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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1955 Zreitag, ben l. April Nummer 28
Frühlingsnacht.
Bon Josef von Eichendorff. Uebern Garten durch die Lüfte Hört ich Wandervögel zieh», Das bedeutet Frühlingsdüfte, Unten fängt's schon an zu blühn.
Jauchzen möcht ich, möchte weinen, Ist mir's doch, als könnt's nicht sein!
* Alte Wunder wieder scheinen Mit dem Mondesglanz herein.
Und der Mond, die Sterne sagen's, Und in Träumen rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist deine, sie ist dein.
Oie Probe.
Von Knut Borries.
Für das Wochenende hatten Peter und Mutti einen Vertrag miteinander geschlossen — einen seierlichen, mit Wort und Handschlag besiegelten Vertrag. _
Danach gehörte ihnen der Vater am Samstag gemeinsam, am «onntag- nachmittag Mutti — am Vormittag aber Peter, Peter ganz allein.
Peter, beinah sechs Jahre alt und in der Straßenbahn schon mit Mißtrauen angesehen, hatte ein stark entwickeltes Ehr- und Rechtsgefühl und war überhaupt ein Mann, mit dem man Paktieren konnte. Mutti mußte ihm an jedem Sonntagabend bestätigen, daß er ihre Eigentumsrechte an Vater nach bestem Wissen und Gewissen respektiert hatte. Bis aus gelegentliche kleine Anleihen — „Mutti, darf ich nur mal eben mit Vater Versteck spielen..." — „Mutti, darf Vater mir ein klein bißchen helfen — ich kann und kann die Brücke nicht allein bauen..." — „Mutti, könnte Vater nicht bloß eben nial ..." Selbstverständlich, daß Peter — der srenrde Rechte so zu achten wußte! — auch die eigenen Ansprüche gründlich wahrnahm.
Für ihn und damit natürlich auch für die beglückten Eltern begann der Sonntagvormittag ungefähr um sieben Uhr morgens. Mit einem kühnen Sprung in Baters Bett, mitten in Vaters schönsten Trauni hinein. Schon während des (immerhin noch gemeinsamen) Frühstücks verflüchtigte sich der Wahn vom stillen, friedlichen Heim — kurz darauf mußte die vertriebene Frau des Hauses in der Küche Zuflucht suchen, und in den Wohnräumen trat das Chaos seine grausige Herrschaft an —
„Vater — weißt du, was wir heute machen -—?"
Rein, Vater weiß es nicht. Lieber Himmel, mach es gnädig, denkt Mutti. Und Peter, verklärt leuchtend in reiner Vorfreude, verkündet:
„Heute spielen wir Krieg!"
„D Gott!" stöhnt Mutti — und so wird es denn auch. Vater, alter Frontsoldat, muß ergriffen anerkennen, daß fein Sohn sich auf das Kriegführen versteht. Vor allem auf das gründliche Zerstören der feindlichen Stellung, als welche er offenbar das gesamte Wohnzimmer ansteht. Tröstlich, daß^die große Spiegelglasscheibe in der Vitrine ohnehin schon einen Sprung hatte, vom vonntag vorher — von der scheußlichen Majo- lika-Vase noch nach ihrem Tode zu reden, wäre geschmacklos — und wenn Mutti das halbe Frühstllcksgeschirr auf dem Tisch stehen laßt, dann natürlich kann bei der großen Offensive nicht alles heil bleiben...
Erst ein aufgeschlagenes Knie, eine ebenso umfangreiche tute farbenfrohe Beule auf der Stirn und heftiges Nasenbluten machen dem Kampf ein Ende. Verbunden vom Kopf bis zu den Füßen ruht Peter auf der Couch von seinen Taten aus — „nur ein bißchen", wie er dem Vater tröstend versichert. Keine Träne hat der Schweroerleßte vergossen — so viel Heldenmut muß belohnt werden, lind Vater tut das, wozu auch Peters Bitten ihn nur selten bewegen können — er öffnet die Truhe, in der geheiligte Kriegs-Erinnerungen wohl geborgen liegen.
Alles darf Peter anfehen, auch behutsam anfafsen — bie verichlissenen und geflickten Uniforntftücke — die in Watte gepackten spitzen und zackigen Granatsplitter, die ein Onkel Doktor mal aus Vaters schnlter und Arm hat herausholen müssen — und vieles atidere mehr. Zuletzt schnallt 23ater auch den Tornister auf und packt ihn aus. Halsbinde, ein Hemd, helfen rechter Aermel aufgeriffen und merkwürdig rostbraun gefärbt ist, ein paar Bücher, eine Pfeife, ein Tabak-Beutel, ein Lunten-Feuerzeug, eine kleine Blechbüchse — „was ist das, Vater?" „
„Das war unsere .eiserne Ration , Peter."
„Kann man damit auch schießen?"
„Nein, das ist nichts zum Schießen — das ist zum Essen. Jeder Soldat hatte so eine Blechbüchse im Tornister. Aber man durfte er nicht essen, was darin war."
„Warum nicht?"
„Weil es aufgehoben werden mußte. Für den Fall, daß man irgendwo verwundet liegen blieb und lange liegen mußte, bis Hilfe kam. Oder daß mal keine andere Verpflegung möglich war. Sonst durste man es nicht anrühren."
