Wismar jeden tief gefangen nimmt. Alle Hansestädte verdanken ihr Gedeihen der Volksgemeinschaft-, nur Wismar sah einen Herzog in seinen Mauern, das Schloß erinnert daran. Wenig bekannt ist übrigens, daß Schweden, dem Wismar 1648 bis 1803 gehörte, erst 1903 auf sein Rück- kaussrecht verzichtet hat.
Mitten in der Gegenwart steht R o st o ck, der Geburtsort des Fürsten Blücher, gleichfalls mit feinen Kirchen, Toren, Bürgerhäusern, Back- stcingiebeln und Befestigungsanlagen wohlerhalten — mittelalterlich und doch eine lebhafte moderne Wohn-, Durchgangs- und Kongreßstadt. Vier Kirchtürme zählt Rostock sogar, alle anderen Hansestädte haben nur drei, außer Lübecks sieben. Sonst jedoch steht Rostock mit seinen sieben Wahrzeichen unter dem Szepter der Sieben: es sind die sieben Türme der Marienkirche, die sieben Straßen am Markt, sieben Stadttore, sieben Uferbrücken, sieben Rathaustürme, seine sieben Glocken und die sieben Linden im Rosengarten.
Stiller wieder, in der Landschaft Caspar David Friedrichs, ist Greifswald, mit der aus Rostock entstandenen Universität (Preußens ältester alma water und der größten Grundbesitzerin unter allen deutschen Hochschulen) und seinen ländlich-derben Kirchen, dem „Langen Nikolaus" und der „Dicken Marie", in deren Schatten sich so gut der in den Landessarben glänzende „Pommersche" trinken läßt, eine „Gryp- ser" Spezialität: Mischung von rotem Brandy und weißem Korn.
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Dazwischen liegt Stralsund, dessen Gestalt so merkwürdig ist wie die ganze, noch immer trotz des Rügen-Verkehrs viel zu wenig besuchte Stadt: dreieckig, dreiseitig vom Wasser umschlossen, an den drei Ecken durch Dämme mit dem Festland verbunden. Dieses Stralsund, das W a l l e n ft e t n zu nehmen sich vergeblich verschwor, „und wenn es mit Ketten an den Himmel geschmiedet wäre", funkelt von Farben und Formen. Dunkelrot leuchten die Backsteintürme, grün ihre kupfernen Helme, und die Häuserfronten der Straßen springen unruhig vor und zurück. Stralsunds Alter Markt mit der prunkvoll-zierlichen, lichtdurchbrochenen Schauwand des gotischen Rathauses vor der gleichaltrigen Rikolaikirche ist einer der eigenartigsten, der Remker des Katharinen- Klosters (zugleich Museum mit dem berühmten Wikinger-Goldfchinuck) einer der besterhaltenen Jnnenräume deutscher Backsteingotik, der Räucher- Iboden des Johannisklosters eine der sonderbarsten Wohnungen Deutschlands, die Stelle in der Fahrstraße, auf der Schill 1809 siel, das schlichteste deutsche Denkmal. Was aber sind diese und noch viele andere Merkwürdigkeiten gegen den Anblick der Stadt vom heimkehrenden Rügen- oder Hiddensee-Dampfer aus!
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Stettin, die Hauptstadt von Pommern, ist heute der größte deutsche Ostseehafen und mit seinem Reiherwerderhafen für Massengut der vollkommenste uni) modernste in Europa überhaupt, ebenso hat der jüngste Knischupppen als Umschlags- und Lagerhaus an Fassungskraft und Aufteilung in Europa nicht seinesgleichen: es kann den Güterinhalt von nicht weniger als 4000 Eisenbahnwagen aufnehmen. Immer von neuem ist der Blick über das bunte Getriebe des Hafens ein gewaltiger Eindruck, ob man ihn am Bollwerk genießt, während einer Rundfahrt oder von der Hakenterrasse aus, einer der großartigsten Terrassen-Anlagen Deutschlands: unmittelbar am Wasser gelegen, aus Festungswällen entstanden, grün bewachsen und durch monumentale offizielle Gebäude gekrönt. Stettin ist aber nicht nur eine moderne Verkehrs-, Handels- und Industriestadt, wie man es sich gemeinhin vorstellt. Als ehemalige Hansestadt hat es sich mancherlei Sehenswürdigkeiten aus feiner langen Vergangenheit bewahrt: das Schloß der ehemaligen pommerfchen Herzöge, das barocke Königs- und Berliner Tor, das Denkmal Friedrichs des Großen von Schadow und eine Kuriosität ersten Ranges, nämlich in bet' alten und hohen Jacobikirche auf dem schön geschlossenen Roßmarkt des in einen Pfeiler neben der Orgel eingemauerte Herz des Lieder- komponiften Carl Löwe, das in einer goldenen Kapsel ruht. Schmucke Dampfer vermitteln bon der Hakenterrasse aus den Verkehr mit dem eleganten Swinemünde, Deutschlands größtem Seebad, und den übrigen Bädern auf Usedom und Wollin.
