Ausgabe 
6.3.1933
 
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Nachdruck verboten.

Copyright by Albert Langen, München. (Schluß.)

Das Mangobaumwunder.

Roman von Leo Perutz und Paul Frank.

Scbön-Nobiraui.

Von Eduard Mörike.

Wie heißt König Ringangs Töchterlein? Rohtraut, Schön-Rohtraut.

Was tut sie denn den ganzen Tag, da sie wohl nicht spinnen und nähen mag? Tut fischen und jagen.

O, daß ich doch ihr Jäger wär'!

Fischen und Jagen freute mich sehr. Schweig' stille, mein Herze!

Und über eine kleine Weil', Rohtraut, Schön-Rohtraut, so dient der Knab auf Ringangs Schloß in Jägertracht und hat ein Roß, mit Rohtraut zu jagen.

O, daß ich doch ein Königssohn wär'! Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so sehr. Schweig' stille, mein Herze!

Einstmals sie ruhten am Eichenbaum, da lacht Schön-Rohtraut:

Was siehst mich an so wunniglich?

Wenn du das Herz hast, küsse mich!" Ach! erschrak der Knabe!

Doch denket er: mir ist's vergunnt, und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund Schweig' stille, mein Herze!

Darauf sie ritten schweigend heim, Rohtraut, Schön-Rohtraut.

Cs jauchzt der Knab in seinem Sinn: Und würd'st du heute Kaiserin, mich sollt's nicht kränken:

Ihr tausend Blätter im Walde wißt, ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt! Schweig' stille, mein Herze!

der um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Rußland eine große Rolle spielte mit Werken, die wegen ihrer altmodischen und einseitigen Textbüchern allerdings längst von der Bühne verfchwunden sind. Gurmen- jesf, der als Zollbeamter und braver Offizier sich gleiche Verdienste er­worben hatte, besaß eine kluge, musikalische, aber auch recht kokette Frau, die ihn durch die letztgenannte Eigenschaft in zahlreiche Unannehmlich­keiten gestürzt hatte. Oer musikbegeisterte General Nachimofs stellte der jungen Frau nach, von der auch erzählt wurde, daß sie kompositorisches Talent habe. Als Frau Gurmenjeff merkte, daß sie mit ihrer Koketterie ein Feuer entzündet hatte, versuchte sie, den General fernzuhalten. Aber dieser kam, angeblich um die neuen Kompositionen der schönen Frau zu hören, die, da sie wirklich nur kleine Kinderlieber und ähnliche Dinge zusammenstellte, vorgab, daß in Wirklichkeit ihr Mann der Verfasser der ihr zugeschriebenen Kompositionen sei. Nachimosf ließ den Hauptmann Gurmenjeff sofort von der Krimfront zurückholen: er wollte durch Füh­rung des Beweises der Lügenhaftigkeit der Frau Gurmenjeff die Ehe untergraben. Gurmenjeff kam, und mit ihm der General Nachimosf, der gleich eine große Schar von ihm geladener Gäste mitbrachte. Nun sollte Gurmenjeff an Hand alter und neuer Texte zeigen, was ihm an musika­lischen Ideen einfalle. Der Hauptmann Gurmenjeff setzte sich an den, Flügel und begründete wie durch ein Wunder in diesem Augenblick seinen Ruf als einer der bedeutendsten Opernkomponisten seiner Zeit. Nachimosf aber hat sich niemals wieder in der Nähe der Eheleute sehen lassen.

