Ausgabe 
7.7.1933
 
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Meinhard gab in seinemVersuch über den Charakter und die Werke der besten italienischen Dichter" einen dürren Auszug, und M a u v i l l o n, der sich an eine prosaische Uebersetzung wagte, behauptete, daß nicht England die Schule des guten Geschmacks sei, sondern Italien und daß die deutsche Dichtung niemals auf eine höhere Stufe gelangen werde, wenn sie nicht vonAriost, dem Einzigen" lerne. Bis zu einem gewissen Grade erwies sich diese Forderung als berechtigt. Schon war der Dich­ter erschienen, der zuerst im deutschen Geistesleben den vollen Zauber ariostischer Anmut und Süße erleben und in seine Dichtungen wenig­stens einen Abglanz dieses Lichtes hinüberretten sollte. Wieland war durch Meinhard aus diesen Liebling der Grazien aufmerksam geworden und fühlte sich ihm geistesverwandt. In den ersten Versromanen, in denen er die Vers- und Reimkunst des Meisters bewußt verwertet, in Jdris ubd Zenide" und demneuen Amadis", trifft er den Ton der melodiösen Plauderei, der ironischen Phantastik, der sinnlichen Anschau­ung, in dem Ariost unübertrefflich ist, aber dem Deutschen fehlt die Größe der Zeichnung, die Freiheit der Gestaltung, die harmonische Fülle des Renaissance-Poeten; er ist mehr witzelnd als witzig, mehr zierlich als zart, mehr frivol als natürlich. Wieland, der in feinen Strophen dem Wohllaut und der Vieltönigkeit des Ariostfchen Verses näher kam als irgendein anderer vor ihm, hielt doch feine getreue Uebersetzung nach vielen vergeblichen Versuchen für unmöglich. Doch vervollkommnete er an diesem Vorbild seine eigene Strophe immer mehr und nähert sich in der entzückenden, ungezwungenen Leichtigkeit desOberon" dem Stil des Italieners, wobei freilich ein niedliches Zöpfchen moralischer Rücksicht und hausbackener Gemütlichkeit nicht zu verbergen ist.

Wenn Wieland wesentliche Züge der Kunst Ariosts seinen Lands­leuten erschloß, so erwachte doch erst den Stürmern und Drängern das Gefühl für seine wahrhast antike Naturkraft und gesunde Leidenschaft. Bürger erblickte in seiner Muse die Tochter des Volkes, in seiner Kunst die Vollendung der nationalen Dichtung, und auch Heinfe pries ihn als Schöpfer des nationalen Heldengedichts.Wenn je ein Mensch zum Heldendichter geboren war", schwärmt er,und Zeit und Gelegenheit hatte, sich auszubilden: so war es gewiß Ariost. Welch ein Jahrhundert, worin er lebte!" Mag auch die Profa-Uebersetzung vomRoland dem Wüthenden", die er 1782/83 veröffentlichte, wegen des Verzichtes auf die unbedingt notwendige Form verfehlt fein, so hat derArdinghello"- Dichter in seinem glühenden Nacherleben doch vielfach die Farben und Akzente gesunden, die die deutsche Sprache für die Wiedergabe Ariosts biegsamer, reicher und geeigneter machten. Seine Begeiferung, die in Jugendwerken Klingers und Goethes nachklingt, erschloß den Besten den Zugang zu diesem Wunderreich.

Schiller schreibt einmal an Körner, daß er amRasenden Ro­land" sich berausche, um die Gegenwart zu vergessen, und Wilhelm von Humboldt stellt Ariost in seinenästhetischen Versuchen" überHer­mann und Dorothea" neben Homer.Wo lebt, feit Homer, in einem andern Dichter eine solche Fülle und ein solcher Reichtum von Gestalten, wo eine solche nie stillstehende, sich immer wieder aus sich selbst er­zeugende Bewegung, wo strömt ein so unversieglicher Quell ewig neuer und überraschender Erfindungen als in den Gefängen Ariosts?" fragt er. Die wundervollste Charakteristik feiner Kunst in deutscher Sprache hat Goethe in der Lobrede aus Ariost gegeben, die er dem Antonio im Tasso" in den Mund legt:

Wie die Natur die innig reiche Brust Mit einem grünen, bunten Kleide deckt, So hüllt er alles, was den Menschen nur Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann, Ins blühende Gewand der Fabel ein ...

