Macht haben sollte. Es wurde ihm nachgesagf, daß er durch magnet, che Kräfte Lähmungen und andere hoffnungslose Falle geheilt habe. Und fast über Nacht hatte er in dem Nest eine Berühmtheit erlangt, die natürlich der gesamten Llerzteschaft ein Dorn im Auge war. Besonders, da er fern Doktorexamen gemacht hatte und aus diesem Grunde unter den Praktikern ohnehin nicht für voll galt. Aber sie konnten ihm oorläusig nichts anhaben, und seine Praxis blühte derart weiter, daß er in kurzer Zeit ein kleines Haus befaß. Jetzt hätte sich auch unser Bater gerne mit ihm ausqesöhnt. Doch Casus blieb unzugänglich und wehrte jeden Annäherungsversuch ab. Als bald darauf der Bater starb, kam er nicht einmal zur Beerdigung. Aber er befriedigte aus eigenen Mitteln die Gläubiger des Verstorbenen und nahm mich zu sich in fein Haus. Ich verdanke ihm alles, was ich geworden bin ..
Caspar Fuchs lachte bitter auf.
„Auch, daß ich jetzt vor Ihnen fitze! Hätte Cajus seinen Einfluß auf mich anders angewandt, dann wäre vielleicht ein Spießbürger aus mir geworden! Aber wer weih, welchen Entwicklungsgang er selbst genommen hätte, wenn das Schicksal oder seine Veranlagung oder — wie soll man es nennen? — ihn nicht aus der bürgerlichen Sphäre vertrieben hätte .. .1 Soviel steht fest — er hatte die besten Absichten für meine Zukunft. Er hat, solange ihm die Mittel zur Verfügung standen, alles getan, um mir eine feste und gesicherte Lebensbasis zu schaffen. Auch noch späterhin. Er ließ mich das Gymnasium besuchen, und es galt als ausgemacht, daß ich nach dem Abitur Chemie studieren sollte. Meine schüchternen Versuche, seine Zustimmung dafür zu erwirken, daß ich die Kunstakademie besuchen dürfte, scheiterten an seinem brüsken Nein. Er wußte, daß ich Talent besaß, aber er erklärte, die Malerei fei kein vernünftiger Beruf und höchstens nebenher als Liebhaberei zu betreiben. Und ich wagte keinen Widerspruch. Es wäre mir niemals eingefallen, mich gegen Cajus aufzulehnen ... Die Konzession zur Ausübung seiner Praxis wurde ihm entzogen. Das Haus wurde verkauft, und wir verließen Elbing für immer. Fünf Jahre haben wir in Paris gelebt — in bescheidensten Verhältnissen. Mein Bruder machte allerhand kleine Gelegenheitsgeschäfte, mit denen er unseren Lebensunterhalt bestritt. Und nachts saß er hinter seinen Büchern. Er hat nie davon gesprochen — aber er muß furchtbar darunter gelitten haben, seinen Beruf, den er bis zur Besessenheit liebte, nicht mehr ausüben zu können. Je weiter er sich nach außen hin von diesem Beruf entfernte, der jein Lebenselement war, in dem er bestimmt einmal Bedeutendes erreicht hätte — umso mehr schritt seine innere Vereisung fort. Die ungeheure dynamische Kraft, die in ihm nach Betätigung drängte, sand kein Ventil mehr. Sie zerstörte feine Menschlichkeit bis auf den letzten Funken ..."
Der Angeklagte machte eine kurze Pause und streifte nachdenklich die Asche von seiner Zigarette.
Kling hob plötzlich den Kopf und überraschte Fuchs mit der Zwischenfrage:
„Und was ist eigentlich aus Ihrem Zeichentalent geworden, Herr Fuch? Wie es scheint, haben Sie doch nicht auf die Dauer auf jede künstlerische Tätigkeit verzichten können. Wenn auch nur im Nebenberuf?"
Fuchs gab sich sichtliche Mühe, die Ironie der Frage zu überhören. Nur ganz leicht zuckten seine Brauen, als er entgegnete:
„Zuerst habe ich damit angefangen, mir durch Postkartenzeichnen und kleine Kopien ein vescheidenes Taschengeld zu verdienen. Tagsüber arbeitete ich als Volonteur in einem chemischen Betrieb, denn Cajus wollte, nachdem er nicht mehr in der Lage war, mich auf eine Hochschule zu schicken, mich wenigstens praktisch etwas lernen lassen. Und an zwei Abenden der Woche besuchte ich zu meinem Privatvergnügen einen unengelt- lichen Zeichenkurs. Später bekam ich eine kleine Anstellung als Laborant in einer litographischen Anstalt in Berlin. Dieser Betrieb befaßte sich in der Hauptsache mit der Herstellung von Farbdrucken, Reproduktionen alter Meisterwerke nach einem besonderen Berfahren, das die antike Tönung täuschend wiedergab ..."