Octave Cremieux, einer der elegantesten Attaches der Madrider sranzösischen Botschaft, war ein ausgezeichneter Klavierspieler, der beson­ders von den Frauen immer wieder bestürmt wurde, seine Künste hören zu lassen. Wie jeder gute Klavierspieler, so phantasierte er auch oft aus dem Klavier, was das Entzücken einer feiner besten Freundinnen, einer Senora M., erregte. Deren Vater war einer der bekanntesten Verleger Europas, und dieser sandte an Octave Cremieux eines Tages die briefliche Anfrage, ob er (eine Zustimmung gäbe, daß der Verleger den Walzer Ouand lamour meurt" im Druck mit dem Namen des Komponisten er­scheinen lasse. Der Attache war verdutzt, denn er hatte keine Ahnung, jemals eine solche Komposition geschrieben zu haben. Er besprach den Fall mit Frau M., die ihm gestand, während er am Flügel phantasierte, die besten Motive heimlich notiert und den Entwurf ihrem Vater, eben dem Verleger, zugesandt zu haben. Sie überredete Cremieux denn auch, die Komposition erscheinen zu lassen, und daraus wurde der Welterfolg des berühmten Walzers. Man bestürmte den Attache, doch weitere Ton- I werke herauszubringen, aber nur der Frau M. gelang es, abermals einen I Ueberrafchungserfolg zu erzielen. Octave Cremieux hat dann noch einen I einzigen Walzer geschrieben auch wieder halb wider Willen nämlich I Ouand lamour renait", der im gewissen Sinne eine ironisch gemeinte I Fortsetzung des ersten Walzers sein sollte. Niemals aber nachher hat I Octave Cremieux dann nod) ein Notenblatt beschrieben, er gibt in späte- I ren Tagen gerne zu, daß er immer ein Komponist wider Willen ge- I wesen ist.

Einer der erfolgreichen jüngeren Komponisten ist Mac Rauls ge- I wesen, der leider in den letzten Jahren sich ausschweigt, dessenPritzel- I puppen" aber noch heute auf Schallplatten und in den Konzerten die I Zuhörer fesseln. Dieser junge Mann gehörte zu jener Art von Schaffen- I den, die vor bestimmten Arbeiten einen Horror haben; gewisse Texte, die längst von Theaterdirektoren, Verlegern und anderen Interessenten an- I gekauft waren, stellte er immer und immer wieder in der Komposition zurück, so daß meistens die Termine für die endliche Erledigung der Arbeit weit überschritten wurden. Eines Tages wurde eine feiner Operetten von einem Theater angenommen und gleich der Uraufführungstag feftgelegt. Aber an dem Werk fehlten noch einige Nummern. Spätestens einen Monat vor der Aufführung sollten diese Teilkompositionen dem Theater nachträglich eingereicht werden, doch Mac Rauls konnte und konnte sich nicht zu der Arbeit entschließen, bis der Textdichter, der Verfasser dieser Zeilen, auf eine Idee kam, die Kompositionen einfach zu erpressen. Kom­ponist und Textdichter besaßen die Gabe, in Gesellschaften und als Gäste auf den Bühnen sich als Blitzdichter und Blitzkomponist zu produzieren. Eines Tages wurde nun nach vorheriger Abmachung mit dem Unter­nehmer einer solchen Darbietung wieder ein Auftreten feftgetegt, und die Zurufs wurden derart geschickt gemacht, daß in der Tat die Texte der brachliegenden Kompositionen zusammengestellt wurden. Und nun mußte Rauls, ob er wollte oder nicht, blitzartig diese Texte oben auf der Bühne komponieren. Gerade diese Eilkompositionen haben später den [ allerbesten Erfolg gehabt. Auch ein Erfolg wider Willen!

