Ausgabe 
7.8.1933
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Montag, den 7. August

Nummer 60

phidile.

Von Matthias Claudius.

Ich war erst sechzehn Sommer alt, Unschuldig und nichts weiter Und kannte nichts als unfern Wald, Als Blumen, Gras und Kräuter.

Da kam ein fremder Jüngling her;

Ich hatt ihn nicht verschrieben Und wußte nicht wohin, woher: Der kam und sprach vom Lieben.

Er hatte schönes langes Haar

Um seinen Nacken wehen;

Und einen Nacken, als das war, Hab ich noch nie gesehen.

Sein Auge, himmelblau und klar!

Schien freundlich was zu flehen;

So blau und freundlich, als das war, Hab ich noch keins gesehen.

Und sein Gesicht wie Milch und Blut!

Ich hab's nie so gesehen;

' Auch was er sagte war sehr gut, Ich konnt's nur nicht verstehen.

Er ging mir allenthalben nach, Und drückte mir die Hände, Und sagte immer o und ach, Und küßte sie behende.

Ich sah ihn einmal freundlich an,

Und fragte, was er meinte;

Da siel der junge schöne Mann Mir um den Hals und meinte.

Das hatte niemand noch getan;

Doch war's mir nicht zuwider. Und meine beiden Augen sah'n In meinen Busen nieder.

Und sagt ihm nicht ein einzig Wort,

Als ob idjs übelnähme.

Kein einzigs, und er flöhe fort;

Wenn er doch wiederkämel

Oie Tante.

Von Mare Stahl.

Das kleine Fremdenzimmer auf dem Gut hieß das blaue Zimmer, weil die Rouleaus blau waren. Darauf war eine Jagd gemalt, Damen in lieifröcken zielten mit Bogen nach einem Hirsch, der mit blauen Beinen Md blauem Geweih über eine blaue Wiese flog. Eigentlich hätte das alles grün fein muffen, aber der Künstler, der die Malerei entworfen ) tte, war für blau gewesen, und, genau genommen, fand auch niemand eiwas dabei, bis auf Elisabeth.

Elisabeth war in den Jahren, wo man es für seine Pflicht hält, die Seit kritisch zu betrachten. Sie mokierte sich also mit ihren siebzehn Jahren ü er die blaue Jagd ebenso wie über die Tante Dorothea und den Datei Otto.

Die Hunde Pikas und Karo waren von ihrer Kritik ausgeschlossen, fit waren so selbstsicher in ihrem gelben, struppigen Hofhundsfell. Höch- tns daß der NamePikas" ihr zu denken gab, es war aber leicht fest- jtstellen, daß er einmal Pik-As gelautet hatte.

Tante war stattlich, mit schönem, hartem Gesicht. Sie stand oft hinter bin Tannen der Gartenmauer versteckt und blickte mit einem Feldstecher such der Chaussee hinüber, als warte sie aus jemand. Elisabeth beobachtete

Dom Baumgarten aus, dessen letzte Ecke eine Ulmenlaube trug, deren stutzte Häupter groteske Figuren bildeten, und sah, von der Tante un- kmertt, ebenfalls über das flache Land, aber nach der anderen Seite ki, denn etwa zehn Kilometer weiter begann die Grenze.

Das Gras im Baumgarten war hoch wie in der Steppe. Als Elisa- kch klein gewesen war, hatte sie sich darin verlaufen. Sie erinnerte sehr gut ihrer entsetzlichen Angst zwischen den hohen Gräsern, Sie ter ihr zusammenschlugen, sie war so klein darin wie ein Grashüpfer. fc'£ hatte geschrien, bis man sie sand.

Jedesmal, wenn Tante davon erzählte, fühlte sie sich beschämt und lächerlich gemacht, sie war noch nicht lange genug von der Kindheit entfernt, um selbst darüber zu lachen. Da war es schon besser, wenn Tante von Königsberg erzählte, wie sie dort als junges Mädchen bei Tante Hardank gelebt hatte. Immer, wenn Tanke davon erzählte, ver­sank sie gleich darauf in Nachdenken.

Hast du deine Mutter nicht gekannt?" fragte Elisabeth einmal.

Nein", sagte Tante Dorothea kurz, brach ab und sprach von etwas anderem.

Elisabeth hatte keine Zeit, über die Hintergründe von Tankes Ver­stummen nachzugrübeln. Die Zäune wurden frisch gepinselt, der Knecht Friedrich besserte das Boot aus, das halb versunken im Gartenteich stand, und die Hündin Mila bekam Junge, sechs gelbe, struppige Junge, lauter Pikasse", wie der Knecht Friedrich versicherte.

