Ausgabe 
6.11.1933
 
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anderen ehrt. Wenn die Logen und die Ränge von Zuschauern besetzt sind, wird der Olymp nicht leer sein.

Aus dieser Erwartung und Verpflichtung aber entspringt für die Bühncnleitung ihrerseits die höchste Gegenpsllcht. ftür das deutsche Boll ist das Beste gerade gut genug. Wenn aber eiildcutig und klar das deutsche Theater als ein Platz der Schau der Nation entsteht, dann wird von ihm erstmalig vollständig in die Welt binausstrahlen: die Gestalt der deutschen Seele. Sie beii)Clt Sprachen, die dieser Seele zur Verfügung stehn: die Sprache des Dichters und die Sprache der Musik, werden von dort hinausklingen in die Welt. Denn die deutsche Seele - allein von allen Seelen der Völker erfand sich zu ihrem Aufdruck außer dem gesprochenen Wort eine zweite Sprache: die der dcut- scken Musik. Verschieden durch Höhen und Abgrunde verschieden __ von der Musik aller anderen Völker dringt sie als Denkmal der deutschen Seele hinaus und erobert die Welt.

Dann wenn Wort und Ton auf den deutschen Theatern grob und mächtig, mit allem Anspruch, der solchen Dingen zukommt, vor der Gemeinsamkeit ihrer Zuschauer von menschlichem Leben künden werden und so die wahre Sprache nn eres deutschen Wesens vernommen wird, wird das deutsche Theater als Schau­platz der Nation seine Aufgabe erfüllen.

Dieser Erfüllung dienen wir, indem wir in unseren Theatern jeder unfern Platz einnehmen.

pantinenl" schreit der Erste,'der mit uns ist. Nun sind wir alle an Deck. Tönnes hat's gut! Der löst erst um zwölf ab und kann bis dahin schlafen. Brummend fliegen die beiden Kurleinen aus­einander,' der Eimer wird gedreht, damit wir beim Einholen in Lee stehen können

Hiev op!" brüllt der Erste und die Winsch poltert auch schon los. Jetzt kommen die Leinen durch die Rollen und Blöcke und legen sich knisternd um die Trommclu. Zweihundert Faden Seine sind es. Der Acaschiuentelegraph bimmelt: Stop! Wir stehen. Alle Scheinwerfer werden von der Brücke aufs Wasser gerichtet, und wenn wir in den vier Stunden, die wir dampften, etwa» gefangen haben, dann must jetzt das Netz mit dem Steert wie ente f(cm Granate von unten her herausschteßen. Nein, da kommt nichts! Vier Stunden schleppten wir, und fingen doch nichts. Der Kaptu ärgert sich blau. Adieu unser Anteil! Wenn es so weitergcht, be­kommen wir gar nichts mehr.

Da kommt kein Steert, - kein Fisch, - gar nichts!Jaffas, Jaffas!" flucht der Erste, und wir geheck an die Reling und holen den Schiet" ein. Finger in die Maschen gekrallt und bei lebet Dünnng wie wahnsinnig gezogen. Bei schwerem Wetter denkt man, der Kopf müßte explodieren. Ein Kabeljau ist drin, inid ein Seehase! Aber Glück muß man haben: Das Netz ist heil! Wenn es nicht so wäre, könnten wir jetzt die Nacht hier mit Waffer von unten und oben stehen und ein neues Netz unterschlagen.

So aber legen wir das Geschirr nur wieder klar und können von neuem aussetzcn. In vier Stunden kommt die nächste Ucber- raschung Vielleicht vierhundert Korb, vielleicht auch nichts Fischerei ist eben Lotterie, das Los kostet Blut, Schlaf und Schweiß.

Utsätten! Aussetzcn!" schreit der Alte giftig von der Brücke. Gut, von uns aus gern. Die Winsch poltert, die Holzrollcn, die aus dem Meeresgrund entlanggchen, plantschen ins Wasser, da- Netz kommt hinterher.