„Aha!" Kommissar Kling machte eine lebhafte Geste.
„Und das brachte Sie auf den Einfall, solche Nachahmungen selbst her- zustellen! Sie haben also mit Ihrem Antiquitätenhandel schon damals angefangen?"
„Auf '-armlose Art — ja! Das heißt, ich fand ein Vergnügen darin, auch die 'nen Heiligenbilder, die ich in meinen Freistunden nach alten (Bemälbenjür eine Engrossirma kopierte, zu antikisieren. Anfänglich war es reine 3-ielerei — die Freude am Experiment. Aber ich fand damit großen A 'lang bei meinen Auftraggebern und eignete mir mit der Zeit in dieser urftferttgteit eine derartige Vollkommenheit an, daß man die Bildchen -anchmal tatsächlich für echte hätte halten können."
„Und ?f-r Bruder — was sagte der dazu?"
„Er v-rsolgte meine Tätigkeit mit schweigsamem Interesse. Und einmal sagte er: „Wenn Du nicht ein so miserabler Kopist wärst, könntest Du mit diesem Talent ein reicher Mann werden ... Ich verstand ihn damals gar nicht -- ich deutete seine Worte eher als eine abfällige Kritik meiner Malerei. Denn ich war mir ja selbst bewußt, daß es damit nicht weit zu mähen und hinterher flüssig zu düngen.
her war. Daß meine Kopien nichts waren als dilettantische Klecksereien. Und sie wurden ja auch schlecht genug bezahlt! Da brachte mir Cajus eines Inges die ausgezeichnete Kopie eines Teniers. Wo er sie her hatte, weiß ich nickt m-hr, vermutlich hatte er irgendeinen Maler an der Hand, der sie nach e’rem Museumstück angefertigt hat."
„Ich wäre neugierig, wie eine wirklich gute Kopie mit deiner Patina wirkt", la-''-' er lachend. „Ich habe nämlich mit einem Bekannten gewettet, daß man sie von dem Original nicht unterscheiden kann. Also blamiere mich nich' " Urb ich habe mir benn auch mit biesem Bilde besondere Mühe gegeben, ging sogar an zwei Sonntagen ins Musee de Luxembourg, wo bas :,üna[ hing und prägte mir jeben Sprung, jede Unebenheit ber Leinwan^ ein, um eine bis ins kleinste getreue Nachahmung zustande zu bringen. n,<1?r ich kann beschwören, daß ich damals noch keine Ahnung von dem Zweck hatte, den Casus damit versolgte. Für mich war die
Sache nichts als ein Sport, der auf eine harmlose Art meinen Ehrgeiz befeuerte. Als die Arbeit fertig war, schlug mir Casus anerkennend auf die Schulter und rief: „Bravo, mein Junge, das ist die granbiofefte Fälschung, die ich je gesehen habe!" —
„Und dieser Ausspruch machte Sie gar nicht stutzig?"
„Nein — mit 19 Jahren ist man noch nicht so gerissen. Ich war sogar stolz auf das Lod meines großen Bruders, der noch immer, wie in der Kinderzeit, meine höchste Autorität war. Zwei Tage später legte mir Casus, als er spät in ber Nacht heimkehrte, einen Hundertfrankenschein auf die Bettdecke. Er war in ausgezeichneter Laune. „Da, mein Junge", sagte er in wohlwollendem Ton — das ist dein wohlverdienter Anteil an unserer Wette! Natürlich habe ich sie gewonnen ... ——
Nach jenem Abend erwähnte er das Bild mit keiner Silbe mehr. Und er verbot auch mir, zu irgend jemand davon zu sprechen. Aber es fiel mir doch auf, daß wir auf einmal anfingen, besser zu leben als bisher. Casus schenkte mir Wäsche und einen Wintermantel und lud mich zuweilen abends in ein Weinlokal ein. Da stieg in mir der Verdacht auf, daß er das Bild hinter meinem Rücken verkauft haben könnte. Aber sonst dachte ich mir nichts weiter dabei. Nicht im entferntesten vermutete ich irgend eine unlautere Handlung. Dazu war ich noch selbst viel zu ungefangen."
„Und wann kam Ihnen bann die Erleuchtung?"
„Erst drei Jahre später — wir waren inzwischen nach Berlin über- gesiedelt — da las ich in den Zeitungen von ber aussehenerregenben Fül- jchung eines Teniers, die man im Musee de Luxembourg entdeckt hatte. Das gefälschte Bild war auf unerklärliche Weife an Stelle des Originals in den Rahmen eingeschmuggelt worden und von dem echten Gemälde fast nicht zu unterscheiden. Niemand konnte sagen, wie lange es bereits in der Galerie hing, ohne daß irgend jemand den Betrug gemerkt hätte. Erst als es zum Zweck der Restaurierung aus dem Rahmen genommen wurde, hatte man die aufregende Entdeckung gemacht. Aber von den Fälschern war keine Spur mehr zu finden ..."
