Lernt wieder lachen!
Ein Beitrag zum Training der Freude.
Von Dr. Georg S t r e l i s k e r.
Aus Amerika, woher uns so viele zweifelhaft segensreiche Moden zugegangen sind, kam vor einigen Jahren die Devise „ßernt Lächeln! Lächeln!" ... . .
Man hat uns gesagt, das Leben wäre um vieles schöner und angenehmer, wenn wir in allen Lagen und Umständen unentwegt den Mund zu einem Lächeln verziehen. Und fortan begann alles zu lächeln, die Filmstars aus der Leinwand, die Politiker aus der Tribüne, die Bürger auf der Straße. Einen guten Teil der „Prosperity" in Amerika schrieb man dem (Erfolg des Lächelns zu. Die Welt lächelte, sie lächelte noch, als die Krise kam und es sich herausstellt«, daß das Lächeln nicht so Wunder wirkte, wie man es behauptete. Von Tag zu Tag wurde es uns trüber zu Mute, bis auch den Optimisten das stereotype Lächeln von den Lippen verschwand. Das ist gut so. Denn Lächeln ist Halbheit, lächeln verleitet zu Lügen und zur Heuchelei, es machte das Leben nicht schöner, sondern es täuschte uns nur über unseren Zustand hinweg.
Mit der nationalen Welle, mit der Selbstbesinnung, die das deutsche Volk erfaßte, hat auch das Lächeln, die Halbheit, das Nichtbekennenwollen und Nichtbekennenkönnen ausgehört. Es kam ein frischer Zug in unser Leben. Wir wollen nicht mehr lächeln, sondern aus srohem Herzen lachen lernen! Wenn nämlich im Lächeln eine Verschleierung der Tatsachen oder der Ausdruck einer lauen Freude liegt, so bedeutet das Lachen „aus srohem Herzen" nicht nur eine sehr gesunde Gymnastik, sondern auch eine Beseelung.
wieder, als sie sich überzeugt hatten, daß sie wohl falsch gehört haben mutzten. Aber Oswin ließ nun erst recht nicht nach, sondern trommelte seine Retraite. Im Getümmel entstand immer mehr Wirrwarr bis plötzlich ein Offizier scharf zu ihm hinübersah, sich entheflelte und in voller Wn'sann ”itylte Vsnrin’nur einen mörderischen Hieb aus die Wange, eine Maulschelle von so fürchterlicher Wucht, datz sie Kindhettsermnerungen in ihm weckte und er mit dem Ruf: „Au, Babba!" rechtswarts von fei- "" Al^er"wieder erwachte, vermochte er auf dem linken Auge nicht viel mehr zu sehen als die ungeheure Fleischwulst seiner Backe, mit dem rechten erblickte er eine Menge Soldaten um sich und bemerkte, datz d e Sonne am Sinken war. Irgendwo in der Ferne war em Lärmen, so als ob die Schlacht noch immer tobte. Es wurde aber oerwunderlicherweise
Na ^alter Freund", sagte ein Leutnant und klopste sich vorn Rücken fjer' mit dem umgekehrten Spontan auf die linke Schulter, „wieder bei '^.Braver Kerl", sagte ein anderer mit dem Arm in der Binde und nickte Oswin freundlich zu.
Tia Herr Kamerad", meinte der erste, „so einfach ist die Geschichte aber nicht. Er war doch schliehlich Gefangener und hat als solcher, wenn auch als Held, gegen die Kriegsgesetze gehandelt." .
Unterbeut war das Geschrei immer näher gekommen, und Oswin vernahm tausendstimmigen Rus: Mvat Fridericus!
Und langsam kam, umtobt von knallenden Fahnen, auf einem beinahe so schönen Schimmel, wie ihn Oswin hatte reiten dürfen, em schmaler Herr in preußischer Oberstenuniform heran.
Als der Oberft, der ein recht verdienstlicher Mann fein mußte, denn er hatte einen großen Stern auf der linken Brust, den sächsischen Paukenschläger sitzen sah und um ihn so viele Soldaten, die srohlich grinsten, hielt er an und warf einen drolligen Blick aus fernen großen blauen Augen auf die Offiziere, die falutierten. . ...
Und der eine berichtete nun, wie biefer gefangene Kesselpauker sich höchst bravourös geschlagen habe. Ihm seien burch ein Versehen bie stauten nicht abgenommen worden. Als nun die Bayreuth-Dragoner vorgegangen wären, hätte er aus Leibeskräften Retraite geschlagen und so eine heillose Verwirrung geschaffen, da die Dragoner das Signal auf fick bezogen hätten, daß zum mindesten em schwerer Verlust entstanden, wenn nicht gar der Sucres der Bataille auss Spiel gesetzt worden wäre, hätte nicht der Leutnant von Below dem Tapferen eines mit der flachen Klinge versetzt, daß dem Helden da bas Trommeln für eine Weil« ver- Qanf)er Oberst fah im Kreist unter den lachenden Soldaten umher und pfiff eine lustige Melodie. . ...
