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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Montag, den 6. März
Jahrgang <933
Nummer 19
Heimatgefühl.
Von Clemens Brentano.
Wie klinget die Wellei
Wie wehet ein Wind!
O selige Schwelle, wo wir g/boren sindl
Du himmlische Bläue!
Du irdisches Grün!
Voll Lieb' und voll Treue wie wird mein Herz so kühn!
Wie Reben sich ranken mit innigem Trieb, so, meine Gedanken, habt hier alles lieb!
Da hebt sich kein Wehen, da regt sich kein Blatt, ich kann draus verstehen, wie lieb man mich hat.
» Ihr himmlischen Fernen,
wie seid ihr mir nah!
Ich griff nach den Sternen hier aus der Wiege ja!
Treib' nieder und nieder, du herrlicher Rhein!
Du kommst mir ja wieder, läßt nie mich allein!
O Vater, wie bange war mir es nach dir, horch' meinem Gesänge dein Sohn ist wieder hier!
Du spiegelst und gleitest im mondlichen Glanz, die Arme du breitest: Empfange meinen Kranz!
Meinem Vater Alfred Bock zum Gedächtnis.
Jur Wiederkehr seines Todestages am 6. März.
Von Karola Strauch-Bock.
Für ihn kam der Tod zur rechten Stunde. Dem kindlichen Gemüt und dem bis zuletzt nach Liebe sich sehnenden Herzen begann unsere von Widerspruch, Heimatlosigkeit und Unerbittlichkeit starrende Zeit Rätsel und Last zu werden. Die Tagebücher, die gewissenhaft mit klarer Handschrift bis zum Todestag geführt sind, spiegeln fein sonst unausgesprochenes Innenleben wider: Schönheitsdurst, ewige Gedanken und dichterisches Selbstbewußtsein übertönen die Sorge um die vielfältigen Röte der Gegenwart.
Die junge Generation kann nicht annähernd die Psyche der alten Generation verstehen, die lebenslänglich frei und selbstsicher ihr Ziel verfolgte, die jetzt unter dem Druck der Abhängigkeit schwer seufzt und sich gegen die Rot sträubt. Sie sieht in ihr Ueberbleibsel eines völlig anders fundierten und deshalb unbrauchbaren Geschlechtes. Kann sie aber tue Alten wirklich missen? Die Männer und Frauen mit den gütigen und seherischen Augen, die gerade aus ihrer ferneren Geburtsstunde und näheren Todesstunde das Hinfällige und Flüchtige der Gegenwart ab- ftreifen und die bleibenden Kräfte des Aufbaues erkennen. Das Alter blickt zum Horizont, während die Jugend sehnsuchtsvoll nach Bergesgipfeln ausschaut. Hinter den veränderten Kulissen der Zeit spielt seit Jahrtausenden dasselbe menschliche Schicksal seine geheimste und im Grunde gleiche Rolle. Unbetastet und zeitlos wölbt sich darüber der Himmel der Schöpfung. Alte und junge Generation muß sich -m selben Zeitabschnitt ablösend oder erlöjenb sördern. Ein großes, lebendiges Erbe
fließt einer ehrfürchtigen Nachkommenschaft zu. Aus solcher Ehrfurcht heraus ist dieser Nachruf geboren.
Dem Dichter aller Zeiten sind zwei Realitäten zu Erlebnis und Dichtung geworden: Mensch und Natur. Wie stand Alfred Bock zu den Menschen, zu der Natur, zugleich zur heimischen Scholle, und wie groß war seine Demut vor dem Unersorschlichen und dessen Abbildern, den Künsten?