Fiert weg!" schreit der Erste; aber da ist nichts zu fieren. Die Scherbretter, die das Netz im Wasser nach den Seiten hin offen halten sollen, haben sich beim Hieven am Galgen verhakt, und wollen nicht richtig zu Wasser gehen. Da hängen die zentner­schweren Brett-Biester nun über die Reling hinaus und einer soll hinaufkriechen, sich mit nassem Zeug und glitschigen Stiefeln tut bißchen über dem schwarzen Wasser wiegen lassen, vielleicht auch einmal bis zum Bauch eingetaucht werden, und soll dabei, klamm und verfroren, im Halbdunkel einem vereisten Schakel bas Nachgeben bejbringen. Bald sitzt Otto oben, klammert M fest stöhnt, arbeitet. Wenn die an der Winsch letzt ein einziges Kommando falsch verstehen, laffen sie ihn mitsamt dem 15 Zentner schweren Brett zweihundert Faden tief auf den Meeresgrund sausen. Bei zwanzig würden wir anholten können; vielleicht hinge er dann noch am Brett vielleicht auch nicht. Darin be­steht eben die christliche Seefahrt.

Otto ist ein Teufel! Er bringt es fertig ohne mitzugehen ifc ein zäher Ostprcuße mit einem Kalmttckcngcsicht. Aber schön sieht es nicht aus wie er da über dem wegsackenden und näherkom­menden Wasser hängt. Nun kann man frieren, @c6eipretter uni* zweihundert Faden Leine verschwinden hinter uns. Die Maschine läuft schon wieder. Die auseinanderstrcbenden Kurleinen, die dcn- weit ausgebrcitctc Netz halten, werden achtern am Schiff ge­koppelt. Und nun?

Schluß! Schlafen gehen!" sagt der Erste müde und mißmutis- Jetzt ist es acht Uhr. Tag oder Nacht? Gleichgültig? Immer ift es Nacht, immer dunkel.Klokken zwölf hieven!" brummt er, und geht auf die Brücke. Ein Kerl! Zerschunden wie wir, mit uns!. Er meint es gut, auch wenn er dem Bootsmann eine Vackpfem- gibt die ihn in die Tranküche taumeln läßt. Fischerei ist eine ärgerliche Sache, das wissen wir: irgendwo und wie muß rnaiu sich Luft schaffen.

Wir können ins Logis gehen, einen Schluck alten Kaffee trinke«, und uns in die Kojen packen. Da liegt man nun in seinem ftinhfleiu Zeug. Bis auf einen, der am Ruder ist, sind wir vollzählig unten- Die Petroleumlampe blakt, der Ofen gibt mörderische Hitze, uiw1 unsere Mäntel und Stiefel stinken nach Fisch. Tönnes hat natür­lich wieder Rum binnen; das riecht man durchs ganze Logt?-. Nur wenige wachen. Sie liegen still und starren unbeweglnp zur niedrigen Decke. Wie Tote in den kleinen Särgen, denen »» Kojen ähneln. Das Bugwaffer macht viel Krachs Vielleicht komiU schlechtes Wetter; dann und wann bricht eine See zischend uvetp Schanzdeck; und die Hosen, die an den Haken vor den Koje« hängen, wehen beim Schlingern in den Raum hinein. Wenn Da; Wetter schlecht wird, dann gute Nacht! Vielleicht stehen wir tagelang festgebunden an Deck und schlachten, und damit ferm geworden, müssen wir noch das Schiff abeisen. Aber still, not ist es ja nicht so weit. J

Karl und Charly reden miteinander. Sie sind beide ver­heiratet und loben ihre Frauen.Weißt du", sagt Karl,San»- kuchen kann sie backen, Sandkuchen, ah, und Kaffee!

Ja, Mensch, wenn ich wieder nach Hause komme, dann, "" Mensch, ah. .

Sandkuchen!? Ja, davon könnte man träumen. Und davo wird der Koch uns morgen wohl wieder Nummer siebzehn gevcn Nummer siebzehn: Gulasch aus Corned beef. W

Du??" läßt sich Otto vernehmen.Ich lehne mich hinunter-- - WaS meinst du", - flüstert er, jetzt eine Apfelsine!! Das Waffer läuft einem im Mund zufammen.Ich rv. Geld darum geben!" sage ich. -Wieviel?" - ,,Lwei Mark utd leicht!" -Mensch, für eine saftige, so richtig saftige ga° ich fünf Mark!"Zehn!" schreit Charly, der davon gehört D«

Erlebnisse unter Hochseefischern.

Von Edzard H- Schaper.