„Was ist denn da drin — in der Büchse?"
„Fleisch. Gullasch wahrscheinlich."
„3a aber — wenn der Soldat nun Hunger hatte —?l"
„Auch dann durfte er es nicht essen. Der Soldat muß eben auch mit dem Hunger kämpfen können, Peter."
Peter wird merklich stiller. Sehr, sehr nachdenklich.
„Aber — wenn er nun großen Hunger hat, Vater —?*
„Die eiserne Ration darf er unter feinen Umständen essen — wenn es nicht ausdrücklich erlaubt wird. — Du willst doch auch mal Soldat werden, Peter?"
Energische Bejahung.
„Ja, dann müßtest du auch erst die Probe bestehen. — Jeder, der Soldat werden will, muß das."
„Was ist das — die Probe?"
„Ob man auch den Hunger besiegen kann. Paß mal auf, wie wir das machen können. Wir stellen einen großen Teller von dem Pudding, den Mutti gekocht hat, hier auf den Tisch. Mit Himbeersaft. Dann gehen wir hinaus, Mutti und ich — nur du bleibst hier, ganz allein mit dem Pudding. Eine Stunde lang. Wenn du dann nichts, gar nicht ein bißchen von dem Pudding gegessen hast, bann hast du die große Probe bestanden. Dann kannst bu Soldat werben. Willst bu?"
Peter ist sehr ernst. Peter ist sich ber ungeheuren Schwere der Ausgabe, vor die er gestellt werden soll, voll bewußt. 2lber Soldat will und muß er nun einmal werden. Und er fühlt sich stark.
„Ja, Vater — ich will."
Zehn Minuten später ftrerft_ber Vater sich im Nebenzimmer auf die Ottomane — sehr, sehr müde. Seine kleine blonde Frau bringt ihm Zigarre und 'Aschenbecher. Stellt ein Glas Wein neben ihn. Streicht ihm über das Haar.
„Du bist so angegriffen. Der Junge ist so schrecklich wild. Die ganze Woche quälst du dich, und nicht einmal am Sonntag hast du Ruhe..."
Er lächelte nur. Zieht sie sanft zu sich herab. Hält sie so fest, daß er ihren Herzschlag spürt, und lauscht —
Peter singt. Sehr laut und energisch singt er, friedliche und kriegerische Lieder durcheinander. „Hänschen klein, ging allein" und „Deutschland, Deutschland über alles" und „Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß- Rot..." Und der Vater, glücklich ohne Wünsche, nimmt die helle Kinderstimme tief in sich auf... Man weiß doch, warum und wofür man das alles ausgehalten hat — von Vierzehn bis Achtzehn und nachher... Er sieht auf den blonden Scheitel feiner Frau, die ihren Kopf auf feine Brust gelegt hat — er fühlt, wie sie ganz facht, kaum spürbar feinen Arm streichelt. Und unvermittelt taucht aus dem Nebel des Vergessens eine Kriegserinnerung.
In Polen war das. Weite Schneefelder draußen, sternstille Nacht. Ein enges Zimmer, niedrig und dunkel, erfüllt vom Dunst feuchter Kleider, wüst und schmutzig. Ein riesenhaftes Bett in der Ecke, auf dessen rot gewürfelten Kissen ein Vierteldutzend Kinder schliefen, auf dessen Rand ein altes Weib hockte und stumpfsinnig in die Kaminflamme stierte, die gespenstische Lichter über die Dielen huschen ließen. Und neben ihm, der hier einquartiert war, ein Mädchen, eine Siebzehnjährige. — Leise flüsterte sie mit ihm, dessen Nerven aufgepeitscht waren vom Fieber heißer Kampftage. Von ber Trostlosigkeit ihres Lebens sprach sie--
„Alle fort, Herr — ber Vater unb der Bruder und der Großvater--
Keine Hilfe, immer Hunger--Aber bu bist gut, Herr. Du wirst uns
Brot bringen. Du wirst uns zu essen geben. Du bist gut, Herr, du bist gut--" Unb sie nahm seine Hanb, streichelte seine Hanb, streichelte
ganz sacht, kaum spürbar seinen Arm, drängte sich an ihn--Draußen
war die weiße Oede, draußen war Frieren und Hungern, draußen war der Tod — unb bas Mädchen war schön--
„Wie dein Herz schlägt, Lieber!"
Er lächelt. Und holt tief Atem. Zwei Stunden vor seiner Zeit war er in jener Nacht auf Posten gezogen. Hatte sich ausgerechnet, wo unter den Sternen die damals fünfzehnjährige Blonde schlief, die einmal seine Frau werden sollte. Hatte in Leid und Sehnsucht die schwere Nacht durchlitten. —
„Peter ist so still geworden —?!"
„Laß ihn doch — ich will sehen, wie er damit fertig wird."
Ader dann richtete er sich rasch auf. Hat er nicht in jener Nacht gegrollt und gehadert: führe uns nicht in Versuchung — Mitleid und Reue fühlt er.
„Komm — wir wollen den kleinen Kerl doch erlösen.


