Ausgabe 
6.11.1933
 
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Niesele.

Die Geschichte eines kleine« Pferdes.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

(Nachdruck verboten.) lFortsetzung.)

Der Sauhirt hielt inne in seiner Rede über die Freiheit und zog den Kopf des Riesele näher an sich, so daß das Tier die ent­blößte Kehle seiner Hand darbieten mutzte. Der Mann spielte mit den Fingern an dieser Kehle, was dem Riesele erst gut gefiel, was es aber doch nicht lange ertragen mochte. Es sprang auf, drei Johanniskäferchen schwirrten grelleuchtend um es her, und die grünlichen Lichter verwirrten es so sehr, daß es zu laufen begann und nicht wußte, wohin es lief. Der Hirt blieb liegen, doch bald pochte ihm das Herz,- er hatte das Riesele mitgenommen, jeder­mann muhte es gesehen haben, er hatte also auch die Verantwor­tung für das Kind.

Sie dürfen dich nicht wieder zum Verrückten machen, Cornel!" sagte er laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn, setzte es an und schmetterte seinen gradlinigen Marsch übers Dorf hin, daß sicher alles, was schon schlief, erwachte, und alles, was noch im Stall schaffte, mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte ja nur, um das Riesele wieder zu sich zu locken, aber das Riesele trabte im Däm­merlicht weiter am Waldrand hin, fraß an den Vrombeerhecken, zauselte an herabhängenden Zweigen, und die Glühwürmchen, die aus allen Richtungen aus dem Gras, aus den zerstreuten Heu­wellen, aus den weißdurchtupften Rosenhecken aufschossen, und der Heugeruch selber und das aufdringliche Gequak der Frösche unten im Wassergraben setzten seinem jungen Herzen so sehr zu, daß es des strammen Marsches nicht mehr achtete und wahllos weiter lief einerlei, wohin es kam! Ja, das lockende Waldhorn jagte das Riesele eher weiter, als daß es lockte.

Cornel, der Hirt, hing das Horn um die Schulter und begann den Weg hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen hatte. Er horchte, er legte das Ohr auf den steinigen Boden, den Huftritt zu erlauschen, er lief wie ein Hund, der eine Spur erschnuppert, allein er sah und hörte das Riesele nicht. Die Sichel des Mondes spitzte überm Waldrand,- kleine Wolken rasten gegen ihren Bogen, als wollten sie geschnitten sein wie Gras.

Plötzlich erschallte vom Dorf herauf das Feuersignal! Ohne nachzusehen, ob irgendwo eine Flamme oder ein heller Qualm sich zeigte, wußte Cornel genau, wem dieses Signal gelte! Es galt zu­erst dem Riesele, aber es galt nicht minder auch ihm, dem Cornel, dem Schweinehirten der Gemeinde! Denn sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn überhaupt nicht kennenlernen, und sie begnügten sich damit, ihn einen Narren zu nennen Es galt also, auf dem Damm zu sein, da die Flut stieg!

Stimmen erschallten vereinzelt und abgerissen aus dem Dorf Herauf, das Signal strömte durch den Wald der Obstbäume, alle Hunde heulten auf, irgendwo in einem Stall kreischten ab und zu salvenweise ein paar Gänse, wie wenn sie auch dabei sein müßten, wenn's dem Sauhirt an den Kragen ging!

Die Stimmen sammelten sich und verteilten sich wieder. Bald hörte Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich den Hohlweg herauf näherten, und er hatte das Niesele, das er doch verführt, noch nicht in der Hut!

Aber da stand ja plötzlich neben ihm! Stand da wie aus dem Sommerabend geboren, der allhin so viel Liebe gebiert! Da stand es und hielt einen Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn nichts geschehen sei!

Hast deinen Hirten aber schön erschreckt, Riesele!" sprach Cornel,-doch gib ihn her, den Oelzweig des Friedens, daß wir uns gemeinsam für den Augenblick unserer Freiheit begeben können."