Danzig und Königsberg am Ostrande der deutschen Ostsee — das ist eine Welt für sich. Danzig, ein altes deutsches Stadtbild von fast beispielloser Reinheit, besitzt in seiner Marienkirche den mächtigsten Bau der deutschen Backstein-Gotik und die fünftgrößte Kirche der Welt, im Roten Saal des Rathauses — neben denen in Bremen und Augsburg — den hervorragendsten Saalbau dieser Zeit. Das Krantor, die Glockenspiele, Patrizierhäuser und Gassen mit ihren „Beischlägen" — in die Straße vorspringenden, kleinen Terrassen — sind einige der vielen Charakteristika Danzigs. Es ist Geburtsstadt des Philosophen Schopenhauer, wie Königsberg die Kants, H a m a n n s, E. T. A. Hoffmanns. Das Königsberger Hochmeifterfchloh und die Krönungskirche der preußischen Könige, der monumentale Dorn mit seinen Grabstätten, die Alte Universität, an der jener große Weise lehrte, das umfangreichste deutsche Freilichtmuseum im Tiergarten, das weltberühmte Bern- ftein-Museum des „Goldes vom Samland", der moderne Ostseehafen mit den größten Silos des Kontinents, nicht zuletzt das „Blutgericht" (die originelle Weinstube im Schloßkeller), ein Gegenstück zum Danziger „Lachs" — das alles hält jeden Reisenden für einige Tage in der nordöstlichen Großstadt des Deutschen Reiches fest, der auf dem Wege ist nach dem Roulette- und Opem-Spielplatz Zoppot, der Marienburg, Ma- surens 3000 Seen, nach dem vom Mutterland getrennten Memel, ober nach der Urweltlanbschaft der K u r i s ch e n N e h r u n g mit ben wusten- nrtigen größten Wanderdünen ber Erbe, ben Vogelzügen unb Elchen. Der „Seebienft Ostpreußens" bezieht in biefem Jahre auch noch Lübeck unb als Zwischenhäfen Warnemünbe sowie Binz auf Rügen ein, unb fo ist auf nicht weniger als elf Hanseaten-Fahrten Gelegenheit gegeben, in 36ftünbiger genußreicher Seereise bie beutschen Oftfeeftäbte zwischen Travemünbe unb Pillau an sich^vorüberziehen zu lassen.
Der Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Länger als bis zehn darf Rosemarie wohl nicht gut hier am Flügel sitzen bleiben. Aber Lisa war immerhin ihre nächste Freundin. Also bleibt sie bis elf und genießt die vier Feierstunden. In diesen vier Stunden verwandelt sich der Schmerz in eine Wohltat, er spannt sich regenbogenfarben über der Alltäglichkeit, mit jedem Ton tropft ein wenig Zuversicht in ihr Herz, und in hunderttausend Tropfen Zuversicht ertrinkt endlich die Klage. Rosemarie wird ihre Scheu überwinden und zu den einflußreichen Damen der Stadt gehen, die ihr einen Klavierabend ermöglichen sollen. Das geschähe sogar durchaus nicht zum erstenmal, Peter Schönlein mußte für feine Frau viele Beziehungen ausnutzen, in allen Wahltätigkeitskon- zerten sang sie, bei vielen Klrchenfesten klang ihre gefangene Stimme durch den feierlichen Raum. Rosemarie durfte ihre Freundin immerhin auf dem Flügel begleiten, sie hörte Lisa fingen und fragte sich, ob die Leute eigentlich taub seien. Spürten sie nicht dies innerliche Zerbersten, die Gewalt einer Sehnsucht, die sich sreisingen will? Und schließlich, im vorigen Winter, saß jemand unter ben Zuhörern, ein kleiner Theaterdirektor aus dem deutschen Süden, der auf ber Vorüberfahrt Verwanbte besuchte.
Da Lisa nun fort ist, fo könnte man Peter fragen, ob er seine Beziehungen nicht für ein Wohltätigkeitskonzerck anspannen kann, ein Vor- roanb für alle Beteiligten, für bie Damen, bie sick wichtig und großmütig vorkommen, für Rosemarie, der es nur darum geht, vor einer Schar möglichst fachkundiger Zuhörer öffentlich zu spielen, — aber welcher Vorwand für Peter?