Fuchs machte abermals eine Pause. Und Kling fragte gedämpft: „Und dieser gefälschte Teniers war dieselbe Kopie, die Sie damals auf Anstiftung Ihres Bruders antikisiert Haden?" ...
Der Angeklagte nickte schwer:
„Ja — daran war nach ber Beschreibung des Bildes nicht mehr zu zweifeln. Und ich habe es Cajus damals auf den Kopf zugefagt, daß er diesen Schwindel inszeniert hat. Ich tobte vor Empörung. Aber es half ! mir nichts. Cajus blieb vollkommen ruhig und fah mir mit kaltem Hohn in die Augen:
| „Du Dummkopf", sagte er. „Hätte ich uns diese Chance vielleicht entgehen lassen sollen? Bei diesem Hundeleben, das wir damals führten!
( Nein — mein Junge — wenn einem das Wasser an der Gurgel steht, 1 kann man es sich nicht leisten, ein ehrlicher Kerl zu bleiben. Und wer | eine einträgliche Begabung hat, der soll sich nicht an harmlosen Spielereien verplempern — verstanden? Man muß feine Talente ausnützen — i jeder auf [eine Art." — Er lachte dabei in sich hinein, und in feinen . Augen war ein tückisches Funkeln, als lauere noch etwas anderes hinter i feinen Worten ... Mir lief es kalt den Rücken hinunter — ich wußte ! nicht, warum. Aber als ich den Versuch wagte, ihm ins Gewissen zu - reden und ihn zu bitten, mich nie wieder zu einer derartigen Sache zu : verleiten, da schrie er mich an: „Halt den Mund! Wenn du mich nicht ge= I habt hättest, wärst du schon lange erledigt! Und bas ist nun ber Dank dafür, baß man sich zehn Jahre mit dir abgefchleppt hat ...! Nein — ■ mein Brüderchen — so haben wir nicht gewettet! Ich habe keine Lust, \ mein Leden lang Dreck zu fressen! Ich will wieder hinauf — verstehst du? ! Und du wirst mir dabei helfen. Sonst sollst du mich kennen lernen!" ! Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich Angst vor ihm. Dunkel begriff ich, daß dieser Mensch zu allem fähig war — zu jeder Gemeinheit — ja, selbst zum Mord ... Ich erschrak vor diesem Abgrund menschlicher Gesinnung, ber sich da plötzlich vor mir auftat. Aber ich konnte mich nicht von ihm freimachen. Ich war ihm auf unerklärliche Weise Versalien. Ja — ich liebte ihn sogar immer noch. Mit derselben furchtsamen Hörigkeit, mit ber ich schon als Knabe an ihm gehangen hatte. Und dieses Gefühl i hat mich nie verlassen. Bis zuletzt — bis zu seinem Tode nicht. Ich finde ! keine Erklärung dafür. Aber ich hätte ihn niemals verraten, wenn er
noch am Leben wäre. Und wenn man mich geoierteilt hätte."
Caspar Fuchs senkte den Kopf. Seine Stimme war rauh geworden vor Erregung. Kommissar Kling wartete eine Weile, ob er nicht von selbst weitersprechen würde. Dann fragte er langsam und vorsichtig: „Und hat Ihr Bruder Sie dann im Laufe der Zeit noch zu weiteren Fälschungen Überredet?"
Fuchs mußte sich ein paarmal räuspern, bevor er antworten konnte: „Ja, noch öfters. Und ich wehrte mich auch bald nicht mehr dagegen. Er brachte mir zuweilen Bilder, die ich in seinem Auftrag „restaurierte", wie er es zu nennen pflgte, ohne daß ich mich darum kümmerte, wohin sie gingen ..."
„Und ber Gewinn? Den haben Sie boch gefeilt?“
„Nein — ich erhielt von meinem Stuber für jedes „restaurierte" Stück ein bestimmte Honorar für meine Arbeit. Zwei bis dreihundert Mark — nicht mehr."
„Und damit gaben Sie sich zufrieden, wo Sie ihn doch in ber Hand hatten?"
Kling lächelte ungläubig.
„Ja. Ich wollte gar nicht mehr baran verdienen. Ich hätte es vielleicht auch ohne Bezahlung getan. Einfach — aus Willenlosigkeit. Aber ich hatte i noch immer keinen auskömmlichen Verdienst. Und ich wollte wenigstens pekuniär nicht mehr von Casus abhängig sein ... Das ging so vier ober fünf Jahre ...! Dann tarn ber Krieg. Ich wurde eingezogen. In Flandern bin ich verschüttet worden und habe eine Nervenlähmung erlitten. Das da — er deutete auf fein eingesunkenes Augenlid, ist noch ein Andenken daran."
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: ^r. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Brüh l'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. L. Lange, ©iefieru


