Ausgabe 
6.3.1933
 
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ver-

und

nahm, hat jein Vesuv-Erlebnis festgehalten: in Tagebüchern und Briesen. Ihre Ausarbeitung liegt in derItalienischen Reise" vor. Darin ist zu lesen:Den 2. März bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem

ilt zu lesen:Den 2. März bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem Wetter und umwölktem Gipfel. Fahrend gelangte ich nach Resina, sodann auf einem Maultier den Berg zwischen Weingärten hinaus: nun zu Fuß über die Lava vom Jahr 1771, die schon seines, aber sestes Moos aus sich erzeugt hatte: dann auf der Seite der Lava her. Ferner den Aschen­berg hinaus, welches eine sauere Arbeit ist. Endlich erreichten wir den alten, nun ausgefüllten Krater, fanden die alten Laven von zwei Mona­ten, vierzehn Tagen, ja, eine schwache von fünf Tagen schon erkaltet. Wir stiegen über sie an einem erst aufgeworfenen vulkanischen Hügel hinaus: er dampfte aus allen Enden. Der Rauch zog von uns weg und ich wollte nach dem Krater gehen. Wir waren ungefähr fünfzig Schritte in den Dampf hinein, als er fo stark wurde, daß ich kaum meine Schuhe sehen konnte. Das Schnupftuch vorgehalten: half nichts; der Führer war mir auch verschwunden, die Tritte auf den ausgeworfenen Lavabröckchen un­sicher: ich fand für gut, umzukehren und mir den gewünschten Anblick ans einen heiteren Tag und verminderten Rauch zu sparen.

Obgleich ungern, doch aus treuer Geselligkeit begleitete Tischbein (der Maler) mich heute, am 6. März, auf den Vesuv. Am Fuß des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und ein jüngerer. Beides sehr tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein den Berg hinaus. Sie schleppten, sage ich: denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwärtsgezogen, sich an einem Stabe, aus seinen eigenen Füßen, desto leichter emporhilft. So erlangten wir die Fläche, über welcher sich der Kegelberg erhebt; gegen Norden die Trümmer der Somma (1132 Me­

immer wieder die Sehnsucht nach Hessenluft und Gleichklang heimatlicher Glocken. Seine Naturschilderungen, die so knapp und fast allgemein sind, zeigen deutlich, wie wenig er zum Lyriker geboren war, wie es ihn danach drängte, wachsend und akwend sich selbst hmeinzubett^i in Wachstum des Erdreichs. Er blieb Beschauer und verbarg sein Gefühl. Kehrte er heim von seinen täglichen Gängen, setzte er sich an den Flügel und spielte mit dem zarten Anschlag seiner schonen durchgeistigten Hande leise geliebte Melodien.Hört ihr nicht die Klange einer andern Welt, die Musik ist doch die geistigste aller Künste". Die Musik verklarte sein

ter). Ein Blick westwärts über die Gegend nahm, wie ein heilsames Bad, alle Schmerzen der Anstrengung und alle Müdigkeit hinweg und wir umkreisten nunmehr den immer qualmenden, Stein und Asche aus» werfenden Kegelberg. So lange der Raum gestattete, in gehöriger Ent­fernung zu bleiben, war es ein großes, geisterhebendes Schauspiel. Erst ein gewaltsamer Donner, der aus dem tiefsten Schlund hervortönte, so­dann Steine, größere und kleinere, zu Tausenden in die Lust geschleudert, von Aschenwolken eingehüllt. Der größte Teil fiel in den Schlund zurück. Die anderen, nach der Seite zugetriebenen Brocken, auf die Außenseite des Kegels niederfallend, machten ein wunderbares Geräusch: erst plump» ten die schwereren und hupften mit dumpfem Getön an die Kegelseite hinab, die geringeren klapperten hinterdrein und zuletzt rieselte die Asche nieder. Tischbein sühlte sich nunmehr auf dem Berge noch verdrießlicher, da dieses Ungetüm, nicht zufrieden, häßlich zu fein, nun auch noch gefähr­lich werden wollte. Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen auffordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, daß es möglich fein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen, den Kegelberg hinaus, an den Schlund zu gelangen und in diesem Zwischenraum den Rückgang zu gewinnen. Der jüngere Führer getraute sich, das Wagestück mit mir zu bestehen. Noch klapperten die kleinen Steine um uns herum, noch rieselte die Asche, als der rüstige Jüngling mich schon über das glühende Geröll hinaufriß. Hier standen wir an dem ungeheuren Rachen, dessen Rauch eine leise Luft von uns ablenkte, aber zugleich das Innere des Schlundes verhüllte, der ringsum aus tausend Ritzen dampfte. Durch einen Zwischenraum des Qualms ent­deckte man hie und da geborstene Felsenwände. Der Anblick war weder unterrichtend noch erfreulich; aber eben deswegen, weil man nichts sah, verweilte man, um etwas herauszusehen. Das ruhige Zählen war ver­säumt; wir standen auf einem scharfen Rand vor dem ungeheuren Ab­grund. Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei: wir duckten uns unwillkürlich, als wenn uns das von den niederstürzenden Massen gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon und wir, ohne zu bedenken, daß wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die Gefahr überstanden zu haben, tarnen mit der noch rieselnden Asche am Fuß des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert...

Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, reizte mich, zum dritten Mal den Vesuv zu besuchen: 19. März. Man habe auch tausendmal von einem Gegenstand gehört: das Eigentümliche spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen. Die Lava war schmal, vielleicht nicht breiter als zehn Fuß; allein die Art, wie sie eine sanfte, ziemlich ebene Fläche hinabfloß, war auffallend genug: denn indem sie während des Fortfließens an den Seiten und an der Oberfläche verkühlt, fo bildet sich ein Kanal, der sich immer erhöht, weil das geschmolzene Material auch unterhalb des Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberfläche schwimmenden Schlacken rechts und links gleichförmig hinunterwirft, wodurch sich denn nach und nach ein Damm erhöht, auf welchem der Glutstrom ruhig fort» fließt wie ein Mühlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhöhten Damm her. Durch einige Lücken konnten wir den Glutstrom unten sehen. Durch die hellste Sonne erschien die Glut verdüstert. Ich hatte Verlangen, mich dem Punkte zu nähern, wo sie aus dem Berg bricht. Glücklicherweise fanden wir die Stelle durch einen lebhaften Windzug entblößt, freilich nicht ganz, denn ringsum qualmte der Dampf aus tausend Ritzen: und nun standen wir wirklich auf der breiartig gewundenen erstarrten Decke. Wir versuchten noch ein paar Schritte, aber der Boden ward immer glühender; Sonne verfinsternd und erstickend wirbelte ein unüberwind­licher Qualm. Der vorausgegcmgene Führer kehrte bald um, ergriff mich und mir entwanden uns diesem Höllenbrudel. Nachdem wir die Augen an der Aussicht, Gaumen und Brust aber am Wein gelabt, gingen wir umher, noch andere Zufälligkeiten dieses mitten im Paradies aufgetürmten Höllengipfels zu beobachten. Der herrlichste Sonnenuntergang, ein himm­lischer Abend erquickten mich auf meiner Rückkehr."

Tonfilm und Gemälde in Ehren mehr sagt aber das Wort, das ein Goethe erlebt und gestaltet hat! Goethe, der zum Schauen und Schildern geboren war.

9 In feinem Bibliothekszimmer häuften sich die Bucher, die Neuerfchei- nunqen lagen bereit zur Besprechung auf einem be anderen Tisch. Viele Stunden -am Tag und oft in der Nacht war er in feine Bucher vertieft. Nichts lehnte er ab, er wollte die kommende Dichtergeneration verstehen und gerade den Jüngsten war er besonders zugetan. Aber immer wieder griff er zu Goethe. , . . , .

Und ein Büchlein, von den wenigsten gekannt, war fern Ratgeber, Amiels Tagebücher". Da ist manches Wort angestrichen, viele hunderte Male gelesen und ins Herz geschlossen und erprobt. Er bevorzugte philo­sophische und theologische Werke. Je älter er wurde, desto verklarter sah er ins Geheimnis. Desto inbrünstiger klammerte er sich an den Glauben einer neuen Bestimmung, die nach dem Tod seiner wartete. Die letzten Blätter seines Tagebuches tragen fein Bekenntnis:^

Felsenfest wurzelt die Ueberzeugung m mir, daß dieses Leben Fort­setzung in einem anderen Dasein sindet. Nicht im Sinne der Dogmen und religiösen Mythen. Mein Glaube: der Grund aller Vitalität ist m der elektrischen Kraft verankert, was wir Seele nennen,.ist eng mit den ewi­gen Elektronen verwandt. Beim Abfcheiden eines Menschen wird eine Kraft frei, die sich irgendwo wieder manifestiert. Entweder in unend­lich fernen Weltallssphären öder wieder in unserem Planetenleben. Das Rätsel zu lösen, dazu ist unser Gehirn zu klein. Aber eine heilige Ruhe soll uns erheben, daß wir nicht untergehen und nach dem Rhythmus unseres Seins wieder zu neuer Akttvität erwachen. Der Allmacht ergeben, auf das Erstaunlichste vorbereitet und mit -völliger Gefaßtheit soll mein Leben enden, um in neuen Bezirken wieder zu erwachen."