Wenn man Gelegenheit hat, einmal mit dem heute so berühmten Filmstar Maurice Chevalier einige Stunden ungestört über die Zu­fälle im menschlichen Leben und ihre Bedeutung für den Lebenslauf zu plaudern, so kann man folgende kleine Geschichte bisweilen von ihm hören: Als Maurice noch ein unbekannter Sänger war, verkehrte er viel | im Hause des nachmaligen Varietedirektors F. Der war damals noch ein | blutarmer junger Mensch, dem dauernd der Gerichtsvollzieher und der Steuerexekutor auf dem Nacken faß. Er hatte stets schwere Mühe, seinen Flügel vor Pfändungen zu retten. Eines Tages trat Maurice gerade in 8)a5 Zimmer des F., als dieser den Besuch des städtischen Steuereinneh- tmers hatte. In der Eile stellte F. Maurice als Komponisten und Besitzer 8)ieses Flügels vor, der infolgedessen gar nicht gepfändet werden könnte. Der Beamte war mißtrauisch und wollte erst den Beweis haben, daß Maurice wirklich ein Komponist fei. Und da begannen die beiden Bohe­miens eine Zusammenarbeit des Textdichtens und Komponierens, die j hinterher beide auf die Idee brachte, bjefe Gaben besser als im beschei- | denen Atelierzimmer auszunutzen. Und damit beginnt der Lebenslauf nach oben: wider Willen zum Komponisten geworden, schuf sich Maurice Che­valier seine Note, durch die er auf die Kompositionen in Art und Tonlage Den denkbar größten Einfluß auch heute noch hat. Und mit dem jetzt eßenfo bekannten Direktor F. gedenkt, er noch immer jener Zeit, in der ein Gerichtsvollzieher beidewider Willen" auf ihren heutigen Ledens- i weg brachte.

Nein! Nicht aus Gretel. Auf eine fremde, schöne Frau, die ich nicht kannte. Ich muß Ihnen gestehen, Doktor, ich war in solcher Verwirrung, daß mich wirklich einen Augenblick lang der Gedanke beschäftigte: Was suchte diese fremde, schöne Frau in meinem Tre-ibhause? Wer hat sie Hereingeführt? Es war, als hätte ich mein Gedächtnis verloren, aber nur den Bruchteil einer Sekunde lang, denn die fremde Frau stieß jetzt einen Ruf des Entzückens aus und kniete auf die Erde nieder, ganz un­bekümmert, so wie kleine Mädchen niederknien, und an dieser raschen, kindlichen Bewegung erkannte ich meine Grett.

Sie hatte das hundertfällige Blütenwunder der Schlinggewächse er­blickt und pflückte jauchzend eine Blüte nach der anderen, und dann wies sie mit den Fingern auf ein großes Farrenblatt hin, und ich fah zwei Ameisen von einer fast fingerlangen Art, die auf dem Blatt hin und her liefen. Ich entsinne mich noch, daß es mir durch den Kops schoß: Zum Teusel, wie kommt denn dieses tropische Ungeziefer hierher? Aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn in diesem Augenblicke, da geschah das Fürchterliche.

Es war anfangs nur ein ganz leifes Geräusch, das von den Blättern des Mangobaumes herzukommen schien, ein kaum hörbares Riefeln, ein Gleiten. Es wurde zu einem deutlichen Rascheln, gang nahe meinem rechten Ohr, und ich wußte noch immer nicht, was das zu bedeuten hatte, aber dann kam das Zischen, kurz und scharf.

lieber Gretts Kopf hing eine Tik Paluga. Ceylons giftigfte und ge­fährlichste Schlange war in meinem Treibhause. Die indische Kobra will immer fliehen, sucht, wenn sie nur irgend kann, sich zu verbergen, ober die Tik Paluga greift sogleich jedes lebende Wesen an und beißt. Und da hing solch eine Tik Paluga zwischen den Blättern des Mango­baumes, hatte den Schwanz um einen Ast geschlungen, ihr Oberkörper schwang wie ein Pendel hin und her und zielte mit wütendem Zischen nach Gretels Kopf.

Ich wollte die Schlang« packen und mit einem raschen Griff unschäd­lich macken ich hatte in Indien gelernt, wie man mit Schlangen um­geht. Aoer da fühlte ich plötzlich, daß ich nicht zugreifen konnte, meine Hände zitterten heftig, ich war ja ein alter Mann! Und da rief ich Ulam Singh zu Hilfe.

Ulam Singh hörte mich sofort. Er fuhr auf, sah die Schlange und erkannte die Gefahr. Mit einem blitzartigen Zufahren ergriff er die Tik Paluga am Schwanz und wirbelte sie im Steife in der Luft herum. Ick kannte diese Art, Schlangen unschädlich zu machen, von Indien her, icy wußte, daß er jetzt den Schwanz des überraschten und durch die Rasch­heit der Bewegung betäubten Tieres loslaffen und am Halswirbel zu-