Ausgabe 
7.7.1933
 
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einige Augenblicke sehr ernst. Dann'zog sie hastig ihren Arm aus dem des jungen Mannes und blieb entschlossen stehen:

Hören Sie, Baron jetzt wollen wir aber mit dem Ulk Schluß machen, ich bin hart genug gestraft für meine Unbesonnenheit durch diese fürchterliche Szene der letzten halben Stunde, wenn meine unerhörte Lügnerei überhaupt mit diesem harmlosen Namen Unbesonnenheit be­zeichnet werden darf. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihren Namen miß­brauchte, um mir bei der Rebstöcke! Kredit zu verschaffen, ich hoffe, ja doch noch meine Schulden abtragen zu können. Und dann ich danke Ihnen, daß Sie mir so kameradschaftlich beigestanden haben in meiner verzweifelten Rolle!"

Der Dicke schien nicht ganz glücklich über ihren Ernst und über das Ende des Spieles.

Aber Liselotte, Sie brauchen mir wirklich gar nicht groß zu danken, ich hab's ganz gerne getan, nee wirklich, es hat mir ja bloß riesigen Spatz gemacht. Freilich, eigentlich sind Se eene kiehle Braut, hoffent­lich hat die Rebstöckeln nicht gemerkt, wie Sie immer abgedreht haben, wo ich zärtlich sein muhte ... Wissen Se, Liselotte, eenen Schritt vom Wege, das macht nischt, den machen mer alle emal. Es gommt bloß drauf an, daß mer den zweeten nicht ooch macht!"

Nie, nie, nie!" rief die Studentin und sah ihren dicken kleinen Kommilitonen fast entsetzt an ...

Währenddem saßen Fräulein Rebstöcke! und der falsche Schwan eben­falls in ernsten Gesprächen.

Sage Se nur eins, Herr Doktor, weshalb hat denn nur Ihr Herr Freund gestern Awend am Telephon so geleugnet? Ich hawe doch ein Dodesschrecke gekriegt und schon gedacht, das Fräulein Palz wird doch nicht gar eene Hochstaplerin sein ...!"

Aber Fräulein Rebstöckel, bedenken Sie doch: Wir standen alle herum, und Baron Merck wollte doch nicht, daß wir davon erfuhren. Vielleicht ist er auch gar nicht, m>as man so sagt, für immer ... ge­bunden ... ich meine, vielleicht ist es noch gar keine ernsthafte Sache ...!"

Um Gottes Wille, Herr Doktor, net ernfchthaft! Aber für meine drei­hundert Mark is se dem Herrn Baron doch ernschthaft genug!"

Freilich, freilich" der lange Student griff in die Brusttasche und blätterte halb unschlüssig in einigen Scheinen:Merck hat mich sogar gebeten, unauffällig die Sache für ihn zu regeln, wenn ich Gelegenheit dazu fände ..."

Die Hände der Vermieterin griffen hastig nach den Banknoten.

Gott sei gelobt, Herr Doktor, nu bin ich aus aller Bredulje! Sehen Se, ich hab's ja auch gar nit könne glaube, daß das Fräulein sollte eine falsche Name angewe! So ein seines, gutes, Mädel! Man hat als Ver­mieterin da en Blick, Herr Doktor, glaube Se mir, mir macht keiner en 3E für e U, ich seh's jede Mensche an, ob er die Wahrheit sagt oder nit! En falsche Nam! Mir gegenüber ...!"

Fräulein Rebstöckel faltete tiesbesriedigt über ihre Menschenkenntnis und noch mehr über ihre dreihundert Mark die hageren Hände über den Magen. Ihr Gegenüber schob unbehaglich die Schultern in der Jacke hin und her. Er war zufrieden, daß das Brautpaar wiederkam. Der Baron feisten feine Rolle auch ein wenig fatt zu haben, denn er verabschiedete sich von der Wirtin:Scheenen Dank für Ihre freundliche Einladung, Fräulein Rebstöckel! Meine Braut will uns noch zum Schloß rauf begleiten .. . Mach, meine Liselotte, zieh dr de Schtiebeln an, wenn dr die Schuhe zu dinne find!"

Das Mädchen wehrte lachend ab:Iwo, ich bin immer fertig, auf Wiedersehn, Fräulein Rebstöckel!"

