Ausgabe 
6.11.1933
 
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GiehenerZainilienbliitter

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1933 Montag, -en 6. November Nummer 86

Monolog des Prinzen von Homburg.

Von Heinrich von K l e i st.

Nun, o Unsterblichkeit, bist 6u ganz mein!

Du strahlst mir durch die Binde meiner Augen Mit Glanz der tausendfachen Sonne zu!

Es wachsen Flügel mir an beiden Schultern, Durch stille Aetherräume schwingt mein Geist: Und wie ein Schiff, vom Hauch des Winds entführt. Die muntre Hafenstadt versinken sieht, So geht mir dämmernd alles Leben unter: Jetzt unterscheid ich Farben noch und Formen, Und jetzt liegt Nebel alles unter mir ...

Ach, wie die Nachtviole lieblich duftet! »

Schau-Platz der Nation.

Von Rudolf ®. B i n d i n g.

Mehr als je wissen wir und empfinden, daß heutzutage in Deutschland den öffentlichen Dingen und Belangen, die uns als Station angehen, unsere Aufmerksamkeit, unsere Anteilnahme und Mser Miterleben in einem Grade entgegenkommt, wie sich dessen tisher in gleicher Allseitigkeit und gleicher Umfassung keine Zeit unserer Geschichte rühmen kann.

Aufgedeckt wie noch nie ist all das Gemeinsame, all das Ocffent- liche, was uns angeht. Zu diesem Gemeinsamen reihen sich mnerhalb des Staatswesens das uns umfaßt Kultur an Politik, Politik an Wirtschaft, Wirtschaft an Kultur und Kultur an Kunst n nicht unterscheidbarer Eindringlichkeit ebenbürtig nebenein­ander. Führender Geist hat dargetan und wer wäre ihm nicht mfür und dadurch verpflichtet? daß dies so ist: und wer es noch nicht gewußt hat, der weiß es jetzt.

Genügt das nicht solches zu wissen? Wenn man noch ein Wort kr Werbung für bas Theater als eine Stätte der Kunst und geistigen Kultur dieses Volkes zu sagen unternimmt: rennt man aicht offene Türen ein? preist man nicht ein einfaches Lebens­bedürfnis an?

Ja! man tut es. Aber wir sind des Selbstverständlichen, wir ßad der wahren Lebensinhalte und Lebestswerte der Nation so entwöhnt, daß wir uns erst mit offenen Augen in die Theater setzen müssen, um zu erfahren, was dort vorgeht. Wir sind ent­wöhnt auch hier von manchem, das uns glühend nahe an- Uht und sollen dies erst sozusagen in einem freudigen Schrecken w uns selbst gewahren.

Werben wir also mit diesen großen Selbstverständlichkeiten! Preisen wir Lebensbedürfnisse eines Volkes an! Verkanntes, Ver- gcssenes, gewaltsam und leichtsinnig Verbanntes muß uns wieder- vwonnen werden!

Denn das Theater eines Volkes ist nichts Geringeres als der äientliche Schauplatz seines Lebens: ein Schauplatz, auf dem es «itagiert. Ein Schauplatz, der gar keinen Sinn hat ohne den ge- mlten Zuschauerraum Ein Schauplatz nicht für den noch so guten schauspieler, sondern für den Zuschauer in Gemeinschaft ®it seinem Volksgenossen. Das Theater ist nicht die ßiihne wie viele glauben, auf der gute und schlechte Stücke spielt werden,- sondern es ist die große Gemeinsamkeit des Vol-

im Tempel seiner Kunst.

lind was wird dort Heiliges agiert? Da oben stehen nicht stiften. Drahtseilkünstler, Taschenspieler, Faxenmacher, Possen­lecher, Wunderkinder oder die Dame oöue Unterleib: dort droben

den Brettern stehst du! Du, mein Volk! Du, Mensch! DuNach- w! Du Frau! Du Geliebte! Du Mutter! Du Sohn! Du Lei- lerder! Du Lasterhafter! Du Machtbungriger! Du Fühlloser! Du "crr! Du Feigling! Du Held! Du Mensch ohne Eigenschaften nnd "l't Eigenschaften dein Schau-Platz ist es: und der da droben »ielt, der sitzt neben dir wenn du es nicht gar selbst bist. Deine Schichte nnd die Geschichte deiner Mitmenschen aus mancher wt, mit dir verbunden durch menschliches Schicksal, alles gleich

durch die furchtbare und gewaltige Magie des Menschlich- gleichen, stürzt auf dich ein. Tote werden wieder Fleisch nnd Blut "und cs ist Fleisch von deinem Fleisch und Blut von deinem "lut; und die Lebenden sind nicht minder lebendig.

Ist Menschenschicksal zu erleben nicht Heiligkeit genug? Und du du selbst! bist du dir als Glied deines Volkes nicht heilig genug? Das was dein Volk war, das was dein Volk wird: das Seelische in dir und in uns das wird dort dar- und schaugestellt.