WaS geschieht? Man weiß es gar nicht. Tag wird es nie auf den Breitegraden über Sibiriens Küfte im Winter. Seit Wochen schon gehen mit durch Schueestürme und Wolken in der ewigen Dämmernng, deren tiefste Tiefe die Nacht ist, die unseren Heimat­hafen umdunkelt. Wir sind siebzehn Mann, getrennt durch zwei Quartiere, vor dem Mast und achtern. Ich bin einer, der vor dem Mast zu Hause ist, dessen Koje zu oberst in dem Raum liegt, den zwei Heizer und zehn Matrosen teilen. Wir sind es, denen das große Meer am nächsten ist; wir hören sein Rauschen am Bug, uns tragen bet schlechtem Wetter die Brecher etageiiweise rauf und runter, uns zu allererst schlügt es das Bullauge in Stücke, uns steht das Wasser dann bis an die Kojen, macht mit dem heißen Ofen ein Dampfbad für uns Schlepper, Heizer, Immens, Boots­männer, Leichtmatrosen und Vollmatrosen und für Otto, unseren Netzmacher. Unser Tag hat keinen Anfang und kein Ende. Immer sind welche in der Koje und schnarchen die stinkende Luft ein, Ititincr fiub eilt paar non nnA nn 5)ccf ttttb <utf bet SBrüctc, not ben Feuern und in der Tranktiche, in Kabelgatt und Kombüse: immer fluchen einige von uns, wenn wir siebzig Stunden ohne Schlaf an Deck stehen und Fische schlachten mttffcn, wenn unsere Pfoten mürbes Salzfleisch geworden sind und unsere Gesichter Salzver­steinerungen, an denen die Ziegen zu Hause auf der Marsch gern lecken würden. Immer schimpfen wir auf den Koch, der uns nur tranigen Eberspeck vorsetzen kann, alte Weißkohlblätter und Königs­berger Klops, der aus Corned beef und Essigwaffer besteht.Das ist die christliche Seefahrt!" fluchen wir,der Teufel hole die Schinderei, die Reeder und den Alten!"

Aber die Prozente, die wir bekommen?" fragt einer, und dann ist eS wieder gut. Und dann: Es ist uns ja schon viel schlechter gegangen; einmal wird es uns auch wieder bester gehen. Fritz da unten in der Koje hat ein und einhalbes Jahr in Schanghai Hinterm Lattenzann geschlafen, ohne Papiere, weil er bei Rickmers achteraus gesegelt war. Tönnes, der Heizer auf Freiwache, ist zweitausend Meilen bis Frtsko gelaufen; auch das ist keine Kleinigkeit. Hermann kam von derVelliance", auf der vorletzten Fahrt, bevor sie bet Horn zu den Fischen ging: von einem holländischen Vvllschiff, auf dem der Alte mit der Pistole spielte, daß es nur so knallte, wenn ihm nicht schnell genug ging.

Na und? Fritz läßt sich scheiden mit seinen zwanzig Jahren; das ist ein großes Glück. Eigentlich ist er noch so ein Kind, daß eS eine Mutter für ihn geben müßte, die ihn manchmal aus den Schoß nimmt. Tönnes sagt, er ginge wieder fort: nach Austra- lien, Kaninchen schießen! Und Hermann wird an Land gekommen, auf die Steuermannschule gehen und dann gleich nach Rotterdam auf einen Holländer, wo man Butter zu essen bekommt, und nicht seifige Margarine, wie bei uns.

Wenn man so liegt und döst, kann es plötzlich sein, daß ein Schatten über das von den Scheinwerfern bestrahlte Bullauge füllt und eine Stimme von drüben brüllt:Nauskommen hieven!" Verdammt, sagt man, hat der Alte noch nicht Fisch genug? Wer weiß, kommen da so stückum achthundert Korb an Deck. Aber auch von diesen achthundert bekommst du ja ein Viertel Prozent, sagt sich der Matrose und zieht die Gummistiefel über. Der Junge hat es mit dem Naufgehen nicht so eilig. Er bekommt keinen Viertel Prozent, keine Heuer, sondern nur ein bißchen Trangeld. Otto, der Netzmacher, ist natürlich zuerst an Deck. Und der Bootö, der Bootsmann aus Minden, der einmal am Theater war und jetzt noch Schminke und Perücken im Sack hat, der kriecht!Mensch, schneller!" sagt man, aber er zeigt als Antwort nur traurig lächelnd die Hände:Versroren, zer­rissen von den stühlernen Kurleinen, ausgeschwollen vorn Salz- ivasser, wund, schwarz und eitrig.Ja, Boots, das ist nun mal die christliche Seefahrt, für die an Land geworben wird."

Antörnen! LoS! Schwimmen heran wie betrunkene Holz-