Nun waren durch Goethes Wortgewolt, durch seine meisterhafte Be­handlung der Stanze auch die deutsche Sprache und der deutsche Vers so weit gediehen, um den Versuch einer uebertragung zu gestatten, die wirklich eine Vorstellung des Originials vermittelte. Der genialste Ueber- setzer unsres Schrifttums, August Wilhelm Schlegel, wagte den großen Schritt, indem er eine Probe imAthenäum" veröfsentlichte. In seiner Nachschrift an Tieck sagt er:Nur die vielseitige Empsänglichkeit für fremde Nationalpoesie, die womöglich bis zur Universalität gedeihen soll, macht die Fortschritte im treuen Nachbilden von Gedichten möglich. Ich glaube, man ist auf dem Wege, die wahre poetische Uebersetzungs- kunst zu erfinden; dieser Ruhm war den Deutschen vorbehalten. Ariost, der von Friedrich Schlegel als der Höhepunkt der Ritterdichtung gefeiert, von Tieck imGarten der Poesie" neben die Größten der Weltliteratur gestellt wird, gehört zu den Hauptvertretern der echtromantischen" Kunst. Auf A. W. Schlegels Spuren schuf Gries in formenstrenger Nachbildung und gutem Verstehen die Uebertragung des ganzenRasen­den Roland", durch die das Gedicht unserer Literatur geschenkt wurde. Der Gefahr der Eintönigkeit, die Platen mit der Bemerkung kenn­zeichnet:Der italienische wogende Rhythmus wird jenseits der Alpen klappernde Monotonie" entging er freilich nicht; noch mehr erlag ihr sein unebenbürtiger Nebenbuhler Streckfuß.

Die grundlegende Bedeutung der Griesschen Arbeit haben alle seine Nachfolger anerkannt. Hermann Kurz, der sich auf sie stützte, ruft aus: Wie leicht hat es ein Späterer nach solchem Vorgänger!" Der Dichter desSonnenwirts" wußte das Zeitkolorit besser zu treffen, für das Rankes vortreffliche Abhandlung über Ariost den historischen Sinn geschärft hatte; seine Stanzen sind flüssiger, beweglicher, lebendiger und die Bearbeitung Paul H e y s e s , der so manches vom Formtalent Ariosts besah und ihm in einzelnen Vers-Erzählungen glücklich nacheiserte, glättete und verfeinerte den Stil Kürzens noch an unzähligen Stellen. Den klassischen Deutschen Ariost" hat jedoch erst Otto 0 i l 6 e m e i ft e r geschaffen, der auch feine Satiren ausgezeichnet übertrug. In seinem Rasenden Roland" wird ein hundertjähriges Mühen gekrönt, wird die Schönheit des Originals rein roiebergefpiegelt, soweit dies die andre Wesensart, die Reim-Armut unsrer Sprache gestattet. Spätere Versuche, wie die Uebersetzung sämtlicher Dichtungen Ariosts durch 2Ufons Kiß - ner, reichen nicht an diese Leistung heran, die zu den Meisterwerken unsrer Uebersetzungskunst gehört.

Oie Oame mit dem Otterpelz.

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.

(Fortsetzung.)

Es bleibt Ihnen nur noch das eine überlassen, Herr Fuchs, uns möglichst der Wahrheit gemäß zu erzählen, auf welche Weise diese Fälschung zustande gekommen ist. Da es an den sich für Sie ergebenden Folgen nichts mehr ändert, können Sie es ungeniert tun. Es kann höch­stens von Vorteil für Sie fein ..." Er hatte genau beobachtet, daß Fuchs bei [einen schonungslosen Enthüllungen tödlich erschrocken war. Seine Ge­sichtsfarbe wechselte ins Grüne. Sein Blick bekam eine gläserne Starrheit.

Gar nichts werde ich Euch erzählen! sagte er frech.Da ihr ja über alles so vorzüglich unterrichtet seid, kann es Euch auch nicht schwer fallen, den Rest zu erraten!"

Er lachte boshaft auf. Kling betrachtete nachdenklich seine glatte, hart vorspringende Stirn. Er sagte sich, daß dieser kalte Trotz nicht durch Gewaltmittel zu brechen war. Dieser hartgesottene Bursche.war nur durch eine Kriegslist zu überrumpeln. Und plötzlich zuckte in 'Kling ein Gedanke auf ein Gedanke, den er ohne Zögern in die Tat umsetzte. Sein Blick ließ Fuchs los. Langsam wandte er sich dem Untersuchungs­richter zu:**

Bann schlage ich vor, Fräulein Olly Hohmann, wohnhast in Berlin, Schöneberger Ufer 11, verhaften zu lassen, die sich durch ihre anscheinend sehr nahen Beziehungen zu Caspar Fuchs und ihre häufigen Besuche in der Fuchsschen Wohnung der Hehlerei verdächtig gemacht hat. Vielleicht vermögen wir von ihr zu erfahren, was wir noch wissen wollen."

Niemand hätte aus dem kühlen und sachlichen Ton seiner Worte die Absicht herausgehört. Auch Caspar Fuchs erriet nicht, daß dieser Vorschlag nur eine Falle war. Er wurde plötzlich grau im Gesicht. Seine Augen funkelten Kling mit einem Ausdruck verzweifelten Hasses an.