„Respekt!" fagte er bann, „wenn sich die Herren Feinde alle so gehalten hätten, da hätten wir jetzt wohl noch keine Ruhe, was Kinder. Da schrien sie alle Hurra und Vivat Fridericus und schwangen die Fahnen in die Lust. Aber der Oberst mit dem Stern nickte Oswin zu und fragte, ob er unter ihm weiter pauken wolle. ,
Oswin jedoch hatte genug und schüttelte den Kopf, fo gut es ihm geraten wollte, und sagte: „Nee!" ...
Da war des Stufens und Lachens fein Ende, und der Oberst deckte leicht die feine schmale Hand über die Augen und bann schnupfte er.
„Ich hätte aber in Küstrin einen Proviantmeister notig! sagte er bann, „was meint Er dazu?"
Da nickte Oswin eifrig, wie sehr auch die Backe schmerzen mochte, und sprach:
„Das gennte mir hibsch gefallen, Herr Owerscht!
Er hat seinen Entschluß nicht zu bereuen gehabt. Nur einmal, als die Rusten dort plünderten und hausten, da hatte er große Note. Aber dann kam der große Fritz, und in dem krummen König mit dem Krückstock auf dem schönen Schimmel erkannte er eine gewisse Aehnlichkeit mit jenem hilfreichen Obersten, fo, als fei der alte Mann noch unendlich viel alter geworden. Der König aber fah in dunkle Fernen und nicht auf den Proviantmeister Oswin Kuntze. Er hatte ihn wahrscheinlich längst vergessen.
Doch dessen Gedächtnis lebt noch als das des Helden von Hohenfriedberg.
In physiologischer Beziehung ist das Lachen eine Reflexbewegung der Atemmuskeln, die bei näherer Betrachtung allerdings derart verwickelt erscheint, daß die Gekehrten über die verschiedenartigen Ursachen de, Lachens die merkwürdigsten Thesen aufstellen. Denn ganz genau weiß man es noch immer nicht.
Da bei Menschen, wenn sie gekitzelt werden, die Pupillen sich stark / erweitern, so schloß Profestor Hecker daraus, daß der Kitzel eine reflektorische Reizung des sogenannten Sympathikus Hervorrufe. Die Wirkung dieser Reizung miiffe nun am stärksten an jenen Körperteilen hervortreten, die am reichsten mit kleinen Arterien ausgestattet sind. Also hauptsächlich am Gehirn, einem Organ, das durch Storungen des Blutkreislaufes, das heißt durch Vermehrung oder Verminderung des Blutdruckes, leicht geschädigt werden kann. Nach Hecker würde also die durch Kitzeln verursachte Verminderung der Blutmasse im Gehirn gefährlich werden, hätte uns die weise Natur nicht in der durch das Kitzeln gleichzeitig verursachten Reflexbewegung des Lachens ein Mittel verliehen, um die Druckverminderung durch eine Drucksteigerung aufzuheben. Beim Ausatmen sinkt der Brustkasten zusammen. Dadurch wird das Einströmen des venösen Blutes in das Herz gehemmt. Die Folge ist eine Blutstauung im @eUun werden durch das Lachen — und dies scheint mir die wichtigste Tatsache für den Nutzen und die notwendige Hygiene des Lachens zu jein — die normalen Atembewegungen in eigentümlicher Weife verändert. Beim normalen Ausatmen em.oeicht nämlich die Lust in einem stetigen Strom aus den Lungen. Beim Lachen aber atmen wir Die Luft stotzweise aus. Dadurch werden die Stimmbänder des Kehlkopfes ebenfalls stoßweise in Schwingungen versetzt und die bekannten beim Lachen hervortretenden Töne hervorgerufen, die entweder wie hahaha, hehehe oder hohoho klingen. .
Ganz populär gesprochen könnte man sagen, das Lachen sei vor allem deshalb gesund, weil man dabei kräftig ausatmet. Wer viel lacht, betreibt also auf angenehmste Weise Atemgymnastik
Große Freude, die wie das körperliche Kitzelgesuhl anregend auf das Nervensystem einwirkt, erweckt das Bedürsnis des Lachens, d. h. verstärkter Ausatmungsbewegungen. Umgekehrt entlasten wir unser bedrücktes Gemüt, wenn wir mehrere Male kräftig und voll ausatmen. Darum predigt man auch in neuerer Zeit, daß es für die (Befummelt nicht allein wichtig [ei, ordentlich und tief ein-, fondern auch ebenso gründlich und tief auszuatmen.
