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Beraniwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brübl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
Seine Mutter wird nie vergessen, daß Elli ihn auch noch In diesen Geschichten bestärkt: er soll sich eine ehrbare Anstellung suchen, oder wenn er keine findet, schlimm genug, so kann er ja in ihrem Kramladen saure Heringe verkaufen,
Mutter Wagenschanz seht umständlich und zürnend ihren mit schwarzen Kirschen und Flitterplüttchen geschmückten Kapotthut auf und geht würdig in die Kirche, Alsbald sitzt Elli an der Maschine und schreibt, ihre armen Fingernägel zeigen an den Kanten schon ganz abgeschlifsene Stellen, In der Nacht machte Anton die zweihundertachtzigste Tube Erotikon fertig und der Konditor Fabisch halb ihm dabei. Am Tage arbeitet der ,unge Gambel manchmal noch mit und läßt sich zu Besorgungen herumschicken, aber die drei andern haben sich schon in die Büsche geschlagen, weil Doktor Wagenschanz ihnen nur zwei Mark für den Tag bezahlen kann, und das Arbeitsamt dars nichts davon wissen! Sie erklärten, nun hatten sie mal fürs erste genug gearbeitet, der Mensch sei kein Vieh.
Die Schachteln liegen fertig da, aber die Anschristen und die Briese fehlen. Darum sitzt Elli hier und schreibt sich die Finger krumm, immer genau denselben Worllaut, nur die Anrede wechselt dauernd, jede Kundin soll ganz persönlich begrüßt werden. Elli bekam noch keinen Lohn und nicht mal einen Dank. Sie ist traurig, Anton Wagenschanz denkt wohl nur noch an seine Schönheitskreme. Aber Elli liebt ihn doch, nicht wahr? Also los, hopp!
Er selbst, Anton, begibt sich ausatmend auf seinen Sonntagmorgenspaziergang, Lust schnappen nach dieser tollen Woche. Er wandert eine Stunde über Acker und Wiesen, er sieht die silbernen Schleier nicht, die ein trügerischer Vorfrühling durch die Luft zieht, vor seinem abgekehrten Blick haben die Kätzchen gelb geflaggt über den morschen Gemäuern. Er rechnet und denkt in Formeln und plant schon ganz andere Dinge als die Kreme Erotikon. Man kann alles!
Er weiß es selbst nicht, wie er dorthin kam, er steht vor der Farbenfabrik, zieht einen altmodisch großen Schlüssel aus der Tasche und geht hinein. Es ist ein kahles, getünchtes Zimmer, dessen Mörtelwände vom Staub geschwärzt sind. Ein starker Geruch nach Veilchen erfüllt den Raum. Die Zinntuben liegen zu Hunderten aufgestapelt, mit schönen Etiketten beklebt, die eine auffallend häßliche Matrone „vor Gebrauch" zeigen und ein in der Jugendblüte strahlendes Geschöpf „nach Gebrauch". Dieser Haufen armseliger Zinntuben hier entstand förmlich aus einem Nichts, und das grenzt doch ans Wunderbare! Anton sucht sich einen Lappen und wischt eine Tube nach der andern mit verliebten Händen sauber, Hunderte, und stundenlang, bevor er wieder heimkehrt.
„Elli hat sich hinlegen müssen", erklärt Fräulein Reubold, die Sonntags meist bei der Witwe Wagenschanz zu Mittag ißt, „hörten Sie nicht bis vier oder fünf in der Frühe ihre Maschine klappern?"
„Ist sie denn fertig?"
„Fertig wohl. Aber nicht mit Ihren Briefen."
In der Küche rasselt die Mutter mit den Töpfen. Anton hört den Bericht ohne besondere Gewissensbisse, doch mit ehrlichem Bedauern: ob er von Elli zuviel verlangte? Der kleine Raum, den die breiten Möbel erdrücken, macht die Menschen aussehen wie Riesen. Diese Rosemarie ist immer so steil im Genick, und wenn sie mit Anton redet, zieht sie die Stirn hoch. Der zierliche Körper steht aus überhohen Beinen. Sehr vollkommenen Beinen. „Möchten Sie vielleicht", bittet Anton schüchtern, „möchten Sie mit mir einen Bummel auf unsre Ausstellung machen? Oder müssest Sie irgendwo Klavier spielen?"
„Nein —" Sie zögert mit unfrohen Lippen. Mit Doktor Wagenschanz ging noch kein Mädchen aus, nicht einmal der Gedanke wäre ihr gekommen, daß man überhaupt mit ihm ausgehen könnte. Er trägt heute seinen einzigen guten Anzug, den die Mutter strenge für ihn schont, blaues Kammgarn, das man gut mit Cheviot verwechseln kann.