Das werden Sie bleiben lassen!" brach er plötzlich los.Sie haben kein Recht, Fräulein Hohmann zu verhaften! Sie hat mit dieser Sache nichts zu tun, nicht das geringste! Das schwöre ich Ihnen! Sie ist voll­kommen ahnungslos, und ich dulde nicht ..." Er atmete schwer.Mein Leben ist ja bereits verpfuscht so oder so. Aber von Olly lassen Sie die Finger weg das rate ich Ihnen im Guten!" Kommissar Kling zog spöttisch die Brauen hoch.

Wir werden uns durch Ihre Drohungen an unseren Dispositionen nicht hindern lassen, Herr Fuchs. Solange Sie in diesem hartnäckigen Schweigen verharren, sind wir gezwungen, jede noch so dünne Spur zu verfolgen, die uns zum Ziele führen könnte. Der Verdacht der Mitwisser­schaft Olly Hohmanns liegt, wie Sie zugeben müssen, sehr nahe. Aber vielleicht gelingt es Ihnen, diesen Verdacht zu widerlegen, so daß wir vor­läufig von einer Verhaftung des Mädchens abfehen können."

Er begann gleichmütig auf dem vor ihm liegenden Sittenbogen herum­zustricheln und überließ Fuchs feinem inneren Kampf. Auch der Richter griff mit keinem Wort in den Gang der Verhandlung ein. Ein paar Mi­nuten blieb es vollkommen still im Zimmer. Dann auf einmal fing der Angeklagte von selbst zu sprechen an, mit einer merkwürdig trockenen, geborstenen Stimme:

Wenn Sie mir versprechen, Fräulein Hohmann zu schonen, will ich meinetwegen Ihnen Rede stehen. Jetzt ist ja schon alles gleich. Mein Bru­der ist tot. Auf ihn brauche ich keine Rücksicht mehr zu nehmen. Und was meine Person betrifft,"

Er beschloß den Satz durch eine wegwerfende Geste.Aber, wenn Sie erlauben, möchte ich lieber im Zusammenhang erzählen und nicht durch Fragen unterbrochen werden. Das macht mich nervös."

Der Kommissar schlug in erwartungsvoller Haltung ein Bein über das andere und sagte verbindlich:

Gut, Herr Fuchs, wir werden Sie nach Möglichkeit nicht unter­brechen. Also erzählen Sie!" Der Angeklagte bat um eine Zigarette. Nach den ersten gierigen Zügen hatte er seine aufgeloderten Nerven wieder soweit gesammelt, daß er mit seinem Geständnis beginnen konnte.

Seit meinen Kinderjahren habe ich unter dem Einfluß meines Bruders Casus gestanden. Er war bereits sechzehn Jahre alt, als ich zur Welt kam. Und meine Mutter die zweite Frau unseres Vaters ist an meiner Geburt gestorben. Unser Vater hatte in Elbing eine kleine Drogerie, die Cajus hätte später einmal übernehmen sollen. Aber er setzte es durch, Medizin zu studieren, und richtete sich, da der Vater ihm die Herausgabe seines mütterlichen Erbteils verweigerte, mit den primi­tivsten Mitteln in Elbing eine kleine Praxis ein. Ich war damals noch keine zehn Jahre. Aber ich erinnere mich sehr gut an sein ungeheiztes, elendes Sprechzimmer, in dem er mir nach der Ordination meine Schul­arbeiten korrigierte. Ich hing sehr an Cajus. Ich liebte ihn auf eine furchtsame und hörige Art. Nachdem er mit unserem Vater entzweit war und bas Elternhaus nicht mehr betrat, stahl ich mich Tag für Tag eine Stunde zu ihm. Ich schwänzte sogar zuweilen die Schule, wenn ich anders nicht abkommen konnte. Dabei hat mich Casus nie verwöhnt ich hatte nicht den geringsten Vorteil von diesen Besuchen. Im Gegenteil, er ohr­feigte mich sogar manchmal, wenn er schlechter Laune war und ich irgend­ein Rechenexempel nicht gleich begriff. Während ich zu Haufe keinen Schlag bekam. Trotzdem entfernte ich mich immer mehr von meinem Bater, dessen Liebling ich war, und in demselben Maße, wie mein Ver­hältnis zu ihm abkühlte, schloß ich mich immer mehr meinem Bruder an."

Wie hoch schätzen Sie sein damaliges Einkommen? Konnte er sich mit seiner Praxis ernähren?"

Im ersten Jahr begegnete ich bei Casus nur selten einem Patienten. Er muß damals ein mehr als kümmerliches Leben geführt haben. Tag und Nacht faß er über Büchern, deren Inhalt mich damals noch nicht interessierte, und taute dabei aus der Tasche Johannisbrot, das ich heim­lich für ihn aus der Drogerie entwendete. Ich glaube, an manchen Tagen ist das feine einzige Nahrung gewesen. Aber aus einmal hob sich seine Praxis. Er bekam Zulauf."

Und wie kam das auf einmal?"

Man erzählte sich in der kleinen Stadt von Wunderkuren, di« er ge-