Ob ein Mensch häusig lacht, hängt vor allem von seiner individuellen Veranlagung und von seinem Temperament ab. Ein Sanguiniker nimmt jeden Anlaß zum Lachen wahr, der Phlegmatiker muß erst tüchtig gekitzelt werden, bis er sich zu einem herzhaften Lachen bereitfmbet, roobei bas Kitzeln biirchaus nicht körperlich gemeint >st. Es gibt phyfiognomische Merkmale, bie burch häufiges Lachen und Lächeln entstehen und sich im Gesicht eingraben. Wenn sich in den Mundwinkeln weder eine mimische noch eine phyfiognomische Spannung geltend macht, so erscheint die Mundlinie wellenförmig gefdjroungen. Bei Menschen aber, die viel und gern lachen, macht sich die phyfiognomische Spannung der Lachmuskeln dadurch bemerkbar, daß die Mundwinkel etwas höher stehen als gewöhnlich, Dabei erscheint die Mundlinie geradlinig, während die Mundfalten starke Ausprägung zeigen. Als besonders charakteristisches Merkmal häufigen Lachens gelten die sogenannten „HahnenpfötchenF kleine, neben den äußeren Augenwinkeln liegende Hautfältchen.
Das erzwungene Lachen, das man fo oft hört, wenn einer, der einen Win erzählt, die Pointe hilflos unter den Tisch fallen läßt, kann auch der'Laie an dem Ton erkennen. Aber auch für das gezwungene Lächeln, das im rechten Augenblick zu erkennen oft sehr nützlich fein kann, gibt es ein untrügliches Merkmal, das hier verraten werden fall:
Wenn einer innerlich Zweifel hegt, ob er lachen soll oder nicht, und dann aus irgendeinem Grund es für bester hält, zu lächeln, obgleich ihm gar nicht zum Lachen ober zum Lächeln ist, bann verzieht er nur einen Mundwinkel. Allerdings fei hinzugefügt, daß manche Menfck^n beim Lachen ober natürlichen Lächeln den einen Mundwinkel starker verziehen als den anderen, weil sie an Gefichtsneuralgie leiden oder wett bei ihnen die Mundmuskeln der einen Seite kräftiger entwickelt sind. Fast niemals gleicht nämlich die eine Körperhälfte der anderen völlig.
Es gibt übrigens eine primitive Form des Lachens, die fast mit absoluter Gewißheit ein geistiges Manko verrät und saft immer anzergk, daß in den betreffenden Individuen primitive Triebschichten so wenig unter der Herrschast des vernünftigen Wollens stehen, daß sie mehr oder weniger oft unbeherrscht in die Persönlichkeitsäuberungen einbrechen Das ist das G r i n s e n. Beim Idioten sinden wir es als Ausdruck des Wohlbehagens, ebenso bei primitiven Menschen, wenn sie sich der reinsten und ungetrübtesten aller Freuden, nämlich der Schadenfreude hingeben. Bei Kindern und Jugendlichen mag das Grinsen als vulgäre Aeuherung hm- genommen werden, bei Erwachsenen wird es in der Regel zu einem geistigen Armutszeugnis.
Anders muß das Schmunzeln bewertet werden. Hier halt man als bewußte Gegenbewegung gegen das sich aufdrängende Lachen den Mund fast krampfhast geschlossen. Durch das Schmunzeln drückt man ein verschwiegenes Wissen, den Vorbehalt einer eigenen Meinung aus. Es ist also im Gegensatz zum Grinsen oder zum verzerrten Lachen eine Ausdruckssorm von Niveau. Im verzerrten Lachen liegt eine Wertnega- Hon, eine Ablehnung der Wertanerkennung, die der Partner zu beanspruchen glaubt, im 'Schmunzeln fehlt, wie Dr. Lerf ch einmal hübsch präzisierte, dieses Moment der Wertanerkennung. Verneint wird hier nur die Berettschast zur sprachlichen Verständigung und Bezugnahme.
Jeder weiß, daß das Lachen nicht selten auch in gewaltsamer und erkünstelter Weise dazu angewandt wird, um irgendeinen anderen Seelenzustand, z. B. Zorn, Scham, ober Schüchternheit zu verbergen. Auch pflegt man beim Lachen ähnlich wie bei anstrengendem Husten oder Sßürgen oft Tränen zu vergießen. Davon rührt ja die Redewendung her: „Ich habe Tränen gelacht!" Infolge des mechanischen Druckes, den bie bei heftigem Gelächter krampfartig zusammengezogenen Augenschließmuskeln aus bie Tränendrüsen ausüben, werden nämlich diese nicht nur aus-