Riesele schien solch einfältiges Gerede gerne anzuhören,- es ließ seinen Kopf auf der entblößten Schulter Cornels liegen und ging Schritt für Schritt weiter.

Weißt du, wo das Wachtstübchen ist? Nein, das weißt du nicht! Aber paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen Freund hinein­stecken werden, so komm du manchmal an die Tür zu ihm! Ich will dir Brot geben von meinem Brot und Wasser, wenn du Durst nach Freiheit hast! Ich weiß, sie sperren mich nun wieder ein paar Taage ein; aber das ist immer noch besser als das Irren­haus! Paß auf! Paß auf! Laß' uns niedersitzen!"

Cornel setzte sich, nnd Riesele blieb bei ihm stehen.

Zwei Feuerwehrmänner kamen daher, plauderten miteinander, und plöUlich standen sie und sagten zugleich:

Da sind ste ja!"

Da sind wir ja!" erwiderte Cornel und streckte beide Hände vor, als wollte er sie fesseln lassen.

Los beim! Vor uns hermarschiert!" kommandierten die Wehr- lcute. Cornel legte den Arm um Rieseles Hals, und so traten sie den Heimweg an

Das große Tor der Wachtstube öffnete sich wie von selbst.

Nun bist du unfrei", sagte ein Feuerwehrmann,und bist doch ein Narr!"

Nun bist du unfrei", sagte ein Feuerwehrmann,und bist frei!

Cornel ward hineingestoßen, indes Niesele heimtrottete.

6.

Von nun an sah man das Niesele nicht mehr ouf den Gassen umhertollen Aber da es nicht mehr zu den Kindern kam, kamen die Kinder zu ihm. Der Zaun, der im Geviert vor der

da sitzen.

lFortsetzung folgt.)

Wohnstube des Bauern stand, war stets belebt: Bnben hockten drauf, Mädchen erkletterten ihn und ließen die bloßen Füße herab­baumeln, und da er sehr fest aus dicken Balken gezimmert war, konnte manchmal die ganze Dorsjugend sich oben tummeln. Die Buben liefen mit weitausgestreckten Armen sicher wie Seiltänzer drüber hin, und die Erwachsenen lehnten sich an, um wie vertraute Nachbarn das Gäulchen zu betrachten.

Es lief da innen am Zaun entlang, biß an den Birkenrinden sich die Lippen blutig und hämelte spärlich an dem zertretenen Gras des Bodens. Rundum, den Zaun entlang, war bald ein Pfad festgetrampelt, und an den Balken nach der Wohnung zu wuchs auf einen Meter breit kein Halm mehr.

Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam niemand vorüber, der nicht dem Riesele ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen Zucker, eine Handvoll Klee; aber es gab doch so viele Stunden, da mußte es allein sein und wußte nichts zu tun, als an der Rinde knuppern, als mit den Hufen scharren. Oft legte es sich mitten in sein enges Reich und schlief oder träumte mit offenen Augen in den blauen Himmel.

Die Augen spiegelten alsdann den Hag, die Wiesenhalme, da», ferne Wäldchen wider, als ergingen sich diese Schönheiten in der jungen Tierseele, und die Kinder konnten sich an diesem Glanze gar nicht satt sehen. Oft schlüpfte Trudel durch das Gehege hinein und legte sich neben den Freund und hals ihm träumen und scharren und knuppern, wenn's nötig war.

Aber auch andere Kinder schlüpften ins Bereich, um mit Riesele im Gefängnis herumzutollen, und diese Stunden des Spiels waren dann seine wenigen Feststunden.

Wenn die Mutter Trudel augespanut wurde, zerrte ste an ihren Strängen nach dem Kinde hin, das freilich, seit es eingesperrt war, mehr nach der Mutter sich umsah als ehedem. Ja, die Mutter wollte sogar nicht mehr ziehen, blieb stehen, ließ ftd) mit der Peitsche schlagen, stieß klagende Schreie aus und ward bei der Arbeit un- IU®8erU®aueiIrou6te ja gleich, was sie wollte; aber er vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein Weilchen wachsen lasten zu sollen, bevor ihm der Ernst des Lebens gezeigt werde. Wahrscheinlich aber ist, daß die Mutterstute man weiß, wie Mütter sind ihr Kind nur deshalb bei sich haben wollte, um es bei sich zu haben!