Elisabeth fand, daß Mila zu wenig Futter bekam. Sie ging in die Speisekammer, um etwas Futter für sie zurechtzumachen. Der Onkel war dort beschäftigt, sich zu einem Stück Brot mit Speck einen Kümmel einzugießen. Er erschrak, als er Elisabeth sah. Elisabeth lachte.Lache nicht so taut, sonst hört es Tante", bat er.

Aber Tante hatte es schon gehört. Sie maß beide mit bösen Augen. Du und die Leute", sagte sie zum Onkel,ihr freßt mir noch die Haare vom Kops." Sie ging und schlug die Tür zu.

Elisabeth stand betreten da. Der Onkel lächelte hilflos und ging auf [einen kurzen, dicken Seinen hinaus. Elisabeth war ganz entsetzt dar­über, daß ihre Tante so geizig war. Sie besann sich jetzt auf vielerlei ähnliche Züge. Die Tante begann in ihrer Achtung zu sinken.

Sie sah jetzt aufmerksam hin und begann die mürrischen Gesichter des Gesindes zu betrachten. Die Tante zankte ewig mit den Leuten und be­hauptete stets, man betröge sie. Jeden Abend gab es Pellkartoffeln und dazu Heringe, die die Tante eigenhändig aus der Tonne, die im Keller auf drei Ziegelsteinen stand, dem Mädchen in die Schüssel zählte.

Sie sah fort, wenn die Tante sie prüfend ansah. Sie hatte das Ge­fühl, ihre Abneigung müsse chr auf dem Gesicht geschrieben stehen.

*

Für wen spart Tante eigentlich?" fragte Elisabeth eines Tages den Onkel.Ihr habt doch keine Kinder?"

Für mich nicht und für dich auch nicht", sagte er.

Elisabeth ging verwirrt fort.

Eines Tages saß sie im blauen Zimmer, als sie im Saal, der daran stieß, die Tür der Vitrine klirren hörte. Sie sah durch den Türspalt, die Tante kniete vor dem Glasschränkchen und machte Ordnung zwischen den Nippes. Sie staubte alles sorgfältig ab, obwohl kaum ein Körnchen Staub durch die Glastüre gedrungen sein konnte, und stellte die Sächelchen voller Liebe in ihr sicheres Gehäuse zurück. Das Gesicht der Tante trug einen ganz anderen Ausdruck, als sie sonst an ihr zu sehen gewohnt war. Es war zärtlich und sanft. #

Eigentlich war es merkwürdig in dem Saal. Alle Möbel waren mit Schutzleinwand überzogen. Der große venezianische Kronleuchter hing unbeweglich in rosa Gaze gehüllt, über dem verhängten Mahagonitisch. Die schmalen, hohen Spiegel zwischen den Türen warfen das Bild der knienden Tante vervielfältigt zurück. Es lag etwas Unheimliches über dem Saal und seiner Bewohnerin. Der Kronleuchter sah unförmlich in dem leicht angelaufenen Spiegelglas aus, wie ein riesiger, eingemummter Schinken.

Elisabeth ging leise auf Zehenspitzen zu ihrem Platz zurück. Nach einer Weile kam die Tante herein. Ihr Gesicht trug immer noch den ver­änderten Ausdruck.

Liest du?" fragte sie. Elisabeth nickte. Sie hatte einige dicke Bände mit gebundenen illustrierten Zeitschriften vom Boden geholt.

Die Tante ging auf und ab, sie zupfte an den Rouleaus und brachte eine Schnur in Ordnung.

Ich weiß, du glaubst, daß ich geizig bin", sagte sie plötzlich,aber ich spare nicht für mich. Ich bin nur besorgt um andere. Für einen an­deren", verbesserte sie sich.

Elisabeth war rot geworden, weil die Tante fo unvermittelt ihren Verdacht aussprach. Aber die Tante sah nicht hin. Sie zupfte unentwegt an der verhedderten Schnur und tat, als ob das allein wichtig sei.

Ich betrachte das Gut nicht als mein Eigentum, obwohl es mir ge­hört", jagte sie,ich verwalte es nur."

Wie?" fragte Elisabeth erstaunt,ich dachte, du hast es mit eigenem Geld gekauft."

Wie man es nimmt", antwortete die Tante,also hör zu. Ich war sechzehn Jahre lang bei Tante Hardank. Ich war eine Waise und ganz auf Tante Hardank angewiesen. Ich kam mit sechzehn Jahren dort hin und blieb weitere sechzehn Jahre da war ich zweiunddreißig Jahre alt,