Es ist nicht sehr schön von Anton, denn diese Einladung dachte er einer andern zu, schon die ganze Woche freut sich Elli daraus: zur Ausstellung, o ja, endlich 'mal 'raus, nach dem Winter, Kaffee trinken und Kuchen essen und ein hübsches Kleidchen tragen! Ader da schläft sie nun am Hellen Mittag vor Uebermübung, und wenn sie auswacht, muß sie wieder arbeiten.
Nach dem Essen wartet Anton, bis seine Mutter im Lehnstuhl eingenickt ist: die Zeitung ist ihr vom Schoß gerutscht, die Brille mit den kleinen altmodischen Gläsern hängt ihr auf der häßlichen Nase. Niemand paßt auf. Rosemarie empfindet es bedrückend, wie man sich fortschleicht. ,Wie komme ich denn bloß dazu, mit diesem Mann auszugehen?' denkt sie immerfort.
Rosemarie befindet sich heute in einer milden Betäubung, und während sie mit Doktor Wagenschanz dahingeht, legt sie oft den Kopf in den Nacken, schließt für ein paar Schritte die Augen und fühlt die Wärme unter ihre Haut strahlen.
lieber den feuchten, zertretenen Fußballwiosen zwischen den großen Baulücken am Rande der Stadt toben nackte Knie, und die Radsahrer- uereine haben schon am frühesten Morgen die Landstraße aufgesucht. Früher spielte Rosemarie Tennis, und sie steuerte einen Wagen, das ist bemal) vergessen. Anton deutet über den Sportplatz: „Bleibt man unter Seinesgleichen, bann steht an jeder Ecke ein Freund, man grüßt jeden und unternimmt mit jedem etwas. Ich bin früher in einem Fußballklub gewesen. Aber ich glaube, weil meine Mutter bas nicht wollte, hat sie mich ftubieren lassen."
„Ich habe mich nie mit jebem angefreunbet", erroiberte bas Mädchen, „ich lebte viel zu sehr in meiner Musik. Was soll man mit Leuten reden, die sich nur um alltägliche Sache kümmern, und die Herren streiten ewig über Politik. Man bleibt bann immer allein. Manche behaupten, das sei sogar ein Vorteil."
„Vielleicht wenn man alt ist, Fräulein Rosemarie."
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Aus dem blank gewachsten Linoleum wanderk Schönlein Immer auf und ab und empfindet sich außerhalb des Lebens, das unmittelbar vor einem Fenster auf der noch unbelaubten Lindenallee hin und her spaziert. Er brachte sich einen Band Verse mit, es sind Liebesgedichte, getrieben von einer Frau. Die Verse hingen so einfach hingesagt, nur aus dem tiefen Gefühl, und Schönlein meint, jetzt müsse auch er Verse chreiben können, am Gefühl jedenfalls mangelt es kaum.
Schließlich klingelt er und bittet die Sekretärin, ihm im Restaurant der Ausstellung eine Portion Kaffee zu bestellen. Das Fräulein bringt ihm selber das Gewünschte, für die unerwartete Gefälligkeit bedankt er ich etwas unwirsch.
„Das ist doch nicht Ihre Sache, Fräulein Aschenbrenner." Oh, aber bitte, Herr Schönlein, es fei nicht der Rede wert. „Wenn Sie noch eine Tasse auftreiben sollten, so leisten Sie mir Gesellschaft." Die Augen der gescheiten alten Jungfer blinken entzückt. Mein Gott, keine Schönheit geradezu, aber Peter fühlt sich unerträglich allein.
Eine Tasse treibt sie im Handumdrehen auf, als Schönlein diese vorschnelle Einladung auch schon bedauert. Aber was kann die Dame dafür, daß sie eine spitze und reizlose Nase besitzt? Also überbietet er sich in einer Höflichkeit, die ihm nicht aus dem Herzen kommt. „Wir wollen noch etwas Kuchen besorgen." O nein, auf keinen Fall, Herr Schönlein, ihretwegen solle er sich doch nicht in Unkosten stürzen. „UnkostenI Also was ziehen Sie vor, Torte oder Kuchen?" Nichts, Fräulein Aschenbrenner mag weder Süßigkeiten noch Backwerk. „Vollkommen unglaubwürdig! Also: Nußtorte oder Apfeltorte mit Schlagsahne?"
Sie gibt sich geschlagen: „Apfettorte mit Schlagsahne!" Schönlein eilt selber hinüber, erkämpft an der Theke des Eafss inmitten eiliger Kellner feinen Tortenteller und bestellt noch eine zweite Portion Kaffee. Auf dem Wege zurück windet er sich zwischen den Stühlen und den vollbesetzten Tischen hindurch und grüßt seine Bekannten, Klienten sind darunter, als Anwalt kennt er die halbe Stadt. Nicht weit entfernt bemerkt fein flüchtiger Wick ein Knie von vollkommener Schönheit, dazu eine untadelige, nachlässige Haltung, aber der etwas verschlissene Stofs des braunen billigen Mäntelchens will nicht dazu paffen: Rosemarie Reubold, die Freundin Lisas. Neben ihr hat Doktor Wagenschanz Platz genommen. Die beiden bemerken ihn nicht. Stnton reicht dem Mädchen einige kleine Photographien aus seiner Faltbootzeit, nette Bilderchen mit Zelt und Ufergras und mit Raft im hohen Schilf ruhender Gewässer. Schon ist der Anwalt vorüber, er weiß nicht recht, was er davon denken soll. Neulich faß sie den ganzen Abend an seinem Flügel, dort wartete sie doch wohl auf ihn?