In merkchürdiger Stimmung stiegen die drei jungen Leute die Treppe hinunter, auch in den Straßen der Stadt blieben sie stumm. Es war, als ob jeder sich fürchtete, aus dem gefährlichen Spiel mit menfchlichen Schick­salen, einem Spiel, das doch die Grenzen des Studentenulkes schon fast überschritt in die Wirklichkeit des Alltags zurückzukehren. Aber da, wo hinter dem Vandalenhaus die Straße zum Schloß sich hebt und einsamer wurde, sing der Dicke an:Weeste, meine Liselotte, beim Du bleib ich aber, da hab ich mich grade so hübsch reingewöhnt, un eene Strafe mußt de doch ooch haben für deine Mogelei."

Ich glaube eigentlich, die Strafe dieser letzten Stunde war hart genug", meinte das große Mädchen mit einem Blick zu dem Blonden auf ihrer andern Seite. Der fiel hastig ein:

Wie konnten Sie nur diese törichte und gefährliche Komödie fpielen, Fräulein Liselotte, oder ist etwa Ihr Vorname auch falsch ...?"

Nein, Liselotte Heerdegen heiße ich, mein Onkel war der Kie­ler Germanist!"

Nun, dann wollen wir nur auch die Wahrheit sagen, Fräulein Heer­degen. Nämlich auch ryir haben Ihnen gegenüber Komödie gespielt, um Ihnen nicht nur zu helfen, fondernSie auch vor JhrerWirtin einmal für Ihre Dummheiten recht hereinfliegen zu laffen. Ich hab's dann dtzch nicht übers Herz gebracht, und wie ich merke, mein Korpsbruder auch nicht. Auch wir find nicht die, ür die Sie uns halten ..."

Ein letzter Uebermut straffte die hochgewachfene Gestalt zwischen den Studenten, ein letzter Der uch, mit einer neuen Lüge die alte zu stützen, vielleicht nur halb noch Ulk und halb doch schon ein echtes Unrecht und zu allermeist doch wohl das wilde Bestreben, vor diesen klaren blauen Augen unter den blonden Brauen nicht als Hochstaplerin dazu- stehen.

Ja, denken Sie benn( ich hätte das nicht durchschaut, meine Herren Kommilitonen! Erst habe sch freilich gedacht, mein Bräutigam, Ihr Korps­bruder, Bayon Merck, hätte Sie als Witz zu mir geschickt, ' er ist ja so ein Uebermut, wie Sie wissen. Und da sollte es doch an mir nicht fehlen, wenn es mir auch weiter kein Vergnügen war, gerade Ihre Braut zu mimen. Aber ich wollte Sie doch vor der Wirtin nicht bloßsiellen, nun, habe ich etwa meine Rolle nicht gut gefpielt!!"

Triumphierend sah sie von einem, dem fassungslos glotzenden, zu dem anderen, der ein klein wenig traurig den Kopf senkte:

Fräulein Heerdegen, einen Schritt vom Wege tun wir wohl alle mal, es kommt nur voraus an, dann den zweiten nicht zu machen ... Sie haben ihn eben getan ..."

Hier ist die Quittung Ihrer Wirtin, ich ließ sie aus die Rückseite

meiner Besuchskarte schreiben, da Ich nichts anderes bei mir hatte komm, Matthäus Schwan!"

Mit einer unauffälligen Bewegung, der doch nicht zu widerstehen mar, nahm er den Dicken am Arm, wendete um und ging nach flüdjtigetr Gruße den Schlohberg wieder hinunter der Stadt zu.

Das große Mädchen lehnte an der Mauer und fah verstört in den Garten darunter. Sie hatte die Karte Mercks noch immer in der Hand fie fühlte, wie ihre Finger an dem glatten Karton eiskalt wurden, fu fühlte, wie ihr die Tränen heiß und hemmungslos übers Gesicht rannen

Und durch die Tränen sah fie, schon weit hinter und unter sich di, weihen Stürmer der Studenten um die Ecke des Vandalenhauses biegen

Ballade.

Von Ernst Moritz Arndt.

Und die Sonne machte den weiten Ritt Um die Welt, Und die Sternlein sprachen:Wir reifen mit Um die Welt";

Und die Sonne, fie schalt sie:Ihr bleibt zu Haus! Denn ich brenn euch die goldnen Aeuglein aus Bei dem feurigen Ritt um die Welt".

Und die Sternlein gingen zum Heben Mond In der Nacht, Und fie sprachen:Du, der auf Wolken thront In der Nacht,

Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein, Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein." Unb er nahm fie, Gesellen der Nacht.

. Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond.

In der Nacht!

Ihr verstehet, was still in dem Herzen wohnt In der Nacht.

Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich luftig mit schwärmen und spielen kann In den freundlichen Spielen der Nacht.

Ariost auf deutsch.

Zum 400. Todestage des italienischen Dichters.

Von Dr. Friedrich Spreen.

Bei der berühmten Durchmusterung der Bücherei des durch die Sitter- Romane toll gewordenen Don Quixote kommt Cervantes auch aiifl 2t r i o ft sRasenden Roland" zu sprechen.Wenn ich ihn hier finde',, jagt fein Pfarrer,und er redet eine andere Sprache als seine eigne so werde ich nicht die geringste Achtung vor ihm haben; redet er aber in seiner Muttersprache, fo fei ihmalle Hochschätzung". Wir hier schon denken gegen eine Uebertragung in das verwandte Spanisch erhoben, w« viel schwieriger muß erst eineEindeutschung" dieses Werkes erscheinen Und doch haben wir den deutschen Ariost erhalten, allerdings erst nach langen Irrungen und Mühen, nach vielen Versuchen, die sich der über­haupt möglichen Vollkommenheit immer mehr näherten. Die Namen bti besten Meister deutscher Uebersetzungskunst, ein A. W. Schlegel, Gries, Heyse, Gildemeister, find mit diesem Werk eng ver­knüpft, und wenn derZauberer von Ferrara" doch bei uns nur noir Liebhabern der Weltliteratur ganz gewürdigt wird, keine allgemein« Verbreitung gefunden hat, fo liegt das an der Fremdheit feiner fo reim romanischen Kunst, die sich nicht ganz überwinden läßt. Italien feiert in diesen Wochen das Gedächtnis seines nach Dante größten Dichters ate nationales Fest, und alle Kulturvölker nehmen Anteil an der Verherr­lichung dieses genialen Künstlers, der die große Harmonie und bis blühende Sinnlichkeit der Hochrenaissance in seine Stanzen ebenso un- vergänglich gebannt hat wie Tizian und Raffael in ihre Bilder.' Wir Deutschen aber haben ein besonderes Recht,, dieses Fest mit zu be­gehen, denn kein andres Volk hat so inbrünstig um das Verständnis Ariofts gerungen. Seine Schönheitswelt hat leuchtende Spuren durch un­ser Schrifttum gezogen; in der Nachahmung feiner melodischen Plauder- tunft, seines juwelenhast funkelnden Reim-Schmucks hat sich unsre I« viel rauhere Sprache bereichert und geschmeidigt. Es gibt kaum eP rührenderes Beispiel für die deutsche Sehnsucht nach südlichem Glanz, fM die Anpassungssähigkeit unsres Geschmacks, für das Streben unfrrn Sprachkunst nach den Unmöglichen als dieEindeutschung" Messer Lude- vicos.

Bald nachdem derRasende Roland" erschienen war, nagel« Luther seine Thesen an die Wittenberger Schloßkirche, und der deut­sche Humanismus ging im Sturm der Reformation unter. Da war lei' Raum für das selige Märchenland z>hantastischerPossen", wie sie ArrrB heraufbeschworen. Erst als das Baroct fein Ritter- und Zauberreich |F jdjroererem Prunk wieder belebte, unternahm es mitten im 30jährigeF Krieg ein deutscher Haudegen und Diplomat, der Oberst Dietrich voF dem Werder, nach TassosGottfried von Bulljon" auch die so »i® schwierigereHiftory vom rasenden Roland" in deutsche Alexandrina umzuformen, wobei er aber auf diedreifachen geschränkten Endungen der Ottaverime verzichtete, sich mit einfachen Reimpaaren begnügte uns die viel längeren Verse durch Füllsel und Wiederholungen barock aui- schwellte. Immerhin gelang es ihm, bei aller Derbheit und Schwerfäw^ keil, fo weit es bei dem damaligen Zustand unsrer Sprache möglich tM den Ariostin deutsche Poesie überzusetzen". Doch beweisen selbständige« Nachahmungen des Meisterwerkes, wie HohenbergsHabsburgisch« Dffbert" oder PostelsWittekind", daß vom Geist des Dichters, den W Italiener denGöttlichen" nennen, noch nichts erfaßt wurde. Die dE flärung verwarf diese heiteren Fabeleien alsAlfanzereien" wie ® 0 ' fched Ariofts Gedicht nannte.

Dem Rokoko stand die zärtliche Liebespoefie vieler Episoden nahe, un man bemühte sich nun, wenigstens das Stoffliche sich anzueigue-