Wie will ein Volk sich achten, sich erkennen, vor sich selbst be­stehen, wenn es den Blick von dem eigentlichen Schauplatz seiner selbst wegwendet, statt in gemeinsamer Zuschauerandacht auch gemeinsamer Heiterkeit und Lust - sich und den Menschen neben sich tn allen Tiefen und möglichen Höhen auf diesem Schauplatz erscheinen zu sehen? Denn dort auf der Bühne, in des Dichters Wort, in des Musikers Tönen stehen die Gestalten des Lebens klarer, eindringlicher, wahrer und gewaltiger da als irgendwo anders, wo das Auge des Mitmenschen, der Zeitungsbericht oder das eigene Erleben hinreicht. Das ist das Vorrecht der Kunst, das ist das Vorrecht der Bretter, die die Welt bedeuten!

Müssen wir uns denn vor uns selber scheuen? uns nicht beachten und an uns vorübergehen als wären wir es nicht? Oder sollen wir nicht vielmehr sehnsüchtigen Herzens hinschauen, um uns zu erblicken und wahrhaft zu erleben?

Manches Schwere, ungefüges Daherschreiten, viel Feierliches, dunkel Beschwertes herber, trotzig-edler Herkunft, viel Suchendes, Tastendes, Grübelnö-Faustisches mit Begierde nach Genuß und mit Verschmachten nach Erlösung, manches Unterliegen gegenüber fremder Verführung und südlicher Klarheit, aber auch das Suchen nach der Reinheit des Gral, alle Ueberfülle und Abgründe im Guten und im Bösen des Seelischen, dieser deutschen Seele, dieser deiner Seele Volk: hier ist des allen Schauplatz.

Alle diese Eigenschaften, dieser unendliche Urgrund unseres Lebens die vielerlei Unklarheiten, manche Lichtlosigkeiten und wahre Finsternisse, manche Sehnsüchte neben dem schon Strahlen­den, Sicheren und uns ganz Bewußten sie deuten ja auf die Zukunft dieses unseres Volkes. Wo so viel in diesem Urgrund der Seele und des Lebens unerlöst liegt, dort ist Zukunft. Trächtig von Zukunft sind wir! Trächtiger von Zukunft so hoffen wir als je eine Zeit, als je ein Geschlecht, die sich nach nichts umzu­sehen vermöchten als nach ihrer Vergangenheit.

Wie und wo kann ein Volk seine Urgründe, die Wahrheit über sich klarer, sichtbarer im eigentlichen Sinne erfahren als in seinem Theater? Dort ist der unbestechliche Maßstab: dort ist es selbst, das richtet, wenn es nur durch beständige Anteilnahme sich zum Richter macht. Dort ist der unbestechliche Schilderer und Künder der Dichter mit der Verantwortlichkeit für sein Volk.

Nur diese Wahrheitsgestalten werden uns eigen: Nur du bist es, Volk, was in ihnen west. Denn alles in jeglicher Dichtung ist des Volkes: aus ihm geboren, für es geschrieben. Es gibt nur einen Wallenstein nicht den der Geschichte sondern den Schil­lers. Es gibt nur einen Faust nicht den der Sage, sondern den Goethes. Es gibt nur einen Florian Geyer nicht den der Bauernkriege sondern den Gerhart Hauptmanns. Es gibt nur einen Parsival nicht den des Rittertums sondern den Wag­ners. Das ist unser gemeinsamer Besitz, das ist Fleisch von un- serm Fleisch und Blut von unserm Blut.

Wenn aber dergestalt das Theater eines Volkes nichts Ge­ringeres ist als der Schauplatz seines Leben, dann darf es ver­langen und erwarten, daß diesem Schauplatz die Aufmerksamkeit, die Anteilnahme und das Miterleben aller zuteil werde. Das ist das Wesen wahren Theaters: daß die Zuschauer die Ge­meinschaft des Volksgenossen sind und sich als solche fühlen. Hier wird nicht für Anspruchslose an einem Abend und für Anspruchsvolle an einem andern gespielt. Hier wird der Höchste und der Geringste gemeinsam im Theater sitzen. Wie im alten Theater der Griechen, das wahrhaft das Theater einer Nation war, der Oberpriester des Dionysos und der letzte Lastträger aus dem Hafen der Stadt zu gleicher Zeit auf den marmornen Stufen saßen, so soll cs hier geschehen, daß bei jeglichem Anlaß und zu jeglicher Aufführung die obersten Männer und Frauen dieser Stadt oder deren Vertreter mit allen arbeitenden und um diesen ihren Schauplatz kämpfenden Volksgenossen sich bei­einander wissen.

Die Zuschauerschaft das Gemcingefühl, Zuschauer in dem deutschen Theater der Nation zu sein kann nur geschaffen werden durch die freiwillige Selbstverständlichkeit jedes einzelnen, in nnd mit seinen Volksgenossen sich auf dem Schauplatz der Nation zu treffen.

Erheben wir die Verpflichtung, die uns erwächst zu einer Freude: denn jeden wird es freuen, einer Gemeinschaft anzuge­hören, in der j-der durch Dasein, Anteilnahme, Miterlebeu den