Jetzt durchquert Schönlein in der Allee wieder den Strom der Spaziergänger, wo die Tombolamädchen in ihren kurzen schwarzen Röcken und den weißen Häubchen mit lauten Stimmen ihre Lose anpreisen. „Nieten gefällig, Nieten?" sollten sie lieber rufen!
Das Fräulein Aschenbrenner mit der spitzen Nase hat sicher und mit Recht gehofft, nun werde Schönlein freundlich mit ihr plaudern, weiß der Himmel, was sie sich vielleicht schon für Gedanken gemacht hat, man raunt etwas von Schönleins Frau. Peter fitzt rauchend in feinem Schreibtischsessel, während ein weihbeschärzter Kellner aus dem Restaurant noch eine Portion Kaffee aufbaut, die Sekretärin steht in ihrem Seidenkleid verlegen wartend beifeite, des Kellners schneller Mick umkreist sie beide, und spätestens morgen wird die allgemeine Aufregung über Schönleins Seelennöte um ein neues wunderliches Histörchen bereichert sein.
Dies Kaffestündchen verwandelt sich in eine ziemlich froftige Angelegenheit: es ist doch üblich, daß man auf seinem Stuhl sitzen bleibt, wenn man einen Gast hat, der Anwalt Schönlein springt aber immerfort auf und wirst einen Blick aus dem Fenster, aus die Allee hinunter, dann macht er ein paar große ungeduldige Schritte quer durch die Stube und setzt sich wieder, um ein paar inquisitorische Fragen zu stellen: wie lange sind Sie schon im Berus, oder wo sind Sie geboren, haben Sie hier Angehörige? Unter diesen Umständen schmeckt auch die schönste Apfeltorte mit Schlagsahne nicht, und die arme Spitznase ist dem Weinen nahe, da sie sich auch nicht zu entfernen wagt. Jetzt geschieht das Unglaubliche, Schönlein bleibt am Fenster stehen, er stellt sich möglichst so verborgen an die Fensterecke, daß man ihn von unten nicht bemerken kann.
Ja, das hat er nun davon, daß er sich um Rosemarie in den vergangenen Wochen nicht gekümmert hat, sie steht mit Doktor Wagenschanz vor dem Cafe, es kommt ein Windstoß, sie hält ihren flatternden Mantel zusammen. Was fangen wir jetzt an, scheint er zu fragen. Jetzt wallen wir uns einmal die Stände ansehenl Ach was, die Stände mit ihrem Haushaltskram, bummeln wir lieber noch ein bißchen, Fräulein Reubold, sehen Sie hier, die Sträucher in den Anlagen haben schon richtige grüne Spitzen, übermorgen ist der Frühling da! — Schließlich gehen sie die Stufen hinunter.
Schönlein in feinem Ausguck rührt sich nicht. Er kann eine ganz schüchterne Bewegung erkennen, wie Anton Wagenfchanz den Versuch unternimmt, bei Rosemarie einzuhängen, aber sie zuckt ein wenig mit Kopf und Arm und duldet es nicht. Aber der Gott, der Bud und Mädchen schuf, fegt einen neuen Windstoß daher und wirbelt wohl ein Dutzend Lose vom Tablett eines dieser Tombolamädchen, die grünen Briefe mit ihrem wertlosen Inhalt hüpsen die Allee hinab, als ob sie lebendig geworden feien. Da rennen die Leute und springen, obwohl sie eben noch nichts von den Losen wissen wollten, auch dicht vor Rosemarie wirbelt ein Losbrief vorbei, Doktor Wagenschanz versucht mit dem Fuß darauf zu treten, sie büden sich gleichzeitig und stoßen dabei tüchtig mit den Köpfen zusammen, schon schwenkt Anton siegreich den erwischten Zettel und überreicht ihn gefällig seiner Begleiterin. Rosemarie lacht und wehrt ab, und das Vorspiel ziert sich noch ein wenig weiter, bis sie lächelnd dankt und einen ihrer schönsten Blicke auf ihn abschießt. Ganz kurz und mit Kraft preßt Anton ihre Schulter, wirklich nur ganz kurz, aber Schönlein sah es genau, und endlich eingehängt gehen die beiden als ehrliche Leute zu der jammernd herumlausenden Verkäuferin.
(Fortsetzung folgt.)