Diese vier klingenden Stunden hätten ein gewählteres Publikum verdient als das Ehepaar Gruber von der Einhornapotheke im Erdgeschoß. Die beiden alten Leute sitzen dick und gutmütig in ihren geflochtenen Korbsesseln und die Frau Apotheker lehnt ihre hochtupierte Frisur an das aufgehängte Kiffen mit der Stickerei „Ruhe sanft". „Was spielt sie denn jetzt, Vater?"
„Natürlich Beethoven", sagt der Apotheker hinter der Zeitung hervor.
Sie spielt aber eine Suite von Dvorak. „Wenn es feine Frau ist, spielt sie ja recht schön. Aber wenn sie es nicht ist, ist es unerhört.
Doch gegen elf wird es den beiden Alten genug mit der Soiree, und ein Besen pocht laut an bie Decke. Rosemaries Finger bleiben erstarrt in ber Luft hängen, sie schließt eilig ben Flügel unb schleicht sich schulbbewuht davon. Aber im Flur sieht sie Schönleins Mappe liegen, er ist also dage- mesen und wieder weggegangen, als er sie hörte.
Das ist deutlich.
Noch deutlicher wird es, als sie ihm am nächsten Abend in der Nahe der Pianofortefabrik begegnet. „Ich war gestern — ich habe mir gedacht — ich spielte gern —" Peters Gesicht hallt sich nicht auf, er kneift die dünnen Lippen zusammen und sagt weder etwas dafür noch etwas dagegen. Von ihm gibt es keine einzige Photographie, die ihm geglichen hätte, an jedem Tag sieht er anders aus als am vorigen.
„Hat Lisa geschrieben?"
„Ja. Sie hat geschrieben. Täglich."
Verlegenheit wirft sie ins Bodenlose. Ihr fallender Blick trifft zur Seite auf bie gelben Narzifsenbüsche einer kleinen Blumenhandlung. „Es wird Frühling", quält sie hervor und versucht zu lächeln. Aber aus Schönleins sonst immer aufmerksamer Miene wich jede Gefälligkeit.
„Leben die Kosmetischen Werke des Herrn Doktor Wagenschanz noch?" skandiert der Anwalt.
„Ich weih nicht recht. Er hat Hunderte von Bestellungen auf seine Schwindelanzeige erhalten und ist in eine Farbenfabrik umgezogen, wo er seine Tuben füllt."
, Bestellen Sie ihm, er möge sich mit der Gewerbepolizei in Verbindung setzen, sonst mache er sich strafbar." Damit reichte Peter Schönlein ihr eine Hand ohne Druck, lüftet ein wenig den Hut und geht, seine Mappe unter den Arm klemmend, davon.
Es ist plötzlich schauderhaft kalt. ♦
Am Sonntag steht die Witwe Wagenschanz genau so früh auf wie immer, aber dann weiß sie nicht recht, was sie bis zur Kirchzeit tun soll, und sitzt beinah fertig angekleidet stundenlang hinter ihrer Tasse, das Kind in der Hand und die Ellenbogen auf die faserige, zu oft gewaschene Tischplatte gestemmt, eine alte, alleinstehende Frau. Das Haus bleibt totenstill, als hätten die drei jungen Leute, die es mit der Alten bewohnen, sich gegen sie verschworen. Im oberen Stockwerk raffelt ein Wecker, und wieder nach einiger Zeit erscheint Elli, taumelnd vor Schlafsucht und so unfrisch, wie man sie nie gesehen.
Frau Wagenschanz muß neuerdings auch für Elli kochen, weil bie Stenotypistin nur noch für Anton arbeitet. Die Alte fdjneibet ihr ein schiefes Gesicht. Seit zwei Jahren lebt Elli in diesem engen Hause, in bem ein jeber bie Sorgen bes andern teilt unb bis zum Ueberbruß kennt. Seit einem Jahr hat sie keine Stellung mehr gefunben, sie müßte also ganz arm [ein, vollkommen mittellos, einziger Besitz eine gebrauchte Nähmaschine älteren Fabrikats. Aber es geschehen biese stürmischen Auftritte zwischen ber Alten unb ihrem Sohn, Anton bettelte um nur etwas Geld unb bot seiner Mutter ein Näpfchen mit ber neuen Wunbersalbe an. Da müssen Lieferanten bezahlt werben, viel fehlt, unb manches muß angeschafft werben. Seine Mutter schmierte sich über Nacht die alten Runzeln ein, unb als ihr Gesicht am nächsten Tage noch genau fo borkig wie zuvor aus bem Spiegel grinste, erklärte sie bas Zeug für einen aufgelegten Schwinbel unb gab keinen Heller bafür aus. Da kam Elli in bie Küche unb sagte so obenhin: „Sie können von mir breihunberk Mark bekommen, Doktorchen, soviel hab' ich nämlich noch auf der Sparkasse."