So rundete sich sein Leben, er sah sein Werk getan, er glaubte an den Fortbestand feiner besten Bücher. Im Stübchen, wo der Großvater Bock den Namen feiner Jugendgeliebten ins Fensterglas geschnitten, wo das erste und letzte Wort auf das gleichbleibend glatte Papier mit der alt­gewohnten Feder geschrieben mar, dort wo sich seine Welt ganz " dichtete zu Eigenart und Einzigkeit dort nahte der Tod, milde, nahm ihn mit ins unbekannte Land.

Goethe auf dem Vesuv.

Mitgeteilt von Karl Baumann.

Nachdem wir vor wenigen Tagen im Feuilleton einen aktuellen Bericht unseres römischen Korrespondenten Dr. Gu­stav W. Eber lein über eine Autosahrt zum Vesuv gebracht haben, lassen wir heute die klassische Schilderung von Goethes Vesuv-Besteigungen aus seinerItalienischen Reise" folgen.

Am 2. März 1787 bestieg Goethe zum erstenmal den Vesuv, den einzigen noch tätigen Vulkan des europäischen Festlandes. Von diesem feuerspeienden Berg, der den NamenMonte Mussolini" erhalten soll, heißt es, daß er in den letzten Tagen in große Unruhe geraten sei. Wohl nicht, weil er den Namen des Tat-Menschen Mussolini erhalten soll; die Urfache scheint tiefer zu liegen. Ob die Befürchtungen phantasievoller Re­porter zutressen, die, dem Schicksal vorgreifend, melden, in der Nachbar­schast des Vulkans sei das Leben erstarrt, ist sehr fraglich, hatte sich doch der furchtbare Ausbruch des Jahres 79 n. Ehr., dem die Städte Pompeji, Hereulanum und Stabiae zum Opfer fielen, feit dem Jahre 63 in zer­störenden Erdbeben angekündigt. Viele haben sich jetzt natürlich ein* schüchtern lasten und find in das 10 Kilometer entfernte Neapel über* gesiedelt. Taufende aber find geblieben und Taufende kommen täglich, um die unterirdischen Gewalten zu belauschen. Mit und ohne Kamera. Die Tonwoche wird vom Festgehaltenen schon einmal das eine ober andere an den Mann bringen.

Auch Goethe, der an den Vorgängen der Natur lebhaftesten Anteil

Komponisten wider Willen.

Von Dr. Herbert Schmidt-Larnberg.

Wie viele der großen und erfolgreichen österreichischen Komponisten der letzten fünfzig Jahre, fo war auch K o m z a k Militärkapellmeister. Er war in Prag und vorher in kleineren böhmischen und mährischen Garnisonen stationiert, und hatte niemals daran gedacht, eigene Musik zu schreiben und durch seine Militärkapelle aufführen zu lasten. Da wurde ihm eines Tages, ganz kurz vor der Feier eines militärischen Jubiläums, das Libretto eines Lustspieles vorgelegt, das von Angehörigen der Gar­nison, Schauspielern unter den Soldaten, aber auch von Offizieren und Damen der Gesellschaft als Dilettanten aufgeführt werden sollte. Als Ver- Kcr dieses Werkes wurde ein Erzherzog bezeichnet, der der Ches des zimentes war und selbst zu den Feierlichkeiten kommen sollte. Leider war vergessen worden, dem Libretto für die darin befindlichen Gesangs­texte auch die Musikpartitur mitzugeben, und nun sollte Komzak einfad) aus bekannten ober weniger bekannten älteren Kompositionen zu ben Texten Musik zusammenstellen. Es zeigte sich, daß darin ungeheure Schwierigkeiten lagen; aber der Oberst gab Komzak strikten Befehl, die Musik in der vorgeschriebenen Zeit zu liefern. Seufzend machte sich nun Komzak daran, in aller Eile selbst einige Melodien zusammenzustellen. Und der Endeffekt war, daß bei der Äufführung zwar der Erzherzog nicht wenig staunte, eine ihm vollkommen unbekannte Musik zu seinem Werk zu vernehmen, daß sie aber derart zündete, daß er selbst dem über­glücklichen Komzak seine Anerkennung aussprach. Unter diesen allerersten Melodien des so ganz wider Willen zum Komponisten gewordenen Komzak befanb sich schon der heute noch bekannte WalzerFideles Wien".

So berühmt später Komzak auch mit feinen urösterreichifchen Melo­dien geworden ist, fo ist feine Karriere und ihr Beginn noch etwas weni­ger romantisch als die des rufsifchen Dperntomponiften ©urmenjeff,