liebreiz. Dieses zarte Gesicht war tatsächlich mehr als in traditionellem Sinne schön zu nennen. Es strahlte einen betörenden Zauber aus, der im Tiefperfönlichen wurzelte: im Blick vielleicht, in der magischen Gewalt des Lächelns. Oder auch nur in der feierlichen Grazie, mit der fle das pompöse Kostüm zu tragen ver­stand das mit einer Straußenfeder geschmückte Pelzbarett und eine lange, kostbare Mankille aus Otterfell.

Die Augen des Künstlers saugten sich verzückt an dem Bilde fest. Die Wangen wurden ihm Heist.Diese Frau must ich malen!" murmelte er beklommen. Seine Stimme schwankte in einer tiefen Erregtheit. Fast feindselig schob er die Hand des Kunsthändlers beiseite, die sich nach der Photographie ausstreckte.Lassen Sie mich noch einen Augenblick bitte..." Er sah nicht den höhnisch geduckten Blick, der ihn ansprang. Wie im Traum rauschte die Stimme des andern in sein Ohr.Beachten Sie vor allem den Blick den Ausdruck des Auges! Mit Technik allein ist dem nicht beizukommen. Diesen Blick must man erlebt haben, um ihn wiedergeben zu können! Wie viele Sitzungen werden Sie brauchen?"

Der junge Mann rist sich zusammen. Mit trockenen Lippen antwortete er:Das kann ich nicht genau sagen. Für gewöhnlich genügen mir drei bis vier. Aber vielleicht..."

Das ist zuviel. Eine Sitzung must genügen! Das übrige malen Sie nach dem Gedächtnis!" Der Blick des Mannes bohrte sich in die Augen des jungen Künstlers. Eine lähmende Bestimmtheit war in seinem Ton. Ich komme am nächsten Samstag gegen zwei Uhr nachmittags zu Ihnen und bringe meine Nichte mit. Sie sorgen dafür, dast wir ungestört bleiben und dast meine Nichte nicht bei Ihnen gesehen wird! Sie werden zu keinem Menschen ein Work von diesem Auftrag erwähnen! Sie dürfen auch keine Kopie von dem Porträt zurückbehalten. Spätestens bis 10. November ist das Bild fertig! Sie schicken es unter Nachnahme von tausend Mark an meine Adresse: Caspar Fuchs, Berlin, Jnvalidenstraste 113. Verstanden?"

Der Maler nickte schwer. Die dumpfe Vorstellung von irgend etwas Unentrinnbarem krallte sich in fein Bewußtsein. Er lächelte gequält ein hilfloses und törichtes Lächeln. Und drückte mit einem Seufzer den Kopf in die Wagenpolster.

Als der Zug in Stralsund hielt, bemerkte er mit leiser Beschämung, dast er eingeschlafen war.

4.

Kommissar Kling hängte mistmutig den Hörer an und begann eine längere und offenbar wenig genustreiche Wanderung durch fein Amts­zimmer. Eine kleine Narbe über feinem rechten Auge flammte hochrot, eine allen Unterbeamten wohlbekannte Naturerscheinung, die mit Sicherheit aufSturm" schliesten liest.

Reuter!" Der Sergeant stürzte herein, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen.

Herr Kommissar?"

Lassen Sie diesen Grau vorführen! Der Bursche ist entweder ver­rückt, oder er hak sich einen Witz mit uns gemacht. Aber das soll lhm schlecht bekommen!"

Er blieb am Schreibtisch stehen und trommelte nervös mit dein Blei­stift auf der Holzplatte herum.

Sie fahren inzwischen nach der Lindenallee 9. Nehmen Sie ihr Motorrad, ich glaube, es ist ziemlich weit brausten, und sehen sich ein wenig in der Wohnung dieses Grau um. Ohne viel Aussehen, wenn es geht verstanden? Es kommt mir darauf an, zu erfahren, wie dieser Mann lebt, bei wem er wohnt und dergleichen. Und versuchen Sie vor allem herauszubekommen, wie lang er gestern von Hause fort war und ob ihn jemand hat heimkehren sehen. Fragen Sie auch auf dem Revier nach, vielleicht weist einer der Schutzleute etwas über ihn zu sagen. Haben Sie einen Personalakt gefunden?"

Reuter verneinte.

Das dachte ich mir. Also gehen Sie jetzt, Reuter, und machen Sie die Sache geschickt! Ich möd)te nicht, dast vorzeitig Alarm geblasen wird, nod) bevor wir wissen, ob das ganze nicht ein Bluff ist. Ich habe keine Lust, die Witzblätter mit Stofs zu versorgen."

Er liest sich verärgert in seinen Sessel fallen und verabschiedete den Wachtmeister mit einer ungeduldigen Handbewegung. Aber an der Tür rief er ihn nod) einmal zurück und bot ihm, wie zur Entschuldigung, eine Zigarre an. Der brave Reuter rourbe rot vor Glück wie ein Schuljunge, unb verliest mit strahlenbem Gesicht bas Zimmer.

Ein paar Minuten später liest ein Polizist den Arrestanten eintreten. Kling stellte mit Genugtuung fest, bast ber junge Mann in ber Zwischen­zeit seinem Aeusteren eine bemerkenswerte Sorgfalt hatte angebeihen lassen. Trotzbem sah er jetzt beinahe noch elenber aus als zuvor. Er machte ben Einbruck eines Menschen, ben eine ungeheure Nervenanspannung wachgehalten hat, unb ber, zur Ruhe gekommen, plötzlich in sich zusam- menfällt. Man konnte ihm ansehen, dast es ihm Mühe machte, die Füße vorwärts zu bewegen. Seine Liber waren entzündet. Die Augen hatten ben heisten stumpfen Glanz über-roältigenber Müdigkeit. Dem Kommissar entging dieser Zustand keineswegs. Ader er hoffte, die apathische Stim­mung des lungen Menschen für sich ausnützen zu können.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich; Dr. Hans Thyriot. - Druck unb Derlag: Brühl'fche Univerf ikäts-Duch. und Steindruckerei, R. Lange, ©leben.