Riesele blieb in seinem Gefängnis und hatte nicht» zu tun als auf die Kinder zu warten, bis die Schule aus war, als an der Rinde zu nagen wie eine Maus, als den Boden zu zertrampeln wie ein Töpferlehrling. r ~ .

Die Leute des Dorfes beachteten Riesele von Tag zu Tag weniger. Wer brachte noch ein Stück Brot? Wer ein Klümpchen Zucker? Selbst die Kinder des Hauses kamen seltener und liefen lieber den Seifenblasen nach, die sie doch nicht erreichen konnten, denn Seifenblasen schweben in den Himmel!

Wenn der Pfarrer vorüberging, rieb er rote tue Kinder mit dem Zeigefinger auf dem Daumen und ging vorüber! Der Mehrer, wenn der vorüberging, blieb wenigstens einen Augenblick stehen, griff herein ins Gefängnis, holte sich^den willigen, ach, den der Liebe so sehr bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte über die Blesse, streichelte über die warmen Augen, hob mit beiden Händen des Gäulchens volle Lippen auseinander und befühlte die Zahne! Der Bürgermeister, der offenbar eifersüchtig war. weil das Riesele nicht ihm gehörte, guckte immer, wenn er in die Nahe des Hames geriet, in irgendein Schriftstück, als könne er nur ganz langsam lesen, und ging vorüber ohne Gruß, ohne Blick!

Nur ein Freund blieb treu, und das war Cornel, der Schweine­hirt! Er trieb, seit er aus dem Wachtstübchen wieder entlassen war, allmorgentlich seine Schar Schweine ans einem großen Umweg an Rieseles Nag vorüber: er kam heran, erzählte etwas. Ma-". tnn gerade erfüllte, und das Niesele tat sich die Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt es ja nicht erfassen konnte, ins Herz und be­wahrte sie getreulich auf für die leeren Stunden des Tage», da es allein sein mutzte mit seiner Armut. Oft. wenn es den Freund nicht sah, hörte es die Lieder seines Waldhorns aus den Hausern hinter der Kirche schweben und hatte für ein paar Stunden genug der T^TCltbC.

Eines Morgens aber sieht der Bauer den Cornel mit feinen 'Scbrocittcn vor bent Haus halten unb wirb über bte Manen WUJBa8 hältst du hier mit deinen Säuen!" fährt er ibn an, ist mein Srof etwa ein Weideplatz für deine So,,e? Willü du machen, daß du fortkommst, du Faulenzer! Willst du mir auch das Riefele versauen?" . . ..

Cornel sagte nichts dagegen und trieb feine Herde, die gar nicht groß war, den Weg hinunter, indes Riefele ihm und feinen Säuen traurig nachsah. ri r.. .,

Die Gänse kamen herein, schritten überaus stolz am Gaulcben vorbei, als wollten sie saaen:Jag' uns doch fort, wenn du den Mut dazu hast!", und sie fchlüvfien wieder hinaus in die Wiele. Die Enten kamen herein und schritten schnurgerade aus der andern Seite wieder hinaus. Oft, wenn Riesele dalag und träumte, kamen sie unversehens herein, fchten sich zu ifim und steckten die Schnabel in die Flüael zurück. Auch die .fiüfincr kamen alsdann, die inneren scheuten sich nicht, dem Riesele die .<mferförner vor der Nase mea- zupicken. und in ihrem Itebermut fiüoften >"e soaar nnf feinen breit aeworbenen Rücken und streckten die Flüael von sich. Aber der Hahn ging nicht mit in den Verschlag; war seine Schar dmnnen, so flog er auf den obersten Querbalken und blieb wie ein Wachter

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lang«, Gießen.