Er glaubte an die Menschen. Wie kaum einer hat er sie gesucht, hat er sich wohl gefühlt in geselligem Kreis. Da glänzten seine guten Augen, wenn er mit unbeschreiblichem Erzählertalent seine Gäste unterhielt. Mit einer fast kindhaften Selbstverständlichkeit hörte er geduldig jede Bitte an und erfüllte fast jeden Wunsch. Keiner kam umsonst zu ihm. Ungezählte hat er gefördert durch irgendeine seiner künstlerischen Beziehungen. Aber ängstlich vermied er selbst Bittender zu sein. Er liebte ungestörte einsame Arbeitsstunden. Er war so empfänglich für Zuneigung und Liebe, und — um es auszusprechen — für „Glück"! Was ihm Glück bedeutete: Künstlerische Erfolge und friedliche Tage mit Sonnenschein, da er ohne lästige Störung und Aergernisfe sein schönes, von Tradition erfülltes Heim genießen konnte, feinen Flügel, feine nächsten zärtlich geliebten Menschen. Schöpferstunden, wo gute Geister ihn umgaben. Wo am Schreibtisch Menschenbilder geboren wurden aus Einfalt des Herzens und eigenen Kämpfen: der Flurschütz, die ©ritt, der Napoleon, der Hanpeter, das Konrädchen und all die Kinder des Volkes. Er konnte sich irren und täuschen lassen im Umgang mit Menschen, aber nie ließ er sich irre machen, wenn er Kleinbürger und Bauern plastisch gestaltete! Die kannte er besser, als die komplizierten und schwankenden Stadtmenschen, besser als sich selbst. Denn nie wurde er mit sich selbst fertig — der sicherste Beweis dafür, daß er so gerne von sich sprach, skeptisch und oft nur nach außen hin selbstsicher. — Er hatte Humor. „Leider hat ihn keines meiner Kinder geerbt, ein scherzendes Wort siegt in jeder Situation", sagte er manchmal. Als er wenige Stunden vor seinem Tode ahnungslos dem Mädchen die Schirmhülle zuwarf mit den Worten: „Tragen Sie die Hülle als Trauerflor, wenn ich gestorben bin", sagte er eines jener unvergleichlich originellen Worte, die sich bei guter Laune ins Zahllose häuften. Er hatte sich in seiner Beziehung zu den Menschen nicht verändert, bis zuletzt war er der gütige und selbstlose Freund, der zärtliche Vater und zugleich das große Kind. Er war stets auf der Suche nach „der Mutter". Denn über den Tod hinaus war er feiner bedeutenden Mutter zugetan, er konnte sie schwer missen. Er tastete nach ähnlicher Liebe und sand sie in verschiedenerlei Gestalt, aber nirgends ward ihm dies himmlische Ausruhen und Verstandensein beschert, nirgends der gleiche unerschütterliche Glaube.
Und in dieser Verlassenheit überkam ihn in erleuchteten Augenblicken die dem Künstler notwendige Erkenntnis tiefster Einsamkeit:
Es wandeln die Menschen Um mich her. Ach: daß unter ihnen Nur einer sich fände, Der da spräche:
Ich verstehe dich ganz! In güldenen Kammern Bewahr' ich Geheimstes Ein Hekz zu beglücken, Aber keiner begehri's. Ihr drängt euch heran. Sucht mich, meinen Namen, Ich bin euch der Brunnen, Daraus ihr schöpft.
An meiner Seele Geht ihr vorüber, Ob sie sich verzehre In Einsamkeiten, Euch kümmert es nicht.
Wenn er abends das kleine Fenster feiner Stube aufstieß, und über die Baumkronen des alten Gartens weg zum Mond sah, wandte er sich weg von den Menschen der Schöpfung: „Der Mond ist doch mein bester Freund, vielleicht komme ich mal dorthin." Er war einer von denen, die den Himmel über alles lieben können. Sonnenstrahl und Sternenglanz öfsneten die geheimsten Fächer seines Innern.
Täglich ging er über seine Wiesen in seinen Wald, zu seiner Lahn, und die hessische kleine Bergwelt mit den Burgen sah zu ihm herab. Da hielt er die Heimat ganz fest. Schritt für Schritt knirschte die hessische Erde unter seinen Füßen. Das ist gewiß: er hatte diese Landschaft lieber als alle Länder und Meere. Keine Sehnsucht war so mächtig in ihm, als


